Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 3 (28.12.1909)
- Date
- 1909-12-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 3 DIE Sjä^ELT 1181 nicht, wie ich überzeugt bin, mit Lachen, sondern mit Ernst annehmen. Die Resolution lautet: „Alle bewußten Zionisten verpflichten sich vor allem, innerhalb der nächsten fünf resp. zehn Jahre mit Zustimmung der türkischen Regierung nach Palästina auszuwandern." (Beifall, Gelächter, große Bewegung.) Greenberg-London beantragt von nun an Beschränkung der Diskussionsredezeit auf 10 Minuten. Der Antrag wird angenommen. Dr. Thon-Krakau: Der Generalbericht des Aktionskomitees enthält nennenswerte, positive Werte. Es ist doch etwas geschehen seit den Jahren, daß wir verwaist sind. Das ist um so mehr anzuerkennen, als wir bedenken müssen, in welcher Situation uns der Steuermann Herzl gelassen, als er das Ruder aus der Hand legte. Wir müssen es der Leitung danken, daß sie das, was wir erworben haben, auch erhalten hat (stürmischer Beifall). Also es ist etwas geschehen, es fehlt aber die Resonanz, die Schwungkraft, der alte Herzische Schwung, der die Massen fortriß und in Bewegung brachte. Das liegt daran, daß wir im Engern Aktionskomitee keinen einheitlichen Willen haben, weil man rechts und links zieht. Man macht so bei uns in letzter Zeit vieles, aber nicht viel. Man greift zu viel an und bringt nicht alles zu Ende. Herr Nordau sagt: man mag arbeiten in Palästina! Das ist viel zu wenig für eine Leitung; die Leitung soll arbeiten. (Beifall.) Eine Parteileitung muß eine Meinung haben und nicht ein Amt vorstellen. Auch die Kulturfrage ist in den Hintergrund getreten. Ich freue mich, daß Dr. Pasmanik vereinzelt geblieben ist in der gesamten jüdischen Presse mit seinem fürchterlichen Vorschlage, das Baseler Programm zu ändernT (Lebhafter Beifall.) Der praktische Zionismus ist nichts anderes als politischer Zionismus. Ein Antrag von Dr. Kohan-Bernstein (Jaffa), die Redezeitbeschränkung wieder aufzuheben, wird abgelehnt. Dr. Mossinsohn-Jaffa spricht unter lebhaften Zurufen des Beifalls hebräisch. Pool-Hengelo (Holland) wendet sich gegen das öffentliche Auftreten des Mr. Cowen in der Sache der Bankstatuten. Dr. Daiches-London: Der sechste Kongreß brachte die Gefahr Uganda, der siebente Kongreß wandte Uganda ab, und der achte bestätigte den palästinensischen Zionismus. Was wird das Merkmal des neunten sein? Was ist für ihn in den ,272 Jahren geschehen? Wir dürsteten nach einer Mitteilung des Aktionskomitees über das, was geschehen ist, und es wurde uns nicht einmal ins Ohr geflüstert. Heute haben wir vom Präsidenten des Engern Aktionskomitees eine Rede gehört, die er vor einein halben, vor einem, vor anderthalb Jahren hätte halten sollen. Und von Nordau hätten wir die erste Hälfte seiner Rede niemals hören sollen. Wir wollten ja nichts als eine Parole, ein moralisches Erhebungswort, nur das, was uns Wolffsohn heute gesagt hat: Eine neue Ära ist angebrochen. Leider hat uns die Rede Nordaus wieder Mißtrauen eingeflößt. Der Zionismus steht jetzt am Scheidewege, und kein günstigeres, glückverheißenderes Ereignis konnte geschehen als die Umwälzung in der Türkei. Nordau ließ heute den Charter fallen: Unbeschränkte Arbeit in Palästina! (Stürmischer Beifall bei einem Teil der Versammlung.) Der Redner wendet sich weiter gegen Mr. Cowen wegen seines Briefes an Warburg. Die Leitung muß einen neuen Weg einschlagen. Kein Zionismus mit Wenn und Aber und mit Nordauscheu Kommentaren, sondern mit Palästinaarbeit. (Teilweiser Beifall.) Julius Simon-Mannheim erstattet den Bericht des Legitimationsausschusses. Der Ausschuß beantragt sämtliche Mandate für gültig zu erklären mit Ausnahme von zwei podolischen Mandaten, weil dort mehr Delegierte gewählt wurden, als man zu wählen berechtigt war. Die südafrikanischen Protokolle entsprechen zwar keineswegs den Anforderungen, nichtsdestoweniger sollen sie für gültig erklärt werden. Der Antrag wird angenommen. Schluß der Sitzung 6L/> Uhr. Zweiter Verhandlungstag Montag den 27. Dezember 1909 Vormittagssitzung Präsident Dr. Nordau eröffnet die Vormittagssitzung um 10V2 Uhr. Zur Generaldebatte sind noch 71 Redner eingetragen. Dr. Kohan Bernstein: Unsere Kritik gilt nicht Personen, sondern dem System. Es gibt keine Saite des jüdischen Lebens, die in dem Berichte des EAC nicht anklingt. Nur von Palästina selbst, von der Hauptsache ist erst am Schlüsse des Berichts in einer ganz kleinen Kolumne die Rede. War es wirklich unmöglich, alles, was in Palästina vorgeht, so zu würdigen, daß der Kongreß ein deutliches Bild davon bekommen kann? Ich meine durchaus nicht, daß man sich nur mit rein praktischer Arbeit beschäftigen soll. Ich bin ein politischer Zionist, aber die große Weltpolitik interessiert hier nur so weit, als sie wirklich mit der zionistischen Bewegung im Zusammenhange steht. Warum wird über so wichtige Dinge, wie die Zahl der jüdischen Einwanderung in Palästina, die einen erheblichen Fortschritt zeigt, nicht berichtet? Warum steht kein Wort über die Kulturarbeit, über unser Gymnasium? Abgedroschene Phrasen hören wir, und über die Bank werden Zahlen und Ziffern vorgebracht, die auf Laien einen gewissen Eindruck machen; aber wie die Bank wirklich in Palästina wirkt, davon hören wir nichts. Neun Zehntel der aktiven Energie geht in Palästina verloren. (Teiiweiser Beifall.) Wir haben jetzt wirklich in Palästina eine Bevölkerung, die nicht aus Schnorrern besteht, — und ich bin beauftragt, gegen die Meinung zu protestieren, als ob Palästina nur aus Schnorrern bestünde, — so soll man denn uns Palästinenser hören. Aber man achtet uns nicht. (Beifall bei einem Teil der Delegierten.) Die hohen Herren hören auf die paar Leute oben, die glauben, als Touristen das Land zu kennen (Teilweiser Beifall.) Ich bin ein Soldat und verlange Disziplin auf den Kongressen, die Kritik kommt mir also schwer an. Man hört von dem Geld der Bank, das Geld wird aus den Taschen armer Leute genommen, die erwürgt werden. (Vereinzelter Beifall, Unruhe.) Und wenn man nach der Bankpölitik fragt, wenn man fragt, wo das Geld bleibt, das angeblich verwendet wird, um kleine Leute aus den Händen von Wucherern zu befreien, so hört man, es wird gebraucht, um die enormen Kosten der Leitung in London zu decken. (Vereinzelter Beifall, große Unruhe.) Wir wollen eine Landsmannschaft sein in Palästina. (Teiiweiser Beifall.) Wir wollen nicht im Ausnahmezustand weiterbehandelt werden. Wir wollen, daß auch bei uns ein Mitglied des engeren Ausschusses sitzt. (Herr Wolffsohn: Aha!) Das soll nicht bedeuten, daß ich mich für diesen Posten empfehle. (Große Unruhe.) Dieses Aha von dieser Stelle ist bezeichnend. (Unruhe.) Wir wünschen, daß auch aus Jaffa, aus Jerusalem ein Strom elektrischer Verbindung mit dem Strome, der aus dem Exil kommt, geleitet wird, und das ist nur möglich, wenn wir jeden Augenblick gehört werden können, wenn auch von uns jemand im Aufsichtsrate sitzt. (Große Unruhe, Schlußrufe.) Präsident Dr. Nordau befragt den Kongreß wegen der Verlängerung der abgelaufenen Redezeit tür den Redner. Die Mehrheit der Versammlung beschließt, ihn weiter reden zu lassen. Dr. Kohan-Bernstein: Auf das Aha mußte ich antworten. Ich weiß, was das Aha bedeuten soll. (Zuruf von David Wolffsohn: Meine Gedanken werde ich Ihnen nachher zum Ausdruck bringen.) Nur durch diese Geheimnistuerei der Leitung oben kommt das Mißtrauen, kommen die Mißverständnisse. Ich spreche nicht von der Finanzkontrolle, dafür haben wir Revisionsinstanzen. >ch spreche nur davon, daß unsere Institute so wenig zionistischen Charakter haben. Wer in Palästina selbst wohnt, der weiß, wie die kleinen Leute, wenn sie dort hinkommen enttäuscht sind, die Leute, die mit großen Opfern dort hingekommen sind und nun einer feindseligen Haltung begegnen. (Beifall und Widerspruch, Unruhe.) Bentwich beantragt Schluß der Rednerliste, auf der jetzt noch 72 Namen stehen, und die Wahl von Generalrednern. Einstweilen wurde der Antrag auf Schluß der Rednerliste angenommen. Reichsratsabgeordneter Adolf Stand: Im Namen des Jüdischen Klubs des österreichischen Parlaments begrüße ich Sie auf das herzlichste. (Lebhafter Beifall.) Der Jüdische Klub blickt mit Stolz auf das jüdische Parlament. Es stärkt das Lebenselement der jüdischen Nation, wenn hunderte von Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt hierherkommen, um die wesentlichen Interessen des Volkes zu besprechen. Nun zur Sache. Es gibt eine persönliche und eine sachliche Kritik, eine produktive und eine unproduktive. Es entspricht nicht der Würde dieses Kongresses, jemanden zu einem schwachen untätigen Menschen zu stempeln und ihn dann an die oberste Leitung zu berufen. (Lebhafte Zustimmung.) Unproduktiv ist die Kritik, die nur nörgelt, nur abkanzelt. Unser Dreimänner - Kollegium leidet an einem vollständigen Mangel von Einheitlichkeit. Zwei starke Ströme laufen auseinander, ein politischer und ein praktischer, ich weiß nicht,,ob das die richtige Bezeichnung ist, ich glaube es nicht, ich werde mich aber an sie halten. Wolffsohn ist ausschließlich politischer Zionist, Warburg ist ausschließlich praktischer Zionist. Die drei ergänzen sich nicht. Ihre Ansichten heben sich leider auf. Politischer Zionismus, d. h. Nichtstun, d.h. Warten, (Beifall und Widerspruch.) Das Politische ist in höchstem Grade unpraktisch, es schafft nichts, es ist eine Erstarrung. Wolffsohn ist teilweise inkonsequent, und insofern ist er mir sympathisch, denn er ist stummer Opponent der Herren aus dem Westen mit der reinen Politik. Er tut was von Zeit zu Zeit, aber dieser Zustand ist auf die Dauer unhaltbar. Ein Präsident, der für uns die praktische Arbeit in Palästina widerwillig . macht, dem man sie abtrotzt, das geht auf die Dauer nicht. Ein Präsident muß aktiv sein, es heißt doch Aktionskomitee (Beifall). Er muß ein Führer sein, er muß Ideen geben. Dagegen Warburg: Mit ganz kleinen Mitteln wird da gearbeitet, aber es wird 2