Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 3 (28.12.1909)
- Date
- 1909-12-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ruft weiter aus dem Chaos lärmender Zurufe: „Ich schwöre auf Herzl, ich habe ihm nie das Leben verbittert." —Er .beruhigt sich, als Wolffsohn feststellt, daß er natürlich nicht die ganze Opposition meine, sondern nur einzelne, wie Pasmanik, und ihm werde er es protokollarisch nachweisen.) Aber wo war die Entrüstung geblieben gestern, als Pasmanik in unerhörter Weise von dem Präsidenten des A. C. gesprochen habe. Sie haben ihn ruhig angehört, also hören Sie auch mich ruhig an. (Die große Mehrheit der Versammlung akklamiert den Redner stürmisch. Die durch wild erregte Zurufe veranlaßte Unruhe nimmteinen tumultartigen Charakter an, der die Sitzung zu sprengen droht. Vergebens macht der Präsident Dr. Nordau darauf aufmerksam, daß der Zufall oder der Eifer in der Wortmeldung bisher nur Gegner und Kritiker der Leitung auf die Rednerliste gebracht habe und daß es die einfache Billigkeit verlange, nunmehr auch die Rechtfertigung und Erwiderung des angegriffenen Präsidenten anzuhören. Der Appell Nordaus erzielt seine Wirkung erst dann, als er es mit seiner Würde und, der Würde des jüdischen Volks für unverträglich erklärt, bei einem derartigen Tumult noch länger die Leitung des Kongresses zu führen und als er unter stürmischem Beifall der Mehrheit des Kongresses der Opposition die Verantwortung aufbürdet, wenn der Kongreß mit Schande auseinandergehe.) Wolffsohn verschafft sich wieder Gehör. Sie müssen mich anhören, ich werde Sie zwingen, mich anzuhören 1 Sie haben eine Abrechnung verlangt, schön! Ich bin Kaufmann, und ich werde dafür sorgen, daß das, was ich auszugeben habe, in der Buchung sich ausgleicht mit meinen Einnahmen. (Sehr gut.) In jeder Rede wurde die Größe Herzls betont. Warum? Das war zu Herzls Lebzeiten nicht auch so. Hat man ihm nicht immer Opposition gemacht? (Lebhafte Zustimmung). Gott gebe, daß ich noch recht lange auf Ihr Lob verzichten kann denn Ihr Lob wird zugleich ein Kadisch nach mir sein, und ich will noch lange leben, für die Bewegung leben. (Stürmischer Beifall.) Die Leitung der Bewegung werde ich nicht weiter in der Lage sein zu führen. Ich werde Ihnen gleich sagen, warum. Also, Sie werden sich die Mühe ersparen, meine Herren von der Opposition, wenn Sie mich ruhig anhören. Wolffsohn schildert die Tätigkeit der Opposition oder eines großen Teiles derselben. Man komme zum Kongreß mit der Absicht, nach Mängeln bei der Leitung — und wo gäbe es die nicht — zu spüren, um da irgendwo einhaken zu können. Die Leitung muß bekämpft werden! Ist das die Aufgabe des Kongresses? Ist das die Aufgabe der großen Politiker, die ja im Parlament Politik machen? Ist das Ihre Aufgabe, hier nur zu kritisieren, nur zu reden, alle zwei Jahre? (Stürmischer Beifall.) Was schlagen Sie denn vor? \Volffsohn verweist auf die Gegensätzlichkeit der Vorwürfe, die man ihm mache. Und woraus erklärt sich das? Ein russischer Zionist hat es mir gesagt. Ich sagte ihm: Lieber Freund, was wirft man mir vor, was verlangt man von mir, sagen Sie es mir doch, damit ich mich danach richten kann. Da antwortete er mir: Sie sind uns eine zu starke Persönlichkeit, wir wollen eine schwache Persönlichkeit an der Spitze, wir haben nicht das Vertrauen zu Ihnen, das Sie unsere Beschlüsse auch wirklich -ausführen. Sie sind uns zu stark! Wolffsohn richtet die Frage an den Kongreß: Ist einer imstande nachzuweisen, daß ich jemals einen Kongreßbeschluß nicht loyal ausgeführt habe? Manchmal tat ich es contre cocur, blutenden Herzens, aber der Kongreß hat es beschlossen, und das, was der Kongreß beschließt, muß uns heilig sein! (Stürmischer Beifall.) So ist es mit den Beschlüssen des Kongresses und mit denen des A. C. Ich will Ihnen das Geheimnis verraten, weshalb ich den Herren teils zu stark bin und teils dem Vorwurf begegne, ein Schwächling zu sein. Stark soll ich sein gegen ihre Gegner, schwach gegen sie selber. (Heitere Zustimmung.) Und zeige ich die Faust und sage Nein, dann kommt Pasmanik und sagt, ich sei ein Autokrat. Ich habe noch nie etwas gegen meine Überzeugung vertreten und niemals in Dingen nachgegeben, bei denen ich mir sagen mußte, das ist zum Schaden der Bewegung. Das ist selbstverständlich, dafür bin ich verantworlich. Ideen verlangt man von mir, nun, man kann nicht mehr geben, als man besitzt. Aber die großen Ideen, die bei uns herumgetragen werden, davon habe ich genug! Zangwill und jetzt Nossig! (Stürmischer Beifall.) Die wichtigste Idee des Zionismus ist die zionistische Idee. (Stürmischer Beifall.) Initiative verlangt man. Redner schildert die Erfahrungen, die er mit seiner Initiative gemacht hat. Da heißt es, das sind Gelddinge, was haben wir mit Geld zu tun? Da hat der Kongreß etwas beschlossen, und die russische Landsmannschaft erklärt: Wir haben kein Interesse dafür! (Hört, hört!) Und die österreichische Landsmannschaft, die mit ihr im Kompromiß ist, sagt dasselbe. (Hört, hört!) Sie verlangen Initiative für Kultur und andere schöne Dinge. Nun, warum arbeiten Sie nicht? Warum reden Sie nur immer? Von Köln kann man nicht den ganzen Erdteil leiten oder übersehen, auch nicht von Berlin oder einem andern Punkte. Fragt man einen der Herren: Ist bei Ihnen eine große Ortsgruppe? dann heißt es: Ach, bei uns ist ein steiniger Boden! Bei uns kann gar nicht gearbeitet werden! Und fragt man: Warum beseitigt Ihr nicht die persönlichen Differenzen bei euch? dann heißt es: Das ist bei uns nicht möglich. Aber wir sollen die Juden der ganzen Welt vereinigen, und diese Vorwürfe machen uns die Herren, die nicht imstande sind, eine kleine Ortsgruppe zu vereinigen. (Stürmischer Beifall.) Nichts haben wir in den zwei Jahren getan als ein Bureau gemietet, und noch solche schöne Dinge. Daß ich nach Petersburg, nach Konstantinopel gegangen b'n, das unterschlug Pasmanik? einfach. Kann man bei einer solchen Kritik noch die Verantwortung für eine Bewegung übernehmen, sie vorwärtsbringen? (Rufe: Sehr wahr!) Kein Präsident wird das können, auch wenn er nicht Herzls Nachfolger ist, sondern nur Wolffsohns Nachfolger. Im Volke liegt unsere Stärke, zum Volke habe ich Vertrauen, aber nicht zu den Führern, den Führern, die neulich erst eine Versammlung in Petersburg gehabt haben, dieselben Herren, die auch in Charkow waren (Lärm. Hört, hört). Und da kommt man zum Kongreß und beklagt sich, daß der Präsident keine Autorität besitze. Ich fühle mich noch als russischer Jude, keiner wird mich im Verdacht haben, über die russische Landsmannschaft oder irgendeine andere schlecht zu denken, aber wir haben keinen Unterschied zu machen zwischen Russen, Polen, Galiziern, Holländern, und wie sie alle heißen, wir sind Zionisten. (Stürmischer Beifall.) Sie alle versammeln sich hier als Zionisten und nicht, um russische oder andere Interessen zu fördern. Wolffsohn ironisiert das demokratische Prinzip der russischen Landsmannschaft, die es noch nicht fertig bekommen habe, sich einen Präsidenten zu wählen, sondern ihrer fünf habe wegen des Streites zwischen den Personen. Daher immer das siamesische Zwillingspaar Tschlenow-Ussischkin. („Hört, hört" und heitere Zustimmung.) Wolffsohn beschäftigt sich mit dem Unrat, der von gewissen Delegierten und Preßorganen über die Leitung und den Zionismus ausgegossen worden sei, und stellt fest, daß es bei einer Reihe von Punkten, die zum Anlaß von Vorwürfen und Beschimpfungen genommen wurden, ein leichtes gewesen wäre, durch Anfragen in Köln den wahren Sachverhalt, zu erfahren, statt Unwahrheiten in die Welt zu tragen, um den Präsidenten und die Direktoren der Bank in skandalöser Weise herunterzureißen. Auch in der Affäre Warburg-Cowen verurteilt der Redner entschieden die Form des Cowenschen Briefes. Aber Warburg sei bei all seinen hervorragenden Eigenschaften kein Kaufmann, und das kaufmännische Handwerk wolle gelernt sein. Aus dem Briefwechsel sei bekannt geworden, daß er sich auf kaufmännische Ratgeber verläßt, daß er von Unverantwortlichen beraten werde. Warburg selbst habe ihm gesagt, wenn er Vorschläge mache, so sei ja Wolffsohn Kaufmann