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Die Welt · 1909-12-30 · [Sonder-Ausgabe] Nr. 5 (30.12.1909) · p. Seite 1221

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
[Sonder-Ausgabe] Nr. 5 (30.12.1909)
Date
1909-12-30
Page
Seite 1221 (sequence 7)
Language
German
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No. 5 DIE3§& ELT angeregt worden* eine im Entstehen begriffene Kolonie zu übernehmen. Wir werden unmittelbar nach Beendigung des Kongresses an die Arbeit gehen und hoffen, bald eine zionistische Kolonie zu haben, die aus unserer Föderation hervorgegangen ist. Wir werden bald ein neues Schulhaus für uns brauchen. Aber wir verlangen keine Unterstützung von der zionistischen Gesamtheit, vom Nationalfonds, — für Schulzwecke soll jede Societät selbst aufkommen. Besonders bei Schulen, bei denen auch der religiöse Charakter in Präge kommt. Die Zionisten sind die Schweizergarde des Judentums, aber äüch des Gottesglaubens. Darum sollte vom Zentralbureau die Anweisung an alle Ortsgruppen ergehen, alles zu vermeiden, was das religiöse Gefühl verletzen könnte, z. B. daß die zionistischen Feiern nicht auf den Sabbat verlegt werden. Die Sabbatheiliguhg sollte überall stattfinden, bis in die weltentlegensten kleinen Orte hinein, hinein aber auch bis in die obersten Bureaus. Überall sollte sie oberstes Gesetz werden. Die Juden haben den Glauben an den einigen Gott gelehrt. Das hat selbst Goethe, der gewiß kein Misrachist war, gesagt. (Zustimmung.) Bei Beginn unserer Beratungen hat Ihnen der Vorstand der hiesigen Synagogengemeinde den Weg gezeigt, wie Sie moralische Eroberungen machen können. Auf diese Weise werden wir die Gemeinden erobern, werden wir Jerusalem erobern. (Lebhafter Beifall.) Dr. Hoppe-Königsberg teilt mit, daß die Ortsgruppe Königsberg für die Siedlungsgenossenschaft mindestens Jl 1000 zeichne; er hoffe sogar, einen höhern Betrag in Königsberg aufzubringen. (Lebhafter Beifall.) Dr. Bödenheimer: Die Ortsgruppe Köln zeichnet 500 Mark, abgesehen von den persönlichen Zuwendungen von Wolffsohn und mir. (Lebhafter Beifall.) Lebovits (Budapest): Hine Kulturarbeit, die mit jüdischem Gefühl, jüdischer Geschichte, jüdischen Traditionen in Widerspruch ist, muß perhorresziert werden. Man darf den Misrachisten nicht nachsagen, daß sie kulturfeindlich oder daß sie nicht Zionisten seien, weil sie in bezug auf die Religion ihren Standpunkt fest vertreten. Das hat mit Kulturfreundschaft und -feindschaft nichts zu tun. Die Schule in Palästina ist den Ortsverhältnissen anzupassen. Ich freue mich, daß zwischen Misrachisten und Zionisten jetzt ein gutes Verhältnis ist, daß vollständige Harmonie besteht. (Lebhafter Beifall.) Niemand von den Misrachisten hat ein Recht, gegen denZionismus etwas zu sagen. Wir werden alle unsere Kräfte einsetzen, um für den Zionismus zu arbeiten. (Lebhafter Beifall.) Aber wenn man uns fragt, was wir lieber wollen, das versprochene goldene Land oder das alte Krankenhaus, dann sage ich: Das alte Krankenhaus ist uns nicht nur mehr, sondern auch heiliger. (Lebhafter Beifall.) Misrachismus ist ein Stück echt jüdischer Arbeit. Präsident Dr. Nordau macht darauf aufmerksam, daß von 99 eingetragenen Rednern jetzt erst zwölf zu Worte gekommen sind, und übermittelt dem Kongreß den Antrag, durch die Permanenzkonimission Generalredner wählen zu lassen. Dieser Antrag wird angenommen und die Zahl der Generalredner auf zehn festgesetzt. Trietsch beantragt, daß unter den 10 Generalrednern in erster Linie Delegierte sein sollen, die in Palästina waren. (Zuruf: Die in Palästina wohnen!) Also sagen wir, die Palästina kennen. Dieser Antrag wird angenommen. Da die eingeschriebenen Redner in der Mittagspause die Generalredner wählen sollen, erstattet inzwischen David Florentin den Bericht über die Lage der Juden in der Türk<Ti. Der mit lebhaftem Beifall begrüßte Vortragende spricht französisch mit hebräischer Einleitung und hebräischem Schluß. Eine ausführliche Wiedergabe des Referats wird in einer der nächsten Nummern erfolgen. Heute geben wir nachstehend einen kurzen Auszug. Der Redner beginnt damit, daß zur Behandlung seines Themas eigentlich alles fehle, da man z. B. nicht einmal weiß, wie viel Juden in den jüdischen Zentren der Türkei ansässig seien, daß die türkischen Juden in den weit auseinandergelegenen Teilen des türkischen Reichs einander selbst nicht kennen und wenig voneinander hören. Eine Ausnahme davon bildet nur Palästina, dessen Juden in ziemlich engem Konnex miteinander stehen, Zeitungen und sonstige Publikationen besitzen, die den Verkehr und das Verständnis erleichtern. Für die übrige türkische Judenheit aber müssen diese primitivsten Mittel des kulturellen Lebens erst geschaffen werden. Sd ist es vor allen Dingen nötig, regelmäßig ein Jahrbuch herauszugeben, das Informationen über die türkischen Juden enthält, jüdische Bibliotheken zu gründen im Anschluß an ebenfalls dringende literarische Gesellschaften und Klubs, vor allen Dingen aber die ganze Aufmerksamkeit auf die Reform der bestehenden und die Schaffung neuer Schulen zu richten. Denn die bestehenden Taimud-Thora-Schulen, die Chadarim, aber auch die Schulen der Älliance IsraeJite Universelle genügen den Bedürfnissen in keiner Weise. Es ist nur eine kleine Anzahl 1221 von Schulen vorhanden nach dem Prinzip des Hilfsvereins der Deutschen Juden und einige Privatanstalten, — die sowohl für eine allgemeine Ausbildung sorgen als auch den speziellen Anforderungen des Landes und der in ihm wohnenden Juden einigermaßen genügen. Die Alliance-Schulen haben den Fehler, daß sie die hebräische Sprache viel zu wenig berücksichtigen. Aber auch der türkischen Sprache muß ein weit größerer Raum im Unterrichtsplan der jüdischen Schulen eingeräumt werden. Denn erst die Kenntnis dieser Sprache kann die Besucher dieser Schulen für den Kampf ums Dasein gehörig vorbereiten. Es müssen aber natürlich auch Stipendien und Darlehnskassen geschaffen werden, um jungen, türkischen Juden den Besuch höherer Lehranstalten und Universitäten zu ermöglichen. In Palästina sind vor allen Dingen mittlere und höhere Schulen zu gründen, damit Palästina das werden kann, wozu es berufen ist: das kulturelle Zentrum der türkischen Judenheit. Eine jüdische Universität in Jerusalem soll dieses Gebäude dann krönen. Schließlich schlägt Herr Florentin als notwendig für die kulturelle Entwicklung die Schaffung von Volksbanken, Sparkassen, Arbeiterhäusern, Konsumgenossenschaften und andere Institutionen der soziahn Selbsthilfe vor. Mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln aber müssen wir, nach der Meinung des Redners an der Schaffung eines jüdischen Bauernstandes arbeiten, auf dem die ganze kulturelle Entwicklung der türkischen Juden sich aufbauen muß. Die Durchführung dieses Arbeitsprogramms wird aus den zerstreuten Gliedern der türkischen Judenheit ein einheitliches Ganzes machen als Grundlage zur Durchführung der zionistischen Ziele. Der lebhafte Beifall des Kongresses zeugte von der Übereinstimmung der Delegierten mit den Vorschlägen des türkischen Redners. i<A Präsident Dr. Nordau verliest ein Schreiben der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation (A. J. K. O.), worin sie sich gegen die von Herrn Wolffsohn gemachten Vorwürfe verwahrt und sie als auf falscher Information beruhend bezeichnet. Wolffsohn erklärt demgegenüber, daß er bei seinen Ausführungen beharren müsse und die Dokumente, die ihn dazu veranlaßt hätten, dem Kongreß vorlegen werde. Präsident Dr. Nordau hebt aus der Fülle der eingelaufenen Begrüßungen, die wohl schon an die tausend betragen, mehrere Telegramme aus Palästina und Konstantinopel hervor, darunter insbesondere ein Telegramm des jüdischen Mitgliedes der türkischen Kammer Rousso, in dem der Kongreß und der Zionismus als in Einklang mit dem türkischen Patriotismus stehend wärmstens begrüßt wird. Zum Schluß macht der Präsident bekannt daß die Sammlung für den Genossenschaftsfonds Dr. Oppenheimers bereits nach einer Stunde die Summe von 40 000 Frs. erreicht hat. (Lebhafter Beifall.) Schluß der Vormittagssitzung l1/* Uhr. Nachstehend bringen wir die in der Dienstagvormittagssitzung erstatteten Referate der Herren J. H. Kann („Handel und Industrie in Palästina") und Dr. M. J. Bödenheimer (Die Tätigkeit des Jüdischen Nationalfonds).*) I. Referat über Handel und Industrie in Palästina Von J. H. Kann Palästina ist ein Land, wo die Wirtschaftsstatistik noch gar nicht entwickelt ist. Wenn man sich also über Handel und Industrie informieren will, dann ist man für die Beschaffung von zuverlässigen Daten auf die Konsularberichte angewiesen. Diese Berichte enthalten viele Ziffern, die ich Ihnen heute nicht alle vorführen werde. Jeder, der dafür Interesse hat, kann sich diese Ziffern selber beschaffen. Daß Palästina ebenso wie in den frühern Zeiten, auch in der Zukunft eine größere Bevölkerung wird ernähren können, davon sind wir überzeugt, wir wollen uns aber vergegenwärtigen, welche Rolle der Industrie dabei zufallen wird. Um dabei richtig vorzugehen, müssen wir wissen, was das Land hervorbringt, denn die erste Bedingung für eine gesunde Industriewirtschaft ist, daß genügend und gutes Rohmaterial ohne große Transportkosten schnell herbeigeschafft werden kann. *) Vgl. Nr. 4 unserer Kongreßausgabe, S. 1206, 2. Spalte, Z. 34 v. u.

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