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Die Welt · 1909-12-27 · 53 (27.12.1909) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
53 (27.12.1909)
Date
1909-12-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Stützung des jüdischen Volkes für ihn gewinnen (Beifall). Ich weiß nicht, ob ich mich nicht damit vielleicht in einen Gegensatz zu den sogenannten praktischen Zionisten bringe, aber ich meine, daß für uns immer noch wichtiger als die sofortige Anbahnung amtlicher Beziehungen zur türkischen Regierung die Stärkung und Ausbreitung der zionistischen Überzeugung und des zionistischen Gedankens im jüdischen Volke ist. (Lebhafter Beifall.) Erwachen Sie doch aus der Selbsttäuschung, in die Sie sich hineinträumen, hineinreden, hineinsinnen. Zählen Sie sich, messen Sie Ihre Kraft! Glauben Sie wirklich, daß wir schon stark genug sind, um in Palästina Werke von derartiger Bedeutung für die Zukunft des Judentums, des jüdischen Volkes zu schaffen? Daß Sie ganä'von selbst und natürlich Palästina zum Mittelpunkte unserer Bewegung und zum Sitz ihrer Leitung machen können? Ich glaube es nicht (Stürmische Zustimmung). Ich bin vielmehr der Überzeugung; daß wir noch bedauerlich schwach sind und alles daran setzen müssen, um im jüdischen Volke selbst noch sehr viel mehr Boden zu gewinnen (Lebhafte Zustimmung). Spannen wir unsere Organisation aus, führen wir ihr neue Anhänger zuHunderttausenden zu. Verdoppeln, verzehnfachen wir unsere Werbetätigkeit in den jüdischen Zentren Europas und Amerikas. Wir haben heute Ermutigungen aus dem Munde der Herren Dr. Levy und Dr. Franck empfangen, die uns den richtigen Weg weisen. (Lebhafter Beifall.) Haben wir diese innere Aufgabe erfüllt, daß wir auch ziffernmäßig das Recht in Anspruch nehmen können, daß der Zionismus als das organisierte jüdische Volk in der Zerstreuung betrachtet werden muß, dann können wir mit ganz anderer Aussicht auf Erfolg uns unserer zweiten, unserer äußern Aufgabe widmen; dann können wir in ganz anderer Stellung vor die türkische Regierung hintreten und ihr unser Anliegen unterbreiten. Solange wir aber diese innere Aufgabe nicht erfüllt haben, ist es notwendig, daß unsere Leitung außerhalb der Türkei, außerhalb des Machtbereichs der türkischen Regierung bleibt. Denn unsere Zukunft liegt in der Türkei, aber unsere Gegenwart liegt einstweilen noch in Europa und Amerika. Über unserer Zukunft dürfen wir unsere Gegenwart nicht vernachlässigen (Zustimmung). Die Gegenwart soll unsere Zukunft vorbereiten, sie soll sie erst möglich machen. Die Anforderungen dieser Gegenwart aber, die die Zukunft in sich schließt, wie ein Ei des Mutterleibes zu seiner Lebensfähigkeit und Entwicklung nicht entbehren kann, machen es notwendig, daß unsere Leitung einstweilen außerhalb der Türkei bleibt. Auf Europa und die Länder europäischer Gesittung wirken wir heute noch leichter aus einer west- oder mitteleuropäischen Stadt, als aus Jerusalem, Jaffa oder Konstantinopel. Für den Fall der Verhandlung mit der türkischen Regierung befinden wir uns in einer ungleich bessern Lage, wenn wir sie von außen führen können, als im Verhältnis der türkischen Organisation, das heißt im Verhältnis von Untergebenen zu ihrer gesetzlichen Obrigkeit. (Lebhafte Zustimmung.) Außerdem haben wir in jedem andern Lande, wo wir von der Regierung nichts verlangen und zu ihr keine amtlichen Beziehungen anzuknüpfen und zu unterhalten brauchen, eine viel größere Freiheit unserer Bewegung und Unabhängigkeit als in der Türkei. Ich meine, diese Gründe sind derartig einleuchtend, daß-sie einer weiteren Ausführung nicht bedürfen. Doch die niederschlagendste Wahrnehmung, die ich in den letzten Monaten machen mußte, war der von vielen Seiten ertönende Schrei nach einer Änderung unseres Programms. Haben diejenigen, die diesen Ruf erhoben, sich denn auch die Bedeutung und Tragweite ihres Verlangens voll vergegenwärtigt? Wir bezeichnen den Beschluß des .ersten Zionistenkongresses als unser Programm, weil wir gern Emphasen vermeiden und uns lieber absichtlich einer nüchternen, geschäftsmäßigen Sprache bedienen. Täuschen wir uns aber darüber nicht: Das, was wir in der modernen Ausdrucksweise des Partei- und Vereinslebens Programm genannt haben, ist tatsächlich das in schlichte Worte gekleidete zweitausendjährige geschichtliche Ideal des Judentums (lebhafte Zustimmung), das Ziel, das dem jüdischen Volke in der Nacht des Exils als heller Stern leuchtete, die Hoffnung, für die die Besten unseres Volkes Übermenschliches erlitten haben und als Helden in den Tod gegangen sind. (Stürmischer Beifall.) Und auf dieses Ideal sollen wir auf den ersten Zwischenfall der Tagespolitik hin verzichten? Das ist unnütz, wenn nicht gefährlich. Geehrter Kongreß! Ich bin, giaubeich,berufen,zu diesem Punkt zu sprechen. Es ist vielleicht trotz der Raschlebigkeit und Kurze des Gedächtnisses der heu!igen Menschen noch nicht ganz vergessen, daß für die konkrete Fassung, das heißt, für den Wortlaut des Baseler Programms, in der Hauptsache ich verantwortlich bin. Ich hatte ursprünglich den Ausdruck „öffentlich-rechtlich" nicht gebraucht. Er schien mir unnötig. Ich sagte: rechtlich gesicherte Heimstätte. Im ProgrammausschuJß befanden sich jedoch grundstürzende Feuerbrände, die mehr träumten und denen mein Ausdruck nicht stark genug schien, nicht genug zu sagen schien. Sie drohten mit Reden und Anträgen in der öffentlichen Sitzung, die unsere Bewegung gleich bei ihrem ersten Schritt vor der Öffentlichkeit schlimm bloßgestellt hätten. Da machte unser Herzl den Vermittlungsvorschlag, meine Fassung „rechtlich gesichert" durch die Wendung „öffentlichrechtlich gesichert" zu ersetzen. Von dieser Änderung erklärten die Radikalen sich leidlich befriedigt, und es wurde erreicht, daß das Baseler Programm dann einstimmig unterjubelndem Zuruf angenommen wurde. Sie sehen, ich habe keinen persönlichen Grund, mich für „öffentlich-rechtlich" einzusetzen. Ich tue es aber jetzt dennoch. Denn wenn wir es nochmals ändern, so geben wir dem Wort nachträglich eine Deutung, die eine dreiste Fälschung seines wirklichen ursprünglichen Sinnes wäre. (Lebhafte Zustimmung.) Eine kleine Minderheit des ersten Kongresses verband mit dem Ausdruck die Vorstellung einer jüdischen Einwanderung in Palästina unter den Auspizien der Großmächte, die diese Besiedelung des Heiligen Landes als einen Bestandteil des europäischen Staatsrechts anerkennen sollte. Die ungeheure Mehrheit des Kongresses jedoch war derartiger ausschweifender Phantastik fremd. Mit „öffentlich-rechtlich" wie mit „rechtlich gesichert" wollte sie nur sagen, daß die Zionisten den Gedanken abweisen, sich in Palästina einzuschleichen, daß sie nur auf Grund ausdrücklich gewährter gesetzlicher Rechte ottomanische Reichsangehörige werden wollten. (Lebhafte Zustimmung.) Das ist die Bedeutung von „öffentlich-rechtlich". DieseBedeutung hatunser Vorsitzender in einer feierlichen Erklärung festgestellt. Es war vielleicht nicht überflüssig, daß ich im Zusammenhang mit dem geschichtlichen Werden dieses Ausdrucks dies nochmals ausdrücklich betone.

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