Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 53 DIE^ELT 1239 Bezüglich der Industriefragen will Dr. Pasmanik die Einrichtung eines Bureaus, welches fachmännische Auskünfte erteilt und die beabsichtigten Unternehmungen auf ihre Durchführbarkeit prüft usw., so daß nicht so viele Leute, die mit Geld hinkommen und sich industriell betätigen wollen, wieder zurückkehren müssen, weil es an Betätigung fehlt. Von der Idee, durch Verbesserung des Auskunftswesens Abhilfe zu schaffen, versprechen wir uns nicht viel, denn es ist außerordentlich schwer, Details für zukünftige Industrien zu geben. Da muß jeder für sich selbst Umschau halten. .Man kann nur allgemeine Angaben machen. Es wurden uns sehr viele Projekte vorgelegt, und wenn wir sie genau durchgearbeitet hatten, stellte sich bald heraus, daß sie nicht rentabel oder jedenfalls äußerst riskant sein dürften. So wird es dein Privatmann auch gehen. Es ist nicht leicht, in einem Lande wie Palästina neue Industrien einzuführen. Selbstverständlich wird sich mit der Zeit eine Menge Industrien dort schaffen lassen. Aber erst muß die Verbesserung des Verkehrswesens vorangehen. Ausbau der Häfen und des Eisenbahnnetzes usw. Die Beteiligung an den öffentlichen Arbeiten, speziell den Verkehrsunternehmungen, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Zukunft, und das ist die Aufgabe, für die die Gelder des J.C. T., die, wie der Antrag Simon vorschlägt, langsam liquidiert werden sollen, speziell zur Verfügung zu stellen wären. Selbstverständlich liegt mir und meinen Freunden nicht daran, die Bank zu liquidieren, wohl aber die Geschäfte in Europa auf ein Minimum zurückzuführen und an palästinensische Kolonisationsunternehmungen, natürlich mit der nötigen Vorsicht, heranzugehen. Die Zersplitterung der Bureaus in Palästina ist gewiß sehr zu bedauern, und wir werden uns bemühen, nicht nur ihre Vereinigung, sondern auch eine innerliche Verbindung herzustellen. Aber auch da sind Schwierigkeiten. Sehr berechtigt sind dann auch die Beschwerden, die von den Poale-Zion, insbesondere auch von den palästinensischen Arbeitern vorgebracht worden sind. In der Tat ist die Arbeiterfrage eine der ernsthaftesten Fragen, aber auch eine, die sehr schwer zu lösen ist. Unsere Vertreter in Palästina bemühen sich, helfend einzugreifen. Aber Sie müssen Geduld haben. Die Frage der Arbeiterwohnungen ist sehr kompliziert. Aber Sie können versichert sein, daß gerade auf diesem Gebiete in der nächsten Zeit eine Besserung eintreten wird, daß wenigstens die Arbeiter, die länger im Lande sind, billige Wohnungen bekommen, und je weiter die Kolonisation fortschreitet, wird es auch leichter werden, die Arbeiter dauernd zu beschäftigen. (Beifall.) Wenn einer der Redner der Meinung war, der Herzlwatd sei von Arabern gepflanzt, so ist das absolut falsch. Es ist das schon deshalb nicht möglich, weil er überhaupt noch nicht gepflanzt ist. (Heiterkeit.) Die Pflanzungszeiten sind in den Monaten Januar und Februar. Daß der Nationalfonds nur für die Arbeiter da sein soll, können wir nicht unterschreiben; er ist für das ganze jüdische Volk. (Beifall.) "Die Ansicht von Kaplansky, daß für den Agrarkredit wesentlich neue Mittel geschaffen werden sollen, ist ja auch die Ansicht der Mehrheit des Kongresses. Aber daß der Nationalfonds sich nicht auch mit einem Teile seines Kapitals beteiligen soll, das vermögen wir von hier aus noch nicht anzuerkennen. Daß der Nationalfonds seinen Boden auch bewirtschaiten kann, hat schon. Dr. Bodenheimer festgestellt Aber da er noch keine eigenen Wirtschaften hat, wird die Zukunft lehren, wie weit dies wünschenswert ist. Es ist das eine Zweckmäßigkeitsfrage. Sehr wohltuend war die maßvolle Art der Diskussion der Anhänger des Misrachi. Wir werden uns in der Praxis mit den Anhängern des Misrachi dauernd versöhnen können, dauernd auf ihre Wünsche eingehen, soweit es unsere eignen Unternehmungen betrifft. (Beifall.) Soweit es sich um Unterstützung von Privatun.ternehmungen handelt, werden die Unterstützungen nach andern Grundsätzen eingerichtet werden müssen. Nun zu "der wichtistgen Frage: die Stellung des Zionismus zur Palästinaaibeit. Herr Dr. Motzkin ist noch ein Vertreter der alten Ansicht, daß die Palästinaarbeit nur als Propagandamittel für den Zionismus da sei. Das werden wir nun und nimmer anerkennen. Das würde zu entsetzlichen Konsequenzen führen. Unsere Palästinaarbeit regt und streckt und entwickelt sich. Und wenn sie auch noch nicht groß ist, so wird sie durch eigne Kraft von Jahr zu Jahr und von Kongreß zu Kongreß größere Bedeutung haben und Selbstzweck werden. Es ist undenkbar, die Geschichte wieder zurückzuschrauben. Wir werden keine Palästinarenommierarbeiter haben, ebensowenig wie Renommierbauern. Wir werden Bauern haben, die den besten und kräftigsten Teil des jüdischen Volkes darstel'en und so eine Palästinaarbeit, die den besten und gesündesten Teil unseres Zionismus ausmacht. (Lebhafter Beifall.) Der Zionismus läßt sich nicht zurückschrauben, aber wir wollen alle keineswegs von der allgemeinen Bewegung zurückgehen. (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Damit ist die Diskussion über das Palästinaressort beendet. Bei der Wahl des Kongreßbureaus am ersten Sitzungstage war von den Delegierten aus Bialystok ein Einspruch gegen die Wahl von Ussischkin erfolgt, der dann zurückgezogen worden ist. Gegen den Einspruch erhebt eine Gruppe der Bialystoker Zionisten Protest. Der Vorsitzende gibt das bekannt. Reichs'ratsabgeordneter Dr. Gabel gibt die Erklärung ab, daß er und seine Gruppe gegen den Antrag Simon stimmen werden. Angelo Sullam wendet sich gegen die in München erscheinende Zeitschrift „Palästina". Die eigentümliche Schriftleitung dieses Blattes, von dem er annimmt, daß es einen offiziellen Charakter trage, sei geeignet, die zionistische Bewegung auf das schwerste zu schädigen. Professor Warburg stellt fest, daß diese Zeitschrift in keiner Hinsicht irgendwelchen offiziellen Zusammenhang mit der Bewegung habe. Die einzige Beziehung, in der das Palästinaressort oder irgend eine andere offizielle Institution der zionistischen Organisation zu dieser Zeitschrift stehe, sei die des Abonnements. Vizepräsident Dr. Bodenheimer: Unter den zum Palästinaressort vorliegenden Anträgen ist eine game Anzahl solcher, die noch gründlicher Prüfung bedürfen, und ich schlage daher vor, sie dem künftigen Aktionskomitee zur Berücksichtigung zu empfehlen. (Zustimmung.) Der Vorsitzende bringt hierauf die Anträge zur Erledigung. Antrag Adolf Böhm: „Der Neunte Zionistenkongreß spricht dem Leiter des Palästinaressorts Herrn Professor Dr. Otto Warburg seinen herzlichsten Dank für seine unermüdliche und erfolgreiche Tätigkeit aus und versichert ihn seines unerschütterlichen Vertrauens." Der Antrag wird unter stürmischen Beifallskundgebungen angenommen. Antrag Altmann, Dr. Pasmanik und Genossen: „Der Nationalfonds wird beauftragt, unter Wahrung seiner statutarischen Bestimmungen, noch in diesem Jahr mit dem Bau von Arbeiterwohnungen zu beginnen in allen denjenigen Kolonien, wo eine größere Anzahl von jüdischen Arbeitern schon vorhanden ist." Dr. Bodenheimer bemerkt dazu: Dieser Antrag enthält eine überaus wichtige und nützliche Anregung, aber in dieser Form kann es der Kongreß nicht beschließen, denn es ist ja nicht abzusehen, ob die Voraussetzungen hierfür vorhanden sind. Ich erkläre als Präsident des Nationalfonds, daß ich jedenfalls meinen persönlichen Einfluß geltend machen werde, daß wir unsern Arbeitern in Palästina Arbeiterhäuser auf dem Boden des Nationalfonds schaffen. (Beifall.) Es wird beschlossen, diesen Antrag dem Aktionskomitee mit dem Ersuchen zu überweisen, sich mit dem Direktorium des Nationalfonds in Verbindung zu setzen. Schluß der Sitzung gegen 9 Uhr abends. Fünfter Verhandlungstag Donnerstag den 30. Dezember 1909 Vormittagssitzung Vizepräsident Dr. Bodenheimer eröffnet die Sitzung um 9l/2 Uhr. Herr Moise Cohen, Saloniki, erstattet den Bericht über die Einwanderung in die Türkei. (Wir werden das Referat demnächst bringen.) Dr. Daiches, London: Geehrter Kongreß! Ich ergreife jetzt das Wort, um einem allgemeinen Gefühl starker Unzufriedenheit mit der Art und Weise, wie die Berichterstattung in der „Welt"' vor sich geht, Ausdruck zu geben. Wir wollen eine objektive Berichterstattung haben, damit die Tausende und Abertausende, die Interesse an dieser Verhandlung nehmen, ein klares Bild von ihr bekommen. (Zustimmung.) Tatsache ist aber, daß die sogenannten Oppositionsreden gekürzt und ungeheuerlich entstellt und die Haltung des Kongresses auch nicht richtig dargestellt wird. Anderseits werden die sogenannten Pro-Reden wörtlich wiedergegeben nnd sogar ausgeschmückt. Einige Beispiele, erstens: Nr. 3 der „Welt" enthält auf Seite 1183 den Satz: „Wolffsohn beschäftigt sich mit dem Unrat, der von gewissen Delegierten und Preßorganen über die Leitung und den Zionismus ausgegossen worden sei." Ich frage Sie, wie man von Delegierten und Preßorganen behaupten kann, daß Sie über den Zionismus Unrat gießen; zweitens: von Mr. Cowen, London, heißt es, daß er von einem Teil der Delegierten mit Zischen empfangen wird, wogegen der größere Teil der Delegierten mit lautem Beifall und Zurufen demonstriert. Ich frage den Kongreß, ob das den Tatsachen entspricht; drittens: in Nr. 4 haben Sie zwei Reden, die eine von Weitzmann, d,e aridere von Dr. Loewe. Ich glaube, Dr. Loewe wird sogar selbst zugeben, daß die Rede Weitzmanns bedeutender und wichtiger war als seine. (Heiterkeit, Beifall und Widerspruch.) Und was sehen wir? Weitzmann wird ganz kurz abgetan, und Loewe hat zwei Spalten in der „Welt". Und noch