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Die Welt · 1909-12-30 · [Sonder-Ausgabe] Nr. 5 (30.12.1909) · p. Seite 1227

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
[Sonder-Ausgabe] Nr. 5 (30.12.1909)
Date
1909-12-30
Page
Seite 1227 (sequence 13)
Language
German
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des jüdischen Volkes genau so zur Verfügung stehen, wie das Licht der Sonne, wie Wasser und Luft. Nur dann, wenn wir uns streng auf diesen unparteiischen Standpunkt stellen, wird in freier En tfaltung aller geistigen Kräfte sich eine jüdische Kultur entwickeln können. Die Aufgaben, welche Sie in diesen kurzen Richtlinien angedeutet finden, sind groß, und dies könnte uns entmutigen. Wenn wir aber sehen, wie der Jüdische Nationalfonds in immer weitern Kreisen Beifall und Unterstützung findet, wenn wir sehen, wie derselbe aus kleinen Anfängen, innerhalb einer verhältnismäßig kurzen Spanne Zeit zu einer ansehnlichen Höhe emporgewachsen ist, wenn wir berücksichtigen, daß heute noch erst ein ganz minimaler Bruchteil des jüdischen Volkes sich an dieser Spende beteiligt, dann dürfen wir getrost und mutig der Zukunft ins Auge sehen. Der jüdische Nationalfonds muß lavinenartig wachsen. Er wird immer größere Dimensionen annehmen, je mehr wir durch die Tat beweisen, daß wir in ernster Arbeit eine nützliche Grundlage für die Regeneration des jüdischen Volkes zu schaffen imstande sind. Wenn erst dann unsere wohlhabenden und reichen Kreise ihr Interesse diesem Fonds zuwenden, dann zweifle ich keinen Augenblick, daß auch diejenigen unter uns, die nicht mehr allzujung sind, den Tag erleben mögen, wo der Nationalfonds der Erreichung seines Zweckes nahe ist, die Ackerscholle unserer Väter wieder in den Besitz des jüdischen Volkes zu bringen. (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Mittwoch°Nachitiittagssitzung Zu Beginn der heutigen Nachmittagssitzung erteilt Präsident Dr. MaxNordau Herrn Wolffsohn das Wort zu einer Erklärung. David Wolffsohn: Geehrter Kongreß! Es ist in der heutigen Vormittagssitzung eine Erklärung der A. I. K. 0. (Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation) eingegangen. Ich werde die Erklärung nunmehr verlesen. Sie lautet: „Die Leitung der A. I. K. O. legt Gewicht darauf, festzustellen, daß die von David Wolffsohn vorgebrachten, die A. I. K. O. betreffenden Behauptungen auf unrichtigeil Informationen beruhen und den Tatsachen nicht entsprechen." Der Begleitbrief ist unterschrieben von Dr. Nossig und Dr. Ginsberg, den Vorsitzenden der Gesellschaft. Verehrter Kongreß! Ich habe mit der größten Sorgfalt immer vermieden, jüdische Organisationen anzugreifen, und ich habe, wie Sie mir alle bezeugen werden, in meiner Eröffnungsrede mit der größten Ruhe, mit der größten Würde die jüdischen Organisationen kritisiert, die uns Schwierigkeiten gemacht haben. Erst in der Rede am Montag, als die Rede war von den großen Ideen, da sagte ich: Von d£n großen Ideen, die in den Zionismus hineingetragen werden, habe ich genug. Ich nannte dann die Namen Zangwill und Dr.-Nossig. Ich habe diese Namen deshalb genannt und glaubte die Berechtigung dazu zu haben, weil die beiden Herren früher zu uns gehörten und Herr Dr. Nossig auch dem Aktionskomitee angehört hat. Deshalb glaube ich die Berechtigung zu haben, diese Herren einer Kritik zu unterziehen und spreche davon, daß man den Zionismus beschimpfe. Herr Dr. Nossig war wochenlang in Konstantinopel. Ich hätte darüber nicht gesprochen, ich habe es nur angedeutet. Nachdem aber Herr Dr. Nossig und die A. I. K. O. diese Erklärung hier abgegeben haben, daß ich falsch unterrichtet wäre und dadurch unrichtige Behauptungen hier aufgestellt habe, so zwingen sie mich dazu, zu sagen, was ich weiß. Ich weiß ganz genau, was Herr Dr. Nossig in Konstantinopel getan und gesprochen hat. Da mir aber dafür die Dokumente fehlen, so werde ich darüber nicht sprechen. Aber das, was Dr. Nossig mit seiner Unterschrift und der des Vorstandes der A. 1. K. 0. veröffentlicht hat, das sollen Sie hören, und Sie selbst sollen urteilen, ob ich Recht habe oder nicht. Ich' habe hier ein Expose, das man an alle maßgebenden Stellen in Konstantinopel, wo es irgend möglich war, eingereicht hat. Ich werde einige Stellen, die uns betreffen, zur Verlesung bringen. Da das Expose^ französisch geschrieben ist, so weiß ich keinen bessern Übersetzer, als unsern verehrten Präsidenten. Ich bitte den Herrn Präsidenten, die mit Bleistift angestrichenen Stellen mitzuteilen. Ich glaube, das wird genügen. (Herr WolfFsohn übergibt das Expos6 dem Präsidenten.) Präsident Dr. Max Nordau: Das Expose heißt: „Denkschrift der Allgemeinen jüdischen Kolonisationsorganisation. Bericht der Allgemeinen jüdischen Kolonisationsorganisation in Berlin, betreffend die Einwanderung und Ansiedlung der Israeliten des ottomanischen Reiches." Ich werde also der Einleitung des Herrn Präsidenten entsprechend, nur die Stellen hervorheben, die unterstrichen sind. Hier heißt es: „Eine Gesellschaft hat sich gebildet, um das Werk der Einwanderung als Wohltätigkeifsveranstaltung zu fördern und den Einwanderern außer Amerika möglichst andere weitere Ländergebiete zu erschließen, und zwar am besten im Morgenlande im weitesten Sinne des Wortes." Und dann weiter: „Die Allgemeine jüdische Kolonisations-Organisation verfolgt lediglich menschenfreundliche Absichten mit Ausschluß aller politischnationalen und Parteitendenzen'4. „Wir verlangen, ehe wir unser Werk unternehmen, keinerlei besondere Begünstigung politischer oder nationaler Natur. Wir denken in keiner Weise daran, die Autonomie in einem Teile des Reichs für eine israelitische Bevölkerung zu verlangen, die noch nicht vorhanden ist." Ferner: „Was das Gebiet betrifft, so wollen wir die Einwanderung und die Ansiedlung .unserer Glaubensgenossen durchaus auf keine besondere Gegend des ottomanischen Reichs beschränken, sondern sie nach den verschiedenen Gebieten lenken". „Die Vorstände einer großen Anzahl jüdischer Gemeinden der Welt gehören unserm Hauptaufsichtsrate an. Die israelitischen kapitalistischen und philantropischen Kreise sind bereit, einesteils die Summen auf Verlust auszuzahlen, die für dieses Unternehmen notwendig sind, und anderseits erforderliche Kapitalien in die Kassen der Betriebsgesellschaften einzuzahlen." — Die Ausdrucksweise ist auch in französischem Texte so unbestimmt, daß ich fürchten muß, in meiner Übersetzung präziser zu sein als im Text, deshalb sage ich das auch in so verschwommenen Ausdrücken, wie es im Französischen gesagt ist. „Was die Überzeugung der Mitglieder unserer Organisation betrifft, so setzen sich diese einerseits aus überzeugten Assimilierten zusammen, die politisch der Nationalität ihres Vaterlandes angehören, andererseits aus Orthodoxen. Die Einen 'und die Andern befinden sich durchaus nicht in Übereinstimmung mit dem Gedanken des politischen Zionismus seit dem Beginne dieser Bewegung." (Pfuirufe). „Hier haben Sie die Gegenden der Türkei, die uns die geeigneten für unsere Kolonisation scheinen: Mazedonien, Anatolien, Syrien und Palästina." „Der Gedanke einer verständigen Verteilung der israelitischen Bevölkerung scheint uns derartig bedeutungsvoll, daß wir die feste Absicht haben, indem wir das Morgenland als neues Einwanderungsgebiet für die Israeliten wählen, die Bewegung über die Grenzen der Türkei selbst herauszuleiten/4 „Die ottomanische Regierung wird die Entwicklung des israelitischen Elements in aller Ruhe verfolgen können. Dieses Element wird ihr niemals politische Verwickelungen verursachen. Die von der Türkei aufgenommenen Israeliten werden niemals politische Sorgen haben. Ihre einzige Sorge wird die Entwicklung einer machtvollen und unabhängigen Türkei sein." Und nun noch eine Stelle: „Die türkische Presse hat sich in den letzen Monaten mit der Frage der jüdischen Einwanderung aus dem Gesichtspunkte der zionistischen Tendenzen beschäftigt, und der Gedanke einer Ansiedlung, die einen ausgesprochen nationalen Charakter hat und zu politischen Wünschen, Aspirationen, Bestrebungen führt, hat große Meinungsverschiedenheiten in der ottomanischen öffentlichen Meinung verursacht. (Hört, hört!) Wenn die ottomanische Regierung die jüdische Kolonisation unterstützt, so würde sie sicher sein können, daß die Einwanderung von Israeliten, die von jedem politischen Verdacht frei sind, in keiner Weise die nationalen Interessen gefährden wird." (Bewegung.) David Wolffsohn: Geehrter Kongreß! Sie werden jetzt selbst beurteilen können, ob ich berechtigt war, von Verleumdung und Beschimpfung des Zionismus zu sprechen, seitens eines Mannes, der noch vor wenigen Monaten dem zionistischen Aktionskomitee angehört hat. (Pfuirufe.) Geehrter Kongreß! Die Worte, die Herr Dr. Nossig bei seinen Unterredungen gebraucht hat, die waren selbst den Türken zu stark. Die Türken fragten, und zwar ansehnliche Leute: Was ist denn am Zionismus, wenn Juden zu uns kommen und sich damit einführen: „Wir sind keine Zionisten, wir werden auch nichts tun, was gegen die Türkei ist." Geehrter Kongreß! Wenn das eine große Organisation getan hätte, die die Mittel besitzt, die etwas ausführen kann, dann hätte ich gesagt: Das ist zwar nicht schön, aber sie können vielleicht etwas schaffen, ein paar Einwanderer, ein paar arme Juden wenigstens dort unterbringen, wenn auch unter Verrat gegen den Zionismus. Aber eine Gesellschaft, die keine 'Mittel hat, deren

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