Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 4 (29.12.1909)
- Date
- 1909-12-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4 - - DlE^ des gestrigen Tages durch den Eindruck der Vorgänge beim Schluß der Sitzung verhindert war. Dr. S y r k i n : Ich bin derjenige, der auf dem siebenten Kongreß die Spaltung angekündigt hat, und ich will jetzt eine Erklärung abgeben, welche meinen Wiedereintritt in die Zionistische Organisation begründen soll (Hört, hört.) Für den Zionismus als einen politischen und sozial-wirtschaftlichen Begriff ist die Landfrage irrelevant, allein die Machtlosigkeit, der Mangel schöpferischer Kräfte innerhalb unseres unglücklichen Volkes hat den Territorialismus zu einer Illusion gemacht, und in der Machtlosigkeit der jüdischen Nation liegt die Macht des Palästinismus. (Hört, hört.) Imponderabilien und irrationelle Motive erweisen sich hier stärker, als organisatorische Pläne, und auf diese Weise ist der große territorialistische Traum zu Grabe getragen worden. (Hört, hört! und lebhafter Beifall. Zuruf: „Er hat nie gelebt".) Innerhalb des jüdischen Volkes hat die territorialistische Idee keinen großen Boden gehabt. Die jüdische Großbourgoisie und das jüdische Bürgertum haben im Territorialismus ein schlechtes Geschäft erblickt, und das jüdische Proletariat und die jüdischen Sozialisten, welche die Träger des territorialistischen Gedankens waren, waren innerlich in verschiedene Parteien und Parteiungen gespalten und erwiesen mehr Charakter und Mut in der Kritik, als in der ausdauernden Tätigkeit. (Lebhafte Zustimmung). Darum ist es kein Wunder, daß der Leiter des Territorialismus, Israel Zangwill, zu dem seltsamen Paradoxon sich verstiegen hat, daß die jüdische Plutokratie, diese häßlichste Erscheinung der jüdischen Geschichte, das größte Werk der jüdischen Geschichte, die Befreiung der jüdischen Nation, vollbringen werde. Das war der größte Irrtum des Vaters der Ito. Nach langem Suchen und langem Forschen und langer unbarmherziger Kritik des Palästinismus ist der Territorialismus durch die Macht der Verhältnisse wiederum in die Grenzen Palästinas geraten. (Hört, hört! und lebhafter Beifall.) Schon die Expedition der Ito nach Cyrenaica ist der erste faktische Annäherungsversuch des Territorialismus zum Zionismus, und als die türkische Revolution ausbrach, wurde eine neue Grundlage für die Vereinigung des Territorialismus und des Zionismus geschaffen. Große territorialistische Perspektiven eröffnen sich in Palästina. Palästina ist ein Territorium geworden. Das Land der Väter ist zu gleicher Zeit auch das Land der Kinder geworden. Anderseits hat der Territorialismus . sein Augenmerk auch auf Mesopotamien gerichtet, und Mesopotamien liegt bereits im Programm des Ziomsmus. (Ruf: Na, na.) Für alle billig denkenden Zionisten ist es darum klar geworden, daß der Moment da ist für eine Vereinigung des Territorialismus und des Zionismus. (Hört, hört! und Beifall.) Es ist deshalb kein Wunder, daß der erste Vereinigungsversuch aus denselben Kreisen hervorgegangen ist, — ich meine aus den Kreisen der sozialistischen Territorialisten, — welche auf dem siebenten Kongresse bei einer andern Sachlage die Spaltung herbeigeführt hatten. In New York ist die Initiative von Seiten der sozialistisch-territorialistischen Arbeiterpartei gegeben worden, alle jüdisch-sozialistischen Parteien zu vereinigen zu dem großen Zweck der territorialen Lösung des jüdischen Problems in Erez Israel. (LebhafterBeifall.) Und auf dem Parteitag derPoale Zion in Chicago, wo die Vertreter der übrigen sozialistischen Parteien anwesend waren, ist eine Vereinigungsplattform geschaffen worden, die erste Vereinigungsplattform für den Zionismus und denTerritorialismus überhaupt. Wir haben uns geeinigt, das Land der jüdischen Zukunft sei Erez Israel, d.h. Palästina und die Nachbarländer. (Hört, hört! und lebhafter Beifall.) Wohl verstanden, daß wir unter den Nachbarländern alle Möglichkeiten großkolonisatorischer Unternehmungen, sei es in Mesopotamien oder sei es anderswo in der Nähe von Palästina, verstehen. (Zuruf: Ich protestiere gegen Mesopotamien.) Diese Vereinigung der verschiedenen jüdisch-sozialistischen Parteien ist nicht zu unterschätzen. Die jüdische Arbeiterschaft, das jüdische Proletariat ist es, welches vor allem an der Gründung einer Heimstätte interessiert ist. Die jüdische Arbeiterklasse hat alle wirtschaftlichen und politischen Motive für die Schaffung eines jüdischen autonomen Heims, und die jüdische Arbeitermasse und die jüdischen Sozialisten sind es, welche in den Zionismus die große Perspektive hereinbringen können, welche, — ich will mich so ausdrücken, — territorialistische Unruhe in die zionistischen Kreise hereintragen können. (Zuruf.) Unter territorialistischer Unruhe verstehe ich das große leidenschaftliche Bestreben, das jüdische Problem territorial zu lösen, d. h. die Konzentrierung der jüdischen Nation in einem Lande und somit die endgültige Lösung der jüdischen Frage herbeizuführen. (Widerspruch. Dr. Nordau ersucht den Redner, nicht über den Rahmen einer Erklärung, zu der allein er ihm das Wort erteilt habe, hinauszugehen.) Erst der Eintritt der großen Volksmassen in die zionistische Organisation wird dazu führen, daß der Zionistenkongreß, welcher jetzt nur das Symbol der organisierten jüdischen Nation ist, wirklich die jüdische Nation organisieren wird, und wenn die jüdische Nation erst organisiert ist, wird sich diese Organisation bei der jüdischen Hochfinanz, bei der jüdischen LT 1207 Großbourgeoisie Achtung und Gehör verschaffen. Wir wollen durch die öffentliche Meinung, durch den organisierten nationalen Willen die jüdische Hochfinanz dazu zwingen, den Bestrebungen der jüdischen Nation Gehör zu verschaffen. Die Herren der jüdischen Hochfinanz, die jetzt Reaktionäre sind, sollen Aktionäre werden. (Große Heiterkeit.) Von derselben Tribüne, von der ich auf dem siebenten Kongreß die Spaltung des Zionismus angekündigt habe, trete ich nun ein für die Vereinigung. (Stürmischer Beifall.) Von dieser Tribüne richte ich eine Mahnung an meine Genossen, die jüdischen Sozialisten, und insbesondere an den großen jüdischen Patrioten Israel Zangwill, daß sich alle der zionistischen Organisation anschließen zum Zwecke der Lösung des jüdischen Problems. Die Versammlung bricht in einen Beifallssturm aus. Dieser wird zum Orkan, als gerade in diesem Augenblick ein Diener einen prächtigen Strauß von weißem Flieder, umwunden mit blauer Schleife, auf die Estrade setzt und auf den Tisch des E. A. C. vor Wolffsohn niederlegt. Als der Jubel es dem Vorsitzenden Dr. Nordau ermöglichte, sich vernehmbar zumachen, bemerkte dieser: Eine unbekannte Hamburger Zionistin hat dem Präsidenten unsers Aktionskomitees diesen blühenden Fliederstrauß gewidmet. Ich sehe in dieser Blumenspende ein sinniges Symbol. Ich glaube, es entspricht den Intentionen der unbekannten Stifterin, wenn ich dieses Angebinde so deute, daß der Zionismus, ebenso wie diese blühenden Fliederzweige, ein Bote des kommenden blühenben Frühlings im Winter der gegenwärtigen Verfassung des Judentums wird. (Tosender Beifall.) Wolffsohn bricht eine Blüte aus dem Fliederzweig und steckt sie sich ins Knopfloch. Damit endigt die Sitzung des Vormittags. Nachmittagssitzung Zu Beginn der Nachmittagssitzung verlas der Präsident Dr. Max Nordau ein Telegramm des Dumaabgeordneten Nisselowitsch, der in warmen Worten als Nichtmitglied der Organisation den Kongreß begrüßt und 300 Mark für den Nationalfonds spendet. (Lebhafter Beifall.) Dann erstattete Prof. Dr. Warburg den Bericht des Vereins „Oelbaumspende" und Dr. N. Katzenelsohn-Libau den Bericht über die Banken. Die beiden Referate und die sich daran schließende Debatte bringen wir in der morgigen Nummer. Nachstehend bringen wir die von Herrn Dr. Boden hei in er (Köln) aufgestellten Grundsätze betreffs Änderung des Organisationsstatuts, die in Nr. 3 der Kongreßausgabe, S. 1187, zweite Spalte, irrtümlich weggeblieben sind. Grundsätze i. Mitgliedschaft und Wahl Jeder Zionist ist verpflichtet, den Schekel zu zahlen und den Mitgliedsbeitrag für die Landesorganisation zu entrichten. Nur die in solcher Weise ^organisierten Zionisten sind zur Wahl für den Kongreß und den Landesdelegiertentag berechtigt. Die Wahl erfolgt durch Vereine oder Ortskomitees von Mitgliedern der Landesorganisation, falls dieselben mindestens 200 Schekel abgeliefert haben. Jeder Verein und jedes Ortskomitee ist berechtigt, für je 200 Schekelzahler einen Delegierten zum Kongreß zu entsenden. 2. Aktionskomitee Das Aktionskomitee setzt sich aus folgenden Mitgliedern zusammen: 1. den Präsidenten der frühern Kongresse; 2. den Mitgliedern des Direktoriums der Jüdischen Kolonialbank und des Jüdischen Nationalfonds; 3. den Präsidenten der vom Präsidium anerkannten Landesorganisationen und Vereinsverbände von über 1000 Mitgliedern und mindestens 3000 Schekelzahlern; 4. den Mitgliedern des Kongreßgerichts und dem Kongreßanwalt 5. dem Leiter des vom Aktionskomitee eingesetzten Palästinaamts; 6. 21 vom Kongreß gewählten Mitgliedern, einschließlich der Mitglieder des Präsidiums. An der Spitze des Aktionskomitees bzw. der zionistischen Organisation steht ein Präsidium von 5 Mitgliedern, von denen jedes einen der nachfolgenden verzeichneten Ressorts zu verwalten hat.