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Die Welt · 1909-12-29 · 4 (29.12.1909) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
4 (29.12.1909)
Date
1909-12-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Rednertribüne verständlich machen, und auch die persönlichen Bemerkungen der folgenden Redner gingen in der allgemeinen Bewegung unter. Dr. Brau de bemerkt, er habe sich mit der galizischen Bankgründung pflichtgemäß befassen müssen als Präsident der galizischen Landesorganisation. Er sei dabei sachverständigem Rat gefolgt, und daß dieser nicht ganz falsch gewesen sei, beweise das jetzige Blühen der Bank. Dr. Klausner (Odessa) erklärt, seine gegen Herzl gerichtete Äußerung von dem Lügner und Betrüger in Bismarckschem Sinne gemeint zuhaben, der einmal gesagt hat: Jawohl, ich habe gelogen und betrogen, aber niemals für mich, immer für Deutschland. Ein Vergleich mit Bismarck könne für Herzl keine Verunglimpfung sein. Nach Klausner spricht Kessler (Südafrika). Auch seine Worte werden von den brandenden Wogen der Erregung verschlungen. Als aber der Übersetzer in Funktion tritt und man daraus ersieht, daß Kessler einen Antrag gestellt hat, wurde es still im Saal. Der Antrag wird nunmehr vom Tisch des Präsidiums verlesen und ins Russische, Englische und Hebräische übersetzt. Er ist von einer Anzahl von Delegierten, an erster Stelle von Kremenezky-Wien, Kessler-Johannesburg und Dr. Friedemann-Berlin unterzeichnet und hat folgenden Wortlaut: „Der Kongreß dankt unserm verehrten Führer David Wolffsohn und dem E. A. C. für die seit dem letzten Kongreß geleistete aufopferungsvolle Arbeit aufs wärmste und erteilt ihnen die Entlastung, indem er ihnen sein Vertrauen ausspricht." Das lautlose Schweigen hatte sich während der Vorlesung dieser Vertrauenserklärung in vielfache Zurufe gelöst. Dann folgte ein Beifallsdonner, dem gegenüber das Bureau eine lange Zeit vergebliche Versuche machte, eine zweite, aus dem Kreise der russischen Landsmannschaft eingebrachte Resolution vorzubringen. Sie lautet: „Nach Anhörung der Berichte über die Tätigkeit des E. A. C. und der Aufklärungen des Präsidenten desselben spricht der Kongreß seine volle Anerkennung aus für die korrekte Führung der administrativ-finanziellen Geschäfte der Bewegung." Unterzeichnet ist diese Erklärung an erster Stelle von Wladimir Temki n. Vizepräsident Dr. Bodenheimer resümiert den Inhalt der beiden Resolutionen. Die eine enthalte eine unbedingte Vertrauenskundgebung, die andere mit einer bestimmten Einschränkung. David Wolffsohn nimmt das Wort zu einer Erklärung: Die Resolutionen sollen den Abschluß und das Ergebnis der Generaldebatte darstellen. Eine Resolution, die das Vertrauen ausdrückt für die Geschäftsführung und die finanzielle Tätigkeit des A. C. hat die Bedeutung: Für die andere Tätigkeit kein Vertrauen. Wäre mir der Kongreß nicht so lieb und teuer, so könnte ich jetzt lachen. Die Herren, die diesen Antrag gestellt haben, wissen noch nicht einmal, ob die finanzielle und die geschäftliche Tätigkeit des E. A. C. von den bestellten Sachverständigen geprüft sind. (Hört, hört!) Sie wollen mir das Vertrauen aussprechen und Sie haben noch nicht einmal die Bilanz. (Große Heiterkeit und Bewegung.) Wenn Sie wirklich ein so blindes Vertrauen haben zu dem E. A. C, daß sie ohne zu prüfen, ihm das Vertrauen in seine finanzielle und geschäftliche Tätigkeit aussprechen, dann haben Sie auch keine Veranlassung, in den andern Dingen ein Mißtrauen zu votieren. Ich will hören, wie der Kongreß stimmen wird, und ich erkläre Ihnen: das eine ist ein Vertrauensvotum, das andere ist ein Mißtrauensvotum. (Minutenlange Beifallskundgebungen.) Der Vorsitzende erteilt dazwischen Herrn Hoofien das Wort zur Verlesung des von dem erkrankten Revisor Herrn Feldstein erstatteten Berichts über die Kasse und Buchführung. Der Bericht ist kurz: Es ist alles in vollster Ordnung befunden worden. Der Vorsitzende verkündet dies nochmals den Delegierten, und dann schreitet man zur Abstimmung. Beide Resolutionen gelangen nochmals in den vier Sprachen zur Verlesung, woran der Vorsitzende die Mitteilung schließt, daß Temkin bittet, es als seine Ansicht auszusprechen, daß seine Resolution kein Mißtrauen gegen die Leitung enthalte. Diese Erklärung wird mit Lachen aufgenommen. Der Vorsitzende stellt jetzt die erste Resolution zur Abstimmung, die Resolution, die, wie er den Delegierten erklärt, „das volle Vertrauen des Kongresses ausspricht". Unter stürmischen Zurufen erheben sich die Delegierten, bis auf eine ganz kleine Gruppe. Auch ein sehr großer Teil der russischen Landsmannschaft, — soweit man es übersehen kann, ihre. größere Hälfte. Betäubender Jubel bricht aus, der sich noch verstärkt, als ersichtlich wird, eine wie gewaltige Mehrheit des Kongresses sich auf die Vertrauenserklärung vereint hat. Minutenlang jubelt man stehend und Tücher schwenkend Wolffsohn zu, auch nachdem der Vorsitzende schon längst das Ergebnis der Abstimmung festgestellt hat. Und als Dr. Bodenheimer in einem Augenblick der Ruhe wiederholt: „Das Präsidium stellt fest, daß der Antrag Keßler und Genossen mit überwältigender Mehrheit angenommen ist," da bricht der Jubel noch einmal aus, mit einer die' bisherigen. Kundgebungen womöglich noch überbietenden Stärke, Wieder stimmt man, wie nach der großen Rede Wolffsohns am Vormittag, die Hatikwah an, und von neuem erschallt der Beifall, als sodann der Vorsitzende Dr. Bodenheimer Kenntnis gibt von einer Erklärung Temkins und seiner Mitantragsteller, daß sie ihre Resolution zurückziehen, nachdem sie gehört hätten, daß das E. A. C. in ihr ein Mißtrauensvotum erblicke. Nun ruft man stürmisch nach Wolffsohn, der von seinen Freunden auf der Estrade umringt und beglückwünscht wird. Mit betäubenden Zurufen verlangt man von ihm, daß er sprechen solle. Schließlich wird er an das Rednerpult geschoben und sagt: „Geehrter Kongreß! Ich stehe auf dem Standpunkte, daß wir uns gegenseitig nicht zu danken haben. Wir arbeiten alle für die eine Sache, und wenn Sie uns danken, müssen wir Ihnen danken. Ich glaube, es ist unserer großen Sache nicht würdig, daß wir uns mit derartigen Kleinigkeiten aufhalten. Mit erhobener Stimme fährt Wolffsohn fort: Und dennoch danke ich Ihnen heute abend, weil Sie mir wieder Mut gegeben haben." Der Vorsitzende erteilt noch Herrn Syrkin das Wort, um vor Schluß der Sitzung noch einige Ausführungen zu machen. Immer wieder von neuem macht Syrkin vergebens den Versuch zu sprechen. Man sieht die Bewegung seiner Lippen, aber nicht der leiseste Ton dringt durch den tosenden Jubel, der kein Ende nimmt. Von dem Protokollstenographen, der das Ohr zum Redner gebeugt hält und zu ihm an das Rednerpult getreten ist, erfährt man, daß Syrkin den Versuch aufgegeben und erklärt hat, seine Ausführungen in der morgigen Sitzung zu machen. Um 9 Uhr abends endet die Sitzung. Dritter Verhandlungstag Dienstag den 28. Dezember 1909 Vormittagssitzung Präsident Dr. Max Nordau eröffnet die Sitzung um lOVa Uhr und macht Mitteilung von folgendem Telegramm, das als Antwort auf eine Begrüßungs- und Huldigungsdepesche beim Präsidenten des A. C. David Wolffsohn eingegangen ist: „Se. Majestät der Kaiser und König h.aben den Huldigungsgruß der dort versammelten Zionisten gern entgegengenommen und lassen bestens danken. Auf Allerhöchsten Befehl der Geheime Kabinettsrat v. Valentini." Die Versammlung hörte die Verlesung stehend an und brach in stürmischen Beifall aus. Auf der Tagesordnung steht zunächst: Der Bericht des Palästina-Ressorts Der Berichterstatter Prof. Dr. Warburg-Berlin wird mit stürmischem Beifall begrüßt. Bevor er sich dem sachlichen Berichte zuwendet, knüpft er an die gestern abgeschlossene zweitägige Generaldebatte an. Das kühle norddeutsche Publikum wundere sich über die Erregung, in der diese Debatte geführt wurde, über die Schärfe der Angriffe, aber das Ende der Diskussion war auch nicht anders, als es bei sonstigen Kongressen in Deutschland zu sein pflegt. Es ist alles die Folge des Temperaments, und die Vertreter aus den süddeutschen Ländern wissen ja auch, daß es in den Parlamenten dort nicht anders ist. Mischt man schwarz und weiß, so kommt eine graue'Farbe heraus, die graue Farbe der Wirklichkeit (sehr gut), die wir hier in unserm lieben Hamburg nun schon die ganze Woche gesehen haben (Heilerkeit). Nun, wo die Wellen der Begeisterung und die Stürme der Entrüstung sich ausgetobt haben, sind wir nach zwei Tagen in diese Stimmung gelangt, und das müssen Sie sich zu eigen machen, wenn das, was ich Ihnen vortragen werde, auf Sie Eindruck machen soll. Da der Briefwechsel zwischen Cowen und mir besprochen ist, erledige ich das jetzt bereits, statt, wie beabsichtigt, im Schlußwort. Was mich am meisten betrübt hat, ist die Insinuation, daß ich eine Pression auf die Bank in einer Sache gemacht hätte, an die ich selbst nicht geglaubt hätte. (Beifall.) Und weiter: Bei Unternehmungen, an denen man nicht persönlich interessiert ist, ist es in Deutschland nicht Sitte, von Schnorrer- Unternehmungen zu sprechen. (Lebhafte Zustimmung.) Wir alle sind gewohnt, und wir Juden ganz besonders, eine offene Tasche zu haben. Gefreut hat mich dagegen, daß Cowen behauptet hat, die Direktoren der Bank seien für die praktische Arbeit in Palästina. Ich mußte annehmen, daß wenigstens einige derselben noch auf dem alten Charterstandpunkt stehen. Woher sonst die Widerstände?

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