Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 4 (29.12.1909)
- Date
- 1909-12-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1202 DIE^qKELT No. 4 Agitation für den Kulturfonds zu entfalten, ist aber auch aus dem Grunde schwer, weil alle brauchbaren Agitationsmittel schon für den Nationalfonds vorweggenommen sind. Das Palästinaressort hat, da die ersten Sammlungen nicht recht vom Flecke kamen, die Agitation den in Breslau ansässigen, als sehr rührige Agitatoren bekannten Gesinnungsgenossen Dr. Sandler und Hugo Schachtel übertragen, jedoch kann eine erneute Werbung erst nach dem Kongreß in Angriff genommen werden. Hoffentlich werden dann die Erfolge bessere sein. In Ermanglung eines besondern Fonds und bei den geringen Mitteln, welche dem Aktionskomitee durch die Schekelgelder zur Verfügung stehen, mußten in der Berichtsperiode fast alle, zum Teil sogar sehr dringenden Anträge, auf Bewilligungen aus Palästina zurückgewiesen werden. Nur für die Weiterführung des großen Hebräischen Wörterbuches von Ben Jehuda, sowie für die Anschaffungen von Turninstrumenten für das Gymnasium, wurden kleine Subventionen bewilligt, die aber nicht vom Kulturfonds, da derselbe noch nicht existierte, sondern von den Schekeleingängen des Aktionskomitees bestritten werden mußten. Es ist ein unserer Ansicht nach unhaltbarer Zustand, der natürlich auch von unsern Feinden in reichem Maße ausgebeutet wird, daß wir nicht imstande sind, irgendwelche in Betracht kommenden Geldmittel den vielen kulturellen Aufgaben in Palästina widmen zu können. Außer der Sorge für die Schulen, die im allgemeinen wohl besser andern Organisationen überlassen bleibt, gibt es in Palästina noch viele andere dringende kulturelle Erfordernisse, wie Förderung der hebräischen Sprache, Bibliotheken, Museen, Zeitschriften, Lesehallen, Fortbildungsanstalten, Toynbeehallen, Wanderlehrer, technische und wissenschaftliche Institute, Vereinigungen wissenschaftlicher' und gewerblicher Natur und deren Publikationen, sowie alle die Bestrebungen, welche die Regeneration und Vervollkommnung der Rasse in körperlicher und geistiger Beziehung bezwecken wie Sport- und Turnvereine. Auch das große Gebiet hygienischer Einrichtungen: gesunde Wohnungen, Volksküchen, Säuglingspflege, Seuchenbekämpfung, Beschaffung guten Trinkwassers, gehört in das kulturelle Gebiet. Die Unterstützung dieser Bestrebungen ist eine Forderung, der wir Zionisten uns gar nicht länger verschließen dürfen, falls wir unsere Position in Palästina verbessern wollen. Es geht nicht länger an, daß wir stets bedauernd darauf hinweisen müssen, daß wir keine Fonds hierfür besitzen, während doch jedermann weiß, daß wir jährlich Hunderttausende für den Nationalfonds aufzubringen imstande sind. Es war zweifellos ein Fehler, daß wir der Verwendung der Gelder des Nationalfonds statutarisch so enge Grenzen gezogen und sie ausschließlich für agrarische Bestrebungen festgelegt haben. (Zustimmung.) Dadas aber einmal geschehen ist, so ist es unsere Pflicht, wenigstens einzelne der Agitationsmittel des Nationalfonds aufzugeben, und sie dein Kulturfonds zu überweisen. Vielleicht eignen sich hierfür besonders gut die Marken, Telegrammformulare und Ansichtspostkarten. Wenn hierdurch die Eingänge des Nationalfonds auch um einige Prozent verringert werden sollten, so wird diese Mindereinnahme des Nationalfonds durch die eminenten moralischen Erfolge, welche wir infolge der kulturellen Arbeit in Palästina erzielen, doppelt und dreifach aufgewogen. Es wird Sache des Kongresses sein, diese für uns sehr wichtige Frage zu beraten und evtl. seinen Vertretern im Direktorium des Nationalfonds die nötigen Instruktionen zu erteilen. (Beifall.) Palestine Land Development Company Ltd. Die wichtigste Arbeit, welche das Palästinaressort in der Berichtsperiode geleistet hat, ist die Gründung der Palestine Land Development Company Ltd., diebezweckt5unsereParzellierungs-und Ansiedlnngs-Institution zu werden. (LebhafterBeifall.) Ihr ist, wie ja auch in der ersten Zeit der Ölbaumspende, das Schicksal nicht erspart geblieben, scharf kritisiert und angegriffen zu werden, und es hat ziemlich lange gedauert, bis die Bedeutung dieser Gesellschaft richtig erkannt wurde. Während die Prinzipien der Gründung dieser Gesellschaft schon im Januar 1908 die Billigung des Großen A.-C. gefunden haben, und auch schon damals die Beteiligung des Nationalfonds beschlossen wurde, so dauerte es doch noch fast l1^ Jahre, bis das von den englischen Gesetzen verlangte Minimalkapital beisammen war und alle die Formalitäten ihrer Eintragung in London erfüllt werden konnten. DasNominalkapital der Gesellschaft beträgt£50000.—, eingeteilt in Gründeraktien ä £ 50.-— und gewöhnliche Aktien ä £ 1.—, voll eingezahlt sind aber erst ca. £ 3500.—, während die Aktien für weitere £ 2500 erst teilweise bezahlt sind. Der Nationalfonds hat für die 98jährige Verpachtung seines 6500 Dunam umfassenden Gutes Kinereth, am Südende des Tiberiassee, 40 Gründeraktien im Gesamtbetrage' von £ 2000 und gewöhnliche Aktien in Höhe von £ 2500, zusammen also £ 4500 von der A. L. D. C. erhalten. Das Gut Kinereth ist schon Anfang 1908 in Bewirtschaftung genommen worden und zeichnet sich durch vorzüglichen Boden aus. Es dient dazu, jüdische Arbeiter, speziell solche, die für spätere Ansiedlung als Pächter resp. Siedler in Betracht kommen, auszubilden und anzulernen. Etwa 30 jüdische Arbeiter waren schon in diesem Jahre auf dem Gute beschäftigt, obgleich noch nicht die Hälfte desselben unter Kultur war. Im jetzt beginnenden neuen Jahre wird auch das jenseits des Jordans gelegene Land des Gutes bebaut werden, zu welchem Zweck der Nationalfonds einen durch die von der Gesellschaft auf dem Gute errichteten Baulichkeiten gedeckten Kredit von £ 1000 bewilligt hat, der aber hoffentlich durch die Neuzeichnungen sowie die Eingänge der Restzahlung der alten Aktien bald überflüssig werden wird. Leider hat sich an diesem Unternehmen bisher Rußland nur wenig beteiligt, während die englisch sprechenden Länder so gut wie ganz versagt haben, so daß auch hier wieder Deutschland und Österreich an erster Stelle stehen, denen sich dann namentlich Rumänien, Belgien und Holland anschließen. Wenn erst die Bedeutung der Arbeit dieser Gesellschaft bekannt geworden sein wird, so werden zweifellos die Zeichnungen auch schnell zunehmen; es ist dies besonders wichtig, weil erst, wenn mindestens weitere 5000 Aktien voll eingezahlt sein werden, die Hauptaufgabe, der Ankauf von weitern Gütern sowie deren Ameliorierung und Parzellierung an Pächter und Siedler in Angriff genommen werden kann. Auf diesen Moment warten nicht nur die schon ausgebildeten Arbeiter des Gutes, sondern auch zahlreiche Familien in Rußland, Rumänien und Österreich-Ungarn, z. T. gelernte Ackerbauer.