Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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Allgemeine Übersicht der zionistischen Bewegung (1907—1909) (Kulturell-politischer Teil) i Das nationale Ideal und die Einrichtungen. — Das Wesen der Bewegung und ihre Äußerungen- — Die Betrachtungsmethoden Man kann versuchen, ein faßbares Tätigkeitsbild des Zionismus für die letzten zwei Jahre so zu gewinnen, daß man es allein nach der Kategorie der räumlichzeitlichen Bewegung entwirft und seine Mannigfaltigkeit ordnet durch die Bezeichnung der verschiedenen Teile der Organisation, d. h. der Einrichtung der Arbeiten in Form und Maß. Man konstruiert so die gewöhnlichen Vereinsberichte. Man kann auch bei der Kategorie des treibenden nationalen Ideals als der schaffenden Kraft stehen bleiben. Aber die Natur unseres Erkennens zwingt uns dort, nach der Form, in der dieses Ideal erscheint, hier, nach den Zielen, auf die das ganze Getriebe gerichtet ist, zu fragen, ohne daß wir Antwort erhalten, falls wir uns nicht genügen lassen an Wortbegriffen, wie: Institutionen, Agitation, Propaganda usw., die zum Range selbständiger Begriffe erhoben worden sind. Bei ^einer Aufzählung der trockenen Tatsachen und Einzelleistungen treffen wir nirgends auf das Wesen selbst, so daß dieses, unser eigenstes Eigen, gar nicht zu existieren scheint. In Wahrheit zeigt uns das Bild in einem Bericht über eine nationale Bewegung, wie es die zionistische ist, dieKategorien von Sammel-Mitteln, von verschiedenen Spenden, von Versammlungen und Reden nur als unselbständige Formen, als Äußerungen einer Wesenheit, deren Entfaltung sie darstellen sollen, aber nur zum Teil darstellen. Das praktische Leben drängt sie uns auf; sie bilden, formend, trennend, verbindend, das Rückgrat unserer Partei, durch die allein wir innerhalb des Gesamtjudentums ein bewußtes Eigenleben behaupten können, denn sie gehören eben zu der Form unseres Bewußtseins. Nur wenn wir den Gedankengängen, die hinter den Tatsachen ihre Linien ziehen, folgen, sehen wir, wie es das nationale Ideal ist, durch welches sich die Kraft der Nation zu der unserer Partei in all ihren Verzweigungen gestaltet. Das sei der Zweck dieser allgemeinen Übersicht, die sich mit der Bewegung mit Bezug auf ihren kulturell-politischen Teil beschäftigt und die Verwaltungsformen, die Chronik der Tätigkeit, die faktischen Erscheinungen der Organisation dem darauf folgenden Bericht überläßt und zu diesen sozusagen die Einleitung und die Basis bildet. Betrachtet man den Zionismus an sich selbst, so führt dies zur Untersuchung seiner Leistungen und seines Könnens in Palästina; diese Untersuchung gehört in das Gebiet der praktischen Arbeit. Kommt der Zionismus zur Betrachtung, sofern er die Form hervorbringt, in welcher die Akte der Vorbereitung für dieses Ziel sich darstellen, so kann versucht werden, zum Verständnis dieser Formen durchzudringen als derjenigen, durch welche die Sammlung der Mitteljund die Weckung des Geistes bestimmt werden. Ein solcher Versuch steht auf dem Boden der Propaganda und der Organisation. Es wird endlich Zionismus als Mittel betrachtet, durch welches unsere Volksgenossen zu mehr oder minder ausgedehnten Einigungen auf Grund gemeinsamer Bestrebungen gelangen. Da der Zionismus nach dieser Seite seines Wesens dem jüdischen Volk auch in Förderung seiner Zwecke in der Diaspora unmeßbar große Dienste leistet, da unsere jetzige jüdische Kulturentwicklung dieser Dienste gar nicht entraten kann, so ist es natürlich, daß auch dieser Teil (Gegenwartsarbeit) der mittelbaren Wirkungen untersucht werden muß. Es kann keine dieser drei Weisen der Betrachtung rein für sich, ohne Verflechtung mit den andern, durchgeführt werden. Denn gerade in der gegenseitigen Durchdringung dieser drei Richtungen des Wirkens besteht das Wesen unserer Bewegung. Sofern man nun diese Richtungen nach außen hin ins Auge faßt, scheint es, als seien sie losgelöst und unabhängig vom Ideal. Aber bei genauerer Betrachtung verschwindet dieser Schein ihres gesonderten Daseins, und es erweist sich, daß auch die kleinsten Werke, die wir schaffen, zu Trägern unseres Erkennens werden, denn nur dadurch sind wir befähigt, sie zu fühlen als ein Gegenständliches, welches uns angehört. Auf der formbestimmten Festigkeit dieser Dinge beruht die A4öglichkeit, daß die Mitglieder unserer Partei sich in ihrem Vorstellen- und Denken zusammenfinden, und daß anerkannt werde der Begriff der zionistischen Tätigkeit als ein für das jüdische Volk geltender. Durch die Begeisterung der Einzelnen werden Mittel geschaffen, und infolge dieses Zusammenwirkens wird die Seele des Volkes mächtig in der Seele des Individuums. Es ist wesentlich Aufgabe der folgenden Betrachtungen, zu zeigen, wie das geschieht, wie die "kleine Sammelarbeit zu einer nationalen wird. 2 Die kulturpolitische Lage in Deutschland — Die inneren Organisationsversuche — Der Rechtskampf — Die Volksinteressen -- Der „Hilfsverein der Deutschen Juden" — Die „Alliance Isra£lite Universelle" — „Die AJKO" — Die Studenten und die Turner — Bezalelverein und Kulturfonds. In Deutschland wird der Zionismus weder mit der Landespolitik noch mit der Nationalitätsfrage verquickt. Der Zionismus in Deutschland, ohne Erschütterungen und Konflikte, hat es auch nicht zu einem Differenzierungsprozeß gebracht, der die verschiedenen Nuancen zur Geltung kommen ließe, wie es in den Massenzentren Osteuropas der Fall ist. Trotzdem wäre es ein Irrtum, zu behaupten, der Zionismus bewege sich in Deutschland nur auf der I l