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Die Welt · 1909-12-17 · 51 (17.12.1909) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
51 (17.12.1909)
Date
1909-12-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1132 : DIE^ELT No. 51 schichte, Schreiben, und von Sprachen Türkisch und Französisch. Ob und in welcher Sprache die Realien gelehrt werden, macht das offizielle Communique nicht bekannt. Jedenfalls bedeutet die Neugestaltung dieser Schule einen ersten Versuch zu einer Reform der Talmud Thoras von seiten der Gemeinde. Vielleicht ist dieser zum Teil dringend dem Zwange zuzuschreiben, weil — wie das Großrabbinat mitteilt — die Regierung sich mit der Absicht trägt, alle Talmud Thoras der Stadt, die sich in schlechtem Zustande befinden, schließen zu lassen. — Der jüdische Frauenverein „Quand meine" in einer andern Vorstadt Konstantinopels, in HaTdor Pascha, hat beschlossen, eine Näh-, Zuschneide- und Haushaltungsschule für Mädchen zu eröffnen. — Die „Revista Populär" in Salonik hebt hervor, daß trotz der in der Stadt existierenden Schulen, .noch immer Hunderte von Kindern des Unterrichts bar sind. Sie legt die Notwendigkeit dar, noch zwei neue Schulen zu 'errichten, die mindestens acht- bis neunhundert Kinder beherbergen könnten. Die drei vorhandenen Talmud Thoras sind so sehr überfüllt, daß die Kommission dieser Anstalten gezwungen war, eine große Zahl von Aufnahmegesuchen aus Platzmangel abschlägig zu bescheiden. Chanuka in der Hilfsvereinsschule Ehemals, als die Vorstädte Konstantinopels noch rein jüdische Siedelungen waren, und die Modernisierungssucht noch nicht die Verachtung der alten Formen und Sitten, und die Scheu, sich „in der Öffentlichkeit lächerlich zu rriachen", erzeugt hatte, gab die jüdische Schuljugend dem Chanukafeste hier ihr eigenstes Gepräge. Schon beim frühen Morgengrauen durchzogen die ältesten Schüler der Talmud Thoras die Straßen, um an die Türen zu pochen und mit fröhlicher Stimme ihre Jüngern Genossen zum gemeinsamen Gebet in der Schule zu wecken. Alles strömte frisch gewaschen, festlich gekleidet und in gehobener Stimmung dem Schulhause zu, wo das Morgengebet in besonders feierlicher Weise verrichtet wurde. Sodann blieben Lehrer und Schüler vergnügt noch eine Weile beisammen, bis die Jugend in ungebundener Freiheit auf die Gassen hinausgelassen wurde, truppweise, hebräische Weisen singend, und übermütige Jauchzer und Aufforderungen zur Mitfreude am Chanuka ins Publikum werfend. Viele aus dem jungen Volk legten Verkleidungen und Masken an; allerlei ganz besondere Freiheiten waren ihnen an diesem Tage gestattet, sogar der Genuß berauschender Getränke. Es war ein brausendes Volksfest auf den Gassen. Mittags erst wieder sammelten sich die Scharen von neuem, um gemeinsam im Schulhause ihr Mahl einzunehmen, das diesmal so ' üppig als möglich gegen die sonstige allzu bescheidene Form des Brot mit Käse oder Brot mit Chabra oder braunen Bohnen abstechen durfte. Nachmittags nahm der Trubel von neuem seinen Anfang. Diese schönen Tage aus dem alten spaniolischen Ghetto sind längst vorüber. Heute ist Balat fast so sehr griechisch als jüdisch geworden, heute haben Aufklärung und Indifferentismus ihr Werk bereits getan, und vom alten lieben Chanuka ist in den spaniolischen Vorstädten der türkischen Hauptstadt eigentlich nichts mehr zu bemerken. Die Schulen tun viel, wenn sie den Kindern an einem Tage der Chanukawoche Freiheit gewähren. — In den Schulen des „Hilfsvereins der deutschen Juden44 glaubte man gleichwohl etwas unternehmen zu sollen, um das schöne Fest den empfänglichen Herzen der jüdischen Jugend wieder näher zu bringen. Natürlich konnte es sich nicht darum handeln, abgestorbene Bräuche zu einem künstlichen Leben zu erwecken. Man fand eine neue angemessene Form in einer würdigen und zugleich fröhlichen Schulfeier. In der Schule „Achrida" zu Balat wurden vergangenen Freitag die Kinder, 250 an der Zahl, bei wunderbarem Wetter, unter einem tiefblauen, frühlingswarmen Dezemberhimmel, im Hofe der Anstalt versammelt. Herr Lehrer Assayas hielt ihnen eine warm empfundene und zu Herzen gehende Ansprache über die historische Veranlassung und die Bedeutung des. Chanukafestes, über Treue zum jüdischen Volk und Glauben der Väter. Sodann sangen die drei Oberklassen schmetternd die Strophen der Chanukahyrnne „Maot zur je schuati", die vorher nicht nur gesanglich einstudiert, sondern auch ihrem Verständnis nahe gebracht waren, um sodann mit der Aussicht auf einen freien Chanukatag, gehoben und fröhlich, hinauszustürmen. Juda Makkabi wird künftig in den Herzen der Kinder leben. In der „Or-Thora"-Schule zu Galata findet dieser Tage eine analoge Feier, verbunden mit einer Armenbescherung, statt. Am Freitag wurden dreiß:g Schüler dieser Anstalt in die Generalprobe der vom jüdischen Turnverein „Makkabi" veranstalteten Aufführung von Otto Ludwigs Drama, „Die Makkabäer", geführt. Das Stück machte auf die Knaben, die nie Ähnliches gesehen hatten, gewaltigen Eindruck. Die nätionale Jugend Adrianopels organisiert sich Wie der Saloniker „Imparcial" mitteilt, sind fünf junge Leute als Abgesandte von Adrianopels jüdischer Jungmannschaft jüngst in Saloniki eingetroffen, mit der Absicht, die Organisation des „Cercle des Intimes" zu studieren, um alsdann in ihrer Stadt einen ähnlichen Klub zu gründen. Damit beginnt der „Cercle des Intimes" verdienterweise zum tatsächlichen Muster für jüdische Organisationen in der Türkei zu werden. Tschirikows „Juden" in armenischer Sprache Eine berühmte armenische Theatergesellschaft, die vorübergehend in Konstantinopel Gastspiele veranstaltet, wird kommenden Mittwoch die „Juden" von Tschirikow zur Aufführung bringen. Das Makkabäerfest des jüdischen Turnvereins „Makkabi" Das Fest, das am 12. Dezember viele Hunderte Konstantinopeler Juden aus allen Schichten der Bevölkerung in den Sälen der „Teutonia" vereinigte, wird als ein Ereignis von Tragweite in der Erinnerungfortleben. Zum ersten Male ist der verschüchterten türkischen Judenheit der nationale Geist und ein wahrhaft freier Geist fühlbar gemacht worden, nicht nur in lehrhafter Theorie, sondern mit packender Gewalt, in Schönheit Was an Tiefe und suggestiver Kraft nur immer in unserm Chanuka verborgen liegen mag, ist vor den genießenden Sinnen und Seelen heraufgeholt worden. Die Gewalt der historischen Erinnerungen mit ihren bedrückenden und erhebenden Parallelen zum Sinn und den Vorgängen in der jüdischen Massenseele der Gegenwart, die lodernde, wolkenwärts tragende Schönheit und leidenschaftliche Stärke des in Juda Makkabi verkörperten Genius, die stille, herzige Poesie der Flämmchen, die von der Liebe Jahrtausende alter Traditionen durchgeistigt schimmern, und die erhabene, erschütternde Wirkung des religiösen Grundwillens, der die Taten Makkabis zum Ausbruch brachte, und immer noch, mag einer der frömmste oder freieste aller Juden sein, in den Grundfesten seiner Seele widerzittert, — alles das lebte auf diesem Feste auf. Es geschah durch die Aufführung der ersten beiden Akte von Otto Ludwig's „Makkabäer", die durch Ausschaltungen und Zusammenfassung zu einem einheitlich fortlaufenden, überaus packenden Ganzen verdichtet waren. In diesem ersten Teile der Dichtung bebt die volle Gewalt der aktiven jüdischen Heldenkraft, wie in ihrem zweiten die passive jüdischen Martyriums. Für jugendliche, zu Taten -zu begeisternde und empfängliche Seelen wie unsere Turner-Makkabis, und zur Aufrichtung und Erbauung einer Bevölkerung, die vom Leiden zu schöpferischer Tat übergeführt werden soll, konnte nur dieser erste aktive Teil in Betracht gezogen werden. Die Wirkung war in der Tat ganz außerordentlich. Keine Konferenzen und Leitartikel können die Häßlichkeit und die Schande verräterischen Assimilantentums und die stolze Schönheit nationaler und religiöser Treue so demonstrieren, wie das im lebenden Bild der dramatischen Dichtung geschah. Der Moment, da Juda den Abtrünnigen niedersticht und die Götzenstatue zerschmettert, riß alles in selbstvergessenem Enthusiasmus zu tosendem Beifalle hin. Am Eingange des Abends hielt der Präsident, Herr Abramowitz, in französischer Sprache die Festrede, die das doppelte Ziel des Vereins, das der physischen und der geistigen Regenerierung der jüdischen Jugend zur Erörterung brachte und die idealen Verknüpfungspunkte, die der Verein mit den alten jüdischen Heldengestalten, deren Namen er trägt, verbinden. Der ernste, volkstreue Geist, der in den Worten des Redners lag, machte nachhaltigen Eindruck. Den Schluß des Programmteiles bildete ein sinnvolles und zugleich entzückendes lebendes Bild: die Channukalämpe. Vor einem mit Guirlanden behängten, silbern schimmernden Riesengestalt, den Unterkörper verdeckt von einem gleichartig gehaltenen Vorderstück, standen acht wunderschöne Mädchen in altjüdischen Kostümen mit schimmernden Leuchterkerzen vor sich her, ihnen zur Seite, erhöht postiert, ein neuntes Kind als „Schames". Während die Blicke der Beschauer entzückt auf diesem Bilde weilten, sangen die hinter dem Schirm verborgenen „Renanisten" noch einmal eine Strophe von „Moaus zur" und der „Hatikwah." Es war erhebend. Das Fest war durch die Gegenwart verschiedener offizieller Persönlichkeiten beehrt. Vor allem fiel auf die sympathische Greisengestalt des amerikanischen Botschafters Strauß, der dem Vereine ein lebhaftes Interesse entgegenbringt und dessen Erscheinen eine besondere Ermutigung für den „Makbabi" bedeutete. Dann war eine Vertretung des Großrabbiners, der selber durch Krankheit am Erscheinen verhindert war, anwesend, der Gendarmeriechef von Pera und viele Offiziere.

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