Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-12-29 · 4 (29.12.1909) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
4 (29.12.1909)
Date
1909-12-29
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316355--51517-3346407
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

1206 DIE3^ELT y No. 4 in bezug auf das Bedürfnis unseres Volkes nach Kolonisationsmöglichkeit und die Emigration in Palästina können wir durchaus nicht zufrieden sein. Palästina bedeutet bisher noch eine sehr kleine unbedeutende Ablenkung des Emigrationsstromes, und was noch trauriger ist: er ist hauptsächlich im städtischen Leben zu merken, viel weniger im ländlichen, während es uns doch hauptsächlich auf die ländliche Seßhaftmachung der Juden ankommt. Was trägt die Schuld daran? Land und Leute sicherlich nicht, sondern die Bedingungen der Ansiedlung. Die Schwierigkeiten waren dreifacher Natur: politischer, kolonisatorischer und finanzieller. Das herrschende Regime mit der Unsicherheit und dem Willkürsystem konnten wenig anziehend wirken. Zwar halten sich manche dadurch, daß sie ausländische Untertanen sind, aber auf die Dauer ist das kein richtiger Weg, und bei den türkischen Agrargesetzen und Gebräuchen konnten sie ihr Eigentum nicht juristisch-formal sichern. Außerdem war dabei das Gefühl der Unselbständigkeit vorhanden. Die Agrargesetze boten eine weitere sehr empfindliche Schwierigkeit, und da waren wir zu einer Abänderung ganz unzuständig. Bei dem frühern Regime konnten wir auch nicht die notwendigen Einrichtungen für langfristige Kredit- und Vorbereitungsarbeiten für diejenigen, die sich ansiedeln wollten, treffen. Das Kreditinstitut ist das erste und wichtigste Bedürfnis jeder Siedlung, insbesondere jeder neuen. Wir haben in Palästina eine Bank geschaffen, sie hat aber nur den Charakter einer Kommerzbank angenommen, mit kurzfristigen Handelsoperationen und bestenfalls mit Betriebskredit für die Kolonisten. Für den Bodenkredit der Ansiedler war nichts geschaffen worden. Das muß je schneller, je besser beseitigt werden. Ein ebenso wichtiges Hemmnis war das Fehlen jeder Vorbereitung. Man glaubte, es genüge, wenn man ein Stück Boden kaufte und es unbebaut den Ankommenden empfahl. Das Verdienst des Prof. Warburg und des Dr. Ruppin ist es, diese eminent wichtige Aufgabe in den Vordergrund gerückt zu haben. Die Gründung der P. L. D. C. war diesem Zwecke gewidmet, und die Verwirklichung dieser Idee wird eine der Grundlagen unserer Arbeit in der nächsten Zukunft bilden. Der Neuankommende kann nicht allein Wege anlegen, Brunnen graben, den Boden kulturfähig machen, sich Sicherheit verschaffen, alles dies wird überall vom Staat oder von korporativen Gesellschaften besorgt. Der Redner nimmt Bezug auf die Tätigkeit der preußischen Ansiedlungskommission und resümiert, indem er nochmals die grundlegende Bedeutung des Kreditinstituts betont: Die Umwälzung in der Türkei hat uns neue Möglichkeiten eröffnet und neue Saaten reif gemacht, die früher nur ein theoretisches Interesse für uns hatten. Es unterliegt keinem Zweifel, daß das türkische Parlament in kurzer Zeit das Gesetz des Eigentums juristischer Personen beschließen wird. Das ist ein Lebensbedürfnis des Reiches, das nach Entwicklung strebt, das eigenes und fremdes Geld in organisatorischer Form zur Arbeit heranziehen muß. In absehbarer Zeit werden auch die Bodengesetze reformiert werden, so daß die Tätigkeit einer Kolonisationsgesellschaft nicht mehr auf die frühere Schwierigkeit stoßen wird. Unter diesen Umständen müssen wir rechtzeitig an die Arbeit gehen, die unserer solange harrt. Andere Institute haben sich bereits gerüstet und Gesuche der Regierung über solche Gründungen eingereicht. Das Statut der Banca Nationale Turquie ist bereits genehmigt. Die Kommission, die auf meinen Vorschlag im März eingesetzt wurde, hat ihre Aufgabe nach allen Richtungen zu erfüllen gesucht: Den Bodenkredit und die Ansiedlungspolitik in verschiedenen Ländern, insbesondere in Ägppten und in der Türkei studiert, unter Berücksichtigung des für Palästina Passenden und Möglichen. Eine Aufklärung über die Verhältnisse in der Türkei in der uns interessierenden Beziehung und auf der andern Seite eine Aufklärung der Stimmung in unserm Volke zu erlangen. DieErgebnisse ihrer Arbeit hat die Kommission dem A. C. übermittelt, und sie stellt im Verein mit dem A. C. den Antrag, einen Ausschuß zu wählen, der sich während der Kongreßtagung damit eingehend beschäftigen und dem Kongreß eine Resolution unterbreiten solle. Vor elf Jahren hat unsere Organisation auf dem zweiten Kongreß den Grundstein zu unserer ersten großen Gründung gelegt, sie hat die Gründung der Jüdischen Kolonialbank prinzipiell beschlossen. Vor dem Kongreß wurde damals eine Probe-Subskription eingeleitet, um festzustellen, wie weit man auf eine Unterstützung rechnen kann. Diese Subskriptionsprobe ist glänzend verlaufen. Vier Millionen Francs sind in wenigen Monaten subskribiert worden. Wir sind noch nicht in der Lage, auf diesem Kongreß diese Subskription zu proklamieren; wir hoffen aber, die Zeit ist nicht fern, wo wir dazu die nötigen Grundlagen haben werden und wo wir dann an unsere Organisation und an das gesamte jüdische Volk appellieren und es zur Verwirklichung dieser großen Aufgabe auffordern können. Und wir sind überzeugt, der Wiederhall wird diesmal noch kräftiger sein, als es vor 11 Jahren bei der Gründung der ersten Bank der Fall war. (Stürmischer Beifall.) Der Vorsitzende, Dr. Max Nord au, macht unter starkem Beifall der Versammlung Mitteilung von einer Stiftung der freien zionistischen Vereinigung in Prag, die vertreten durch Professor Dr. Alfred Engel, unter dem Eindruck des Vortrags von Herrn Professor Warburg dem Kulturfonds 150 Kronen stiftete. Sodann teilt der Vorsitzende mit, daß Syrkin im Namen der Fraktion des jüdisch-nationalen Arbeiterverbandes Poale Zion folgenden Antrag eingereicht hat: „Der Kongreß beschließt, eine 15gliedrige Kommission einzusetzen, welcher das E. A. C. alle nötigen Aufklärungen bezüglich des Standes der politischen Tätigkeit in der Türkei gibt". Der Vorsitzende bittet den Präsidenten David Wolffsohn um seine Meinungsäußerung. Wolffsohn: Ich habe nur das eine Bedenken: Wenn man einen derartigen Antrag einbringt, muß man vorher über die Sache gesprochen haben. (Sehr richtig.) Sonst weiß man nicht die genauen Zwecke, und ich glaube, es wäre besser, wenn der Antragsteller zuvor mit der Leitung gesprochen hätte. Prinzipiell habe ich nichts dagegen und möchte nur mit Syrkin über die Personenfrage sprechen Vorsitzender Dr. Nordau: Ich gebe es also dem Antragsteller anheim, sich über diesen Punkt mit der Leitung zu verständigen. Eine Erörterung darüber findet nicht statt, wir werden später zwischen den zwei Referaten abstimmen lassen. Sodann erstattete unter lebhaftem Beifall der Versammlung Herr J. H. Kann den Bericht über „Handel und Industrie in Palästina" und Herr Dr. Bodenheimer (Köln) den Bericht über den Jüdischen Nationalfonds. (Wir werden diese beiden Referate in der nächsten Nummer bringen.) Die für den Vormittag in Aussicht genommene Tagung ist damit erledigt. Präsident Dr. Max Nordau macht unter dem Beifall der Delegierten Mitteilung über eine Reihe von Stiftungen: Eine christliche Dame aus Harnburg hat zur Erinnerung an die selige Frau Pastor Fromm in Teterow (Mecklenburg) c^8oo.— gestiftet, zur Hälfte für den Herzlwald und zur Hälfte für die Stipendienstiftung der Hamburger zionistischen Ortsgruppe. Die Herren Eugen Löbel und Leopold Singer aus Essegg haben aus Anlaß des Kongresses dem Jüdischen Nationalfonds je Kr. 500.— gespendet. Von Samuel Barbasch' (Odessa) ist ein Schreiben eingetroffen, worin er lebhaft bedauert, durch Krankheit an der Teilnahme am Kongresse verhindert zu sein. Er stiftet Jt 300.— zur Eintragung des Kongresses, der zionistischen Institutionen und Funktionäre ins Goldene Buch des J. N. F. In einem längern Schreiben entschuldigt auch Sir Francis Montefiore seine Abwesenheit. Er ist durch seine Teilnahme an den gegenwärtigen Parlamentskämpfen in England verhindert zu erscheinen. Der Präsident Dr. Max Nordau erwähnt diesen Fall besonders, um an ihm zu zeigen, wie man sehr wohl ein guter Zionist sein und der politischen Bürgerpflicht seinem Heimatlande gegenüber in weitestem Umfang nachkommen kann. Unter stürmischem Beifall verkündet Dr. Nordau sodann, daß eine auf dem Kongreß vorgenommene Sammlung für die Begründung einer Arbeiter-Siedlungsgenossenschaft in Palästina nach dem Vorschlag von Dr. Franz Oppenheimer bis jetzt bereits die Summe von Frs. 10000 ergeben hat. Vor Schluß der Vormittagssitzung erteilt der Vorsitzende Herrn Dr. Syrkin das Wort zu der Erklärung, an der er am Abend

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.