Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 53 (27.12.1909)
- Date
- 1909-12-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Gefüge spurlos vorübergegangen, ist die Tendenz, die der Gemeinde bei ihrer Begründung vor nunmehr 300 Jahren aufgeprägt worden ist, dieselbe geblieben, bis auf den heutigen Tag. (Beifall.) Zion und Jerusalem sind nicht aus dem Gebetbuch, nicht aus dem Gedächtnis des Menschen gestrichen' (lebhafter Beifall), sie bilden heute wie ehedem das unsichtbare Band nationaler Zusammengehörigkeit aller Glieder des jüdischen Volkes. Von derselben Gesinnung beseelt, bittet Sie die Gemeinde Wandsbek, die dritte im Bunde der alten Trias, durch mich den Ausdruck herzlichster Wünsche entgegenzunehmen. Ich habe ferner die Ehre, die Gemeinden Kiel und Lübeck hier zu vertreten, die es freudig begrüßen, den Kongreß hier in der Nähe veranstaltet zu sehen und an ihm teilnehmen zu können. Der Vorstand der Gemeinde Lübeck läßt Ihnen sagen: „Er erblickt, ganz abgesehen davon, wie sich der einzelne zu der Bewegung stellen mag, in dem Kongresse an und für sich für das Judentum ein bedeutsames Moment, das die größte Aufmerksamkeit verdient, und hat daher beschlossen, sich in seiner Gesamtheit einzustellen. * Alle diese Grüße und Wünsche fasse ich dahin zusammen, daß die Beratungen und Arbeiten des IX. Zionistenkongresses dem ganzen jüdischen Volk zum Segen gereichen. (Lebhafter Beifall) Präsident D. Wolffsohn dankt den Vorrednern im Namen des Kongresses. Es ist für uns eine hohe Vorbedeutung, daß der IX. Kongreß in Deutschland von Brüdern, die in ihren Gemeinden organisiert sind, hier in so freundschaftlicher und liebenswürdiger Weise begrüßt worden. Wir hoffen, daß wir durch den ersten Kongreß, den wir in Deutschland haben, auch noch weitere Gemeinden für unsere Sache gewinnen werden. Denn wir sind überzeugt, daß uns viele Kreise nur deswegen noch fernstehen, weil sie noch den Zionismus nicht ganz kennen wie wir, und wenn sie ihn kennen gelernt haben, sind wir überzeugt, daß sie, wie die Herren hier gesagt haben, mit uns zusammen für unser Volk arbeiten werden. (Lebhafter Beifall.) Sodann erhält das Wort der Vorsitzende der Hamburger zionistischen Ortsgruppe, Dr. Kalmus*) Präsident David Wolffsohn: Ich danke unsern Freunden in Hamburg und erteile nunmehr das Wort Dr. Max Nordau. (Stürmischer, tosender minutenlanger Beifall. Die Delegierten und die Gäste erheben sich von den Plätzen, brechen in immer neue Hochrufe aus, schwenken Fahnen und wehen mit Tüchern.) Rede Dr. Max Nordaus Das Ereignis, das seit unserer letzten Tagung im Haag vor mehr als zwei Jahren alle Zionisten auf tiefste bewegt und am anhaltendsten beschäftigt hat, und das auch in der Eröffnungsrede unseres Vorsitzenden, der Sie soeben reichsten Beifall gespendet haben, den breitesten Raum einnimmt, war bezeichnenderweise kein zionistisches. Es war die unblutige Umwälzung, die sich am 24. Juli 1908 in Konstantinopel vollzogen hat und der erst am 13. April des laufenden Jahres ein blutiges Nachspiel folgen sollte. Als die überraschende Kunde durch die Welt hallte, daß in der Türkei der Absolutismus niedergerungen war, der Sultan einer freisinnigen Verfassung seine Zustimmung erteilt hatte, und das ottomanische Reich sich in eine parlamentarisch regierte *) Wir bringen die Begrüßungsrede von Dr. Kalmus, die uns erst nach Schluß der Redaktion übermittelt wurde, auf Seite 1167. Demokratie umwandeln sollte, da erfaßte ein wahres Fieber den zionistischen Teil des jüdischen Volkes. Die bedauerliche Unstetigkeit des jüdischen Temperaments, unsere unglückselige Nervosität offenbarten sich ungestüm. In der zionistischen Presse, in zionistischen Versammlungen trat ein erschreckender Überschwang zutage. Wenn man diesen tumultuarischen Kundgebungen glauben sollte, war die Umwälzung in Konstantinopel die weitaus wichtigste Begebenheit der jüdischen Geschichte, die sich seit vielen Jahren vollzogen hatte. Der Zionismus war urplötzlich seinem Ziele auf Armeslänge nahe gerückt. Dieses Ziel war fast schon mit ausgestreckter Hand zu erreichen. Eine moderne freiheitliche Türkei mußte uns mit offenen Armen aufnehmen. Um das Recht der Einwanderung in Palästina zu erhallen, brauchten wir es nur zu verlangen. Die zionistische Bewegung mußte sich ungesäumt den voränderten Verhältnissen anpassen. Sie mußte sich sofort auf eine ganz neue Unterlage stellen, alle ihre alten Methoden aufgeben und' mit von den bisherigen völlig verschiedenen Mitteln arbeiten. Alles richtete aufgeregte Blicke zur Leitung. Man erwartete von ihr ungesäumt eine Tat, ein ungesäumtes Einhaken in die neue türkische Entwicklung. Man war enttäuscht, bestürzt, erbittert, als diese Tat nicht sofort erfolgte. Woran denkt man in Köln? riefen hundert ungeduldige Stimmen. Hat man dort vielleicht kein Verständnis für die ungeheure Wichtigkeit der türkischen Umwälzung? Wird man diesen großen Augenblick, der vielleicht in Jahrhunderten nicht wiederkehrt, ungenützt vorübergehen lassen? Und die Ratgeber, an denen es im jüdischen Volk bekanntlich niemals fehlt (Heiterkeit), begannen die Fülle ihrer Weisheit auszusp enden. Die Leitung muß sich augenblicklich mit den türkischen Machthabern in Verbindung setzen, sie und die öffentliche Meinung für die Pläne des Zionismus durch Überredung, Aufklärung und Dienstesanerbietungen gewinnen. Vor allem aber, es war das Zweckmäßigste, die Leitung wurde auf derStelle nach Konstantinopel verlegt und unser Kongreß dahin einberufen. Und was noch wichtiger war, das Basler Programm mußte vollständig geändert werden, damit es der geänderten Sachlage entspräche. Manches von dem, was vorgeschlagen oder gefordert wurde, war ganz vernünftig, so vernünftig, daß es sich denkenden Zionisten von selbst darbot und nicht nötig hatte, mit Aufregung, mit zorniger Ungeduld hervorgesprudelt zu werden. Anderes war seltsam bis zur Unglaublichkeit, und ich gehe darüber mit schonendem Stillschweigen hinweg, weil es meinem Geschmack nicht entspräche und der Würde dieses Augenblicks und dieser Stelle nicht angemessen wäre, Gesinnungsgenossen derHeiterkeit preiszugeben, die schließlich nur aus Übereifer, aus Mangel an politischer Erfahrung, aus ungenügender Kenntnis der Tatsachen geirrt haben. Ich bin weder zum amtlichen noch zum halbamtlichen Verteidiger der Leitung bestellt. Aber ich habe wie jeder Zionist das Recht und wiejeder unbefangene, billig denkendeBeobachter die Pflicht, für sie einzutreten, wenn ich sie ungerecht angegriffen und ihr Walten verkannt sehe. Ich rechne es unserer Leitung als großes Verdienst an, daß sie sich von dem Überschwang, von der Maßlosigkeit eines Teils unserer Gesinnungsgenossen nicht mitreißen ließ, sondern inmitten der allgemeinen Fieberhitze ruhig blieb und dem von allen Seiten auf sie einstürmenden Drängen zu widerstehen wußte.