Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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Wortes ohne weiteres zu identifizieren. Diese polemische- Episode soll uns den Blick für die Bedeutung der nützlichen Arbeitsmöglichkeiten einer großen jüdischen Körperschaft nicht trüben. Zu den allgemeinen Organisationsversuchen gehört auch die Gründung einer „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation", die den Zweck hatte, sämtliche jüdischen Organisationen zu vereinigen, — ein Gedanke, dem unsere Brüsseler Konferenz 1906 gewidmet war, — damit ein einheitliches Programm geschaffen werde. Das Fehlschlagen dieses Vereinigungsgedankens hat diese Organisation veranlaßt, eigene Wege zu suchen, wobei die Dichtung nach dem Orient als Hauptmoment zur Geltung kam. In alF diesen Organisationen war eine Mitwirkung unserer Gesinnungsgenossen bemerkbar. Bei manchen fiel ihr Einfluß sehr bedeutend ins Gewicht. Zur Abrundung des Gesamtbildes muß die Entfaltung einer anregenden und nützlichen Tätigkeit seitens der organisierten Studenten (Kartell zionistischer Verbindungen u. a.) und auch die rührige und tüchtige Tätigkeit der Turnvereine erwähnt werden. Wenn wir noch hinzufügen, daß der „Bezalel- - Verein" eine große Regsamkeit entwickelte und daß wir einen Anfang zu einem Kulturfonds gemacht haben, zu dem eine Anzahl Gesinnungsgenossen in oft bewährter Opferwilligkeit beigesteuert haben, und zu allerletzt, daß mit vereinten Kräften einiger Gesellschaften, zu dem auch unsere Organisation ihren Teil beiträgt, das Hebräische Wörterbuch Ben-Jehudas subventioniert wird, so haben wir ungefähr das Bedeutendste erwähnt, das in kulturell-politischer Hinsicht für den Zionismus in Betracht kommt. Noch eine Erscheinung muß gebührend hervorgehoben werden. Es ist dies die große Arbeitsleistung, die zur Konstituierung des „Misrachi" geführt hat. Der Berichterstatter über Organisation widmet dieser Tatsache, die eigentlich organisatorischer Natur ist, eine entsprechende Erwähnung. Aber die Entwicklung des ,,Misrachi" bietet auch für die kulturell-politische Übersicht manche Anhaltspunkte. Der „Misrachi", der sich sehr eifrig mit Weltanschauungsfragen beschäftigt, der sich das Geltendmachen des religiös-traditionellen Prinzips im Zionismus als Ziel gesteckt hat und eine Kulturtätigkeit nach seiner Richtung in Palästina unternimmt, bietet sehr viel für den Blick eines kulturellen Beobachters. Politisch — im innerjüdischen Sinne, der ebenfalls in den Bereich unserer Politik hineingehört, — ist diese Organisation insofern wichtig, als ihre Hauptaufgabe darin bestehen würde, daß die strenggläubigen Kreise, die sich bislang gleichgültig oder feindlich dem Zionismus gegenüber verhielten, nunmehr ihren Indifferentismus oder ihre Opposition aufgeben dürften, was natürlich eine sehr lange und systematische Arbeit voraussetzt. Diese ganze Arbeit wurde in Deutschland gemacht, wo in Frankfurt a. M. der Mittelpunkt für diese Bestrebungen besteht. Wir glauben die Positionen aufgezählt zu haben, die die kulturell-politische Seite der jüdischen Bestrebungen in Deutschland, die den Zionismus angehen, und die entsprechenden Erscheinungen im Zionismus selbst darstellen. Lückenhaft und noch wenig befriedigend, wie all diese Erscheinungen eines zionistischen Politikers oder Denkers auch sein mögen, sind sie doch nicht zu unterschätzende entwicklungsfähige Keime, die der Weiterarbeit und der Pflege bedürfen.; 3 Der Jüdische Klub - Österreich — Die allgemeine Tätigkeit — Die Nationalfrage — Das Qegenwartsprogramm — Der Kampf um die jüdische Nationalität In Österreich war der Zionismus außer seiner eigentlichen Arbeit auch mit der nationalen jüdischen Frage beschäftigt. Der nationale Kampf ist in den österreichischen Verhältnissen tief begründet; er ist dort ein treibendes Ferment der allgemeinen Gestaltung und zieht auch unsere Volksgenossen mit aller Gewalt inseinen Kreis. Die jüdische Nationalität in Österreich, wenigstens ihr bewußter Teil, ist bestrebt, sich einen ebenbürtigen Anteil unter den verschiedenen Nationalitäten zu erkämpfen. Aber dort sind Mächte und Triebfedern vorhanden, die uns die Entfaltung hemmen, den Platz an der Sonne bestreiten, die nationale Parität verweigern und uns in ein neues Ghetto drücken möchten. Der Kampf um die eigne Nationalität (nicht zu verwechseln mit der „innerpolitischen Betätigung", die ein ganz anderes Problem darstellt), hat dort einen gewissen Zug und Schwung, durchdringt unsere Partei mit einer Kraft der Stimmung und verleiht ihr eine anziehende und fesselnde Gewalt. Diese Tätigkeit kam zu gewissen Zeiten auch in andern Ländern vor und wurde von uns seit jeher als Gegenwartsarbeit bezeichnet. Der Jüdische Klub verrichtete mit 'großem sittlichen Ernst seine schwere Arbeit. Für allgemeinen Zionismus und für die nationale Frage war die zionistische Presse sehr tätig. Auch gute Broschüren wurden herausgegeben und fanden eine große Verbreitung. Die Gegenwartsarbeit ist ein Gebiet, dessen Umkreis beständig gezogen wird, niemals aber gezogen ist, solange die Partei sich entwickelt. Es werden immer neue Beziehungen gegeben, und sie liegen mehr an den äußern Verhältnissen als in äer Partei selbst. Wir gehen auf das Einzelne dieser Entwicklung nicht ein, da es uns zu weit von unserm Wege abführen würde, und heben nur den Hauptpunkt hervor. Wenn die Partei in sich selbst geschlossen, bei allem Wechsel der Inhalte und trotz des Auseinanderliegens der verschiedenen Tätigkeitsformen, immer als dieselbe gefühlt wird, als dieselbe gegen alle andern Parteien sich abgrenzt, so besteht der Beweis für diese Identität, für dies Beharren im Wechsel und für den Zusammenhang der zerstreuten Tätigkeitsmomente im palästinensischen Zionismus. Dadurch zeigen sich alle Einzelakte auf denselben Mittelpunkt bezogen, von welchem sie ausgingen. Die Gegenwartsarbeit muß nur als eine Fortsetzung des eigentlichen Zionismus gelten. Sie ist unvermeidlich und zu gewissen Zeiten von ungeheurem Wert. Bei der flüssigen Natur, der Feinheit des Stoffes, welche sich im Gedankenkomplex des Zionismus befindet, sind freilich scharfe Grenzen schwer zu ziehen. Der Zionismus hat nicht und will nicht haben die Schärfe einer mathematischen Formel. Er darf nicht gepreßt und verengt werden, er darf aber auch nicht ins Uferlose ausgedehnt werden. Die Frage der Gegenwartsarbeit muß von Fall zu Fall entschieden werden. Wenn mächtige Interessen der jüdischen Volksmasse ins Bewußtsein treten, kann der Zionismus nicht abseits stehen. So war der Kampf um die jüdische Kurie in der Bukowina ein not wendiger. Unsere Gesinnungsgenossen, III 2