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Die Welt · 1909-12-30 · [Sonder-Ausgabe] Nr. 5 (30.12.1909) · p. Seite 1218

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
[Sonder-Ausgabe] Nr. 5 (30.12.1909)
Date
1909-12-30
Page
Seite 1218 (sequence 4)
Language
German
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1218 DIEE^ELT No. 5 fällt eine Anekdote ein: Ich saß vor einer Reihe von Jahren mit Herzl einmal in London zusammen, und in unserer Gesellschaft war ein Historiker. Der sagte: Sie glauben ihre Schätze im Kassenschrank zu haben, ihre Schätze haben Sie aber in ihrem Verzeichnis: 135 000 registrierte Namen. Welchen Wert kann das nach 100 Jahren für die Geschichte haben! Nonsens, antwortete Herzl, unsere Schätze sind weder diese 250 000 Pfund noch dieses Register von Namen, sondern unsere Schätze sind die Hoffnungen und das Vertrauen des jüdischen Volkes. (Beifall) Ich bin kein Mensch der Phrase, aber ich glaube, daß wir mit ruhigem Gewissen sagen können: Um die Hoffnungen und um das Vertrauen des jüdischen Volkes zu rechtfertigen, sind wir nur zu einem verpflichtet: arbeiten, arbeiten und arbeiten. (Lebhafter Beifall). Tin Namen dos Aufsichtsrats der Bank verliest Dr. Fried em an n folgende Erklärung-: Da der Kongreß diesmal nicht wie gewöhnlich im Sommer stattfinden konnte, die jährliche ordentliche Generalversammlung einer Gesellschaft jedoch nach den Vorschriften der englischen Gesetze nicht später als 15 Monate nach der vorhergegangenen jährlichen ordentlichen Generalversammlung abgehalten werden darf, wai; es nicht möglich, es so einzurichten, daß die Generalversammlung des Trust in diesem Jahre zur Zeit des Kongresses stattrindet. In Zukunft soll darauf geachtet werden, daß die Generalversammlung wieder mit dem Kongreß zusammen abgehalten wird. Vor Eintritt in die Diskussion bringt der Vorsitzende den von Dr. Tsclilenow am Schlüsse seines Referats angekündigten Atitrag zur Abstimmung. Die Agrarkreditkoinmission beantragt, einen Ausschuß zu wählen, der die Agrarkreditfrage beraten und dem Kongreß Vorschläge unterbreiten soll. Der Permanenzausschuß schlägt als Kommissionsniitglieder vor: Jacobus IT. Kann, Xeiditseh, Feldstein, Pndlisehewsky, Gurewitsch, Benjacob, Dr. Katzeuel s< »1 in, Kremenezky, Bertra nd Hamburg, Dr. D ryf u ß, A cl o 1 f Böhm, Dr. Rappaport, Moser, Julius Simon, A. Simons, Dr. Alex. Hausmann, Dr. J. W. Steiner, M. H. Schein, Hepncr, Dr. Franz Oppenheiiner, Moise Cohen, Dr. Emil Margulies, Beii-Zwi, Essischkin, Dr. Syrkin, Bernsteiu-Kohan, Struck, Ahronowitsch. Ferner gehören dem Ausschuß an die Mitglieder der Agrarkommission: Prof. Dr. Warburg, Dr. Tschlenow , Dr. Bodenheimer, Soskin, Hnntke, Boris Goldberg und Dr. Jacobson. Der Vorsitzende erklärt auf Anfrage, daß zu den Vorschrägen, die der Ausschuß machen werde, eine Debatte auf dem Kongreß eröffnet werden wird. In der Diskussion über die Palästinaberichte erhält als erster Redner das Wort E is en st a dt- J er us a 1 e m* Er spricht Jargon : Der Kongreß hat zwei Tage lang debattiert über Dinge, die man aus eigener Anschauung nicht kennt, denn dazu muß man in Erez Jisroel gewesen sein. Ich habe von den Makkabäem in Jeruscholajim das Verbot mitbekommen, der Leitung zu applaudieren, sogar dem Präsidenten Wolfis« >hn, obwohl wir großen Respekt vor ihm haben; nicht weil wir gegen ihn sind, sondern weil ein guter Präsident nur der sein kann, der in Erez Jisroel sitzt. Nur einem habe ich trotzdem applaudiert, und das ist Prof. Warburg. Wir sagen nicht, daß die (Dehler schlecht verwaltet werden; sie werden gut verwaltet, aber es wird von hier aus verwaltet und nicht von Erez Jisroel. Erst dann werden Sie etwas machen kinmen, wenn Sie in Erez Jisroel sitzen. Auf einen Schlußruf erwiodert der Redner: Ich rede im neuen jüdischen Parlament. Ihr redet hier im Namen von 200 Zionisten, die Seh ekel zahlen; ich rede im Namen von Zion. Ob das Aktionskomitee klein ist oder groß, ob es einer ist oder ein Kollegium, es kann nichts machen, wenn es nicht in Erez Jisroel sitzt. Wenn ihr sagt, ihr habt kein Geld, so sage ich Euch, wenn Ihr die Lage in Erez Jisroel kennen würdet, so würdet Ihr G-eld haben. 'Pausende sind mit viel Kapital gekommen, aber man hat nichts organisiert und sie sind wieder zurückgegangen. Der Redner kündigt schließlieh eine Resolution an, die Leitung nach Palästina zu verlegen, und zwar durch Bildung eines Palästinarats von Palästinensern, in dein die Direktoren der Institute sitzen und an der Spitze ein oder zwei Mitglieder des E. A. O. Blitz-Dessau verkündet als Vertreter der Ortsgruppe Dessau, daß diese 100 Ölbäume gespendet und der Hamburger Kongreßstiftung 300 JC zuführt.1 (Beifall.) Des weitern teilt er' mit, daß die Baronin-Oohn-Oppenheiin-Stiftung in Dessau eine beträchtliche Summe, deren genaue Ziffer er noch nicht nennen dürfe, auf die Dauer von 10 Jahren für die Kolonisation Palästinas bewilligt habe. (Beifall.) Als man die Institute begründete und uns verkündigte, was alles in Palästina geschaffen werden solle, da hat es uns in Begeisterung versetzt, und ich bin auch überall im Lande herumgezogen und habe geschildert, was wir zu erwarten haben. Aber als ich nach Palästina kam, habe ich den Unterschied zwischen Theorie und Praxis gesehen. Die Olbaumspendo war gewiß ein großer Gedanke, und es ist gewiß sehr schön, wenn da grüne Bäume mit Früchten sind; da würde selbst Herr Cowen aus London Appetit bekommen. (Große Heiterkeit.) Es sind ja schon Bäume gepflanzt, aber man hätte doch weiter sein können. Die Leitung hätte die praktische Palästinaarbeit weit mehr fördern können. Das Baseler Programm soll und muß bestehen bleiben, aber es muß dabei in erster Reihe, in den Vordergrund gerückt werden, daß unsere Hauptaufgabe ist, die Besiedelung Palästinas mit jüdischen Bauern. (Lebhafter Beifall.) Vizepräsident Dr. Bodenheimer teilt mit, daß 7o Redner vorgemerkt sind. Auf seinen Vorschlag wird die Redezeit auf 10 Minuten beschränkt. Dr. Daiches: Gestern war der Kongreß in einer Hurrastimmung, heut schien es fast, als ob die Neiguug vorhanden sei, nüchternen Worten zuzuhören, aber wenn man genauer hörte, merkte man, daß die anscheinend nüchternen Worte doch nicht ganz nüchtern waren. Man will für Palästina etwas tun, aber erst dann, wenn die Zeit gekommen ist. Das ist die alte Klausel, die, wenn man sie nicht ausrottet, den Zionismus zugrunde richtet. Wolffsohn hat ja gestern eine Rede gehalten, die eines Präsidenten durchaus nicht würdig war. (Vereinzelter Beifall, lebhafter Widerspruch und große Unruhe.) Vorsitzender Dr. Bodenheimer: Ich weise diesen Ausdruck zurück und rufe den Redner zur < )rdnung. (Stürmischer Beifall.) Daiches fährt fort: Der Präsident hat sich ja gestern zum offiziellen Verteidiger von Gowen aufgeworfen, da hätte Prof. Warburg aber schon längst den Laufpaß haben müssen, wenn das wahr ist, was Cowen über ihn gesagt hat. (Schlußrufe.) Wenn die Geschäfte Warburgs so schlecht waren, daß Cowen nicht einmal ein Pfund gehen wollte, so hat das E. A, C. Verrat geübt, wenn es unser Geld dazu hergegeben hat. (Vereinzelter geifall, heftige Gegenrufe und stürmischer Widerspruch.) Vorsitzender Dr.B od enheimer: Der Redner gebraucht fortwährend Ausdrücke, die die parlamentarischen Regeln verletzen. Ich muß ihn bitten, sich in den Grenzen der parlamentarischen Übung zu halten. Dr.Daiches: Es liegt mir gar nichts daran, hier mehr oder weniger zu sprechen (Rufe: Uns liegt auch nichts daran), ich will nur, daß wir endlich einmal von hier mit einem positiven Resultat weggehen. Wir wollen nur wissen, wer recht hat, Cowen oder Warburg. Ich stelle folgenden Antrag: Dieser Kongreß wolle seine Entrüstung über die von Cowen an Prof. Warburg gerichteten Briefe zum Ausdruck bringen. Vorsitzender Dr. Bodenheimer: Ihre Redezeit ist abgelaufen. Dr. Daiches: Also meine Zeit ist um, hoffen wir aber, daß die Zeit des Zionismus noch nicht um ist. (Beifallsrufe und Unruhe.) Dr. Hausmann-Lemberg geht gleichfalls auf den Briefwechsel Cowen-Warburg ein. Der Kongreß muß doch entscheiden, ob er die von Prof. Warburg eingeschlagene Richtung fortführen will. Die Hauptsache ist jedenfalls, daß wir etwas in Palästina geschaffen haben. Wenn Fehler gemacht wurden, so können sie immer noch verbessert werden. Wir haben uns Palästina doch nicht als Land gewählt wegen seiner besondern wirtschaftlichen Vorzüge, wir wollen dort auch arbeiten, wenn die Verhältnisse nicht besonders günstig sind. Der Redner will dem E. A. C. eine Reihe von Anträgen zum Studium übermitteln. Er macht ausführliche Vorschläge für die Art des Bodonerwerbs, bei der man Reibungen mit den Arabern vermeide. Ebenso weitere Vorschläge bezüglich der Auswahl des Kolonisationsmaterials. Es ist ein Irrtum, daß wir einen Überfluß an Kolonisationsmaterial haben. Nicht jeder, der sich meldet, eignet sich. Es sind große Fehler gemacht und Verluste erlitten worden durch die Unkenntnis des palästinensischen Ackerbaus. Es muß erst das Kolonisation smaterial erzogen werden. Die Rednerliste wird geschlossen. Dr. Thon-Krakau: Es ist mir wahrlich keine Freude, Kritik üben zu müssen. Es wäre mir und uns allen lieber, uns bei dem Guten, was die Leitung geleistet hat, zu beruhigen. Leider ist das nicht möglich. Und gerade was die Palästinaarbeit anlangt, müssen wir sagen, daß hier seitens des E A. C. lange nicht genug geschieht. Es ist bedauerlich, daß auf diesem Kongreß die alte Differenz zwischen politischem und praktischem Zionismus wieder aufgerollt worden ist, ich glaubte, wir seien längst eins geworden. Heute gibt es ja nur einen politischen Zionismus, einen Zionismus, der das Ganze will. Wir arbeiten nicht für die armen Leute, wir arbeiten für das Judentum. Die Politik war ja niemals der Zweck des Zionismus, Politik als solche kann überhaupt kein Zweck sein, sie war nur ein Mittel. Und mit Geld allein ist es auch nicht getan, wir brauchen auch Menschen.

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