Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- [Sonder-Ausgabe] Nr. 5 (30.12.1909)
- Date
- 1909-12-30
- Page
- Seite 1219 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 5 DIE^ELT 1219 Ich bin zwar auch kein Geschäftsmann, und wenn ich von Geschäften rede, wird nimi mir das gewiß zum Vorwurf machen. Aber schließlich ist doch jeder Jude in etwa mit Geschäften verwandt. Und gestützt auf -dieseVerwandtschaft muß ich hier sagen, wir müssen unbedingt Land, mehr Land erwerben. Das ist unsere einzige Aufgabe. 10 Leute, die in Palastina sitzen, ziehen 100 und 1000 nach sich, und darum müssen wir dafür sorgen, daß unser Menschenmaterial in Palästina sicli vermehrt. Gestern ist hier gesagt worden: Warten ist ein Kummer, warten ist keine Schande. Ich muß darauf antworten: untätig sein ist eine Schande. (Beifall). Untätigkeit ist noch mehr, sie ist ein Schaden, der alles verderben kann. Ein kleines Kind, das aus Palästina zu uns kommt und hebräisch lallt, wissen Sie, was für ein Agitationsmittel das für uns ist? Wie das uns ans Herz greift? Ich möchte nicht über die Bank reden, ich fürchte, man wird mir wieder mein Eabbinat vorwerfen. Ein Rabbinat ist nämlich auch nur ein Kummer, aber keine Schande (stürmische Heiterkeit). Wir werden es Wolifsohn immer danken, daß er dafür gesorgt hat, daß die Gelder unsrer Pank mündelsicher angelegt werden. Das ist eine Tat. Aber sie sollten in Palästina mündelsicher angelegt werden. Soweit mir bekannt ist, haben wir aus den in Palästina angelegten Geldern noch keine Verluste erlitten. Wir warten auf einen großen Augenblick, und wenn er auch noch nicht gekommen sein sollte, wir dürfen nicht untätig warten, wir müssen arbeiten, arbeiten. Kaplanski, Wien: Die Palästinarefernte .sollten der leitend«» Gedanke des ganzen Kongresses sein. Über die indiistriof ordernde Politik der Bank brauchen wir hier nicht zu sprechen, diese Arbeiten und ihre Zukunft sind gesichert, niemand wird zweifeln, daß das jüdische Volk imstande ist, das führende Volk in Industrie und Handel in Palästina zu werden. Aber das Palästinaressört sollte sein Augenmerk auch auf eine vernünftige zweckdienliche Verkehrspolitik richten, eventuell Gesellschaften dafür organisieren, und dies natürlich mit jüdischer Arbeit in Palästina und den Nebenländern durchzuführen suchen. Die nationale Frage in Palästina ist und bleibt die Agrarfrage. Das Problem besteht nicht nur darin, ein Volk, das jahrhundertelang sieh nicht mehr mit dem Ackerbau besdiäftigt hat, für die Landwirtschaft zu <vrziehen, sondern es ist die Frage der besitzlosen Einwanderer. Meine Fraktion steht auf dem Standpunkt, daß wir verpflichtet sind, für die Besitzenden ein Kreditinstitut zusehaffen, aber wir wenden uns dagegen, daß die Agrarbank aus bestehenden Fonds gespeist wird, die zu ganz andern Zwecken bestimmt sind. Man soll eine Agitation machen, genau so wie damals bei der Gründung der Kolonialbauk. Wir wenden uns gegen die Verwendung des Jüdischen Nationalfonds, dieses jüdischen Volksvermögeiis für Kreditzwecke. Der Zweck des Nationalfonds ist, Boden zu kaufen — und icli füge hinzu, den eigenen Boden auch in bewirtschaftungsfähigen Zustand zu versetzen. Der Nationalfonds darf aber nicht für Privatzwecke verwendet, er . darf nicht in eine Kreditkasse verwandelt werden. Der liedner, dessen Peclezeit abgelaufen ist, kündigt einen Antrag an, den seine Fraktion gemeinsam mit andern Landsmannschaften einbringen werde: die genossenschaftliche Kolonisationsmethode in den Bereich der zionistischen Organisation aufzunehmen.. Die geplante Agrarbank könne nur ein Kreditinstitut werden für die Kreditfähigen, nicht für die besitzlosen Arbeiter. Der jüdische Proletarier könne jetzt im Lande nicht seßhaft gemacht werden. Für ihn sei Palästina ein Land der Auswanderung geworden. Er hoffe, daß der gesamte Kongreß dieser wichtigsten Frage der jüdischen Einwanderung in Palästina die nötige Aufmerksamkeit schenken werde. (Beifall.) Ben Zwi (Palästina) spricht im Jargon im Sinne von Eisenstadt. Man müsse mehr Fühlung haben mit Palästina. Die Bank ist unser "Rückgrat in Palästina, aber wo ist ihre soziale, wo ihre politische Wirkung? Für die jüdische Arbeiterschaft geschieht nichts. Tausende sind hingekommen, haben ihren Sehweiß vergossen, gearbeitet, gehungert, und sind zurückgegangen, weil sie nicht die Möglichkeit hatten, weiter zu existieren. Der Redner kündigt einen Antrag zur Schaffung besserer Arbeitsbedingungen für Palästina im hygienischem und sonstigen Sinne an. Dann wird um 7 Uhr die weitere Diskussion auf Mittwoch vertagt. Vierter Verhandlungstag Mittwoch den 29. Dez. 1909 Vormlttagssitzung Präsident Dr. Max Nordau eröffnet die Sitzung um IOV2 Uhr. Die Diskussion über das Palästina-Ressort wird fortgesetzt. Dr. Franz Oppen heim er (mit lebhaftem Beifall begrüßt): Es sind jetzt sieben Jahre, daß ich mit Herzl zuerst über die Angelegenheit sprach, die ich nun wieder behandle. Sieben Jahre hat mich die zionistische Bewegung um meine Braut dienen lassen. Ich hoffe, Sie .werden mir diesmal gleich sofort die schöne Rahel geben und nicht erst die triefäugige Lea. (Heiterkeit.) Sieben Jahre ist das her. Ein halbes Jahr darauf haben Sie mir in Basel zugejubelt. Es ist beim Jubel geblieben. Und doch hat es sich um Pläne gehandelt, die uns ein ziemliches Stück hinübergeführt haben über das, was man neuerdings mit einem zierlichen Ausdruck als Schnorrerunternehmung zu bezeichnen liebt. Als Herzl mich für seijie Pläne warb, wußte er, daß es sich um mehr handelt, als um Kleinkolonisation, als um Rachmoties, um mehr als nur großzügige Philanthropie: um eine Volkssache, und darüber hinaus um eine Menschheitssache, urn eine Sache, die den besten Extrakt zweihundertjähriger wissenschaftlicher Arbeit bildet, von der ich nur die letzte Creme abgeschöpft habe. Es ist mehr als eine rein-jüdische oder gar nur eine ostjüdische Sache, um die es sich hier handelt, was wir in Palästina machen wollen: Ein Vorbild für die Menschheit, damit die alten Prophezeiungen wahr werden, die von unserm Volke sagen, daß es in die Welt zerstreut worden ist, um auf seinem Lebenswege der Welt die Erlösung zu bringen (Beifall). Heute komme ich zum letztenmal. Nicht um zu betteln, nicht um zu schnorren, sondern um zu fordern, um streng zu heischen, was Ihre Pflicht und Schuldigkeit ist dem Schaffen des Mannes gegenüber, der sein Wort hier verpfändet hat, Ihre Schuldigkeit Ihnen selbst gegenüber, dem ganzen jüdischen Volke gegenüber, das auf Sie blickt. Was ich will, und die gesamte Leitung mit mir, ist die genossenschaftliche Kolonisation. Man hat mich gefragt, ob ich auch die jüdische Individualität bedacht hätte, ob sie die Genossenschaft auch ertrage. Ich kenne nur eine Vollendung des Individualismus, d. i. die Genossenschaft. Nicht im Kommunismus oder Kollektivismus, wie sich irrtümlich der Sozialismus zu nennen pflegt, kann der freie Mensch atmen. Die Genossenschaft bedeutet neue Freiheit. Wir wollen Ketten brechen, nicht neue Ketten schaffen (lebhafter Beifall), mit allen Mitteln, die möglich sind, erprobten und unerprobten. Aber wenn wir das Volk ansiedeln wollen, als eine gleichmäßig organisierte Masse, sicher vor jeder fremden Invasion, politischen und wirtschaftlichen, da predigt Ihnen alle Weltgeschichte einen einzigen Satz, und der muß unheilbar blind sein, der dieses geweihte Gesetz der Welt- und Wirtschaftsgeschichte nicht sieht, und dieser Satz lautet: Wer Städte schaffen will, muß Bauern schaffen. (Lebhafter Beifall.) Wenn wir Erfolge haben wollen, wenn unsere Sache nicht im Sande versickern soll, dann heißt es für uns: Bauern schaffen. (Beifall.) Auf welche Weise, das ist gleich. Aber es muß mit aller Energie und allen Mitteln auf das eine Ziel hingearbeitet werden, uns eine agrarische Grundlage zu geben. Was ich Ihnen empfehle, ist nicht mein Werk, aber ich bin vielleicht augenblicklich in der Welt der einzige genaue Kenner dieses Spezialgebietes. Ich habe einen leidlich wissenschaftlichen Namen zu riskieren, und ich kann von Ihnen verlangen, ganz abgesehen davon, daß mir Zusagen gemacht worden sind, daß Sie dem Manne, den Sie zu Ihrem vertrauten Berater gewählt haben, so weit über den Weg trauen, daß Sie ihm die Mittel geben, wenigstens einen Versuch zu machen. (Lebhafter Beifall.) Ich will den bekannten Umweg nehmen, der am nächsten zum Ziele führt. Ich will die bäuerlichen Kleinbetriebe schaffen auf dem Umweg über den Großbetrieb. Ich will die Genossenschaft herbeiführen auf dem Weg über die Gewinnbeteiligung. Es soll eine Anzahl ausgesuchter Arbeiter unter ausgezeichneter Leitung in einem Großbetrieb vereinigt werden. Sie sollen ihren festen Lohn bekommen und eine nach den Erfolgen des Unternehmens abgestufte Gewinnbeteiligung über ihren Lohn hinaus. Davon verspreche ich mir dreierlei gewaltige Vorteile: pädagogische, technische und finanzielle. Wir werden gezwungen sein, das ausgesuchte Material erst körperlich zu kräftigen, genossenschaftlich zu stählen und zu schulen. Das Risiko schlechter Ernten können wir nicht auf die Schultern armer Arbeiter wälzen, die nichts besitzen. Das muß die genossenschaftliche Organisation tragen. Allein dafür sind wir nicht da. Hierfür kann die P. L. D. C. sorgen. Diese bietet auch den zweiten Vorteil, den technischen. Auch sie stellt das Geschäft zunächst auf den Großbetrieb, der die Kapitalsintensivität mit der Arbeitsintensivität vereinigt. Soweit ist also der von Prof. Warburg eingeleitete Plan dem meinigen gleichwertig. Aber er steht außer Konkurrenz in bezug auf die finanziellen Mittel. Prof. Warburg setzt Bauern an, die niemals die vorgeschossenen Kredite hoch verzinsen werden. Wenn mein Plan gelingt, in welchem der Großbetrieb selbst nicht als dauernd gedacht ist, sondern nach einer gewissen Zeit in die Hände der zu Genossenschaften vereinigten Arbeiter übergeht, so liegen finanzielle Möglichkeiten vor, die kein anderes System erreichen kann. Nicht der Kleinbetrieb und nicht der Großbetrieb ist das Rentabelste, sondern der Großbetrieb mit einer Arbeitsleistung, die