Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 53 - ■ DIES langen und zu ihr keine amtlichen Beziehungen anzuknüpfen und zu unterhalten brauchen, haben wir eine viel größere Freiheit der Bewegung und Unabhängigkeit als in der Türkei. Ich meine, diese Gründe sind derartig einleuchtend, daß sie einer weiteren Ausführung nicht bedürfen. Unsere Zukunft liegt in der Türkei. Gewiß. Aber unsere Gegenwart liegt einstweilen noch in Europa und Amerika. Über unserer Zukunft dürfen wir unsere Gegenwart nicht vernachlässigen. Die Gegenwart soll unsere Zukunft vorbereiten, sie soll sie erst möglich machen. Sie schließt die Zukunft in sich ein wie einen Keim, der zu seiner Lebensfähigkeit und Entwicklung des Mutterleibes nicht entbehren kann. Und diese Gegenwart erfordert, daß wir die Leitung noch lassen, wo sie ist. Doch die niederschlagendste Wahrnehmung, die ich in den letzten Monaten machen mußte, war, daß von vielen Seiten der Schrei nach einer Änderung unseres Programms ertönte. Haben diejenigen, die diesen Ruf ^erhoben, sich denn auch die Bedeutung und Tragweite ihres Verlangens voll vergegenwärtigt? Wir bezeichnen den Beschluß des ersten Zionistenkongresses als unser Programm, weil wir gern Emphase vermeiden und uns absichtlich lieber einer nüchtern geschäftsmäßigen Sprache bedienen. Aber täuschen Sie sich nicht! Was wir in der modernen Ausdrucksweise des Partei- und Vereinslebens „Programm" genannt haben, das ist tatsächlich das in schlichte Worte gekleidete zweitansendjährige geschichtliche Ideal des Judentums, das Ziel, das dem jüdischen Volke in der Nacht des Exils als heller Stern leuchtete, die Hoffnung, für die die Besten unseres Volkes Übermenschliches erlitten haben und als Helden gestorben sind (lebhafter Beifall und Händeklatschen). Und auf dieses Ideal sollen wir beim ersten Zwischenfall der Tagespolitik verachten? Der stürmische Beifall, mit dem Sie die Ausführungen bedeckten, in denen unser Vorsitzender eine derartige Entschließung zurückwies, beruhigt mich allerdings in diesem Augenblick über Ihre Gesinnung (erneuter Beifall). Verweilen wir noch ein wenig bei diesem Punkte. Was will man am Baseler Programm ändern?;;Der Gedanke des Charters hat sich überlebt," eifert man. Das sei ohne weiteres zugegeben (Beifall). Aber im Baseler Programm steht kein Wort von Charter. Der „Charter* war ein persönlicher Gedanke unseres verewigten Herzl, ein Gedanke, der sich verteidigen ließ, als der Schöpfer unserer Bewegung ihn faßte. Er hat ihn nicht verwirklichen können, und unter den heutigen Verhältnissen ist er gegenstandslos (sehr richtig). Also lassen wir ihn ruhig fallen, um so ruhiger, als er für unsere Bewegung wirklich nicht wesentlich ist und ihren Kern gar nicht berührt (Beifall). Er sollte ein Mittel zum Zweck sein. Er ist nicht mehr das geeignete Mittel. Nur ein Narr klammert sich hartnäckig an die Mittel, die als unzweckmäßig erkannt sind. Finden wir, daß sie untauglich sind, so ersetzen wir sie selbstverständlich durch andere. In einer absolutistischen Türkei mußten wir Freiheiten verlangen, die bei der allgemeinenünfreiheit notwendigerweise den Charakter von Vorrechten gehabt hätte und förmliche vertragsmäßige Bürgschaften erforderten. In einem Verfassungsstaat, in dem alle Bürger sich des Genusses gewährleisteter Freiheiten erfreuen, bedürfen wir keiner Vorrechte und keiner Sonderbürgschaften. Das gemeine Recht genügt (Beifall). Also legen wir Herzls Gedanken achtungsvoll in das Archiv des modernen politischen Zionismus und sprechen wir nicht mehr davon. Doch ich wiederhole: Der Charter gELT 1245 hat mit dem Baseler Programm nichts zu tun. Was hat man aber an dem Baseler Programm auszusetzen? Es soll nicht mehr gesagt werden: „Der Zionismus erstrebt die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk." Öffentlich-rechtlich ist unnütz, wenn nicht gefährlich. Geehrter Kongreß! Ich bin, ich darf es wohl sagen, berufen, zu diesem Punkt zu sprechen. Es ist vielleicht trotz der Raschlebigkeit und trotz der Kürze des Gedächtnisses der heurigen Menschheit noch nicht ganz vergessen, daß für die konkrete Fassung, das heißt, für den Wortlaut des Baseler Programms, in der Hauptsache ich verantwortlich bin. Ich hatte ursprünglich den Ausdruck „öffentlich-rechtlich" nicht gebraucht. Er schien mir unnötig. Ich sagte einfach „rechtlich gesichert". Im Programmausschuß befanden sich jedoch grundstürzende Feuerbrände, denen mein Ausdruck nicht #enug sagte. Sie träumten mehr und wollten ihren Traum in sprachliche Form kleiden. Sie drohten mit Reden und Anträgen in der öffentlichen Sitzung, die unsere Bewegung gleich bei ihrem ersten Schritt vor der Öffentlichkeit schlimm bloßgestellt hätten. Da machte unser Herzl den Vermittlungsvorschlag, meine Fassung „rechtlich-gesichert" durch die Wendung )}öffentlichrechtlich" zu ersetzen. Von dieser Änderung waren die Radikalen leidlich befriedigt, und es wurde erreicht, daß das Baseler Programm dann einstimmig mit jubelndem Zuruf angenommen wurde. Sie sehen, ich hätte keinen persönlichen Grund, mich für das „öffentlich-rechtlich" einzusetzen. Ich tue es aber dennoch, denn wenn wir es jetzt ändern, so geben wir dem Worte nachträglich eine Deutung, die eine dreiste Fälschung seines wirklichen, ursprünglichen Sinnes wäre. Eine kleine Minderheit des I. Kongresses verband mit dem Ausdruck die Vorstellung einer jüdischen Einwanderung in Palästina unter den Auspizien der Großmächte, die diese jüdische Besiedelung des Heiligen Landes als einen Bestandteil des europäischen Staatsrechts anerkennen sollten. Der ungeheuren Mehrheit des Kongresses jedoch war eine derartige ausschweifende Phantastik vollständig fremd. Mit „öffentlich-rechtlich" wie mit „rechtlich-gesichert" wollte sie lediglich sagen, daß die Zionisten den Gedanken abweisen, sich in Palästina einzuschleichen, daß sie nur auf Grund ausdrücklich gewährter Rechte in den ottomanischen Staatsverband eintreten wollen. (Lebhafter Beifall.) Das ist die Bedeutung von „öffentlich-rechtlich". Diese Bedeutung hat unser Vorsitzender in einer feierlichen Erklärung festgestellt. Es war vielleicht nicht überflüssig, daß ich sie nochmals ausdrücklich betone. Wer dem Worte eine andere Bedeutung unterstellt, der versteht seinen Sinn nicht richtig oder ist nicht guten Glaubens. Ähnlich verhält es sich mit dem Punkte, der ebenfalls zu Anderung^forderungen angeeifert hat, dem Punkte, der von „den nötigen Begierungszustimmungen" spricht, um die der Zionismus sich bewerben soll. Bei „Begierungszustimmungen" denken die Reformatoren offenbar an die Zustimmung der Großmächte, deren wir in der Tat bedurft hätten, solange wir das Becht zur Besiedelung Palästinas von der Laune eines Despoten erwarteten, die aber vollkommen überflüssig wird, wenn wir dieses Recht von den berufenen Vertretern des freien souveränen Ottomanenvolkes zu erlangen hoffen. (Lebhafter Beifall.) Sie haben aber flüchtig gelesen. Sehen Sie sich den Text genauer an. Da steht nicht