Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 4 (29.12.1909)
- Date
- 1909-12-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316355--51508-3346398- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 4 DIE^ELT 1197 gekommen sind. Es bedarf auch manchesmal der Ermutigung und ich halte es für unrecht, wie ich heute vormittag sagte, daß, wenn man eine Bilanz zieht, man immer nur die eine Seite berücksichtigt und nicht auch die andere. Mit Dr. Tschlenow muß ich mich schon eingehender beschäftigen, schon wegen seiner Person, die wir alle ohne Ausnahme hochschätzen. Auch mir ist bewußt, daß Tschlenow schon vor 28 Jahren für unsere Sache gearbeitet hat, und ich glaube, es ist keiner hier, der nicht seine Arbeit anerkennen würde. Ich muß ihm also schon ausführlich antworten. Er meint, alles, was geschehen ist, das habe Herzl bewirkt. Nur was Herzl geschaffen hat, das hätten wir fortgesetzt und erhalten. Nun, ich gestehe es Ihnen offen, es war eine Periode seit Herzls Tod, wo es viel mehr Arbeit verursachte, die Erbschaft zusammenzuhalten, als sie zu vermehren. (Sehr richtig!) Und dennoch sind wir nicht ganz untätig gewesen, und es wäre ein großes Unrecht von mir, wenn ich nach außen hin, da man nur die Schattenseiten hervorgehoben hat, nicht auch zeigen würde, was wir geschaffen haben. Als Herzl starb, da sind wir Waisen gewesen, arme Waisen. Wir hatten eine Kolonialbank, die noch nicht ausgebaut war; wir hatten die A. P. C. begründet, die erst mit der Arbeit begonnen hatte und sehr langsam vorwärtsging. Seit dem Tode Herzls hat die A. P. C. ihr Kapital um das Doppelte vermehrt; wir haben heute vier Filialen in Palästina und haben auch eine Bank und eine Vertretung in Konstantinopel. Wir haben in Palästina ein Palästinaamt geschaffen, und wir haben gearbeitet, wie es mit unsern Mitteln möglich war. Daß wir nicht mehr geschaffen haben, — ich will nicht sagen, daß Sie daran schuld sind, — ich will nicht sagen, daß Sie mehr geredet als gearbeitet haben, aber keineswegs trifft die Schuld die Leitung, die ja nur das ausführen kann, was die Zionisten ihr geben, was die Zionisten schaffen. Dann aber ist es auch nicht richtig, daß wir gar keine neuen Gesichter sehen. Es ist darauf hingedeutet worden: Aus Rußland sehen wir leider keine neue Gesichter. Wenn ich aber den Kongreß hier ansehe, da sehe ich sehr viele neue Gesichter aus dem Westen, aus allen Ecken und Enden. Aus Rußland sind wenig neue gekommen, ich will nicht untersuchen, warum. Mir ist aber gesagt worden, weil man es nicht verstanden hat, neue Kräfte heranzuziehen und weil man ausgezeichnet gute Kräfte von sich gestoßen hat. (Hört! Hört!) Herr Tschlenow sprach dann von der Autorität, und ich rief dazwischen: Die wird untergraben! Ich habe bereits heute nachmittag gesagt: Wenn von den leitenden Männern des Zionismus in den Zeitungen und in den Reden nur immer die Schattenseiten der Leitung hervorgehoben werden, wenn nur immer das schlimmste von der Leitung gesagt wird, nie ein anerkennendes Wort, ist das ein Mittel zur Erhöhung der Autorität? Das ist ein Mittel zur Untergrabung der Autorität. (Zustimmung.) Das geschieht nicht nur hier, sondern in der ganzen Welt in Vereinen und in den Zeitungen und ist auch früher versucht worden. Ich sage nicht, mit böser Absicht, ich setze keine böse Absicht voraus; ich sage nur: Wenn das geschieht, so trägt das bei zur Untergrabung der Autorität. (Sehr richtig.) Und ich bin ganz einig mit Dr. Tschlenow: Wolffsohn ist nicht der Mann, der Herzl ersetzen kann; aber da war es Ihre Pflicht, Wolffsohn zu unterstützen und ihm die Arbeit nicht noch schwerer zu machen. (Stürmischer Beifall.) Dann kam eine Geschichte, und da hat unser verehrter Herr Dr. Tschlenow sich verrechnet. Er sagte: Als die Revolution in der Türkei ausgebrochen ist, da geschah wieder nichts von der Leitung, man hat wieder nichts unternommen, und da sind wir dann in Moskau zusammengetreten! Die Revolution in der Türkei ist ausgebrochen im Juli (Zuruf: am 24. Juli); und Mitte August beriefen wir die Jahreskonferenz und das Große Aktionskomitee zusammen, und wir haben bei dem Großen Aktionskomitee und in der Jahreskonferenz, wie Dr. Tschlenow sich entsinnen wird, lang und breit darüber gesprochen. Moskau aber ist erst im Oktober zusammengetreten. (Hört, hört!) Ich glaube, das ist eine ganz große Differenz, und Dr. Tschlenow war nicht berechtigt zu sagen, daß wir uns um nichts gekümmert haben. Jetzt kommt die Geschichte mit der Agrarkommission. Wir werden auf die Agrarkommission noch zurückkommen, weil ein Spezialreferat darüber gehalten wird. Ich erkläre ganz offen, daß ich in der Sitzung des Aktionskomitees dagegen war, nicht weil ich gegen eine Agrarbank bin, sondern weil ich gesagt habe, es ist zu früh, wir wollen diesen guten Gedanken nicht durch zu frühe Arbeit verderben; wir wollen uns gedulden, .bis die Zeit kommen wird, und dann werden wir damit in die Öffentlichkeit treten. Wenn wir die Vorarbeiten machen, werden wir die Sache besser machen, als damals bei der Gründung der Jüdischen Kolonialbank. Damals v/ußten wir noch nicht, wie wir die Sache machen mußten, aber heute haben wir ein Instrument, haben etwas gelernt, und das werden wir ausnutzen. Jetzt kommt Dr. Tschlenow und hat — ich bin ihm dankbar dafür — eine Stelle aus einem Privatbrief vorgelesen. Die Stelle ist rot angestrichen. Ich habe mir den Brief von ihm geben lassen und hätte nur gewünscht, daß er auch den Schlußsatz rot angestrichen und verlesen hätte. Da ich selbst der Briefschreiber bin, bin ich dazu berechtigt, das nachzutragen. Der Brief ist geschrieben worden am 15. April ds. Js. Ich war zu meiner Erholung in Wiesbaden, und da bin ich überrascht worden von den Nachrichten über den Ausbruch der Kontre-Revolution in der Türkei, von^ der man — die Depeschen überstürzten sich — nicht wußte, wie das Ende sein würde. Damals habe ich den Brief in der Erregung an Dr. Tschlenow geschrieben, und ich würde ihn heute nochmals schreiben. Denn Dr. Tschlenow hat den Nachsatz vergessen. Es v/ar nämlich von Professor Warburg angeregt, einen Rechtsanwalt nach Konstantinopel zu schicken zum Studium der dortigen Verhältnisse, und für diesen Zweck sollte die Bank 500 £ (lOOOOe^) hergeben. Ich stand damals auf dem Standpunkte: Wir haben zu diesem Studium noch keine Möglichkeit, da die Agrargesetzgebung in der Türkei noch nicht beendet ist, und das führte, weil ich privatim mit der Hand geschrieben habe, — an meinen lieben Freund Tschlenow — zu dem Ausdruck, den ich immer gebrauche, ■ wenn ich sagen will, daß mir etwas nicht klug vorkommt: „Narrischkeit", und das veranlaßte mich zu der Bemerkung über ungelegte Eier, weil die Gesetzgebung noch nicht beendet und man mitten in der Revolution war. Wir haben uns ja eine Vertretung in Konstantinopel geschaffen, wir haben dort einen Mann sitzen, der das ebensogut machen könnte. Die Arbeit ist von dem Leiter des Palästinaamts gemacht worden, und der Spaß hat uns 600 Mk. gekostet, — wir haben keine lOOOOMk. dafür wegwerfen müssen. Ich würde auch heute noch den Brief geschrieben haben. (Lebhafter Beifall.) Und noch ein Wort: Dr. Tschlenow spricht von Feindseligkeit. Ich bin überzeugt davon, daß die Herren mir persönlich nicht feindselig gesinnt sind, ebensowenig wie ich ihnen, wir arbeiten ja alle zusammen und haben alle zusammen dieselben Interessen. Aber ich weiß wirklich nicht, wie ich das bezeichnen soll, wenn man mit mir, mit dem man als mit einem Freunde verkehrt, auf einer Sitzung des Aktionskomitees zusammenkommt und man spricht über die neue Situation, und wenn dann acht oder zehn Herren sich absondern in Petersburg und dort Beschlüsse fassen, von denen ich keine Ahnung habe, und diese Beschlüsse dann an sämtliche Landesorganisationen verschicken. Liebenswürdig kann ich das nicht nennen und freundlich auch nicht. (Zustimmung). Ich kann nur das eine sagen: Das ist nicht der Weg, den man geht. (Lebhafter Beifall.) Nun noch eines: Sie sagen, wir sollen ja nur einen Versuch machen, und wenn auch wirklich ein Fehler gemacht wird, so würde das nicht schaden. Gewiß, einen Fehler machen, schadet nicht, wir machen alle Fehler, dafür sind wir Menschen. Wenn aber derselbe Fehler zum zweitenmal gemacht wird, so ist das strafbar. (Zustimmung). Wir haben bereits ein Komitee aus diesen Mitgliedern gehabt, und ich habe ihnen heute vormittag anschaulich geschildert, wie das ausgesehen hat, und nun wollen Sie denselben Fehler ein zweites Mal machen! Das ist es, wogegen ich gesprochen habe. Und nun — ich glaube, man hat sich zu sehr und zu freundlich mit meiner Person beschäftigt. Ich bin nur ein Mitarbeiter, auch ich suche die Ämter nicht. Sie haben mir das Amt auferlegt, und ich habe es so gut ich konnte bisher versehen, und wenn ich Ihnen erklärte, daß es mir unter diesen Umständen nicht mehr möglich ist, so müssen Sie es mir glauben. Ich habe das beste Zutrauen zum Kongreß, zu Ihnen allen, die Sie hierher gekommen sind, daß Sie den richtigen Weg finden werden, und wir werden hernach bei der Organisation darüber sprechen. (Stürmischer Beifall.) Dr. Isidor Marguli es-Wien nimmt unter größter Unruhe der nunmehr zur Abgabe ihres Votums über die bisherige Leitung drängenden Versammlung das Wort, um in Form einer tatsächlichen Berichtigung den Standpunkt der west-österreichischen Landsmannschaft zu präzisieren, da er als Generalredner nicht mehr zu Worte gekommen ist. Die Annahme, seine Landsmannschaft habe geschlossen gegen Wolffsohn Stellung genommen, sei unrichtig. Auf dem vorigen Kongreß hätten nur zwei oder drei Mitglieder ihre Stimme gegen seine Wahl abgegeben. Es bestehe auch kein Kompromiß mit der russischen Landsmannschaft. Die westösterreichische Landsmannschaft habe heute ausdrücklich den Beschluß gefaßt, der Leitung Dank und Vertrauen auszusprechen, und speziell Wolffsohn dafür, daß er in schweren Zeiten die Leitung der Organisation übernahm und mit Aufopferung seiner Kräfte geführt hat. Aber die west-österreichische Landsmannschaft wünscht eine Änderung des Systems, eine kollegiale Verfassung und eine Politik der mittlem Linie. Der Redner konnte sich nur der nächsten Umgebung der 2*