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Die Welt · 1909-12-17 · 51 (17.12.1909) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
51 (17.12.1909)
Date
1909-12-17
Page
– (sequence 15)
Language
German
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in Antisemitismus machen, entstand in der letzten Zeit eine neue Wochenzeitung „Herold Polski" mit Namen, deren Aufgabe es ist, das galizische Judentum wirtschaftlich zu ruinieren. Dieses Blatt leistete sich einen Artikel, in dem es nicht ruft: „Kauft nicht bei Juden!", sondern gerade im Gegenteil:- „Kauft nur bei Juden! Wohnt nur bei Juden! Borgt Geld nur bei Juden, aber zahlet nicht!" Durch 'das bloße Gerede, daß man Antisemit sei, hätte man den Zweck noch nicht erreicht, auch nicht dadurch, daß man den Juden boykottiert. Den Juden müsse man in wörtlichem Sinne des Wortes vernichten. Und dies erlange man auch nicht durch politischen oder Radau-Antisemitismus. Und das ist der echte polnische Antisemitismus, der vom obersten Klerus und von der obersten Landesregierung nicht nur toleriert, sondern materiell gefördert wird. Selbst unsere Moschkos öffnen ihre Beutel dem Herausgeber und Redakteur dieses antisemitischen Fetzens. Eine jüdisch-nationale Kundgebung Die ablehnende Erledigung des Gesuches des Rigorosanten- Vereines um Subvention für das neuerbaute jüdisch-akademische Studentenheim seitens der Mehrheit des Lemberger Gemeinderates gab den jüdischen Bürgern der Stadt Lemberg den Anlaß zur Einberufung einer Versammlung, um gegen solche Behandlung jüdischer Interessen zu protestieren. Dieselbe fand am 27. v. M. im großen Saale des Vereines „Jad Charuzim" statt und war eine imposante Kundgebung gegen die Intrigantenarbeit der Moschkos. Die Versammlung war überaus zahlreich besucht. Im Präsidium wie auch an der Diskussion waren alle im galizischen Judentume existierenden politischen Richtungen vertreten und war der Ausdruck einer Einmütigkeit, wie sie schon seit langem in einer jüdischen Volksversammlung nicht geherrscht hatte. Und als der perfide Moschkohäuptling Dr. Berisch Menkes vulgo Bertold Merwin das Wort ergreifen wollte, da kostete es viel Mühe, die aufgeregten Gemüter zur Ruhe zu bringen und den Frechling einige Worte herunterstammeln zu lassen, die er selbstverständlich auch nicht zu Ende bringen konnte, weil man ihn nicht hören wollte. Zum Schlüsse wurde eine Resolution gefaßt, welche die Einsetzung eines Komitees, bestehend aus sieben Personen, zwecks Gründung eines „Jüdischen Bürgerklubs" zur Wahrung der Interessen der jüdischen Bevölkerung innerhalb der Gemeinde Lemberg und zur Kontrollierung der Tätigkeit der jüdischen Gemeinderäte befürwortet. Anerkennung der jüdischen Nationalität An der Tierärztlichen Akademie in Lemberg gewahren wir eine stille, kampflose Anerkennung der jüdischen Nationalität, die wie gewöhnlich an den höheren Lehranstalten darin beruht, daß die nationale Zugehörigkeit der Hörer in den offiziellen Berichten ausgewiesen wird. Und dies geschah eben an der Tierärztlichen Akademie in Lemberg. In ihrem statistischen Ausweise lesen wir, daß für das Wintersemester 1909/10 sechs Hörer der jüdischen Nationalität angehören und sechs sich als Polen mosaischer Konfession angegeben haben. Poalezionistische Kongreßdelegierte aus Qalizien Die Poalezionisten aus Galizien und Bukowina werden durch folgende Herren am IX. Kongresse in Hamburg vertreten sein: Dr. Max Rosenfeld (Lemberg), Alexander Barchasch (Stanislau), Eleäzar Rosenblatt, Privatbeamter (Drohobycz), Dr. Glücker (Lemberg) und Leib Steinmetz, Kaufmann (Czernowitz). Österreich (Von unserfn Berichterstatter) Für die Täuflinge Seit etwa zwei Jahren veröffentlichen die jüdischen Zeitschriften Wiens, — „Jüdische Zeitung", „Neue Nationalzeitung" und „Österreichische Wochenschrift", — allwöchentlich Auszüge aus der Liste der Austritte aus dem Judentum, die von der israelitischen Kultusgemeinde geführt wird. Darüber große Entrüstung in den Kreisen der Assimilanten, insbesondere bei den Taufkandidaten und denen, die es einmal werden wollen. Ihre Zahl scheint am größten, merkwürdigerweise, bei den Sozialdemokraten zu sein. Denn der sozialdemokratische Abg. Wutsehl sah sich genötigt, nachstehende erschütternde Interpellation an den Kultusminister zu richten. ' In der Interpellation wird ausgeführt, daß die israelitische Kultusgemeinde allwöchentlich drei in Wien erscheinenden Wochenblättern, die den religiösen Interessen der strenggläubigen Juden zu dienen bestimmt sind(?), die Liste der aus der jüdischen Religionsgenossenschaft austretenden Personen zur Veröffentlichung übermittelt und daß\ diese Blätter, die Liste veröffentlichen. Durch die Veröffentlichung dieser Proskriptionslisten soll Furcht vor dem Austritt aus dem Judentum erzeugt, die weitere Zugehörigkeit zum Judentum von vielen Leuten erpreßt werden. In einzelnen Fällen werden in jenen Zeitungen die Ausgetretenen in besondern Artikeln, zu denen die Grundlage die Mitteilungen der israelitischen Kultusgemeinde liefern, beschimpft. Es ist auf den ersten Blick erkennbar, daß die Praxis der Kultusgemeinde den Gesetzen des Staates hohnspricht, in denen angeblich die Freiheit, das religiöse Bekenntnis zu wählen oder frei von jedem Religionsbekenntnis zu sein, gewährleistet ist, und es ist nicht genug zu verurteilen, daß die bisherige öffentliche Kritik an dem Vorgehen der Kultusgemeinde -die Staatsbehörden nicht zum Einschreiten veranlaßt hat. Dazu hätte sie schon der Artikel 14 des Staatsgrundgesetzes über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger veranlassen müssen, der da lautet, daß die volle Glaubensfreiheit jedermann gewährleistet ist. Auch das Gesetz über die interkonfessionellen Verhältnisse der Staatsbürger sagt ausdrücklich, daß nach vollendetem vierzehnten Lebensjahr jedermann die freie Wahl des Religionsbekenntnisses hat und in dieser freien Wahl nötigenfalls von der Behörde zu schützen ist. Es ist klar, daß durch die Veröffentlichung der Namen der Austretenden ein Mißbrauch der Amtsgewalt begangen wird. Da das Gesetz über die Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgenossenschaft den Staatsbehörden die Mittel an die Hand gibt, gesetzwidrige Beschlüsse oder Verfügungen der Kultusgemeinde zu beheben und andere Zwangsmaßregeln in Anwendung zu bringen, werden die mit dem Vollzug dieses Gesetzes betrauten Minister gefragt, ob sie den geschilderten Mißbrauch der Amtsgewalt der Wiener Kultusgemeinde (!) durch Anwendung der in den Gesetzen bezeichneten Mittel beseitigen wollen. Der Angriff gegen die Kultusgemeinde ist diesmal selbstredend grundlos. Die offizielle Austrittsiiste dient vor allem statistischen Zwecken; es wäre unsinnig, wenn die jüdische Gemeinde Wiens Vertretern der Presse den Einblick in diese statistischen Tabellen untersagen sollte. Das bedeutet gar keinen Gewissenszwang für die Getauften, die doch den Mut haben sollten, vor aller Welt zu bekunden, daß sie der jüdischen Gemeinschaft nicht mehr angehören wollen. Daß viele Juden die Taufe als eine gemeine Feigheit betrachten, und zwar ganz vorurteilslose, freidenkerische Juden, daran wird die geharnischte Interpellation nichts ändern können. Daß gerade die Sozialdemokraten die Kultuspolizei und den Grafen Stürgkh zu Hilfe rufen, ist freilich verwunderlich. Es ist bezeichnend, wer die Bundesgenossen des Abg. Wutsehl und der „Arbeiterzeitung" sind, — das „Slowo polskie", das Organ der Nationaldemokraten, spendet der „Arbeiterzeitung" Beifall. Der Polenklub wird nächstens mit Berufung auf die Gewissensfreiheit verlangen, daß den jüdischen Zeitungen verboten wird, von der Entführung jüdischer Mädchen, die 14 Jahre alt sind, in polnische Klöster der Öffentlichkeit Mitteilung zu machen. Irrsinn oder Infamie? In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 4. ds. hielt der polnische Sozialdemokrat Daszynski eine Budgetrede, in der er auf die Haltung der Christlish-Sozialen während derWienerTschechenhetze zu sprechen kam. In dieser Rede leistete sich der Herr Abgeordnete die Ungeheuerlichkeit, die Anteilnahme der Christlich- Sozialen an dieser Hetze darauf zurückzuführen, daß diese Agitation von dem „Zionistischen Hauptbörsenblatt" inzeniert worden sei. Sie beugten-sich, heißt es weiter, dem „zionistischen Diktat", Die „Arbeiter-Zeitung" hebt die beiden Sätze in Fettdruck hervor. Mit dem Zionistischen Hauptbörsenblatt meinte Herr Daszynski die „Neue Freie Presse". Wir denken, ein Kommentar erübrigt sich. Die Neue Freie Presse als ein zionistisches Organ zu bezeichnen, ist ebenso wahnsinnig, wie es niederträchtig ist, die Tschechenhetze den Zionisten in die Schuhe zu schieben, die sich im Gegenteil in der schärfsten Weise dägegen ausgesprochen hat. Abgesehen davon, daß es nicht sehr für den gesunden Zustand des Herrn Daszynski . spricht, daß er den Einfluß der Zionisten auf die österreichische Politik so hoch einschätzt. Als ein Beispiel ehrlicher Kampfesweise ist dieser kleine Zwischenfall immerhin interessant. Rußland (Von unserrn Berichterstatter) ,:tL: Die Kowner Konferenz Die Kowner Konferenz stand in den letzten Tagen im Mittelpunkt des Interesses der öffentlichen Meinung. Die russische Presse veröffentlichte große Berichte über die Konferenz, doch ohne ihre eigene Meinung darüber zu äußern. Auf der Konferenz ließen sich deutlich zwei Strömungen erkennen. An der Spitze des einen Lagers steht Rechtsanwalt

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