Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 53 (27.12.1909)
- Date
- 1909-12-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316404--52672-3346366- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sehen wir kalten Blutes der Wirklichkeit ins Antlitz! Was ist geschehen? Inwiefern berühren die Ereignisse uns? Welche neuen gegenwärtigen und künftigen Pflichten werden Uns von ihnen auferlegt? Durch die kühne Aktion tapferer und idealistisch gerichteter Vaterlandsfreunde wurde in der Türkei der Despotismus überwunden und das Reich in die Bahn eines verfassungsmäßigen Lebens nach guten europäischen Vorbildern hinübergeleitet. Darüber freuen wir uns, nicht nur als Zionisten, nicht nur als Juden, sondern einfach als Menschen, die jeden Fortschritt in der Welt froh begrüßen, sich an jedem Beispiel selbstvergessener und zweckdienlicher Tatkraft erfreuen und jedem Volke von ganzem Herzen Freiheit mit Ordnung und Frieden wünschen (Beifall), ganz besonders, wie ich nach unserm verehrten Vorsitzenden, wenn auch weniger beredt, wiederholen will, dem türkischen Volke, das sich uns gegenüber immer großmütig erwiesen hat und dem wir seit Jahrhunderten für die gastliche Aufnahme unserer aus Spanien vertriebenen Vorfahren unverjährbaren Dank schulden (stürmischer Beifall), mit dem wir übrigens durch die Verwirklichung der Ziele des Zionismus in ein besonders enges Freundschaftsverhältnis zu treten hoffen. Allein über unserer Begeisterung für die türkische Freiheit dürfen wir dochnicht vergessen, daß die Umwälzung in Konstantinopel doch kein zionistisches, kein jüdisches, sondern ein türkisches Ereignis ist, daß wir immer noch keine Bürger des ottomanischen Beiches sind, an den innerlichen Wandlungen des türkischen Reiches keinen unmittelbaren Anteil haben, sondern sie, wenn auch mit allerwärmster Anteilnahme, aber doch als Außenstehende verfolgen, und daß es taktlos, unklug und voreilig wäre, wenn wir uns in sie einmischen wollten. (Beifall.) Das ist eine Antwort an diejenigen, die zwischen dem Zionismus und den jungtürkischen Machthabern ungesäumt Beziehungen angeknüpft zu sehen wünschten. Die diese Forderung erhoben, haben sich augenscheinlich nicht vergegenwärtigt, daß die jimgtürkische Partei eine Partei im ottomanischen Reiche, daß sie nicht das ottomanische Reich ist. Zurzeit sind die Jungtürken die herrschende Partei, und es ist jedem von uns unbenommen, ihre bisherigen Leistungen so einzuschätzen, wie er irgend will, sie mit den begeistertsten Sympathien zu verfolgen, ihrer Herrschaft eine möglichst lange Dauer zu wünschen und an diese Dauer auch zu glauben. Aber der Zionismus darf sich nicht mit einer ottomanischen Partei identifizieren (lebhafte Zustimmung). Der Zionismus kann unmöglich sein künftiges oder auch nur sein gegenwärtiges Schicksal an das einer ottomanischen Partei knüpfen. Und, Freunde, ihr müßt auch den Anschein vermeiden, als ob der Zionismus sich in die innerpolitischen Kämpfe der Türkei einmischen wollte, so lange noch fast alle seine Bekenner Bürger oder Untertanen fremder Staaten sind. Zügeln wir unsere Ungeduld! Wenn diejenigen Zionisten, die selbst das neue Leben unseres Volkes in der alten Heimat unserer Väter leben werden, erst türkische Staatsangehörige geworden sind, werden sie das Recht und die Gelegenheit haben, mit der ganzen Hitze ihres Temperaments am innei politischen Leben ihres Vaterlandes teilzunehmen, sich der Partei ihrer Wahl anzuschließen, für sie ohne Vorbehalt einzutreten, ihre Gegner mit äußerster Heftigkeit zu bekämpfen. Einstweilen aber gebietet uns der Takt und die Klugheit eine Zurückhaltung, die von allen türkischen Parteien freundlicher gewürdigt werden wird, als vorlauter und unverlangter Eifer. Die jungtürkische Partei würde es uns schwerlich Dank gewußt haben und wissen, wenn wir uns verfrüht an sie herangedrängt und ihr Dienste angeboten hätten, die zu leisten wir übrigens gar nicht in der Lage gewesen wären. „Der Schwerpunkt der zionistischen Bewegung muß nun unverzüglich in die Türkei verlegt werden," so wurde von vielen Seiten stürmisch gerufen. Das ist eine Redensart und nichts anderes. Blasen wir den Wortschaum weg und dringen wir zu den Tatsachen vor. Was soll damit gesagt sein: „Der Zionismus muß nun seinen Schwerpunkt in die Türkei verlegen?" Soll das*heißen: Wir müssen die Verhältnisse des türkischen Reiches so genau wie möglich studieren, ihren Wandlungen mit der größten Aufmerksamkeit folgen, mit den leitenden Personen und allen Parteien in Verbindung treten, die öffentliche Meinung über unsere Bestrebungen, unsere Wege und Ziele aufklären? Das ist so selbstverständlich, daß es nicht erst ausdrücklich verlangt zu werden braucht, am wenigsten im aufgeregten, alamierenden Tone. Das haben wir auch bisher getan, wir werden es mit Bedacht und Fleiß fortsetzen, und es wird uns künftig hoffentlich durch die größere Freiheitlichkeit der Gesetzgebung und Verwaltung im ottomanischen Reiche erleichtert werden. Das Ziel aller 'unserer Bestrebungen, Wünsche und Hoffnungen liegt in der Türkei und hat immer dort gelegen. Schon daraus ergibt sich, daß das türkische Reich uns nicht erst durch seine jüngste Umwälzung wichtig geworden ist. Palästina ist eine Provinz des ottomanischen Reiches. An der Küste und an den Landgrenzen des heiligen Landes halten türkische Soldaten Wacht. Die Schlüssel des Hauses, das die Zionisten zu ihrem Heime zu machen wünschen, liegen in den Händen der türkischen Regierung. Alle unsere lebendigen Werke, unsere Schulen, unsere Orientbank, unsere Auskunftstelle, unsere Versuchsfarm, liegen in Palästina, d. h. in der Türkei. Alles, was wir an unmittelbar zu verwirklichenden praktischen Unternehmungen planen und vorbereiten, hat das ottomanische Reich zum Rahmen. Alle unsere Bestrebungen weisen nach der Türkei hin, wie die Nadel des Kompasses nach dem magnetischen Pol. WTir haben es uns seit Jahren angelegen sein lassen, uns möglichst gründlich über das geltende Recht, namentlich die Landgesetzgebung und die Verwaltungsregeln der Türkei zu unterrichten. Was kann, was konnte unter den gegebenen Verhältnissen noch mehr geschehen? „Die Leitung soll ihren Sitz nach der Türkei, nach Palästina oder Konstantinopel verlegen." Dieser Kongreß sollte dahin einberufen werden. — Geehrter Kongreß! Die zionistischen Vertreter des jüdischen Volkes aus beiden Welten in der Türkei zu versammeln, wäre voreilig gewesen, solange wir nicht sicher sind, daß sie sich zu unsern Bestrebungen wohlwollend stellt. Und vollends nun den Sitz, die Leitung unserer Bewegung nach dem türkischen Reiche zu verlegen, wäre ein schwerer Fehler, denn wir dürfen nicht vergessen, daß unsere Aufgabe zurzeit noch eine doppelte ist, eine innere und eine äußere. Gewiß ist es nötig, daß wir für den Zionismus die Zustimmung der Türkei; die Förderung durch die türkische Regierung erwirken; aber nicht minder notwendig ist es, daß wir das Verständnis und die Unter