Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-12-30 · [Sonder-Ausgabe] Nr. 5 (30.12.1909) · p. Seite 1228

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
[Sonder-Ausgabe] Nr. 5 (30.12.1909)
Date
1909-12-30
Page
Seite 1228 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316358--52763-3346431
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

dieäelt v NO. 5 1228 Hauptbesitz in Redensarten und Zeitungsreklame besteht, kommt und will sich damit einführen, %daß sie den Zionismus bei der türkischen Regierung verleumdet! Sollen denn die Interessen des jüdischen ^Volkes jedem Beliebigen preisgegeben sein? Das ist meine Antwort auf den Brief der Herren der A. I. K. O.! (Stürmische Zustimmung.) Dr. Friede mann: Nachdem diese unangenehme Angelegenheit zur öffentlichen Besprechung gekommen ist, muß ich auch ein paar Worte dazu sagen, weil drei Zionisten, die immerhin bekannte Namen haben, mit in dem geschäftsführenden Ausschuß der A.'J. K. 0. sitzen: Dr. Heymann, Prof. Warburg und meine Wenigkeit. Als die A. J. K. 0. begründet wurde, haben wir dem Unternehmen uns angeschlossen unter der selbstverständlichen Voraussetzung, daß die A. J. K. O. im engsten Zusammenhange mit der zionistischen Bewegung versuchen würde, ihr Ziel zu erreichen. Im Anfang waren auch absolut keine Differenzpunkte. Natürlich waren nicht alle Mitglieder im Vorstand des geschäftsführenden Ausschusses Zionisten. Das war ganz gleichgültig. Wir gehören selbstverständlich auch andern Kolonisationsgesellschaften an und suchen das Wohlder Juden zu fördern, wo es irgend geht. Nur von einer Seite wurden dauernd dem Zionismus Hindernisse bereitet, dauernd der zionistische Gedanke zurückgedrängt. Dadurch * wurden Schwierigkeiten geschaffen für die zionistischen Mitglieder bei den Antizionisten, die •sonst wahrscheinlich friedlich mit uns gearbeitet hätten. Und zwar war diese eine Seite immer wieder Dr. Nossig. (Pfui-Rufe.) Wir haben im Verwaltungsrat dauernd Schwierigkeiten gehabt. Es sind alle möglichen Kombinationen hervorgesucht worden. Die Herren, die mitarbeiten, sind zum Teil wenig versiert in diesen Angelegenheiten. Sie tun mit, sind aber nicht in der Lage, die Dinge zu übersehen. Während Herr Dr. Nossig natürlich sehr gut informiert ist, ist Herr Ginsberg ein sehr wohlwollender Mann, der sich mit seiner Tätigkeit einsetzt für die kolonialen Angelegenheiten, aber wenig mit diesen Dingen vertraut ist. Wir haben bestimmte Proben dafür gehabt, daß gerade Herr Ginsberg sich namentlich für die Palästinasache eingesetzt hat. Ich muß hier schon öffentlich etwas sagen, obgleich es noch nicht publiziert ist. Erst in den letzten Tagen, bevor wir zum Kongreß kamen, hat die Gründung der Wissenschaftlichen Palästina-Gesellschaft stattgefunden, und das wäre ohne die Mitwirkung dieses sehr vortrefflichen Herrn garnicht möglich gewesen. Also Herr Ginsberg ist nicht verantwortlich. Aber für Herrn Dr. Nossig in irgendeiner Form einzutreten, dafür habe ich und Prof. Warburg nicht die geringste Veranlassung. Wir verurteilen ein solches Vorgehen aufs allerschärfste und werden daraus im engern Kreise der A. I. K. 0. die allerschärfsten Konsequenzen ziehen. Hierauf wird die Debatte über das Palästinaressort fortgesetzt. Im weitern Verlaufe des Nachmittags wendet sich die Diskussion auch der Besprechung des Bankberichtes zu und führt zu eingehenden Erörterungen, die die Aufmerksamkeit des Kongresses in höchstem Maße in Anspruch nehmen. (Die Fortsetzung des Berichtes-über die Mittwochmittagssitzung folgt in der morgigen Nummer.) Berichtigungen. Herr Dr. D. Pasmanik sendet uns folgende Berichtigung zu unserm Kongreßbericht: Hamburg, den 28. Dezember 1909. Sehr geehrter Herr Redakteur! In Nr. 3 der Kongreßausgabe der „Welt" im Bericht über meine Rede steht folgender Satz (S. 1180): „Dr. Pasmanik nennt schließlich Mr.Cowen." Dieser Satz ist total unrichtig. Nicht bloß nannte ich Mr. Cowen nicht, sondern auf die Anfrage Mr. Cowens, ob er es sei, antwortete ich vielmehr: „Sie sind es nicht!" Ich bitte um sofortige Veröffentlichung dieses Briefes. Hochachtungsvoll Dr. D. Pasmanik. Herr Dr. B. Levy, Vorsitzender des Deutsch-Israelitischen Synagogenverbandes in Hamburg, ersucht uns um Aufnahme folgender Richtigstellungen: 1. In Nr. 2 der Kongreßausgabe der „Welt" muß es auf S. 1167 in der 27. Zeile nicht heißen: „jeder irdischen Macht", sondern „überirdischer Macht"; 2. sind die beiden letzten Abschnitte meiner Rede ganz fortgelassen. Sie lauten: „Meine verehrten Freunde! Der Weg, auf dem wir mit Sicherheit nach Zion gelangen werden, den Weg kennen wir ja alle seit langer, langer Zeit, und die Bürgschaft für ' die Sicherheit dieses Weges hat der Allgütige selbst übernommen: „Und der hohen Zionsveste wird dann der Erlöser nahen, wenn die Missetat aus Jakob geschwunden sein wird." Diesen Weg nach Zion wollen wirmit Ihnen beschreiten, und auf diesem gemeinsamen Wege will ich Sie, meine verehrten Brüder und Schwestern, nochmals aufs herzlichste begrüßen und den heißgefühlten Wunsch aussprechen, daß dieser Weg uns alle insgesamt bald, bald in das Land unserer Sehnsucht führen möchte, so wie der Allgütige in der Fülle seiner Liebe es uns verheißen hat." Auf der ersten Seite (1195) der Nr. 4 unserer Kongreßausgabe findet sich folgender Passus: „Rabiuowitz (Rußland) spricht hebräisch und schließt deutsch. Man hat den Prof. Warburg vorgeschlagen. Redner gehöre zu dessen Verehrern, aber ein Mann, der die zionistische Idee als ein Phantom bezeichnet habe, könne nicht Leiter der zionistischen Bewegung sein. (Zuruf: Wer hat das gesagt?) Das hat Prof. Warburg gesagt. (Heftiger Widerspruch.)" Die Namensangabe „Ra binowitz (Rußland)" beruht auf einem Irrtum. Der Redner war vielmehr Dr. Nacht-Focsani (Rumänien). Auf derselben Seite derselben Nummer, 2. Spalte, muß es in der Rede Dr. Tschlenows, Z. 23 v. u., richtig heißen: „Wir waren der Meinung, daß jetzt nicht bloß mit der türkischen Regierung, sondern auch mit dem türkischen Volk Verständigung zu suchen, und daß dazu eine Propaganda, die Geld erfordert, nötig sei." Nachtrag zur Präsenzliste des IX. Zionistenkongresses Feldstein, M., Warschau Solomon, Isaac Kritschewski, Frau Dr., Paris Zweig, Dr. Wilhelm Rosmarin, Dr. Heinrich, Lemberg Die Bezalelausstellung im Kongreßgebäude Es ist schwer, das Wesen einer Kunst, einer Kultur in Worte zu fassen und auf Formeln zu bringen. Es ist aber fast ein Ding der Unmöglichkeit, einwandfrei und beweiskräftig von einer Kunst zu reden, die erst im Entstehen begriffen ist, von einer Kunst, die neben den Anfängen einer neuen, individuellen Gestaltungskraft noch so unzählig viele Ingredienzen aufweist, Reste aus fremden Kulturen, die sich, wie nicht anders möglich, herübergeschmuggelt haben und die man nur ganz allmählich ersticken und hinauswerfen kann. Und die Unfaßbarkeit, ich möchte fast sagen, Unkontrollierbarkeit solcher Begriffe wie „Jüdisch" und „Nichtjüdisch", sobald man sie in ausschließlich kulturellem Sinne gebraucht, erhöht überdies noch die Schwierigkeit, die im Bezalel geschaffene und gepflegte Kunst daraufhin zu untersuchen, was an ihr tatsächlich jüdisch ist. Man geht durch diesen kleinen, mit Kunstgegenständen aller Art überladenen Raum, man gibt sich der unmittelbaren Einwirkung all dieser Teppiche, Bilder, Filigran- und Metallarbeiten widerstandslos hin — und fühlt ganz leise, ganz unbestimmt: all dies spricht zu uns, nicht wie irgendeine Galerie in Wien oder Berlin zu uns spricht; nicht wie irgend ein exotisches Kunstprodukt. Hinterasiens oder ein sezessionistischer Kunstgewerbegegenstand. Mumien sind es, längst vermoderte, längst vergessene Mumien. Aber urplötzlich sind sie zu neuem Leben erwacht, sind sie jung geworden; sie sind die Alten geblieben und tragen dennoch ein neues Gesicht. Jahrtausende liegen dazwischen, aber diese Jahrtausende entschwinden unserm Gedächtnis, und wir sehen vor uns einen gewaltigen Kulturprozeß, der über der Zeit steht und sie ignoriert. Noch ist es uns nicht bewußt, noch wissen wir nichts, aber wir fühlen, wie sich ein tiefinnerst empfundenes seelisches Band um uns schlingt, um uns, die wir gewöhnt sind, kritisch und vielleicht ein wenig blasiert durch die Museen zu gehen und gleichmütig zu registrieren, um uns und um all diese Dinge, die uns gleichzeitig so fremd und doch so bekannt, so innig vertraut scheinen. Erinnerungen werden wach, die lange, lange Zeit unter dem Schutt moderner, westeuropäischer, fremdländischer Pseudokultur verborgen lagen; und bei all diesen Reminiszenzen, die in uns aufsteigen, unter all diesen verschollenen Traumbildern, die nun wieder an uns vorbeiziehen, uns aufrütteln und mit tiefer Wehmut erfüllen, mit Sehnsucht nach jener Zeit, die längst vorbei, — unter all dem fühlen wir stärker und immer stärker, bis es sich Bahn bricht und alles andere unter sich begräbt:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.