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Die Welt · 1909-12-31 · 53 (31.12.1909) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
53 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nachstehend bringen wir gemäß unserer Ankündigung in Nr. 4 die Kongreßrede Max Nordaus ihrem genauen Wortlaute nach, wie sie von unserm Hamburger Kongreß-Stenograpgenbureau aufgezeichnet worden ist. Rede Dr. Max Nordaus-Paris Das Ereignis, das seit unserer letzten Tagung im Haag vor mehr als zwei Jahren alle Zionisten am tiefsten bewegt und am anhaltendsten beschäftigt hat, und das auch in der Eröffnungsrede unseres Vorsitzenden, dem Sie soeben den lebhaftesten Beifall gespendet haben, den breitesten Raum einnimmt, war bezeichnenderweise kein zionistisches. Es war die unblutige Umwälzung, die sich am 24. Juli 1908 in Konstantinopel vollzogen hat, und der erst am 13. April des laufenden Jahres ein blutiges Nachspiel folgen sollte. Als die überraschende Kunde durch ^ie Welt hallte, daß in der Türkei der Absolutismus niedergerungen war, der Sultan einer freisinnigen Verfassung seine Zustimmung erteilt hatte und das ottomanische Reich sich in eine parlamentarisch regierte Demokratie umwandeln sollte, erfaßte ein wahres Fieber den zionistischen Teil des jüdischen Volkes. Die bedauerliche Unstetigkeit des jüdischen Temperaments, unsere unglückselige Nervosität, offenbarte sich ungestüm. In der zionistischen Presse, in zionistischen Versammlungen trat ein erschreckender Überschwang zutage. Wenn man diesen tumultuarischen Kundgebungen glauben sollte, war die Umwälzung in Konstantinopel die weitaus wichtigste Begebenheit in der jüdischen Geschichte, die sich seit vielen Jahrhunderten zugetragen hatte. Der Zionismus war urplötzlich seinem Ziele auf Armeslänge nahegerückt. Dieses Ziel war beinahe schon mit der ausgestreckten Hand zu erreichen. Eine moderne, freiheitliche Türkei mußte uns mit offenen Armen aufnehmen, Um das Recht zur Einwanderung in Palästina zu erhahen, brauchten wir es nur zu verlangen. Die zionistische Bewegung mußte sich ungesäumt den veränderten Verhältnissen anpassen. Sie mußte sich sofort auf eine ganz neue Unterlage stellen, alle ihre alten Methoden aufgeben und künftig mit von den bisherigen völlig verschiedenen arbeiten. Alles wandte aufgeregt die Blicke zur Leitung hin. Man erwartete von ihr auf der Stelle eine Tat, ein ungesäumtes Einhaken in die neuen Entwicklungen der Türkei. Man war enltäuscht, bestürzt, erbittert, als diese Tat nicht sofort erfolgte. ÄWoran denkt man in Köln?" riefen hundert ungeduldige Stimmen; „hat man dort kein Verständnis für die ungeheure Wichtigkeit der türkischen Ereignisse? Wird man diesen großen Augenblick, der vielleicht in Jahrhunderten nicht wiederkehrt, ungenutzt vorübergehen lassen?" Und die Ratgeber, an denen es dem jüdischen Volk bekanntlich niemals fehlt, begannen die Fülle ihrer Weisheit auszuspenden (Heiterkeit). Die Leitung mußte sich augenblicklich mit den türkischen Machthabern in Verbindung setzen, sie für die Pläne des Zionismus durch Aufklärung, Überredung und Dienstesanerbietungen gewinnen. Es war das Zweckmäßigste, die Leitung verlegte ihren Sitz nach Konstantinopel und berief unsern Kongreß dorthin ein. Vor allem aber, vor allem: das Basler Programm mußte vollständig geändert werden, damit es der geänderten Sachlage entspreche.^ Manches von dem, was vorgeschlagen oder gefordert wird, war vernünftig, so vernünftig, daß es sich jedem Zionisten von selbst darbot und nicht nötig hatte, mit Aufregung, mit zorniger Ungeduld hervorgesprudelt zu werden. Anderes war seltsam bis zur Unglaublichkeit, und ich gehe darüber mit schonendem Stillschweigen hinweg, da es meinem Geschmack nicht entspräche, auch der Würde dieses Augenblicks und dieser Stelle nicht angemessen wäre, Gesinnungsgenossen der Lächerlichkeit preiszugeben, die nur aus Ubereifer, aus Mangel an politischer Erfahrung, aus ungenügender Kenntnis der Tatsachen geirrt haben. Ich bin weder zum amtlichen noch zum halbamtlichen Verteidiger unserer Leitung bestellt, habe jedoch wie jeder Zionist das Recht und wie jeder unbefangene, billig denkende Beobachter die Pflicht, für sie einzutreten, wenn ich sie ungerecht angegriffen und ihr Walten verkannt sehe. (Lebhaftes Händeklatschen.) Ich rechne es unserer Leitung als ein großes Verdienst an, daß sie sich von der Maßlosigkeit eines Teiles unserer Gesinnungsgenossen nicht hat mitreißen lassen, sondern inmitten der allgemeinen Fieberhitze ruhig zu bleiben und dem von allen Seiten auf sie einstürmenden Drang zu widerstehen wußte. (Händeklatschen.) Sehen wir kalten Blutes der Wirklichkeit ins Angesicht. Was ist geschehen? Inwiefern berühren die Ereignisse uns? Welche neuen gegenwärtigen und künftigen Aufgaben werden uns von ihnen gestellt? Durch die kühne Aktion tapferer und idealistisch gerichteter Vaterlandsfreunde wurde in der Türkei der Despotismus überwunden und das Reich in die Bahn eines verfassungsmäßigen Lebens nach guten europäischen Vorbildern hinübergeleitet. Darüber freuen wir uns, nicht nur als Zionisten, nicht nur als Juden, sondern einfach als Menschen, die jeden Fortschritt in der Welt froh begrüßen, sich an jedem Beispiel selbstvergessender und zweckdienlicher Tatkraft erbauen (Beifall) und jedem Volke von ganzem Herzen Freiheit mit Ordnung und Frieden wünschen (Beifall), ganz besonders, wie dies unser verehrter Vorsitzender bereits gesagt hat. und ich, wenn auch in weniger beredten Worten, wiederholen will, dem türkischen Volk, das sich uns gegenüber immer großmütig erwiesen hat, dem wir seit Jahrhunderten für die gastliche Aufnahme unserer aus Spanien vertriebenen Vorfahren unverjährbaren Dank schulden (lebhafter Bei!all, Händeklatschen) und zu dem wir durch die Verwirklichung der Pläne des Zionismus in ein besonders enges Freundschaftsverhältnis zu treten hoffen. Allein über unserer Begeisterung für die türkische Freiheit dürfen wir doch nicht vergessen, daß die Umwälzung in Konstantinopel schließlich doch kein zionistisches, kein jüdisches, sondern ein türkisches Ereignis war, daß wir denn doch noch keine osmanischen Staatsbürger sind, daß wir an den inneren Wandlungen des türkischen Reiches keinen unmittelbaren Anteil haben, sondern sie, wenn auch mit wärmster Anteilnahme, aber doch als Außenstehende verfolgen, und daß es taktlos, aufdringlich und ungeschickt wäre, wenn wir uns in sie einmischen wollten. Das ist eine Antwort an diejenigen, die zwischen dem Zionismus und den jungtürkischen Machthabern ungesäumt Beziehungen angeknüpft zu sehen wünschten. Die diese Forderung erhoben, haben augenscheinlich nicht bedacht, daß die Jungtürken eine Partei im ottomanischen Reiche, daß sie nicht das ottomanische Reich sind. Zurzeit sind die Jungtürken die herrschende Partei. Es ist jedem von uns unbenommen, ihre bisherigen Leistungen so einzuschätzen, wie er will, ihnen die wärmsten Sympathien zuzuwenden, ihrer Herrschaft eine

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