Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- [Sonder-Ausgabe] Nr. 5 (30.12.1909)
- Date
- 1909-12-30
- Page
- Seite 1222 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Boden Palästinas bringt bei guter Bewirtschaftung ausgezeichnete Erzeugnisse. Es ist ein vorzügliches Obst- und Qemüseland; Trauben, Orangen, Oliven und Mandeln, Aprikosen und Maulbeeren, Getreide und Bohnen gibt es in Erez-Israel. Ich habe hier nur die Hauptsachen aufgezählt. Man hat auch Versuche gemacht mit Baumwolle und mit Tabak. Ist das nun alles oder zum größten Teil Rohmaterial für die Industrie, oder sind es lauter solche gute Sachen, daß man sie lieber genießen will, so wie der liebe Herrgott sie hat wachsen lassen? Für die Trauben trifft beides zu; die jüdische Kolonisation hat sich gleich von- Anfang an ganz besonders um die Weinindustrie, gekümmert. Es ist dies die einzige Industrie, die bis heute in großem Maßstabe die Kolonisten beschäftigt. Auch ist die Olivenöl- und die Seifenfabrikation zu erwähnen, die von den Juden, allerdings nur in kleinem Maßstabe, betrieben wird. Ich habe zwar auch Maulbeeren als eines der Landesprodukte genannt, aber die Lust, sich mit der Seidengewinnung zu befassen, ist vorläufig bei den Kolonisten nicht besonders groß. Von der Baumwolle hat man sehr schöne Erwartungen: dagegen hatten die Versuche mit Tabak nur wenig Erfolg. Man muß immer im Auge behalten, welche Produkte in Palästina gut gedeihen, weil es doch schließlich der Boden ist, der alle Güter hervorbringt, aus denen die Industrie wiederum das nötige Material entnehmen muß, um ihre Erzeugnisse herzustellen. Das Land muß darauf vorbereitet werden, daß es mit der Zeit den Bedürfnissen einer zunehmenden Kolonisation gewachsen ist. Zu diesem Zweck muß die natürliche Produktivität des Landes gesteigert werden. Die Industrie kann diesem Bestreben Vorschub leisten, z. B. wird die Industrie das Material für. die Bewässerungs- und Drainageanlagen beschaffen, ebenso für die Anlage von Wasserleitungen. Große Projekte dieser Art sind schon vorhanden. Man denke nur an die Wasserleitung für Jerusalem, an die Bewässerung der Auja:Ebene und des Jordantales und an die Trockenlegung des Landes bei Hui eh. Es ist dabei nur zu bemerken, daß alle diese Arbeiten große Kapitalien erfordern, die heute noch nicht für die genannten Zwecke vorhanden sind. Auch muß man bedenken, daß vorläufig noch manches einer raschen Entwicklung der Industrie in Palästina entgegensteht, z. B. wird in ganz Syrien und Palästina weder Kohle noch Eisen produziert. Diese müssen aus dem Auslande bezogen werden. Es fehlt an guten Transportwegen; ein Lichtpunkt dabei ist, daß die Herstellung derselben wiederum die Industrie beschäftigen wird. Die Arbeiter sind großenteils noch vvenig geübt. Es fehlen manchmal noch technisch geschulte Werkmeister und technische Hilfsmittel. Alles dieses kann mit der Zeit anders werden. Es muß Vorsorge getroffen werden, daß bei kleinen Störungen in der Wasser- oder Kraftversorgimg ein ganzer Betrieb nicht auf Monate stillstehen muß. Auch ist der niedrige Einfuhrzoll von nur 11% in Betracht zu ziehen. Wirtschaftsmaschinen gehen sogar zollfrei ein. Wenn es also nicht wahrscheinlich ist, daß Palästina zu einem großen Industriegebiet, wie z. B. Belgien oder Saehsen, emporsteigen wird, so liegt doch gar kein Grund vor, warum sich nicht im Zusammenhang mit den Bedürfnissen einer zunehmenden Kolonisation, ebenso wie das in andern Ländern der Fall ist, ein industrielles Leben entwickeln sollte, bei dem die Unternehmer eine sehr gute Existenz finden werden. Es ist nicht zu leugnen, daß bei gleichem Flächenmaß ein Industrieland mehr Einwohner ernähren kann als ein Ackerbauland. Die Industrie beschäftigt die Arbeiter meistens sowohl im Sommer als im Winter, während beim Ackerbau die Arbeiter einen Teil des Jahres ohne Beschäftigung sind. Vielleicht könnte für die Landbevölkerung diese Zeit durch irgend eine industrielle Arbeit ausgefüllt werden. Selbstverständlich darf dies nicht in eine Hausindustrie im schlechten Sinne des Wortes ausarten. Die Einführung von Kunstgewerbe ist hier am Platze, und nach dieser Richtung wird durch den Bezalel der Boden einigermaßen vorbereitet. Wenn auch vorauszusehen ist, daß die Bevölkerung Palästinas sich hauptsächlich von der Land- und Gartenwirtschaft ernähren wird, so werden doch selbstverständlich industrielle Methoden dabei in Anwendung kommen. Heutzutage ist das Dreschen ein industrieller Betrieb. Ebenso die Milchwirtschaft und die Butter¬ und Käsebereitung. Besonders eignen sich diese Industrien dazu, im großen betrieben zu werden. Denn wenn auch die Entwicklung der Landwirtschaft in Palästina sich zum großen Teil nach der Richtung des Gartenbaues (Gemüse und Obst) neigen wird und diese Wirtschaft bei intensiver Kultur individuelle Behandlung fordert, somit von Großbetrieb dabei kaum die Rede sein kann, so wird man sich doch für manche kommerzielle und industrielle Zwecke zu Genossenschaften vereinigen, wie das übrigens schon heute üblich ist. Die Genossenschaften kaufen Kunstdünger, Viehfutter, Samen usw., und man hat Maschinen und Geräte für gemeinschaftlichen Gebrauch. Die Herstellung dieser Maschinen und Geräte geschieht teilweise im Lande selbst, aber ein großer Teil muß von auswärts bezogen werden. Soll die Industrie sich in Palästina weiter entwickeln, dann braucht sie vor allem technisch geschulte Arbeiter: und sie wird solche haben, sobald eine moderne technische Ausbildung im Lande selbst möglich ist. Die Zionisten zollen allen denjenigen Vereinen und Privatpersonen aufrichtige Anerkennung, deren Bemühungen es zu verdanken ist, daß bald das Jüdische Institut für technische Erziehung in Haifa den Juden von Palästina die Gelegenheit bieten wird, sich technisch, jeder nach seiner Anlage, auszubilden. Es existiert zwar schon in Jerusalem die Handwerkerschule derAlliance und die Kunstgewerbeschule „Bezalel", die Schöpfung von Schatz; allein das Institut in Haifa wird die Ausbildung viel weiter fortführen können, als dies bis jetz-t in Palästina möglich war. Es ist in meinem heutigen Referat nicht der Platz, mich über das Unterrichtswesen in Palästina zu verbreiten. Ich habe das getan in einer Arbeit, die der Jüdische Verlag in diesem Jahr herausgegeben hat: „Erez Israel — Das Jüdische Land": Ich erwähne dies nur deshalb, weil ich heute nochmals betonen möchte, daß atich in bezug auf eine technische Ausbildung die Erziehung der Jugend früh oder spät in die Hand genommen werden muß, und besser früh als spät! Denn sobald eine Generation herangewachsen ist, die erzogen