Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 53 (27.12.1909)
- Date
- 1909-12-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Geehrter Kongreß! Seit wir im Haag zusammen waren, hat sich die traurige Lage unseres Volkes nicht geändert. Wohl befand sich das jüdische Volk in den verflossenen zwei Jahren nicht im Stadium der Massakres, sondern in dem des Niedergangs. Aber das ist ja nur ein Austauschen der Traufe gegen den Regen. Ob eine brulale Hand jemanden rasch erwürgt, oder ob ihn tückische Grausamkeit in einen engen, luftdicht geschlossenen Raum einsperrt, wo er allmählich unter langandauernden Qualen aus Lüftmangel erstickt, das Resultat läuft auf dasselbe hinaus. In erschreckender Deutlichkeit zeigen sich uns jetzt die Spuren des letzten Systems. In den Massenzentren der jüdischen Ansied hing, in den osteuropäischen Ländern, ist die Notlage zu einer bisher noch nicht dagewesenen Höhe gestiegen. Was man jetzt in den früher auch in ihrer Armut so bedeutenden Judengemeinden wahrnimmt, ist die vollständige Zerrüttung. Die Tragweile dieser Erscheinung vermag jeder Urteilsfähige zu ermessen. Früher waren die Ruinen des Ghettos noch manchem lieb, obschon sie trümmerhaft und zum Bewohnen ungeeignet schienen. Eine große Philanthropie wollte die alten Mauern als Bausteine benutzen, auf ihnen, soweit sie noch brauchbare Fundamente boten, ein neues Gebäude errichten, neue Existenzquellen durch Unterricht und wirtschaftliche Hebung erschließen, aber sie vermag nichts Dauerhaftes und Ersprießliches zustandezubringen. Der gehässige Druck und die unversöhnliche Verfolgung, die ungelösten Fragen und die Keime neuer Verwicklungen machen alle Rettungsbemühungen zunichte. Die beschränkenden Gesetze haben eine Rücksichtslosigkeit erreicht, die jeder Beschreibung spottet. Systematisch, mit dem Aulgebot aller Kräfte werden die Massen unseres Volkes von den Quellen des Löbens, des Wohlstandes und der Bildungzurückgedrängt und entweder in der Heimat dem vollständigen Untergang preisgegeben oder in die Fremde getrieben, um sich in das Völkerbabel der amerikanischen und englischen Großstädte zu stürzen und die Not dort noch zu vergrößern. Die Mehrheit unseres Volkes befindet sich in einer Lage der Trübsal und der Verzweiflung. Auch dem Fernstehenden drängt sich die traurige Wahrheit auf, daß die große Masse Tag für Tag weiter einer körperlichen und geisligen Verwahrlosung entgegengeht. Anstatt der erhofften Gleichberechtigung schreitet die Rechtlosigkeit vorwärts, und hohnlachend geht sie über das ohnmächtige Knirschen des jüdischen Volkes zur Tagesordnung über. Die Gedanken schwirren suchend nach einem Halt und bleiben an einem Ideal hängen. Die geistlose Gewohnheit wandelt teilnahmslos ihren Weg weiter, ohne die Sturmzeichen zu sehen und ohne die Mahnstimme des Gewissens zu hören. Aber alle, die sich den klaren Blick nicht haben trüben lassen, sehen schon jetzt, wie die Geschicke des jüdischen Volkes mit aller Macht der Notwendigkeit dahin drängen, die zionistische Selbsthilfe in den Vordergrund jüdischer Bestrebungen zu rücken. Die Erkenntnis bricht sich Bahn, daß ein ernstes Denken und Handeln über die Schablone der Halbmittel des Augenblicks hinausreichen müsse. So wendet sich der Zionismus von dem schwarzen Schattenreich des Leides und der Verfolgung nach dem sonnigen Osten, wo ein frühlingsfrohes Keimen jetzt eine hoffnungsvolle Zukunft für unsere Nation eröffnet. Wir sagen jetzt, weil m Laufe des letzten Jahres wahre Wunder geschehen sind. Die Türkei wurde früher als ein ewiger despotischer Staat und als eine unbezwingbare Hochburg des Absolutismus verschrien. Nun ist die Türkei ein Verfassungsstaat geworden. Mit einem großartigen Aufwände von ernstem Streben hat die Türkei den Übergang aus der Lage des Despotismus in die eines neuzeitlichen konstitutionellen Staates vollzogen. Mit Bewunderung sah die Welt, mit welcher Ruhe, Ordnung und Kraft das türkische Volk daran ging, sein Geschick in die eigene Hand zu nehmen. Die Erhebung zu einer freien, edlen Menschlichkeit und Brüderlichkeit, wie sie sich in der Türkei vollzog, bildet einen Glanzpunkt in der Geschichte der kulturellen Errungenschaften unserer Zeit. Zwar folgte auf die Honigmonate des ersten Sieges die Krise einer schweren Prüfung, und auf die frohen Friedenshoffnungen fiel bald der kalte Reif der Not wendigkeit eines Kampfes, aber dieser Kampf war kurz und entscheidend, die einheitliche und freiheitliche Gestaltung der Türkei ist eine unerschütterliche Tatsache geworden. Zwar ist noch vieles im Flusse: Das Parteiwesen sucht noch neue Gruppierungen, drängt nach neuen Formen, mit vielen alten Überlieferungen wird gebrochen. Anfänge und Ansätze neuer Einrichtungen zeigen sich, und noch kann nicht alles als ein fertiges Gebilde betrachtet werden; aber es ist kein Zweifel, daß die Türkei einer großen und glänzenden Zukunft entgegengeht. Zum ersten Male erscheint der Zionismus in dieser Perspektive. Wir können der vollen, reifen Freiheit der Türkei ins Auge blicken, denn die Quintessenz unserer Bestrebungen ist die Kolonisation, die als logische Folge der Neugestaltung der türkischen Verhältnisse erscheint. Die parlamentarische Verfassungsform hat einen endgültigen Sieg erfochten. Aber die Verfassung ist ja nicht Selbstzweck. Sie kann nichts anderes sein als ein Weg zur Einheitlichkeit und zur Verwirklichung des Ideals der Einheit und des Fortschritts. Für die Einheitlichkeit müssen gute Bürger gewonnen werden, die durch unauflösbare historische Bande an die Scholle geknüpft sind. Für den Fortschritt muß das nachgeholt werden, was Jahrhunderte versäumt haben: Landwirtschalt, Industrie und Handel. Die Freiheit bietet für all diese Unternehmungen enorme Vorteile und unschätzbare Erleichterungen. Das Gebiet, von dem die Regierung die Willkür verbannt hat, wird erst zu einem*Boden, auf dem sie sicher auftreten kann. Es ist ein erfreuliches Zeichen für den klaren Blick der leitenden türkischen Kreise, daß sie schon in der ersten Zeit ihrer neuen Regierung das Wünschenswerte einer jüdischen Einwanderung betont haben. Die Einwanderung von Arbeit und Kapital, — das ist der gegebene Weg zur Lösung der zivilisatorischen Aufgaben, die der jetzigen Regierung obliegen. Die Türkei braucht Steuerzahler, und wir können ihr solche geben, da wir doch als Schaffende, als Pioniere eines modernen Ackerbaues und einer modernen Industrie ins Land ziehen wollen. Die Türkei braucht loyale Bürger, die keine fremdstaatlichen Interessen vertreten würden, und kann es loyalere Bürger geben als die Juden, die ein staatserhaltendes Element im besten Sinne dieses Wortes sein können? Der Ackerbau erfordert feste und bleibende Einrichtungen, er wirkt nach außen wie nach innen sichernd, bewahrend und erhaltend. Unser Volk, an das Land der Ahnen mit allen Fasern seines Herzens geknüpft, will diesen Boden