Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 53 (27.12.1909)
- Date
- 1909-12-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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bebauen, es will ungehindert und unbeengt leben. Es will gegen die Leistung aller Bürgerpflichten die entsprechenden Rechte genießen, es will Kulturwerke schaffen, die seinen Geist verkörpern und die es im Hochgefühl der Betätigung eigener Neigungen mit Aufopferung und Enthusiasmus aufrichten wird. Wir sind nie politische Abenteurer gewesen und werden es nie sein. Es war ja immer ein wesentlicher Vorzug des jüdischen Volkes gewesen, als ein Volk des Geistes gelten zu dürfen. Diese Erwägung ist so natürlich und so naheliegend, daß sich ihr nur jemand verschließen kann, dem Voreingenommenheit den Blick getrübt hat. Es ist daher natürlich, daß die Neugestaltung in der Türkei unter uns eine zukunftsfreudige Begeisterung erregt hat. Es war wie eine aus dem Grabe erstandene Hoffnung. Wir, das alte Volk des Orients, freuten uns über dieses Erwachen des Orients zu neuem Leben. Wir, die treuesten Freunde der Türkei, des Landes, welches in den schwersten Zeiten unserer Leiden unsere Flüchtlinge liebevoll geborgen hat, freuten uns über den riesigen Fortschritt, den dieses von ritterlichem Geiste beseelte Volk gemacht hat. Wir waren stolz darauf, daß auch unsere Brüder dort für die Freiheit mitgekämpft, ihr Blut um der Freiheit willen hingegeben und ihren sterblichen Teil der Idee des Fortschritts geweiht haben. Und wir waren besonders als Zionisten hocherfreut darüber, daß auch in Palästina der Freiheit eine Gasse geöffnet wurde. Niemand hat die früheren verwahrlosten Zustände tiefer empfunden als wir, die wir ja schon auf eine mühevolle kolonisatorische Tätigkeit unserer Brüder zurückblicken können, und niemand begrüßt deshalb lebhafter als wir die Aussichten der Einführung grundlegender Reformen. Die Gestalt unserer Arbeiten steht jetzt fester umrissen denn je, und über unsern Beziehungen zur neue«i Türkei liegt der Sonnenschein der Klarheit Die jüdische Nation, die in Liebe und altheiliger Erinnerung über Palästina wacht, erblickt ihre historische Mission und ihre Ehrenpflicht darin, dort in friedlicher Arbeit auf dem festen Boden der neugeschaffenen Verfassung in Ubereinstimmung mit den Interessen des ottomanischen Staates ihre wirtschaftliche und geistige Leistungsfähigkeit in einer Weise zur Geltung zu bringen, die niemandem zum Nachteil gereichen, sondern allen zugute kommen wird. Wir können keinen Gegensatz finden zwischen ottomanischen Interessen und zionistischen Bestrebungen. Es soll nicht getrennt werden, was zusammengehört und sich gegenseitig ergänzt! Wohl spukt noch wie ein altes Gespenst das Vorurteil, das in manchen Gemütern die Gewalt eines ängstlichen Aberglaubens erreicht hat, der Zionismus könne als eine Tendenz aufgefaßt werden, die dem Einheitsgedanken der ottomanischen Monarchie widerstrebe. Demgegenüber erklären wir feierlichst: Die ottomanische Staatseinheit, die Weltmachtstellung und die innere Wohlfahrt dieser Monarchie, ihr Schutz und die gedeihliche Entwicklung ihrer Gesamteinrichtungen sind die selbstverständliche Voraussetzung aller unserer Arbeiten. Die ottomanischen Gesetze werden die Richtschnur sein für alle unsere Unternehmungen, und auf der freiheitlichen türkischen Verfassung werden sich alle unsere Pläne aufbauen. Denn in der nunmehrigen Rechtstellung, in den staatsgrundgesetzlich gewährleisteten und in einer fortschrittlichen Entwicklung begriffenen Einrichtungen erblicken wir die Garantien unserer persönlichen und nationalen Sicherheit. Der Kongreß möge alle, die es wissen wollen, in dieser Beziehung belehren, und mögen diese Worte den weitesten Widerhall finden, damit man wisse, daß in zionistischen Kreisen eine gesunde Auffassung der Dinge herrscht, und daß sämtliche von uns geleiteten Volkselemente zurückhaltend und ruhig, niemals aggressiv und verletzend, immer loyal und zielbewußt durch ehrliche Arbeit die Interessen Palästinas und damit die des ottomanischen Reichs fördern werden. Möge auch diese Erklärung diejenigen unter uns beruhigen, die sich angelegen sein ließen, unser Programm zu kritisieren und seine Abänderung vorzuschlagen. Wir werden aber an den Grundpfeilern unseres Gebäudes nicht rütteln lassen. Das Basler Programm muß und soll erhalten bleiben. Es ist weit genug in seiner Auffassung und durchsichtig genug in seinem Geiste, um jedem Einsichtigen klar zu machen, daß wir nie etwas anderes erstrebt haben, als auf Grund ausreichender Bürgschaften unser friedliches Werk zu schaffen und zu entwickeln. Verehrter Kongreß! Wir dürfen die Widerstände des Vorurteils in ihrer Nachhaltigkeit nicht überschätzen. Wir sind sicher, daß wir uns einer Entwicklung nähern, in der die vorstehend dargestellten Gesichtspunkte zur allgemeinen Ansicht der denkenden Türkei werden müssen. Schon jetzt wissen wir uns eines Sinnes mit vielen Verständigen in der neuen, freien Türkei. Die unermeßlichen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Vorteile unserer loyalen Mitwirkung an der Wiedergeburt Palästinas und mittelbar des ganzen ottomanischen Reichs können nicht für die Dauer der Aufmerksamkeit einer wirklichen staatsmännischen Kunst und eines wirklichen ottomanischen Patriotismus entgehen. Die Sensationslügen über den Zionismus, mit denen man die Welt zu schrecken sucht, haben kurze Beine. Was wir mit unzweideutiger Offenheit erklärt haben, wird durch die Tat bewiesen. Die Erfahrung wird die wahre Gesinnung der Zionisten an den Tag bringen. Der Glaube an den endgültigen Triumph einer edlen Idee, der Optimismus, ohne den keine schöpferische Tat möglich ist, wird uns nie verlassen. Kein Hindernis wird uns abschrecken, denn wo eine Notwendigkeit vorhanden ist, muß auch eine Möglichkeit vorhanden sein. Unser Werk wird vorwärts schreiten. Nur eine für das jüdische Gemüt beschämende Erinnerung wird es bleiben, daß noch unter Juden Neid, Mißgunst und völlige Verkennung der Ziele, denen der Zionismus zustrebt, vorhanden sind, die sich bei jedem Anlaß in ungerechten Angriffen, ja sogar in Entstellungen und. Verleumdungen äußern. Sie sind es, die von uns ein Zerrbild geben, sie sind es, die das Gespenst eines staatsfeindlichen Zionismus in stets neuen erschreckenden Formen ausmalen. Wir versagen es uns, auf die Stimmungsmache gegen den Zionismus näher einzugehen. Nur eines möchten wir bemerken: der Eifer einiger, dem Volke fernstehender Kreise, sich für die jüdischen Interessen angeblich ins Mittel zu legen, weil wir eine schlechte Politik machen könnten, ist gänzlich unnötig. Uns das zu widerraten und davor zu warnen, was wir doch ohnehin schon in unserm eigenen Interesse nicht wollen, ist vollständig überflüssig. Die Wahrheit wird siegen. Ihr Licht kämpft schon 2