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Die Welt · 1909-12-30 · [Sonder-Ausgabe] Nr. 5 (30.12.1909) · p. Seite 1224

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
[Sonder-Ausgabe] Nr. 5 (30.12.1909)
Date
1909-12-30
Page
Seite 1224 (sequence 10)
Language
German
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sie werden manchmal vorgeschlagen von Leuten, die nicht geschäftlich geschult sind und die dadurch zum Spielball werden von andern, denen es nur um ihre eigene Tasche zu tun ist. Wenn irgendein Projekt von Bedeutung zur Ausführung' gelangen soll, dann sind dazu vorher ernste und kostspielige Vorarbeiten nötig, und diese Vorarbeiten erfordern wiederum Geld und Menschen. Wenn man diese Tatsachen aus dem Auge verliert und immerzu Neues in die Hand nimmt, ohne mit den verfügbaren Kräften zu rechnen, dann gefährdet man das, was man in den vergangenen Jahren geschaffen hat und worauf wir heute mit Recht stolz sind! Wir aber wollen das Erhaltene, hüten und wir wollen nach unsern Kräften weiter schaffen. Wir sind dabei nicht exklusiv; jeder ernste Mitarbeiter ist uns willkommen. Wir wollen mit allen zusammenarbeiten und jeden konkreten Vorschlag prüfen auf seinen Wert für das gesamte jüdische Volk. Wir denken nicht daran, wertlosen Konzessionen nachzujagen. Wenn wir etwas unternehmen, dann sollen auch die gestellten Bedingungen annehmbar sein. Denn wenn wir auch über Konzessionen und über industrielle Möglichkeiten sprechen, so wollen wir doch keine Konzessionsjäger sein; für solche ist der Moment in der Türkei auch nicht gerade günstig. Vor einigen Monaten schrieb die „Frankfurter Zeitung": „Nach der Proklamation der Verfassung glaubte man im türkischen Arbeitsministerium, daß die ganze Welt sich um Konzessionen für Banken, Eisenbahnen, Schiffahrtsgesellschaften, Elektrizität, Bergwerke und andere große Unternehmungen förmlich reißen werde. Es regnete in der Tat Konzessionsgesuche. Aber „ man verlegte sich auf kleinliches Diskutieren und sah die Hauptaufgabe in der Ausarbeitung möglichst strenger Lastenhefte. Man sammelte für die einzelnen Unternehmungskategorien die schwierigsten und lästigsten Bedingungen, die irgendwo in der Welt auferlegt worden waren, und vereinigte sie zu einem wohlgelungenen Ganzen, das aller Welt gefiel, nur nicht den Kapitalisten, die unter solchen Auflagen arbeiten sollten. So kam es, daß auf allen Gebieten der öffentlichen Arbeiten der Schwärm der Bewerber sich mehr und mehr lichtete. Es ist still geworden von zahlreichen Gründungen, die noch vor wenigen Monaten in aller Munde waren. Geblieben sind nur wenige ausdauernde Bewerber solider Natur, die immer noch hoffen, daß die maßgebenden Faktoren Vernunft annehmen, oder schwindelhafte Existenzen, denen es auf einen einmaligen Vermittlergewihn oder Börsencoup, nicht aber auf die Begründung dauernd lebens- und leistungsfähiger Unternehmungen ankommt". Aber doch sagt derselbe Artikel ferner: „Hier eröffnet sich ein Feld für eine Kulturtätigkeit allerersten Ranges. Aus Wüsteneien, die früher Paradiese waren, können mit Geld, Arbeit und Geduld wieder Paradiese geschaffen werden". Betrachten Sie dies nicht etwa als eine Redensart! Ich zitiere hier wörtlich einen Artikel der „Frankfurter Zeitung" vom 10. Juni ds. Js., und zwar einen Artikel der Handelsabteilung. Der Artikel sagt zum Schluß: „Die Unternehmer und das Kapital, die sich an diesem Kulturwerk beteiligen, können auf die Dauer ihren Lohn finden. Aber es kann nicht genug betont werden, daß alles dies abhängig ist von Voraussetzungen, die im Augenblick größtenteils noch fehlen und die ohne Zeitverlust verwirklicht werden müßten, wenn nicht die natürlichen Schwierigkeiten einer Ära des Übergangs sich zu erdrückenden Hindernissen auswachsen sollen." Abgesehen von den Hindernissen, von denen in diesem Artikel der „Frankfurter Zeitung" die Rede ist, bestehen für uns Juden noch separate Hindernisse. Ich meine das Einwanderungsverbot in Palästina und die Schwierigkeit für Juden, dort Boden zu erwerben. Solange wir uns nicht frei im Lande unserer Väter niederlassen können, solange wir daran gehindert werden, den Boden, den wir bearbeiten wollen, unser eigen zu nennen, so lange werden die frühern Paradiese Wüsteneien bleiben, dem ottomanischen Reich nicht zum Vorteil! Von einer liberalen Regierung erwarten wir, daß diese Hindernisse, diese Reste des frühern Regimes beseitigt werden.. Dann werden auch die Kräfte in das Land kommen, die imstande sein werden, mit Geld, Arbeit und Qeduld Palästina in ein Kulturland umzuwandeln. Die ottomanische Regierung möge sich davon überzeugen, daß die Juden überall, wo sie die vollen Bürgerrechte genießen, ihrem Land treu sind. In den Ländern, - wo das jüdische Familienleben sich normal entwickeln kann, ist <ler Jude schon von Natur konstitutionell. Deshalb wird er es auch in Palästina sein. Wir wollen die Entwicklung Palästinas beschleunigen. Unsere Interessen gehen darin parallel mit denen der Türkei. Ich komme mit meinem Referat zu Ende. Nur noch einige wenige Worte. Vor einigen Wochen kam mir ein Vortrag zu Gesicht von Herrn Koenen, Lehrer an einer Reichshochschule für Ackerbau, Garten- und Forstwirtschaft in Holland. Er sagte u. a. folgendes: „Die Industrie beruht schließlich zum großen Teil auf der Landwirtschaft. Sie kann -sich nicht weiter entwickeln, als angegeben wird durch das Quantum Rohmaterial, welches die Landwirtschaft ihr liefert. Zwar gibt es auch Industrien, die ihr Material nicht der Landwirtschaft entnehmen, z. B. der Bergbau. Jedoch der Bergbau ist Raubbau, die Landwirtschaft dagegen kann immer von neuem hervorbringen. In der Industrie sehen wir, daß die Zahl der Unternehmer immer geringer wird, die Zahl der Arbeiter aber wächst. Im Großbetrieb werden die Gegensätze zwischen Kapital und Arbeit immer schärfer. Bei der Landwirtschaft dagegen ist es gerade umgekehrt; dort nimmt die Zahl der Unternehmer immerfort zu." Ich bin mit meinen Ausführungen über die industriellen Möglichkeiten in Palästina zu Ende. Eine Großindustrie, wie wir sie in den modernen Industriezentren kennen, wünsche ich unserm Volke nicht. Ein ganzes Volk wollen wir wieder werden; die Landwirtschaft soll dafür die Grundlage sein. Auf dieser werden wir dann Industrie und Handel, Kunst und Wissenschaft aufbauen. Und nach einem bösen Traum, der zweitausend Jahre gedauert hat, wird das Jüdische Land wiederum ein Monument ewjiger Gerechtigkeit sein. II Referat über den Jüdischen Nationalfonds Von Dr. M. J. Bodenheimer Sehr geehrte Versammlung! Im Anschluß an den Bericht des Aktionskomitees erlaube ich mir, Ihnen in kürze einige Mitteilungen über den Nationalfonds zu machen. Unser Gesamtbericht ist niedergelegt in der Druckschrift, die Ihnen überreicht worden ist. Aus dieser können Sie die schöne Entwicklung der Organisation und der Propagandatätigkeit für den Nationalfonds in den einzelnen Ländern ersehen. In den Räumen des Kongreßgebäudes befindet sich in einem kleinen Saale des ersten Stockwerks eine Ausstellung des Jüdischen Nationalfonds, auf die ich alle diejenigen besonders aufmerksam mache, die sich für die Sammelmittel interessieren. Sodann verweise ich auf die regelmäßigen Mitteilungen in der „Well", aus denen Sie über die einzelnen Maßnahmen des Direktoriums und des Hauptbureaus unterrichtet sein dürften. Wir haben uns

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