Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 4 (29.12.1909)
- Date
- 1909-12-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316355--51507-3346397- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1196 , DIES nicht Wolffsohn, nicht das E. A. C. allein die Schuld, wir alle, aber die Leitung auch. Wir müssen einen andern Weg gehen, wir wollen die Einigkeit nicht stören, die zwischen Ost - und West mit vieler Mühe zustande gekommen ist, und daß man heute daran gerüttelt hat, war nicht im Interesse der Organisation. Wir sind auch nicht hierhergekommen, um der Leitung Vorwürfe zu machen, und werden nachher der Leitung ein Vertrauensvotum geben, weil wir anerkennen: sie hat das Mögliche getan. Wolffsohn sagt, man solle die Leitung in Ressorts einteilen, und diese an Leute geben, die in verschiedenen Städten wohnen. (Zurufe: Das hat er nicht gesagt.) Ja, hätten wir einige Wolffsohns in einer Stadt gehabt, dann wären wir sehr zufrieden. („Hört, hört" und lebhafter Beifall.) Aber eine Person, oder Personen, die in verschiedenen Städten wohnen, das geht nicht. Wir müssen ein kollegiales Organ haben. Sieben oder fünf Mitglieder in einer Stadt können wir nicht zusammenbringen, da wollen wir wenigstens soviel Kräfte nehmen als nötig ist, und die andern sollen dann alle zwei Monate hinkommen. Wenigstens haben wir dann unsere Pflicht getan. Persönliche Motive liegen bei uns nicht vor. Wissen sie einen bessern Weg, gut. Aber daß man sie vor Petersburger Beschlüssen warnt, als vor einem feindseligen Lager, dagegen protestiere ich. Wir wollen uns wieder die Hände reichen und gemeinsam weiterarbeiten. (Stürmischer Beifall bei einem Teile der Versammlung.) Dr. Heinrich Loewe, Berlin (mit lebhaftem Beifall begrüßt): Als Redner pro bin ich in einer sehr bösen Lage, denn Weizmann hat eigentlich contra schon gesagt, was ich pro zu sagen hatte. Wenn er aber unsern Präsidenten mit einem deutschen Politiker zusammengebracht hat, der die antisemistischste Äußerung getan hat, die je in einem Parlament gesprochen wurde, die von den Schnorrern und Verschwörern, so war das eine Entgleisung. * Wir feiern jene Märtyrer der Arbeit nicht minder hoch, die vor Fieber und Not und dem Tode nicht zurückschreckten, und die gebettet liegen in Erez Jisroel, als Märtyrer des politischen Zionismus, wie wir ihn auffassen und wie er von unserer Leitung vertreten wird. (Stürmischer Beifall) Es ist falsch, daß der russische Jude Wolffsohn die russischen Juden wieder zurückdrängen will in die Judengasse, aus der sie hergekommen. Das ist nicht Hurrastimmung, aus der ich spreche, das ist einfach das zionistische Herz und Gefühl und die Liebe zum jüdischen Volke, für das wir alle das gleiche Gefühl haben. Es gibt keinen Unterschied zwischen Juden des Ostens und Westens, es gibt für uns keine russischen und galizischen und deutschen Juden; für uns gibt es nur jüdische Juden. (Stürmischer Beifall.) Sie wollen neue Gedanken von der Leitung haben. Da sind drei Personen im Aktionskomitee, von denen man nicht einen herausgreifen kann, ohne es zu zerzausen. Die drei gehören so zusammen, wie der Zionismus und das Judentum für uns. Ich rede also nicht pro Wolffsohn, obwohl hier viel contra Wolffsohn gesprochen wurde, sondern ich rede für das Aktionskomitee, das für uns in der Welt den Zionismus repräsentiert. (Lebhafter Beifall.) Merkwürdig: gestern und heute hat man Wolffsohn in einem fort angegriffen, und jetzt hören wir von Tschlenow: Wenn nur mehrere Wolffsohns in einer Stadt wären, das wäre eine Wohltat. (Heiterkeit und hört!) Ich bin Historiker und erlaube mir, Ihnen ein Histörchen vorzutragen. Karl der Große sagte zu seinem Kultusminister: Ich möchte ein Dutzend solcher Männer haben wie der Kirchenvater Augustin! Und was erwiderte ihm sein Minister: Der liebe Herrgott hat nur einen Augustin gehabt und du willst gleich zwölf haben. (Große Heiterkeit.) Wir haben nur den einen Wolffsohn und den wollen Sie uns auch noch nehmen. (Stürmische Heiterkeit und Beifall.) Nicht aus feindseligem Lager sind die Angriffe gegen Wolffsohn gekommen, es sind zionistische Angriffe. Nur eine Diskussion unter uns. Aber was wir gestern von dem ersten Redner hörten, das waren feindselige Angriffe. (Lebhafte Zustimmung.) Von den andern Rednern nach Pasmanik hat zwar kein einziger solche persönlichen Angriffe gemacht, aber sie haben alle diese Angriffe dick unterstrichen, weil kein einziger sich dagegen verwahrt hat. (Sehr wahr.) Was ist Zionismus? Praktische Arbeit? Politische Arbeit? Agrikulturarbeit? Alles das: der Zionismus ist die Regeneration des jüdischen Volkes. Das Volk auf dem Wege nach Jerusalem. Der Zionismus muß alle Richtungen vereinigen, die religiösen und irreligiösen, die freien und die konservativen, alle Nuancen, alle Gruppen finden in dem Zionismus ihren Platz. Aber wir müssen einen Punkt haben, in dem alle diese Arbeit zentralisiert ist. Ein Komitee zerstreut in alle Weit ist kein Aktionskomitee. Ich bin nicht Protestant genug, um gerade gegen die katholische Stadt Köln Front zu machen. (Große Heiterkeit.) Aber Berlin? — Um Gottes willen nicht! — Berlin, da werden sie jüdische, zionistische Weihnachtsbäume erleben. (Stürmische Heiterkeit und Beifall.) Bringen Sie das Aktionskomitee meinetwegen nach Antwerpen, wo eine kleine jüdische Bevölkerung ist, die wirklich gELT No. 4 jüdisches Leben darstellt, aber nicht nach Berlin. Sie wo'Ien einen Adler an der Spitze haben, — in Berlin werden sie nur einen Sperling haben. (Heiterkeit und heitere Zustimmung.) Sie sagen, für den Stillstand in der Bewegung wollen Sie nicht Wolffsohn verantwortlich machen,' sondern das Goluth; so machen Sie also diesem Goluth ein Ende! (Heilerkeit und sehr wahr!) (Zuruf: Faule Witze!) Diese faulen Witze sprechen zum Herzen des jüdischen Volkes. (Lebhafter Beifall.) Hier handelt es sich nur darum, ob wir imstande sind, ein Aktionskomitee zu bilden, das in drei Tagen das Goluth aus der Welt schaffen kann. Wir müssen den Tatsachen ins Gesicht sehen. Auch ich habe die Rede Nordaus nicht angenehm empfunden, aber nicht, weil sie unrichtig ist, sondern weil sie Jeider richtig ist. (Lebhafte Zustimmung.) Man hat uns vorgeschlagen, wir sollen so schnell wie möglich das Aktionskomitee nach Konstantinopel verlegen. Nach Jerusalem wäre mir noch lieber. Aber da hört die Aktion auf. Der Hausherr wird beim Verhandeln immer im Vorteil sein gegenüber dem Mieter. (Sehr wahr!) Und dann, der Faden zwischen der zionistischen Parteileitung und der Hohen Pforte darf nicht so straff gespannt sein, daß er bei der leisesten Berührung platzen könnte. Einzelne Vorwürfe gegen die Leitung sind berechtigt, auch der Präsident wird sie anerkennen, auch ich habe Wünsche und Kritiken, aber das alles überwiegt weit das Debet. Sie sagen, das E. A. C. hat nichts für die Ausbreitung des Zionismus getan. In Ungarn ist der Zionismus überhaupt erst möglich geworden dadurch, daß Wolffsohn im rechten Moment interveniert hat, und wenn wir heute 20 Delegierte aus Ungarn hier haben, so ist das das Verdienst der Leitung. (Zustimmung.) Ich habe nur einen einzigen neuen Gedanken gehört von Pasmanik: Alle bewußten Zionisten müßten sich moralisch verpflichten, innerhalb der nächsten fünf Jahre nach Palästina auszuwandern. Ein Vorschlag, viel utopistischer als alle Utopien. Gewiß, unsere zionistische Aktion soll in erster Linie für Erez Israel sein und in Erez Israel arbeiten. Gewiß sollen wir alle Arbeiten, die wir überhaupt tun können, in Palästina konzentrieren, aber in der Richtung hat das Aktionskomitee nicht gesündigt. In Palästina wächst in der Tat das Judentum in ungeahnter Weise. Die Arbeiter, die nicht viel reden, sondern die arbeiten, leisten in Palästina etwas, sie bebauen uns den Boden. Aber wir müssen darauf dringen, daß der Faden nicht unterbrochen wird, und dazu ist nötig Kolonisation und politische Aktion, — das sind zwei Dinge, die sich nicht trennen lassen. Wir wollen keinen politischen, keinen kolonisatorischen, keinen kulturellen Zionismus, wir wollen einen ganzen, vollständigen Zionismus haben. Sie sprechen immer vom Mangel an großen Gesichtspunkten; ich kenne nur einen großen Gesichtspunkt, das ist der Zionismus. (Lebhafter Beifall.) Unser Aktionskomitee hat den Zionismus organisiert. Sie werden uns einstweilen keinei Mann geben, der mehr als Wolffsohn getan hat oder mehr als Wolffsohn tun wird. (Lebhafter Beifall.) Sobald Rußland ein freies Land ist, bin ich der erste, der dafür eintritt, das Aktionskomitee dorthin zu verlegen, wo es hingehört, nach Odessa. Sie jammern, daß wir keinen zionistischen Nachwuchs haben.. Das liegt an Rußland. (Lebhafte Zustimmung.) Wolffsohn kann Rußland keine zionistische Aktion bringen, er kann nicht den Bruch und Riß, der zwischen Vätern und Söhnen in Rußland geht, beseitigen. Wir in den westeuropäischen Ländern haben Nachwuchs. (Lebhafte Zustimmung.) Geben sie dem Zionismus seine Jugend und seine Unbefangenheit wieder, geben sie ihm seinen Idealismus wieder, geben sie dem jüdischen Volke seinen Zionismus zurück. (Stürmischer, langandauernder Beifall.) David Wolffsohn (mit stürmischem Beifall empfangen): Geehrter Kongreß! Als ich heuje vormittag zu Ihnen sprach, begann ich damit, daß ich die Luft frei machte, und ich glaube, es war gut. Es war gut, daß die Kongreßmitglieder im Kongresse selbst erfuhren, wie es bei uns aussieht, und nicht in der Landsmannschaft und in den kleinen Gruppen. Ich werde jetzt keine große polemische Rede halten; ich habe dem, was ich heute vormittag gesagt habe, nur wenig hinzuzufügen; aber einige Berichtigungen muß ich doch vorbringen, welche von großer Bedeutung zu sein scheinen. Ich will nicht auf die Rede von Dr. Weitzmann eingehen. Ich halte es unter meiner Würde, mich dagegen zu verteidigen, daß ich auch nur im leisesten Gedanken an Schnorrer und Verschwörer gedacht habe. Darüber brauche ich kein Wort zu verlieren. Gesagt habe ich es gewiß nicht, und ich habe auch nie daran gedacht. Dr. Loewe hat diese Sache zurückgewiesen. Dr. Weitzmann glaubt immer wieder betonen zu müssen, — wir sind es ja von ihm gewohnt, — daß wir nicht vorwärts kommen. Gewiß, auch ich möchte klagen; aber wenn ich klage, muß ich auch anderseits sagen, wie weit wir vorwärts