Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 53 (27.12.1909)
- Date
- 1909-12-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Ähnlich verhält es sich mit dem Punkte, der ebenfalls zu Änderungen angeeifert hat, dem Punkte nämlich, der von den nötigen Regierungszustimmungen spricht, deren Erwerbung der Zionismus sich angelegen sein lassen soll. Die Reformatoren des Basler Programms denken bei Regierimgszustimmungen offenbar an die Zustimmung der Großmächte, deren wir in der Tat vielleicht bedurft hätten, solange wir das Recht der Besiedelung Palästinas von der Laune eines Despoten erwarteten, die aber vollkommen überflüssig sind, wenn wir dieses Recht von den berufenen Vertretern des rein souveränen Ottomanenvolkes zu erlangen hoffen. (Lebhafter Beifall.) Man hat aber etwas flüchtig gelesen. Sehen Sie sich den Text genauer an. Da steht nicht, die nötige Zustimmung der Regierungen; da steht: die nötigen Regierungszustimmungen, das heißt, die nötige Zustimmung der Regierung in der Einzahl. (Stürmischer Beifall, Bewegung.) Es liegt auf der Hand, daß unter dieser einen Regierung heute nur die türkische gemeint ist und sein kann, und wir erklären es hier ausdrücklich. (Tosende minutenlange Zustimmung.) Daß aber die Erlangung der nötigen Zustimmung der türkischen Regierung zur gesetzlichen jüdischen Besiedelung Palästinas eine der Aufgaben des Zionismus ist, das wird hoffentlich in dieser Versammlung niemand bestreiten wollen. (Beifall.) Wir wollen und werden also an unserm Programm keine Änderung vornehmen. Nicht weil wir ihm etwa eine mystische Unantastbarkeit zuschreiben. Derartiger Wortfetischismus liegt uns vollkommen fern. Aber weil das Baseler Programm unsere ganze Sehnsucht und all unsere Hoffnung ausdrückt, unser Endziel in deutliche Worte faßt, das Endziel nämlich, als modernes hochgesittetes Volk ungestört und unangefochten im Lande unserer Väter national zu leben und uns auszuleben. (Beifall.) Das drückt das Baseler Programm in voller Klarheit und Offenheit aus. Diese Offenheit ist es, die ich an ihm ganz besonders schätze. Wir haben keine Hintergedanken, wir drücken, wie ich es eben getan habe, unser EndzH in aller Rückhaltlosukeit aus, und diese Offenheit und Rückhaltlosigkeit gibt uns das Recht, jedem Verleumder gegenüber mit Stolz und von hoch oben herab zu sprechen, wenn man uns, ich weiß nicht, welche Hintergedanken, ich weiß nicht, welche unausgesprochenen Nebenansichten zuschreibt. Gewisse Gegner, denen man (Zurufe), nomina sunt odiosa, es genügt, daß wir uns verstehen, denen man auf allen Wegen begegnet, sind gegenwärtig in der Türkei an der Arbeit, uns dort mit einer Erbitterang zu bekämpfen, die zwölf Jahre ohnmächtiger ergebnisloser Feindseligkeiten in Europa und Amerika maßlos gesteigert hat. Sie haben uns in den politischen Kreisen der Türkei mit Verleumdungen verfolgt, die man vor der europäischen Öffentlichkeit nicht mehr zu wiederholen wagen würde, die man aber als zur Ausfuhr nach dem Morgenland noch ganz brauchbar ansah. (Stürmische Heiterkeit und Beifall.) Man hat die türkischen Valerlandsfreunde mit Mißtrauen gegen uns erfüllt. Man hat ihnen eingeredet, wir planten, eine Provinz vom türkischen Reich loszureißen, uns, wenn wir erst in Palästina sind, für unabhängig zu erklären, im Lande ein selbständiges Königreich oder eine Republik der Juden zu errichten. In Europa würde man derartige Tollheiten nicht mehr herumzuschwatzen wagen; vor türkischen Zuhörern, die weniger gewarnt sind, hat man es gewagt, derartige Foppereien vom Stapel zu lassen. (Sehr richtig!) Wir halten es deshalb für unsere Pflicht, zu sagen, unsern türkischen Freunden, denTürken im allgemeinen zu sagen: Laßt euch von unsern Gegnern keine Bären aufbinden (heiterer Beifall), sie machen sich' sträflich über euch lustig. Niemand von uns hat je daran gedacht, Palästina vom ottomanischen Reiche loszulösen (lebhafter Beifall), ein Königreich oder eine Repubilk zu errichten und dem ottomanischen Reich für die uns gewährte gastliche Aufnahme durch einen Anschlag gegen die Reichseinheit zu danken. (Lebhafter Beifall.) Was wir wollen, das ist, im ottomanischen Staatsverband eine Nationalität zu bilden, wie alle andern Nationalitäten irn Reiche. Die Anerkennung unserer Nationalität verlangen wir allerdings, daran soll kein Zweifel bestehen. Wir wollen es unsern Ehrgeiz sein lassen, den Namen der loyalsten, der brauchbarsten, der zuverlässigsten aller türkischen Nationalitäten zu verdienen (lebhafter Beifall), am Wohlstand, am Fortschritt, an der Macht des Reiches am eifrigsten mitzuarbeiten (lebhafter Beifall), das heißt, wohlverstanden, daß wir all diese Arbeit nur als Nationalität, als jüdische Nationalität tun. (Stürmischer Beifall.) Das ist unsere offene Mannesantwort auf gewisse türkische Äußerungen. Man hat uns gesagt: Kommt nur immer zu uns in die Türkei, ihr sollt uns willkommen sein, ihr findet bei uns alles, was ihr verlangt, fruchtbaren, billigen, vielleicht unentgeltlichen Bx)den, Sicherheit gegen Verfolgung, die Freiheit, die jedem Bürger des ottomanischen Reiches gewährleistet ist; aber ihr müßt ottomanische Staatsangehörige werden, die türkische Sprache annehmen, im türkischen Volk aufgehen, so daß man euch von allen andern Türken nicht unterscheiden kann; und damit wir ganz sicher sind, daß ihr diese Bedingungen auch einhaltet, werden wir euch nicht gestatten, in größerer Zahl oder gar in geschlossenen Verbänden beisammen zu siedeln. Wir werden Euch gleichmäßig durch alle Provinzen des türkischen Reiches verteilen, und wir werden Euch namentlich in Palästina nicht eindringen lassen. Palästina f-oll Euch verschlossen bleiben als die einzige Provinz des türkischen Reiches. Angesichts solcher Anschauungen gebietet unser Stolz, unsere Selbstachtung, auf das Basler Programm hinzuweisen. (Stürmischer Beifall.) Ich erkläre, daß wir es ungeändert aufrecht erhalten müssen. In der Grundtatsache des Zionismus ist ein Opportunismus nicht möglich, (anhaltende, sich immer wieder erneuernde Beifallskundgebungen) in diesem Punkte ist ein Zugeständnis undenkbar. Wenn wir in die Türkei gehen wollen, so ist es, um als ottomanische Reichsangehörige palästinensische Juden zu sein. (Stürmischer Beifall.) Nicht um uns irgendwie in Mazedonien oder in Klein- Asien zu Türken machen (Zustimmung). Wenn Sie sich assimilieren wollen, so haben Sie das näher und billiger (Jubelnder Beifall, Hochrufe, die ganze Versammlung hat sich erhoben und ruft dem Redner immer von neuem zu, die Demonstrationen dauern mehrere Minuten). Sie können das dort tun, wo sie sind, und sparen die Reisekosten (andauernde heitere Zustimmung) und alles Ungemach der Wanderung und der Einlebung in neue Verhältnisse. Sie sind aber Zionisten, weil sie sich eben nicht assimilieren wollen (lebhafter Beifall). Sie drängen nach Palätina, um dort national-jüdisch zu leben. Will die Türkei uns als aufopferungsvolle Mitarbeiter an ihrem Gedeihen mitwirken lassen, so bieten wir uns ihr freudig an. Knüpft sie aber daran die Bedingung, daß wir unsern Zionismus aufgeben, dann müssen wir weiter warten, wie wir so lange gewartet haben. Inzwischen