Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 53 (27.12.1909)
- Date
- 1909-12-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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1172 aber müssen wir unser zionistisches Ideal unverbrüchlich aufrecht erhalten. (Stürmische Zustimmung.) Ich sage das alles nur in meinem eigenen Namen. Sie werden unzweifelhaft Gelegenheit nehmen wollen, unzweideutig zu erklären, ob sie mit mir einer Meinung sind oder nicht. Ich bin ein Zionist, der seine Ideale nie und nimmer in die Tasche steckt. (Lebhafter Beifall.) Wenn andere, Zionisten bereit sind, ihren Zionismus zu verheimlichen oder ihn aufzugeben, dann trennen sich unsere Wege. Vergessen wir niemals, daß wir — das steht im Programm — unserm Volke, dem jüdischen Volke eine öffentlich-rechtliche Heimstätte erwerben wollen. Unserm Volke, nicht arbeitslosen, jüdischen Tagelöhnern, nichthunderten stellungsuchenden jüdischen Intellektuellen. Vergessen wir nicht, daß wir die Ehre des jüdischen Volkes von dem ganzen Schmutz säubern wollen, mit dem zweitausendjähriger Haß es besudelt hat, und daß erst dieser Vorsatz den großen Zug in unsere Bewegung bringt, die ohne ihn eine mangelhaft geplante, mit unzulänglichen Mitteln ins Werk gesetzte, praktisch bisher wenig erhebliche Kleinkolonisationsunternehmung wäre. (Zustimmung.) Mein Ideal ist; das jüdische Volk in Palästina leben zu sehen, geadelt durch seine zweitausendjährige Charakterfestigkeit, geachtet wegen seiner ehrlichen, ersprießlichen. Kulturtätigkeit, ein Werkzeug des weisen Fortschritts, ein Streiter der Gerechtigkeit, ein Verkünder und Über der Bruderliebe. Dieses Ideal gebe ich für alle Schätze der Erde nicht hin. (Stürmischer Beifall.) Können wir es verwirklichen, dann jauchzen wir dieser neuen Wendung unseres Geschickes zu. Können wir es nicht, dann wollen wir-warten. Lange warten, falls notwendig, schmerzlich lange. Langes Warten ist ein Kummer, es ist keine Schande. (TosenderBeifall.) Wankelmütigkeit ist eine Schande. (StürmischerBeifall). Einideal ist unverjährbar, es gestattet jede Hoffnung: endgültig hoffnungslos ist nur freiwillige Selbstaufgabe. (Lebhafte Zustimmung.) Das mußte gesagt werden für die Türkei, für die Welt, für uns Juden. Ich hatte in den letzten 18 Monaten mitunter die beklemmende Empfindung, daß in dem Bewußtsein eines Teiles der Zionisten der Ausgangs- und Höhepunkt unserer Bewegung verdunkelt werde. Darum rufe ich so laut ich kann: Zurück zum Baseler Programm! (Minutenlange Kundgebungen des Beifalls.) Dieses steht über dem Gewoge der täglichen Erscheinungen. Stark durch unsere Gedanken, erhaben durch unsere Zwecke, können wir allen Ereignissen der wechselnden Tagespolitik gegenüber innerlich ruhig bleiben, äußere Vorgänge können die Pole unseres Wesens nicht verrücken. (Beifall.) Will die Türkei unter diesen genau umschriebenen Bedingungen unsere weitere Mitarbeit, dann — ich wiederhole es — sind wir zu ihr freudig bereit. Fordert sie von uns Verzicht auf die jüdische Hoffnung und die Assimilation, dann sagt das Judentum: Nein (tosende Kundgebungen des Keifalls füllen den Saal minutenlang), wie es zu verlockenderen Versuchungen immer Nein gesagt hat. (Erneuter Heifall). Möge der Kongreß praktische Arbeit in Palästina beschließen, soweit dies in unserer Zeit möglich ist. Er wird aber niemals vergessen wollen, daß seiner Arbeiten Voraussetzung nationales Judentum ist und daß er Selbstmord begeht, wenn er an diesem Grundbegriff seines eigenen Lebensgesetzes zweifeln läßt. (Stürmischer Beifall.) Was ihn geschaffen ffELT -= No. 53 ■•pftm* hat, das ist der Zionismus. In einer Bewegung aber, die nicht nur ihre Mittel, sondern auch ihre Ziele einem Wechsei des türkischen Regierungssystems zuliebe ändert, würde ich keinen Zionismus mehr erkennen, sondern Assimilation. (Stürmischer anhaltender lebhafter-Beifall.) Dieser Zionismus wäre nicht länger mein Zionismus! * * * Durch den Beifallsjubel, mit dem der Redner vom Rednerpult zu seinem Platze begleitet wird, wird die Sitzung lange unterbrochen. Die tosende Brandung der Zurufe wirft am Vorstandstisch zunächst jeden Versuch nieder, den Kongreß nunmehr zu konstituieren. Es dauert zehn Minuten, bis es dem Präsidenten David Wolffsohn gelingt, dem Vorsitzenden des Permanenzausschusses Prof. Weizmann das Wort zu erteilen zu den Vorschlägen des Ausschusses für die Bildung des Kongreßpräsidiums. Der Permanenzausschuß schlägt vor: zum Präsidenten des Kongresses Dr. Max Nord au, zu Vizepräsidenten Dr. Bodenheimer, Reichsratsabgeordneter Adolf Stand, Dr.Tschlenow, Ingenieur Ussischkin. Zu Beisitzern Dr. Bernstein- Kohan, David Florentin (Saloniki), Dr. Ernst Kalmus, Dr. Isidor Margulies, Friedensrichter Jakob Moser, Samuel Pi n e 1 es, Rabbiner Reines, Wladimir Temk i n. Zu Schriftführern: für Hebräisch Dr. Josef Klausner und Dr. Mossinsohn, für Russisch Leo Motzkin, für Englisch Norman Bentwich, für Jargon und Rumänisch Rabbiner Dr. Niemirower, für Polnisch Dr. Ringel, für Deutsch Berthold Feiwel, Rechtsanwalt Dr. Gronemann und Dr. Ludwig Steiner. Sämtliche Vorschläge werden mit lebhaften Zurufen entgegengemmen. Der Berichterstatter führt aus, der Permanenzausschuß gehe in völliger Übereinstimmung mit dem E. A. C. von dem Prinzip aus, daß das Kongreßpräsidium von der Leitung der Partei getrennt werden soll. Aus diesem Grunde wird kein Mitglied des E. A. C. vorgeschlagen. Es wird aber im Entwurf der neuen Geschäftsordnung als notwendige Folge davon vorgeschlagen: Die Mitglieder des E. A. C. haben in jeder Lage der Verhandlung das Recht, in die Debatte einzugreifen. Der Berichterstatter beantragt, die vorgeschlagenen Mitglieder des Kongreßpräsidiums durch Akklamation zu wählen. Dr. Nacht widerspricht der Wahl Nordaus als Präsident des Kongresses, nicht weil er gegen die Person Einspruch erheben will, sondern weil er Wolffsohn zum Kongreßpräsidenten haben wolle. Herr Wolffsohn ersucht ihn, seinen Einspruch zurückzuziehen. Die Exekutive soll vorn Präsidium .getrennt werden, denn sie ist dem Kongresse Rechenschaft schuldig und könne daher nicht selbst präsidieren. Dr. Nacht zieht hierauf den Einspruch zurück. Desgleichen Dr. Rosenthal den Widerspruch, den er gegen die Wahl von Ussischkin zum Vizepräsidenten erhoben hatte. Das Präsidium wird in der vom Permanenzausschuß vorgeschlagenen Zusammensetzung einstimmig durch Akklamation gewählt. Herr Wolffsohn übergibt das Präsidium an Dr. Max Nord au. Dieser übernimmt es, indem er folgende Worte an den Kongreß richtet: „Ihre Wahl ist die erste Antwort auf die Frage, die ich teils implicite, teils ausdrücklich an Sie gerichtet habe. Mit Einmütigkeit haben Sie sich damit für die unveränderte Aufrechterhaltung des Baseler Programms ausgesprochen. Alles übrige ist praktische Tagesarbeit, über die es vielleicht Parteimeinungen geben wird, über die man sich aber in Brüderlichkeit wird einigen können, da wir uns in der Hauptsache eins wissen." (Beifall.) Hierauf tritt um 1 Uhr die Mittagspause ein. W~ Den Bericht über die Nachm{Hags»Sitzung des ersten Tages bringen wir in der nächsten Nummer.