Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 4 (29.12.1909)
- Date
- 1909-12-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIII. JAHRG. KÖLN, 29. Dezember 1909 p-nrf? Nd'Wn rüö No. 4. DER IX. ZIONISTENKONGRESS (Telephouisclier Spezialbericlit) Zweiter Verhandlungstag Nachmittagssitzung (Fortsetzung) Prof. Dr. Warburg: Als Vorsitzender der Agrarkreditkornmission möchte ich eine kurze sachliche Erklärung geben, da eine scheinbare Differenz zwischen den Angaben des Herrn Goldberg und des Präsidenten Wolffsohn vorhanden ist. Beide haben nämlich recht. Es ist richtig, daß das Geld, das von der Bank bewilligt worden ist, genügt hat. Richtig aber ist auch, daß es erst bewilligt worden ist, nachdem die Ausgaben schon eingeleitet waren. (Hört, hört!) Es drängte die Zeit, wir konnten nicht warten. Es wurde daher unter uns ein Garantiefonds aufgebracht. Rabinowitz (Rußland) spricht hebräisch und schließt deutsch. Man hat den Prof. Warburg vorgeschlagen. Redner gehöre zu dessen Verehrern, aber ein Mann, der die zionistische Idee als ein Phantom bezeichnet habe, könne nicht Leiter der zionistischen Bewegung sein. (Zuruf: Wer hat das gesagt?) Das hat Prof. Warburg gesagt. (Heftiger Widerspruch.) Dr. Wejizman -Manchester versichert einleitend, daß er absolut keine Angriffe gegen die Leitung machen werde, und wendet sich dann gegen die Ausführungen Wolffsohns über die russischen Zionisten. Das habe an die Art des deutschen Reichskanzlers erinnert, als er sprach, er würde sich nicht von Schnorrern uncj Verschwörern auf der Nase herumtanzen lassen. Das unser Geld gut verwaltet wird, ist doch selbstverständlich. Daraus braucht man nicht erst eine Tugend zu machen. Aber außer der kaufmännischen Leitung der Bewegung gibt es doch noch etwas anderes. Wenn man aber hiervon spricht, dann heißt es: Man jage Phantomen nach. Ich muß aber an etwas erinnern. Als Herzl in London und Paris anklopfte, fand er verschlossene Türen, aber in ganz Rußland öffneten sich ihm die Herzen. Jetzt, wo wir uns in Rußland politisch zu regen beginnen, will man uns zurückweisen. Wir haben nichts wichtigeres zu tun, als auf rechtlicher Grundlage Position auf Position in Palästina zu erwerben. (Lebhafter Beifall.) Dann gilt es die jüdischen Massen zu organisieren und zu heben. Lassen Sie die Bewegung nicht krämerhaft werden, verlegen Sie nicht die Leitung in einen Winkel, verlegen Sie sie nach Berlin mit seiner großen jüdischen Gemeinde und seinem intellektuellen Zentrum. (Lebhafter Beifall.) Dr. Rappaport-Lemberg warnt vor einer Sprengung des Kongresses und bezeichnet es als bedenklich, das Positive zu beseitigen und an die Spitze etwas Unbekanntes zu stellen. Man sagt, Herr Wolffsohn habe nichts getan. Wo sind denn die andern geblieben, die mitarbeiten konnten? Weshalb haben sie sich denn nicht angeboten? Man ist hier mit so kleinlichen Vorwürfen gekommen, daß es schade ist um unsere kostbare Zeit. Mit der Person des Herrn Wolffsohn ist die Ehre des Zionismus verbunden, denn er ist Präsident und hochverdient. Wer ihn als unfähig bezeichnet, setzt den ganzen Zionismus herab. (Großer Lärm und Beifall.) Dr. Tschlenow-Moskau: Ich habe keine Wünsche, irgendwelche Stellung im Zionismus zu bekommen; auch keine persönlichen Motive, gegen Herrn Wolffsohn aufzutreten. Ich vertrete auch keine speziellen russischen Interessen, denn seit ich Zionist bin, betrachte ich es als meine Pflicht, den Unterschied zwischen dem östlichen und dem westlichen Zionismus zu verwischen. Aber heute hat kein anderer als der Präsident diesen Unterschied scharf hervorgekehrt. Von dem Nachfolger Herzls fordern wir wenigstens, daß er dessen Erbe festhält. Das palästinensische Judentum würde eine ganz andere Kraft haben, wenn es organisiert wäre.» (Lebhafte Zustimmung.) Aber wenn wir diese Frage anregten, wurde sie stets als Nebensächlichkeit beiseite geschoben. (Unruhe und Zustimmung.) Hat unsere Leitung versucht, irgendetwas zu leisten? Absolut nichts! Es fehlt der Zusammenhang zwischen dem E. A. C. und den einzelnen Ländern. Jedes Land macht, was es will. In der Agitation ist nichts oder fast nichts getan. In der Kultur nichts oder fast nichts. In der praktischen Arbeit in Palästina nichts oder fast nichts, und in der Organisation sind wir auf mehr als die Hälfte zusammengeschrumpft. Das ist das Resultat von fünf Jahren, seitdem uns unser Führer verlassen hat. Wir haben immer noch gehofft, daß die Leitung nur auf einen großen Moment wartet, um in Aktion zu treten. Als die große Umwälzung in der Türkei kam, haben wir uns gesagt: Jetzt muß die Leitung zeigen, was sie machen kann. Aber es geschah wieder nichts. Nicht einmal der Versuch einer Initiative wurde gemacht. Man hat uns nicht einmal zusammenberufen. Auch das hielt man für überflüssig. Da haben wir unsere Versammlung in Moskau zusammenberufen. Haben wir dabei wenigstens Entgegenkommen gefunden? Nein, wieder nicht. Wir waren der Meinung, daß jetzt nicht bloß mit der türkischen Regierung, sondern auch^ mit dem türkischen Volk Verständigung zu suchen, und daß dazu Geld nötig sei. Man bezeichnete das wiederum als verfrüht. Ich habe gewiß einmal gesagt, daß Wolffsohn eine zu starke Persönlichkeit sei, weil wir nicht das Vertrauen haben, daß unsere Beschlüsse ausgeführt werden. Zum Beweis dessen verliest Redner unter stürmischem Widerspruch eines Teils der Delegierten aus einem Privatbrief Wolffsohns absprechende Bemerkungen über die Agrarbank. Vizepräsident Dr. Bodenheimer macht den Redner aufmerksam, daß die Redezeit von 20 Minuten abgelaufen sei. Der Redner bittet, den Kongreß zu befragen, ob er weitersprechen darf. (Erregte Zurufe: Nein! Ja! Schluß! Weiterreden!) Vizepräsident Dr. Bodenheimer: Es kann nicht für einen Redner ein Ausnahmegesetz gemacht werden. (Zustimmung und Widerspruch. Rufe: Abstimmen!) David Wolffsohn: In meinem Interesse und dem des A. C. bitte ich, dem Redner, der der letzte Kontraredner ist, weiter unbeschränkt das Wort zu geben. Es wird abgestimmt. Es wird beschlossen, den Redner weitersprechen zu lassen. Dr. Tschlenow : Ich will nicht zu schwarz malen, aber unsere Lage ist ernst, wir wachsen nicht, wir schrumpfen zusammen, daran trägt V I **■ n j; *i f I «7 m l t> i Ii rij