Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 3 (28.12.1909)
- Date
- 1909-12-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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und wenn er sie für unzulässig halte, dann kämen sie eben nicht zur Ausführung. Wo bleibe da die Gegenüberstellung: Warburg, der Praktiker, Wolffsohn der Politiker? Braude hatte für die galizische Vorschußbank damals keine Sicherheit bieten können, und darum habe sein Ersuchen nach reiflicher Prüfung abgelehnt werden müssen. Sobald es sich als sicher erwies, hat die Kolonialbank den Kredit gewährt. Das Direktorium sei dazu da, die gesammelten Gelder zu schützen und gegen Verschleuderung und Verlust zu sichern. (Beifall.) Wolffsohn wendet sich gegen die Stelle im Warburgschen Briefe von dem Phantom, dem politischen Zionismus. Dieser politische Zionismus, dieses Phantom hat uns zusammengeführt. (Stürmischer Beifall.) Die praktischen Arbeiten, alle die Unternehmungen sind erst etwas geworden, nachdem dieses Phantom gewirkt hat. Der Zionismus, so ruft der Redner unter tosendem Beifall der Delegierten aus, ist kein Handelsartikel! Der Zionismus hat die Juden in der ganzen Welt zusammengeführt, nicht zu dem Zweck, um einige Sachen zu machen, die vielleicht zugrunde gehen können. Vorläufig haben die Herren, die praktische Arbeit verlangen, immer noch von den Geldern verlangt und genommen und sind furchtbar böse darüber, daß man ihnen die Gelder nicht ausliefert, die der phantastische Zionismus aufgebracht hat. (Sehr gut!) Im Verlaufe seiner weitern Ausführungen zieht Wolffsohn die Bilanz der praktischen Arbeit. Die Leitung, die angeblich nichts getan hat, hat es zuwege gebracht, daß dies der erste Kongreß ist, auf dem die zionistische Organisation ohne Schulden, ohne Verpflichtungen erscheint. (Stürmischer Beifall.) Er stellt fest, daß jeder Beamte der Organisation an seinem* Platze sei, daß er ausgewählt wird lediglich nach der Tüchtigkeit, ohne nach der Parteizugehörigkeit zu fragen. Freilich wird es kein Präsidentfertig bekommen, alle Wünsche nach Anstellung zu befriedigen. (Hört! hört!) Vor vier Jahren habe er die Leitung in Köln übernehmen müssen, weil damals das Bureau noch nicht eingerichtet war. Jetzt kann es ohne Schaden nach Berlin verlegt werden. Er sei überarbeitet, und sein Arzt rate ihm dringend Erholung an. Er müsse sich erhalten für die Bewegung, für die er sein Letztes hergebe. Nach zwei Jahren werde man dann weiter sehen. Er habe die Bewegung 41/> Jahre in der schwersten Zeit geleitet, und wie sei er behandelt worden? Schaffen Sie meinetwegen ein Kollegium, aber geben Sie jedem seiner Mitglieder ein Amt und Arbeit, bewahren Sie die zionistische Bewegung vor einer Leitung von Eizesgebern und Geheimräten. Liegt Ihnen daran, daß die Bewegung bestehen bleibt, daß wir vorwärts kommen, dann sehen Sie nicht auf die Dinge, die man Ihnen vorgeschlagen hat von den Geheimräten in Petersburg. Stürmische Beifallskundgebungen, die sich immer erneut wiederholen, folgen der Rede Wolffsohns. Dann vertagt sich der Kongreß auf den Nachmittag, nachdem man beschlossen hat, noch je vier Generalredner zu Worte kommen zu lassen. Nachmittagssitzung Bei Beginn der Nachmittagssitzung erhält zur persönlichen Bemerkung das Wort der Direktor der Jüdischen Kolonialbank, Mr. Co wen- Londo n, der von einem Teil der Delegierten mit Zischen empfangen wird, wogegen der größere Teil der Delegierten mit lautem Beifall und Zurufen demonstriert. Er führt aus: Er sei in der Debatte vielfach persönlich angegriffen worden. Hiergegen müsse er sich verteidigen. Er habe nur nach den Kongreßbeschlüssen gehandelt. Das Direktorium des I. C. T. sei nicht vor der Anstrengung des Prozesses befragt worden. Er habe immer auf dem Standpunkt gestanden, daß dieser Prozeß die Bank schädigen könne und werde. Jetzt komme man hinterher mit Vorwürfen. (Zurufe.) Ich bin unzufrieden mit Ihnen, daß" Sie nicht mit mir gegangen sind. Dann hätten wir noch die 36 000 Mk., die der verlorene Prozeß uns gekostet hat, in der Tasche. (Zurufe: Bravo!) Man behauptet, daß ich das Spielzeug anderer gewesen bin, als ich den Brief an Professor Warburg schrieb. Herr Präsident! Ich weiß nicht, welches Wort ich hier für den Ausdruck „Lüge" gebrauchen darf. Wenn Sie ein besseres Wort wissen, sagen Sie es mir (Heiterkeit). Ich kann noch erklären, daß ich diesen Brief ganz allein geschrieben habe. Diese ganze Korrespondenz ist eine absolute Privatsache. (Zustimmung, Widerspruch.) Der Präsident Dr. Nordau erteilt darauf dem ersten Generalredner Boris Goldberg-Wilna das Wort. Es sei sehr bedauerlich, daß von einzelnen Rednern das persönliche Moment in den Vordergrund gerückt werde. Redner werde sachlich bleiben. Wir haben keine Parteisache, sondern eine Volksarbeit auf uns genommen. Für diese Aufgabe müssen wir die nationaljüdischen Arbeitermassen zu gewinnen suchen. Mit dieser Volksbewegung muß die Leitung in inniger Fühlung stehen. Sie müßte mit der Bewegung in den einzelnen Ländern Verbindungen unterhalten, zu jeder politischen Erscheinung, die uns irgendwie berührt, Stellung nehmen. An einer solchen Leitung hat es uns aber, wenn wir auf die letzten Jahre zurückblicken, leider gefehlt. Als die gewaltigen Umwälzungen in der Türkei sich vollzogen, mußte von der Zentralleitung eine Stellungnahme erfolgen. Wir haben mehrfach angefragt, konnten aber bei unserm politischen Zentrum keine klare Stellungnahme erzielen. Unser offizielles Parteiorgan in Wilna konnte bei den ganzen weltumspannenden politischen Ereignissen nur immer den Standpunkt der Landsmannschaften vertreten. Nachdem der Beschluß gefaßt war, eine Agrarkreditkommission einzusetzen, konnte man doch die Förderung dieser Kommission durch den engern Ausschuß erwarten. Als es sich aber darum handelte, die £ 50 betragenden Spesen der Agrarkreditkommission zu bewilligen, lehnte das A. C. und das Nationalfonds-Direktorium dies ab (hört, hört,) und das nennt man die Förderung einer Idee, die die zivilisierte Welt bewegt. Wir haben mehrmals den Präsidenten vergebens gebeten, die Sitzung des Aufsichtsrats in diesem Jahre nicht in London, sondern in Berlin abzuhalten, wohin man leichter reisen konnte. Es galt doch, nichts zu vertuschen. (Zuruf.) Es ist alles beim alten geblieben. (Erneute Zurufe.) Ja, wir wollten einen andern Direktor wählen als Mr. Cowen. (Beifallsklatschen eines Teiles der Delegierten.) Präsident Dr. Nordau macht den Redner aufmerksam, daß seine Redezeit abgelaufen sei. (Zuruf: Weiterreden.) Der Kongreß hat seine Entscheidung getroffen und kann sich nicht durch einzelne Delegierte eine andere Taktik aufdrängen lassen. Herr David Wolffsohn bittet, den Redner weitersprechen zu lassen, sofern er noch Anklagen gegen die Leitung vorzubringen habe. Präsident Dr. Nordau: Ich fühle mich durch Beschlüsse gebunden. Wenn der Vorredner seine Vorwürfe gegen die Leitung nicht erschöpft hat, so folgen ihm ja noch drei weitere Generalredner gegen die Leitung. (Sehr wahr!) David Wolffsohn: Ich will Ihre Zeit nur ganz kurz in Anspruch nehmen und nur das, was in den Ausführungen des Vorredners unrichtig ist, berichtigen. Es ist richtig, daß wir dem „Ha'Olam" in Wilna keine Direktiven gegeben haben, aber es ist auch bei uns gar nicht angefragt worden. Und ich habe nicht die Aufgabe, die ganze Welt ungefragt mit Nachrichten zu versehen. Als von den für Rußland in. Aussicht gestellten 50 000 Frs. 43 000 Frs. angesammelt waren, habe ich die Beschlüsse sofort ausgeführt. (Hört, hört.) Auch bezüglich der £ 50 für die Agrarkreditkommission ist Herrn Goldberg ein kleiner Irrtum unterlaufen. Das E. A. C. hat sofort das Geld dem Vorsitzenden der Kommission, Herrn Prof. Warburg, überwiesen, und die £ 50 sind noch nicht verbraucht. (Hört, hört und Widerspruch.) Herr Prof. Warburg! Haben Sie die £ 50 nicht sofort erhalten? (Prof. Warburg nickt zustimmend.) Sind Ihnen noch von anderer Seite 50 £ angeboten worden, und ist'das Geld schon aufgebraucht? Die Herren aus Rußland verlangen, wrenn sie einen Wunsch äußern, daß wir ihn auch gegen den Wunsch der Mehrheit ausführen. So ist es auch mit der Abhaltung einer Sitzung in Berlin. Das hätte mehr Kosten verursacht. Nicht nur, daß die Herren aus Rußland sich die Reise bezahlen lassen, hätte auch die Überführung des Materials von London nach Berlin mehr gekostet. Ich bin verpflichtet, die Bank möglichst vor Unkosten zu bewahren. Trotzdem fragte ich beim Aufsichtsrat an. Die Majorität war dagegen. Und die Herren aus Rußland machen mir hier Vorwürfe, daß ich dem Beschluß der Mehrheit gemäß gehandelt habe. (Stürmischer Beifall.) Der nächste Generalredner Lebovits, Budapest, hat den Eindruck gewonnen, daß hier Kritiken gehört worden sind, wie sie bei uns nicht vorkommen sollten. Kritik sei berechtigt, aber Voraussetzung sei, daß sie sich auf Tatsachen stütze und daß sie Mittel und Wege angibt, wie es besser gemacht werden kann (Zustimmung). Wir haben hier zuvor heftige, verletzende Kritik gehört. Aber so sehr ich aufgepaßt habe, ich habe nicht eine Anregung gehört, nicht einmal einen Ansatz zu einer solchen Anregung, die uns auf einen hessern Weg geführt hätte. (Stürmischer