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Die Welt · 1909-12-28 · 3 (28.12.1909) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
3 (28.12.1909)
Date
1909-12-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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so wollten wir unsern Bericht nicht zu sehr überladen und glaubten uns nur auf die allerwichtigsten Punkte beschränken zu dürfen. In seiner Gesamtheit enthält doch unser Bericht die Quintessenz der uns gelieferten Einzelberichte. Der dritte Teil enthält den finanziellen Bericht. Dieser Bericht ist jetzt nach einem viel ausgedehntem Programm als die frühern Berichte verfaßt worden. Der Bericht enthält eine Übersicht über die Finanzlage der Gesamtorganisation und sämtlicher zionistischen Institutionen, wodurch er dem Leser die Möglichkeit verschafft, über die zionistischen Finanzen einen umfassenden und einheitlichen Überblick zu gewinnen. Redner schloß mit einigen Worten über die Eigenart eines Berichtes der zionistischen Organisation, der sich im Prinzip von allen andern Berichten irgendwelcher Organisation unterscheiden müsse. Generaldebatte Als erster Redner zur Generaldebatte sprach, lebhaft begrüßt, Prof. Dr. Leon Kellner. Er wünscht eine andere Organisation des Kongresses, für den er die Einrichtung von Sektionen für alle Fragen des Judentums fordert, wo alle Probleme eingehend behandelt werden können, was heute dem Kongresse fehle. Das sei die einzige Möglichkeit, dem Zionistenkongreß den jüdischen Geist zuzuführen. Dann das Geld! Wie ziehen wir das jüdische Geld heran? Gewiß ist es nicht angenehm, in den kleinen Orten mit dem Hut in der Hand an die Juden heranzutreten. Sie sind gewiß nicht widerwillige Geber, aber es kommt auf das Wie an. Eine Aktie der Palestine Land Development Company kauft jeder gern; man hat selbst nicht die Aussicht, nach dem heiligen Land zu kommen, aber man ist damit doch schon Mitbesitzer am heiligen Boden. Dies gibt den Weg an. (Beifall.) Präsident Dr. Max Nord au betont, daß diese Fragen in die Debatte über das Organisationsstatut gehören. Dr. Pasrnanik-Genf: Ich werde die Stimme der Unzufriedenheit erklingen lassen. Und die beste Berechtigung dafür entnehme ich der Rede unseres Dr. Nordau. Wir sind gewohnt, sonst von ihm Losungsworte zu hören, die für ein Jahr Speise für die andern, die dii minorum abgeben. Heute zum erstenmal hat er einen polemischen Ton angeschlagen. Die ganze erste Hälfte seiner Rede war Polemik, aber, Herr Dr. Nordau, Polemik gegen Windmühlen! Sie hätten Ihre Kampfesworte an eine ganz andere Stelle richten sollen. Vor mir Hegt ein Preßorgan, und in diesem Organ hat ein hochgestellterZionist folgende Erläuterung des Programms unmittelbar nach der türkischen Revolution gegeben. Die Frage: Wie erklären Sie die Worte „öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte?" beantwortet er in seinem Interview folgendermaßen: Es ist vollständig naturgemäß, daß wir unter dem alten Regime suchten, das Leben und das Gut unserer Ansiedler in Palästina durch das öffentliche Recht zu garantieren. Aber unter dem neuen Regime ist das überflüssig; da ist durch die Bestimmungen der Verfassung alles vollständig gesichert. Wir wollen nur die Rechte, die diese Verfassung allen andern Bürgern gibt, genießen. Und auf die weitere Frage: Wollen Sie ein Gebiet ausschließen? erwiderte er: Keineswegs, wir wollen die Einführung der jüdischen Arbeit und des jüdischen Kapitals in die ganze Türkei. Herr Dr. Nordau, Ihre Kritik hätten Sie gegen unsern Präsidenten Wolffsohri richten sollen. Als wir von Veränderung des Baseler Programms sprachen, da wollten wir nur eine Verwässerung des Baseler Programms verhindern. Unverbrüchlich bleibt für uns die nationale und die kulturelle Wiedergeburt des jüdischen Volkes in Palästina und den Nachbarländern. Das ist der Grundgedanke des Baseler Programms. Gegen diese aus Furcht gemachte Interpretation des Baseler Programms sagten wir: Wir wollen eine bessere, eine sachgemäßere Abänderung des Baseler Programms. Aber heute handelt es sich nicht um eine solche Abänderung, und ich kann Herrn Nordau versichern, daß das Baseler Programm allen Zionisten sehr teuer ist, insofern als es das 2000jährige Ideal des jüdischen Volkes in sich birgt. Aber Dr. Nordau war der erste, der nach der türkischen Revolution eine gewisse Umstimmung gezeigt hat. Er sagte: Wenn Herzl jetzt lebte, dann würde er sagen: Jetzt braucht ihr den Charter nicht! (Zurufe: Das hat er ja heute gesagt!) Vor der Revolution hat er es nicht gesagt (Lebhafter Widerspruch. Rufe: Unerhört!); und wer auf einem frühern Kongreß sich erlaubt hätte, an dem Charterprogramm zu rütteln, — Trietsch tat es, — den hätte man von der Tribüne heruntergeworfen. Nordau will nicht amtlicher und nicht halbamtlicher Verteidiger der Leitung sein; er war mehr als beides, er war außeramtlicher Verteidiger der Leitung. Seine Autorität ist so groß, daß es schwer ist, jetzt die Leitung zu kritisieren. Ich spreche nicht in meinem Namen, sondern, wie ich überzeugt bin, im Namen der Majorität (Stürmischer Widerspruch.) Vor allem bin ich unzufrieden mit der Organisation des Kongresses selbst. Ein Redekongreß ohne neue Gedanken in der Tagesordnung, trotz der. Veränderung, die seit dem letzten Kongreß innerhalb und außerhalb des Zionismus eingetreten ist. Bei Herzl, da gab es Losungsworte. Man hat den Kongreß so organisiert, daß er nicht einmal zusammenfällt mit der Beratung unserer Bank. Ganz nach russischem System; dort verpanzert die Regierung das Budget und gibt nur unwesentliche Teile desselben an die Duma, in das andere hat sie nicht hineinzureden. Etwas wirklich Schöpferisches hat es im ganzen Programm nicht gegeben. Als* Wolffsohn auf dem letzten Kongreß mit 132 gegen 59 Stimmen zum Präsidenten gewählt wurde, da erklärte er: Ich werde mich bemühen, auch die Zufriedenheit der 59 zu gewinnen. (Zuruf: Ist geschehen!) Das wollen wir abwarten, ob er ihr Vertrauen hat. Was haben Sie an Taten gesehen in den 2xk Jahren der neuen Leitung? Was haben Sie davon gespürt, daß wir eine Leitung haben? (Teilweiser Beifall, lebhafter Widerspruch und starkes Zischen. Zuruf: Wir haben es gefühlt!) Die gelbe „Welt" haben wir bekommen. Gelesen werden nur die letzten vier bis sechs Seiten, die Mitteilungen über den Nationalfonds, die Berichte über das Einkommen; das übrige sind schöngeistige Sachen. Das zweite hochwichtigste Ereignis war, daß man die Räume des Zentralbureaus von Karolingerring 6 nach Karolingerring 31 verlegte. (Große Unruhe, Pfuirufe.) Die dritte Tat: Eine Reise unseres Präsidenten nach Petersburg, ohne daß er vorher in jener furchtbaren Zeit sich mit dem russischen Aktionskomitee beraten hätte, ob es opportun war, ob es nicht vielleicht eher schaden als nützen würde. (Große Unruhe, Widerspruch und Pfuirufe bei der großen Mehrheit der Versammlung.) Wie ganz anders würde das Bild sein, wenn Herzl hier wäre! Gedanke, Gefühl und Wille! Ich werfe der Leitung vor, daß sie kein einziges dieser Elemente besaß. (Zurufe: Würden Sie es besser machen?) Ich bin kein Präsident und prätendiere es nicht. (Gelächter und Zurufe: Machen Sie doch bessere Vorschläge!) So wie bisher werden wir keine neuen Kräfte werben. Unsere Organisation ist jetzt schon schwächer als beim vorigen Kongreß, und so war es auch das vorige Mal. Die Krankheit erkennen ist das, was nottut. Wenn wir warten, bis erst alle Juden Zionisten sind, wenn man den Zionismus nicht als Postulat betrachtet, wenn man wartet, wartet, untätig wartet, — das heißt schwächer und schwächer werden. Herr Nordau, wer wartet und nur wartet, wer untätig wartet — (Große Unruhe und Widerspruch, vielfache Zurufe: Das hat Nordau nicht gesagt!) Und noch eine Tat habe ich zu berichten: Das E. A. C. hat aufgefordert, daßman die Aktien der Anglo-Palestine Company kaufen soll. Da frage ich: Sind Sie mit gutem Beispiel vorangegangen? (Große Unruhe. Pfuirufe!) Mir hat jemand gesagt, ein Direktor habe ihn aufgefordert, für einige Tausend Pfund zu kaufen, und als er ihn fragte: Und Sie? da antwortete er: Ich? wo denken Sie hin! (Große anhaltende Unruhe. Rufe: Namen nennen! Wolffsohn ruft: Wer war der Direktor? Sie sind verpflichtet, den Namen zu nennen! Lebhafter Beifall). Dr. Pasmanik nennt schließlich Mr. Cowen. ij Man bekämpft uns; gewiß, und ich will auch die Namen Inennen: es ist die Alliance Israelite Universelle. Die hat die be- «rühmte Rede Goldbergers auf dem Gewissen. (Zurufe: Die Hetzrede!) Das sollten Sie viel schärfer bekämpfen, als wir es tatsächlich getan haben. Nichts wurde unternommen, um mit andern Organisationen in Verbindung zu treten. Was auf palästinensischem Gebiete an Rationellem geschaffen wurde, verdanken wir nicht unserm Präsidenten, sondern Professor Warburg. Er wurde in unerhörter Weise von dem Direktor unserer Bank angegriffen; gegen Mr. Cowen müßte man auf das entschiedenste wegen seines Briefes an Warburg protestieren. Ich habe einen Vorschlag, unserer Leitung das Mißtrauen auszusprechen. Die zionistische Leitung muß noch außerhalb des türkischen Reiches sein, jawohl, aber doch nicht außerhalb der jüdischen Zentren. Nicht Köln ist der Platz. In ein paar Jahren werde ich Ihnen Wihia vorschlagen. (Dr. Abrahamsohn-Särbogärd ruft: Charkow!) Also Reorganisation der Leitung, Verlegung der Zentrale nach einer andern Stadt, wo mehr jüdische Kräfte zur Verfügung stehen, und die Schaffung eines fünf- oder siebengliedrigen Kollegiums für die Leitung, und drittens die Wahl einer zehngliedrigen Kommission für alle mit der Palästinaarbeit zusammenhängenden Fragen. Heute hat man die Vertreter begrüßt, die aus dem türkischen Reichekommen, aber nicht begrüßt hat man die Vertreter, die uns schon lebendige Kraft geben, die Vertreter der palästinensischen Arbeiterschaft (lebhafte Beifallsrufe), den jungen Nachwuchs, der seine Diplome von der Universität in die Tasche gesteckt hat, um einfacher Arbeiter in Palästina zu sein. Nicht die Leitung allein hat schuld, auch wir. (Zurufe: Nur Sie!) Die Seele ist verflogen. Wenn Sie wirkliche Zionisten wären, so würden Sie die Resolution, die ich Ihnen jetzt vorschlagen will,

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