Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 51 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine namenlose Angst ergriff das galizische Judentum vor einer solchen Gerechtigkeit, und jedermann fragte sich, ob auch im konstitutionellen Österreich der Jude von einem Christen ganz straflos niedergeschossen werden darf, ob jüdische unmündige Mädchen von einem Christen beinahe straflos geschändet und vergewaltigt werden dürfen und ob ein Jude auf Grund einer Aussage eines einzigen, mehreremal abgestraften und notorischen Zigeuner-Verbrechers monatelang in Untersuchungshaft gehalten werden darf. Und dem galizischen Juden wirft sich von selbst die Frage auf, ob er denn bei galizischen Richtern und bei galizischen Geschworenen keinen Schutz und Gerechtigkeit finden könne. Zur Illustrierung dieser Zeilen wollen wir die jüngsten Fälle in ihrer ganzen Nacktheit, ohne Kommentar und ohne kritische Glossen, -- weil in Österreich die Kritisierung gefällter Urteile strafgesetzlich verboten ist, — anführen. Ein polnischer Setzer, namens Marian Machaiski in Sambor (Galizien), welcher vor seiner Abreise nach Monte Carlo zu Spielzwecken stand, geriet mit seinem Schneider Leon Fichtelberg, der ihn vor seinem Geschäft .um Begleichung eines kleinen Betrages angegangen war, und dessen Bruder Joachim Fichtelberg in einen Wortstreit, wobei Machaiski eine Ohrfeige erhalten hatte. Wutentbrannt zog er einen Browning hervor und gab nach den sich Flüchtenden einige Schüsse durch die geschlossene Glastür ab. Leon Fichtelberg war tödlich verletzt und hauchte nach einigen Minuten den Geist aus eine Frau und drei unversorgte kleine Kinder hinterlassend. Bei der am 24. d. M. vor einem aus lauter Christen bestehenden Geschworenentribunale in Sambor durchgeführten Verhandlung ist Machaiski von der Schuld und Strafe gänzlich freigesprochen worden. In Bosantsche bei Suczawa (Bukowina) wird am 30. April 1907 das Ehepaar Marcus und Reisel Goldberg ermordet. Ein volles Jahr vergeht, und die Behörden sind außerstande, die Täter zu eruieren. Bald aber wird der Zigeuner Sofroni wegen Diebstahls verhaftet und geständig, daß er mit noch einigen Bauern das Ehepaar Goldberg ermordet und beraubt hatte. Eine bei demselben vorgenommene Hausdurchsuchung bestätigte seine Angaben. Nun sieht sich der schlaue Zigeuner von der Todesstrafe bedroht. Und um derselben zu entgehen, zieht er seine früheren Aussagen zurück und gibt als den wahren Mörder an seinen Eltern den Sohn derselben, Josef Samuel Goldberg, an. Und auf Grund der Aussagen dieses Zigeuners wird der unbestrafte und rechtschaffene Mann arretiert, 8 Monate hindurch in Untersuchungshaft gehalten und am 22. November vor ein Schwurgericht in Suczawa gestellt. Alle Zeugen sagen zugunsten des unschuldig Angeklagten aus, und zum Schlüsse, — von Gewissensbissen gerührt, — zieht der Zigeuner seine Aussage zurück und gesteht wiederum, daß er mit einem Bauer den Mord begangen habe und daß Josef Goldberg unschuldig ist. Goldberg ist nach achtmonatlicher Untersuchungshaft freigesprochen worden. Jetzt noch zwei kleinere Fälle. InBreszow wird der polnische Bäckereibesitzer Bryczkowski wegen Schändung und Vergewaltigung von 10 jüdischen Mädchen, meistens unter 14 Jahren, zu bloß einem Monat Arrest verurteilt, während ein Jude, welcher sich an einem christlichen Dienstmädchen vergreifen wollte, mit 6 Monaten Gefängnis bestraft wurde. Dies sind die Tatsachen. Und nun möge Europa über die Zustände bei der galizischen Justitia ein Urteil sprechen. Und wenn schon über die galizische Justiz die Rede ist, müssen wir noch ihres höchsten Verwalters für Galizien und Bukowina, des Oberlandesgerichts-Präsidenten v. Tchörznicki, gedenken. Der Herr ist ein bekannter Antisemit und behandelt die Juden in einer Art, wie wenn sie Bürger der untersten Rangsklasse wären. Während der gesetzlichen Eidesleistung der neuen Advokaten reicht er gewöhnlich den christlichen Kandidaten die Hand zur Beglückwünschung und die jüdischen läßt er stehen ohne sie eines Wortes zu würdigen. Und so ein Herr ist als hohe Amtsperson im XX. Jahrhundert in Österreich noch möglich, und so eine Behandlung von gleichberechtigten Staatsbürgern wird noch in Galizien toleriert. Die Delegiertenwahlen zum IX. Kongreß In allen Distriktskomitees Galiziens sind, mit Ausnahme des Tarnopoler, die Delegierten wählen zum IX. Kongresse bereits vorgenommen. Es sind der vor den Wahlen ausgegebenen Parole gemäß durchwegs galizische Parteigenossen mit den Mandaten betraut worden, und die Zahl derselben beträgt in den drei Distriktskomitees, von denen die Berichte vorliegen, fünfundzwanzig. Im Tarnopoler dürften 5 bis 7 gewählt worden sein, so daß die Zahl der galizischen Landsmannschaft 30 bis 32 Mann stark sein wird. Ein Vortrag über Palästina Am 4. d. M., abends, hielt in Lemberg Gg. Dr. Alexander Hausmann, Obmann der galizischen Palästina-Kommission, welcher im Frühling dieses Jahres während der Osterfeiertage sechs Wochen in den jüdischen Kolonien in Palästina zugebracht hatte, einen Vortrag unter dem Titel: „Die jüdischen Kolonien in Palästina, Reisebeobachtungen und Erwägungen." Auf Grund seiner persönlichen Erfahrungen entwarf der Redner vor einem distinguierten Publikum, unter welchem sich auch der Präsident der Lemberger Kultusgemeinde, Dr. Schaff befand, ein Bild der immer mehr aufblühenden und sich emporschwingenden jüdischen Kolonien in Palästina. Er schilderte die ökonomischen, sozialen, kulturellen und geistigen Zustände unter den Kolonisten, deren Arbeitsfreude und -Arbeitswilligkeit, deren Lebensfreude - und Zufriedenheit und erklärte, daß er noch nie im Golus solch einen zufriedenen Gesichtsausdruck, wie bei den jüdischen Kolonisten, gesehen habe. Der Referent sprach sich überaus günstig über die Fruchtbarkeit des palästinensischen Bodens aus und zitierte ein unter den Kolonisten populäres diesbezügliches Sprichwort als markanten Beweis hierfür: „Stecke einen Schirm in die Erde, komme dann nächstes Jahr und du wirst Schirme wachsen sehen." — Insbesondere interessant und neu waren die Ausführungen des Redners über das von der lea in Palästina eingeführte Metayapesystem zu Kolonisationszwecken. Redner erklärte sich als entschiedener Anhänger desselben, weil es am meisten der Psychologie des jüdischen Kleinbürgers entspreche und weil es dem Arbeiter nach Durchmachung eines längern, gewissermaßen Gesellenstadiums, die Erlangung einer Selbständigkeit und sogar einer Wohlhabenheit ermögliche. Das Metayapesystem beruhe darauf, daß von einer Gesellschaft größere Ländereien, die durch Körneranbau so viel Früchte tragen, als zur Erhaltung einer Person, eventuell einer Familie, nötig ist, unter die Arbeiter verpachtet und von denselben bearbeitet und durch sukzessive jährliche Amortisation angeworben werden. Solange die Amortisation nicht vollendet ist, ist der Boden Eigentum der Gesellschaft. Sollte dagegen der Metayais nach einigen Jahren außerstande sein die Abzahlungen zu Ende zu führen, so wird ihm aus seinem Komplexe so viel Bodenausgeschieden, wieviel Zahlungsraten er geleistet hatte, und der Rest kehrt in den Besitz der Gesellschaft zurück. Dieses Metayage-System unterscheide sich zum Vorteile von dem bisher gepflogenen dadurch, daß es den Metayais vollständige Freiheit in der Bearbeitung und Ausnützung ' des Bodens gewährt. Der Metayais kann nach eigenem Gutdünken und Ermessen wirtschaften, er ist Herr seiner selbst und seines Stückchen Ackerlandes. Die Gesellschaft hat keine Ingerenz. Das entferne das bisher insbesondere von Baron Rothschild geförderte demoralisierende System der Unselbständigkeit in Wollen und Arbeiten, es mache den Pächter erfinderischer, erfahrener und stähle seinen Charakter. — Die Ausführungen des Vortragenden fanden reichhaltigen Beifall. _ * Polnischer Antisemitismus , ~ Die Polen brüsten sich immer vor Europa, daß es in Galizien — oder im breiteren Sinne des Wortes — in Polen überhaupt keinen Antisemitismus gebe. Jawohl, es gebe wohl keinen solchen, wenn wir unter Antisemitismus entweder den Versammlungs- und deutschen Radau-Antisemitismus oder den Pogrom- und Regierungs-Antisemitismus verstehen. Wiewohl wir vor Jahren mit dem ersten Auftreten des Paters Stojalowski auf der politischen Bühne Galiziens Zeugen des Hetzantisemitismus der Tat in Westgalizien waren. Dagegen aber sind die Polen im wirtschaftlichen, behördlichen — d. h. im landesautonomischen — und im Zeitungs-Antisemitismus allen andern Völkern Europas voran. Und abgesehen davon, daß die große Mehrheit der polnischen großen Presse, wie z. B. „Slowo Polskie", „Gäzeta Narodowa", „Dziennik Polski'? usw. sehr gerne \ \r f