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Die Welt · 1909-12-31 · 53 (31.12.1909) · page 27

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
53 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
– (sequence 27)
Language
German
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Aufbietung aller Geistes- und Gemütskräfte streben dort unsere Gesinnungsgenossen nicht nur nach eigner Stärkung und vertiefter jüdischer Geistesbildung. Sie haben sich zu einer bleibenden Erkenntnis durchgerungen, die, einmal gewonnen, kaum wieder verlorengeht und Rückfälle in die Vergangenheit ausschließt, daß der Zionismus nicht im geringsten den bürgerlichen Pflichteifer und die Staatstreue seiner Anhänger zu schwächen geeignet ist. Es scheint zuweilen, daß der Star, der Zionismus sei antistaatlich, den Leuten, die mit so großem Vorurteil an das Wesen und die Betätigung des Zionismus herantreten, nie gestochen werden kann und daß eine gerechte und ehrliche sachliche Würdigung unserer Bestrebungen ganz ausgeschlossen sei. Das ist aber ein Irrtum. Der Zionismus macht auch unter seinen frühern Gegnern merkliche Fortschritte. Die Gesinnungstüchtigen lassen sich nicht abschrecken. Dem törichten Gerede von politischem Separatismus verschließen Verständige allmählich das Ohr. Für uns liegt eigentlich kein Anlaß vor, ängstlich nach den Meinungsäußerungen anderer zu lauschen. Weder diese noch jene fremde Meinung ist für uns ein Tribunal, dem wir uns unterzuordnen hätten. Wir sind uns selber genug und entscheiden über unser eigenes Handeln. Aber der Frage der „Staatsgefährlichkeit" mußten unsere Gesinnungsgenossen doch näher treten, und da zerfloß dieses Phantom in ein Nichts. Es ist daher zu erwähnen, daß die Vorstellungen, die von der zionistischen Zentralleitung* aus bei der ungarischen Regierung gemacht worden sind, dazu beigetragen haben, die Wahrheit ans Licht zu fördern. Die parlamentarische Debatte ist der verdienten Lächerlichkeit anheimgefallen. Was sie ergeben hat, war nur die vollständige Loyalität unserer Bestrebungen. e Fester als je wurzelt jetzt der Zionismus in der ungarischen Judenheit. Und das muß auch vom allgemein nationalen Standpunkt als ein großer moralischer Vorteil bezeichnet werden. Denn die Judenschaft Ungarns war die isolierteste der Welt. Hier sehen wir eben die Macht des zionistischen Gedankens, wie er jeden engherzigen Partikularismus zu überwinden vermag. 5. Die Schulfrage — Der „Cheder" — Der hebräische Sprachunterricht. — Der hebräische Weltkongreß Der Zionismus ist schon jetzt zu einer Schule des jüdischen Volkes geworden. Auch die kleine zionistische Tagewerksarbeit hat eine erziehliche Bedeutung. Oberflächliche Beobachter vermissen dabei oft das Streben, den Geist; aber um den Geist wieder zu finden, muß man abstrahieren, d. h. man muß von dem Besondern abstrahieren und das Gemeinsame behalten. Die Kleinarbeit schafft mit der Zeit Institutionen, und wenn man die Institutionen einzeln nimmt und deren Funktionen getrennt betrachtet, so ist man auch leicht geneigt, die Behauptung aufzustellen, diese haben den Geist gan2 verdrängt. In Wahrheit ist es aber der Geist, der all dies schafft. Wird nicht weiter gearbeitet, so geht die Frische des schaffenden Werbens verloren, und nur ein Erwerb speichert sich auf, der dann nur verwaltet wird. Selbstverständlich ersetzt diese notwendige Verwaltung noch nicht den Geist. Es entsteht dann ein Gerüste von Aktiengesellschaften mit dem Apparat der Aufsichtsräte, Generalversammlungen usw. und dem schweren Panzer der Statuten, oder ein Bureaukratismus macht sich breit. Aber wenn der Geist in der Hauptsache seine Arbeit fortsetzt, so ergibt sich aus den Verwaltungsformen auch ein großer Nutzen, und es werden immer neue undbessere geschaffen. Der Zionismus in seiner modernen Gestalt wurde durch eine entsprechende Propaganda wachgerufen. Die Stoßkraft der ersten Propaganda hat das Existierende geschaffen; die Fortsetzung dieser Propaganda schafft langsam weiter. Um dem Zionismus eine große und dauernde Kraft zu verleihen, muß immer wieder von neuem angefangen werden, und von neuem anfangen, das heißt: Volkserziehung. Auf diese Notwendigkeit wurde schon auf dem frühern Kongreß hingewiesen. Die Schule muß zionistisch werden, die Erziehung der Volksmassen muß national werden. Was ist in dieser Beziehung im Laufe der letzten Kongreßperiode geschehen? Und wie entwickelte sich unsere Politik, unser Verhältnis zur Außenwelt und zu andern jüdischen Parteien? Das sind Probleme, die in dem Tatsachenbericht wenig zur Geltung kommen. Wollen wir versuchen, diese Probleme zu beleuchten, und beginnen wir mit der eigentlichen Erziehungsfrage. Solange die Schule nicht bloß die elementarsten Kenntnisse vermittelt, sondern auch für das Leben erziehen will, so lange der „Cheder" die wichtigste Erziehungsanstalt unserer Volksmassen in Osteuropa bleibt, solange kann er auf den wirkungsvollsten, für das Kindesgemüt eindrucksvollsten und nachhaltigsten Untefrichtsgegenstand nicht verzichten, und das ist und bleibt der hebräische Sprachunterricht. Und der Zionismus als nationale Bewegung wird auf die Übermittlung eines so wichtigen, mit seinem Wesen so unlöslich verflochtenen und in der Geschichte unseres Volkes so mächtigen Bestandteil unserer Kultur nicht verzichten können. Diese Erwägung ist in ihrem praktischen Gewicht stärker als alle die theoretischen Schwierigkeiten, die sich aus dem Begriff des modernen Unterrichts herleiten lassen. Es ist dann weiterhin eine Frage der Gerechtigkeit und des Taktes, die Schwierig* keiten, die sich aus dem Zwiespalt unserer heutigen Kultur, aus der Mischung zwischen alten und neuen Elementen in ihr, aus der Spannung zwischen manchen Traditionen und neuen Methoden ergeben, zu überwinden. Es fordert ein hohes Maß von Weisheit, zwischen Ordnung und Freiheit, zwischen dem Alten und Neuen hier stets die versöhnende Ausgleichung zu finden. Aber eine vollständige Ausschaltung dieses Problems wäre nur ein Zeichen der Schwäche. Wir sind von dem Bewußtsein durchdrungen, daß wir an der Volkserziehung arbeiten müssen. Ohne nationale Kultur ist der Zionismus ohne Notwendigkeit und ohne Zusammenhang mit der Geschichte, —- er ist schnell fertig, oberflächlich, provisorisch und läßt uns feige im Stich, wenn Schwierigkeiten auftauchen. Im Zionismus liegt der Keim und Kern aller national-sittlichen jüdischen Geistesbildung, und deshalb muß der Zionismus in die jüdische Schule dringen. Wohlverstanden: nicht als Agitation, sondern als Belehrung; keine Politik, sondern liebevolle Pflege der Tradition und Geschichte, und ein lebendiges Behandeln der hebräischen Sprache. In Rußland und Galizien bildete diese Arbeit im Laufe früherer Jahre einen großen Teil der Gesamttätigkeit zionistischer Vereine und einzelner Führer. Der „Cheder Methukan" (der reformierte Cheder) und die Methode „Ibrith IVIbrith" (hebräischer Unterricht mit hebräischer V

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