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Die Welt · 1909-12-17 · 51 (17.12.1909) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
51 (17.12.1909)
Date
1909-12-17
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Jüdische Handwerkerschulen in Rußland Der Dumadeputierte Brelonson sammelte viele Daten über die professionelle Bildung der Juden in Rußland. Im Jahre 1903 existierten in Rußland 16 jüdische Schulen, welche von den Gemeinden erhalten wurden. Im Jahre 1907 wuchs die Zahl bis 22. Im Jahre 1905 betrugen die Kosten der Erhaltung dieser Schulen Rubel 144500, im Jahre 1907: Rubel 215500. In den letzten Jahren wird die Zahl dieser Schulen immer kleiner. Es hängt damit zusammen, daß die ökonomische Lage der Juden sich mit jedem Jahr verschlimmert, und die jüdische Jugend sieht sich gezwungen, zu emigrieren. T Zur Konferenz der jüdischen Frau Baron David Ginsburg erhielt vom Ministerium des Innern die Erlaubnis zur Organisierung einer Konferenz der Vertreterinnen der jüdischen professionellen Schulen in Wilna im Dezember d. J. Frankreich (Von unserm Berichterstatter) Die französische Judenheit hat, wie Marmorek auf einer der letzten Versammlungen hervorgehoben, ein Meisterstück vollbracht, indem sie keinen einzigen aus ihrer Mitte in unsere Reihen stellt. Mit Ausnahme des lefrJer allzufrüh verstorbenen Bernard Lazare gehörte und gehört kein einziger französischer Jude der zionistischen Organisation an, oder sympathisiert, wie der landläufige Jargon lautet, mit unsern Bestrebungen. Im Gegenteil. Hier im klassischen Lande der Assimilation konzentrieren unsere Gegner ihre Hauptkräfte. Hier ist die Hochburg jenes Judentums, das dahin tendiert, sich selbst, überflüssig zu machen. Das Judentum als Religionsgenossenschaft, und nur als solche, wird nach der modernen Religionstheorie gedeutet und gemodelt, die bekanntlich darin besteht, daß die Religion dazu da sei, um eines schönen Tages, da Bildung und Gesittung Gemeingut aller Völker und Länder sein wird, sich selbst entbehrlich zu machen. Diese Tatsache könnte zur irrtümlichen Meinung verleiten, daß Frankreich für die nationale Bewegung eine quantitä negligeable * bedeute, daß Paris für eine groß angelegte zionistische Aktion ungeeignet sei. Mit nichten. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade weil die Gegner der jüdischen Renaissancebewegung hier eine Zentralmacht bilden, stetig an Boden und Einfluß gewinnen, ist es höchste Zeit, daß auch unserseits eine energische Gegenaktion am Platz eingeleitet wird, — und sie wird von umso größerm Erfolg gekrönt sein, je größer der Kontrast, der Widerstand ist. Das Terrain ist gar nicht so übel, wie man gemeiniglich annimmt. Die landläufig verbreitete Ansicht, daß die französischen Juden in ihrer Majorität antizionistisch gesinnt sind, entspricht nicht ganz der Wahrheit. Die französischen Juden in ihrer überwiegenden Mehrheit sind weder unsere Feinde noch unsere Freunde. Sie stehen unserer nationalen Sache, wie übrigens allen jüdischen Strömungen und Bewegungen, interessenlos gegenüber. Sie nehmen auch an ihren Kultusgemeinden und sonstigen jüdischen Einrichtungen einen verschwindend geringen Anteil. Sie befinden sich im Freudenschlummer der Assimilation. Und es ist gar nicht ausgeschlossen, daß ein tüchtiger Weckruf, der aus unmittelbarer Nähe kommt, sie doch wieder zu nationalem Leben wird erwachen lassen. Zionsfeinde sind hier einzelne jüdische Persönlichkeiten, die kraft ihres Geldes und Einflusses, ihrer Stellungen und Verbindungen allmächtig schalten und walten und ihren Unternehmungen die Macht und die Mittel geben, die sonst nur große, zielbewußte Volksmassen verleihen können. Eine kraftvolle nationale Volksaktion könnte leicht das TrugspieLaufdecken. In französischen Kreisen, das heißt in nichtjüdischen, ist unsere Bewegung im besten Sinne des Wortes populär. Wer einmal Gelegenheit hatte, mit einem Franzosen, den gewöhnlich ein stark entwickeltes Freiheits- und Nationalgefühl auszeichnet, über den Zionismus zu sprechen, der wird sich überzeugt haben, daß er unsere Bestrebungen begreift und würdigt. Die Kenntnis unserer Bewegung wird von der eingewanderten jüdisch-nationalen Intelligenz mit Leichtigkeit verbreitet und gefördert. Die französische Gesellschaft begegnet dem fremden Juden nicht mit demselben Mißtrauen, wie zufn Beispiel die deutsche. Man "findet hier unschwer französische Freunde und französischen Verkehr. Und man spricht mit einer Offenheit und Aufrichtigkeit, die den deutsch-jüdischen Philister erschrecken wird, in christlichen Familien über jüdische Angelegenheiten. Die französische Presse, so weit sie nicht von assimilatorischen Stammesgenossen dirigiert wird, bringt ein stetig wachsendes Interesse der Renaissance des jüdischen Volks- und Geisteslebens entgegen. Der beste Beweis für das allgemeine Interesse, mit dem unsere Bewegung hier verfolgt wird, ist das jüngst erschienene Büchlein Salomon Reinachs, des bekannten Gelehrten der klassischen Altertümer und Vizepräsidenten der Alliance. Reinach fühlt sich veranlaßt, in seiner geschmackvoll ausgestatteten, kurzgefaßten allgemeinen Religionsgeschichte auch vom Zionismus zu sprechen. Er schildert ihn als eine Fortsetzung der alten rnessianischen Träume, und führt seine Entstehung auf die Judenmassakers in Rußland zurück. Der erste Vorwurf ist in unsern Augen keiner. Es ist wahr: das jüdische Volk hat nie aufgehört, an Zion zu denken, von Zion zu träumen. Der Zionismus ist keine neuzeitige Erfindung, er hat keine eigentliche Entstehung, sondern ist aus der jüdischen Volksseele, die Herzl belauscht hat, hervorgegangen. Der zweite Einwand wird durch die erste Behauptung hinfällig. Wenn man übrigens die großen Geschichtsereignisse ausschließlich vom materialistischen Standpunkt betrachtet, wie es Reinach mit dem Zionismus tut, so bleibt als einzige Ursache der deutschen Reformation ein leidiger Ablaßstreit und einige persönliche Zänkereien zurück, und die Beweggründe der großen französischen Revolution wären in einer mißglückten Steuerreform zu suchen. Gleichviel, was Salomon Reinach von der national-jüdischen Bewegung sagt: es verdient, konstatiert zu werden, daß er bei einem Überblick über die neuen treibenden Kräfte im jüdischen Volke den Zionismus nicht mit Stillschweigen hat übergehen können, wie er es sicherlich gewünscht hatte. Unter den ausländischen Juden scheint die traditionelle Apathie der nationalen Sache gegenüber langsam aber sicher zu schwinden. In allen Volksschichten beginnt das jüdische Leben zu pulsieren. Die studierende Jugend ist daran, eine Vereinigung ihrer Kräfte auf nationaler Basis zu gründen. Ein Zweigverein mit ausgesprochen zionistischer Tendenz ist bereits zustande gekommen und hat seine Tätigkeit begonnen. Die „Ivria", die im Winter- und Sommerschlaf lag, ist reorganisiert worden. Das erste hebräische Fest, das zu Ehren des verstorbenen Dichters Jehuda Steinberg veranstaltet wurde, war recht gut besucht und nahm einen schönen Verlauf, der hauptsächlich den Darbietungen des hebräischen Poeten Schneur zu verdanken ist. Die Wahlen zum Kongreß fanden unter großer Beteiligung der hiesigen Schekelzahler statt. Wie alljährlich, so wurde» auch jetzt das Zweigestirn Nordau-Marmareck zum jüdischen Parlament entsandt. Die Misrachisten haben ihrem Präsidenten, Herrn Bühler, der in seiner kurzen Tätigkeit sich propagandistisch sehr hervorgetan hat, ein Mandat einstimmig anvertraut. An Programm- und Propagandareden mangelt es jetzt auch nicht. Herr Bühler vertrat die Ansicht Dr. Bodenheimers, wonach nur Vereinsmitglieder wahlberechtigt sein dürfen. Herr Dr. Reich hielt unter dem Vorsitz unseres Präsidenten der Föderation, des Herrn Dr. Alexander Marmareck, einen ausgezeichneten Vortrag, in dem er die historische Entwicklung der zionistischen Idee meisterhaft schilderte, und zum Schluß gelangte, daß der Zionismus die einzig mögliche Lösung der Judenfrage ist. Nebenbei bemerkt hat Herr Dr. Reich aus Lemberg, der ein vorzüglicher Volksredner ist, der zionistischen Bewegung und besonders der Propaganda hier großen Nutzen gebracht. Er ergreift in fast jeder Versammlung das Wort, und reißt mit seiner Beredsamkeit die Massen hin. — Die jüdische Volksuniversität in der Rue Jarente hat ihre Vorlesungen und Kurse wieder eröffnet. Herr Dr. Marmoreck hielt am Eröffnungsabend eine kurze, mit Beifall aufgenommene Ansprache, in der er den ersten Referenten, Herrn Alfred Lewy, Grand-Rabbin de France, begrüßte. Das Thema des Referenten lautete: „Hazaris Leben und Werke". Vorigen Sonntag sprach Herr Dr. Reich über die hauptsächlichen konstitutionellen Rechte. Die nächste Vorlesung wird Max Nordau halten. S^KORREPONDENZBN^ Diese Rubrik, für die die Redaktion keine Verantwortung trägt, ist Zuschriften aus dem Leserkreise zum freien Meinungsaustausch offen Die Erhöhung des Schekels Von Dr. med. Julius Loewenheim in Berlin. Da es unzweifelhaft feststeht, daß unsere oberste Behörde, das Engere Aktionskomitee, in seiner Tätigkeit durch den bisherigen Geldmangel wesentlich beeinträchtigt ist, so ist es für jeden Zionisten, dem der Fortschritt unserer Bewegung am Herzen liegt, mag er einer oder der andern Richtung angehören, eine unabweisbare Pflicht, durch Zuführung von Geldmitteln dem Engern Aktionskomitee eine größere Bewegungsfreiheit zu sichern und ihm die Möglichkeit zu geben, durch intensivere Tätigkeit als bisher für unser Endziel zu arbeiten und damit die Klagen über zu geringe Tätigkeit aus der Welt zu schaffen. Außer einigen andern Vorschlägen, die auf

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