Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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Oberfläche und erschöpfe sich in den üblichen Funktionen der Vereine. Und ein noch größerer Irrtum wäre die Annahme, es geschähe im großen jüdischen Leben nichts, was dem zionistischen Empfinden nahe läge. So isoliert ist kein Vorgang im jüdischen Leben, daß er nicht seine wenigsten ideellen Rückwirkungen auf den Zionismus hätte. Zunächst sind die Organisationsversuche der deutschen Juden höchst beachtenswert. Der Rechtskampf, natürlich immer noch akademisch und theoretisch, nicht organisatorisch-parlamentarisch, äußerte sich mit stärkern Akzenten, was als ein gewisser Fortschritt bezeichnet werden muß. Sodann ist die große Entwicklung der Organisationen des Gesamtjudentums (Hilfsverein der Deutschen Juden und Alliance Isr. Univ.) ein nationales Symptom, gleichviel ob es beabsichtigt oder unbeabsichtigt; oftmals wird es auch gegen seinen eigenen Willen national, sofern es eine jüdische Zusammengehörigkeit fördert. Die jüdisch-wissenschaftliche Arbeit der deutschen Juden schafft ebenfalls zum Teil wenigstens schätzenswerte nationale Güter. Zu der ersten Kategorie gehört auch die weitverzweigte Tätigkeit der Bne- Brith-Logen, die zu einem vornehmen Faktor im innern Leben deutscher Juden geworden sind, die nach verschiedenen Richtungen eine fruchtbringende Tätigkeit entfalten und bei denen ein gewisses Verständnis für das Nationale und für den Zionismus sich immer mehr Bahn bricht. Die Jugendbewegung, die im Bestreben zur Gründung jüdischer Jugendvereine mit einer einheitlichen Organisation ihren Ausdruck findet, ist eine Zeiterscheinung, die ein lebhaftes Interesse verdient und wrohl würdig wäre, eine wirksame Beteiligung nationaler Elemente in Anspruch zu nehmen. Auf all diesen Gebieten stand die Entwicklungsbewegung im Laufe der letzten Jahre nicht still. Trotz der scheinbaren Stagnation regte es sich mächtig im deutschen Judentum. Wenn auch das eine oder das andere in vereinzelter Gestalt, sofern der tiefe Zusammenhang nicht erfaßt wird, kaum geeignet ist, das nationale Gemüt anzuregen, so ist doch das Ganze, wenn wir uns zu einem Überblick erheben, höchst bemerkenswert. Das große Organisationsproblem, das vom Verband der Deutschen Juden und vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund seit Jahren erörtert ward und sich in Projekte verdichtet hat, beschäftigte die Geister sehr lebhaft. Das Nationale wurde nicht zum Gegenstand der Erörterungen, wohl aber kam das jüdische lokale Volksinteresse nach positiver oder negativer Richtung zur Geltung. Insbesondere muß der Fortschritt im Bewußtsein der Notwendigkeit der Verteidigung der jüdischen Gleichberechtigung hervorgehoben werden. Die Judentage, besonders der vorletzte, haben dazu manches beigetragen. Dem mattherzigen Zustande, der lähmenden Kälte und dem Indifferentismus, der durch die Assimilation großgezogen wurde, haben die Judentage ein Ende gesetzt. Die Mehrheit der deutschen Juden begreift schon jetzt, daß ein Volk, das um seine Rechte nicht kämpft, notwendigerweise an Spannung, an Geist und Ethos einbüßt. Beim vorletzten Judentag wurden auch nationale Akzente laut, die der philosophischen Vergeistigung und Verschiebung des nationalen Prinzips seitens des Herrn Professors Cohen, Marburg, ein Gegengewicht boten. Tatsächlich ist eine tiefernste, theoretische Gegnerschaft, wie die des Professors Cohen, die von einem hohen Idealismus getragen ist, eher geeignet, die denkenden Geister anzuregen und sie dem Nationalen zuzuführen, als dieses zu bekämpfen. Es ist dies eine ganz andere Art der Opposition, als der ursprüngliche leidenschaftliche Entrüstungssturm samt den pompösen, inhaltsarmen „Protesten". Der letzte Judentag schwenkte mehr nach der allgemein-politischen Seite und verlor sich schier in der Ostmarkenfrage; er entbehrte aber auch nicht eines gewissen Schwunges, der in einem der Vorträge die Weltanschauung des Judentums mit präziser Schärfe zum Ausdruck brachte. Die tiefgehende Verstimmung, welche die scharfe Tonart in assimilatorischen Kreisen hervorgerufen hat, ist symptomatisch wichtig und kann nur dazu beitragen, eine Klärung herbeizuführen und mit der Zeit den Kleinmut, die Zaghaftigkeit und die Zweideutigkeit mancher führender jüdischer Kreise zu überwinden. Wenn das deutsche Judentum in seinem innersten Wesen erfaßt werden soll, so darf es nicht nur in seinem Sein, sondern auch in seinem Werden begriffen werden. Die Richtlinie dieses Werdens ist gegen die schlaffe Nachgiebigkeit, gegen das Aufgehen in die Allgemeinheit, gegen den Abfall und die Auflösung der jüdischen Nationalität, trotzdem die maßgebenden Kreise und ihre Organe diese Tendenzen verfolgen. Wie der „Hilfsverein der deutschen Juden" mit Eifer, Mut, Entschiedenheit und Opfersinn in Palästina zu arbeiten beginnt, und wie er im wahrhaft jüdischen Geiste dort und im ganzen Orient wirkt, das bildet einen Glanzpunkt in der allgemein-jüdischen Tätigkeit deutscher Juden. Die zutage getretene Stimmung, die keine Parteizugehörigkeit und kein Paktieren mit uns, sondern ein klares Verständnis für die Forderungen der Zeit darstellt, liefert den besten Beweis einer gesunden modernen Richtung, welche diese vornehme deutsch-jüdische Organisation eingeschlagen hat. Hier handelt es sich auch nicht nur um eine bestimmte Großtat in Palästina, wie es beispielsweise das „Technikum" ist. Es handelt sich auch nicht um sonstige einzelne Einrichtungen im Orient, sondern um den Gesamtgeist, der auf die ganze Organisation rückwirken muß und der nur nach einer wahrhaft humanen und kulturell jüdischen Richtung rückwirken wird. Die ältere jüdische Organisation, die „Alliance Israelite Universelle", — in ihrer deutschen Abteilung hat auch eine große Tätigkeit entwickelt und wird, wenn <sie mit ihrer Existenzberechtigung, mit ihrem Grundprinzip, ja, auch mit ihrem Namen nicht in Widerspruch geraten will, nicht umhin können, die Interessen der jüdischen Nation in einer dem zionistischen Ideal naheliegenden Weise zu verteidigen. An dieser einfachen Wahrheit ändert die Tatsache nichts, daß der Vorsitzende der Deutschen Alliance, Herr Goldberger, einen Konflikt zwischen Zionismus und der neuen Türkei herauszukonstruieren glaubte und mit einer ganz deplazierten Schulmeisterei uns zu belehren suchte, daß die Erhaltung der jüdischen Nationalität mit dem Nationalismus der Ottomanen unvereinbar sei. Die Quelle dieses Mißverständnisses liegt in der leeren Phrase, die zu einer Gewohnheit geworden ist, unsere jüdische nationale Idee, die nur die Selbsterhaltung anstrebt, die von jahrtausendalten ethischen und kulturellen Motiven getragen ist und die keine Spur von Chauvinismus aufweist, mit dem krankhaften, modern gewordenen „Nationalismus" im landläufigen Sinne dieses Schlag- Ii