Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 51 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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und Presse, obligatorischer Volksschulunterricht mit Behauptung der Muttersprachen neben der Reichssprache, allgemeines Wahlrecht. Diese Partei soll über bedeutende Mittel verfügen. Die Juden in der Konstantinopeler Stadtvertretung Das Großrabbinat war davon benachrichtigt worden, daß drei Rabbiner in den „Medschlisidara" der Hauptstadt aufgenommen werden sollten. Es wurde daher zur Wahl der drei Rabbiner geschritten und Rabbi Abraham Danon für Stambul, Rabbi Saban für Pera und Rabbi Ferrera für Skutari gewählt. Neue Verfügung für den Militärdienst der Juden Die Rabbinatsjünger der palästinensischen Jeschibot sollen vom Militärdienste frei sein, solange ihre Studien dauern und für den Fall, daß sie nach deren Beendigung in einen Rabbinerposten eintreten. Jüdische Schüler an den staatlichen Mittelschulen Infolge einer Eingabe des' Großrabbinats um Zulassung weiterer jüdischer Schüler zu den staatlichen Mittelschulen erteilte der Justiz- und Kultusminister den Bescheid, daß zwar die Anzahl der in die hauptstädtischen Idadie-Schulen aufzunehmenden Schüler bereits komplett sei, daß aber jüdische Schüler gerne in den .Provinzanstalten aufgenommen werden würden. Er lud ihn gleichzeitig ein, vier Schüler für das Staatsinternat in Angora namhaft zu machen. Das Großrabbinat wird entsprechende Schritte tun. Meeting der Gastvölker des türkischen Reiches Vergangenen Sonntag fand ein interessantes Meeting statt, das die Gastvölker des Reiches dem türkischen Volke zu Ehren veranstalteten. Die Anreger waren die Polen, die im Laufe der Geschichte mehrmals die großmütige Hilfe und Bundesgenossenschaft der Türken gefunden und ihren historischen Dank durch Organisierung des polnischen Hilfskorps im Krimkriege abgestattet haben. Außer den Po!en waren vertreten: die Juden, die Ägypter, die Perser und die Ungarn. Im Namen der Juden hielt Abgeordneter Carasso eine große Rede. Er sagte, die Türken hätten im Laufe ihrer glorreichen Geschichte nicht nur den Starken ihren Beistand geliehen, sondern auch ein ihnen bis dahin völlig unbekanntes, unterdrücktes Volk gerettet und bei sich aufgenommen. Das waren die Juden Spaniens. Es ist daher nur natürl ch, daß dasjenige Volk, das die größte Dankbarkeit von allen der Türkei entgegenbringt, das jüdische Volk ist. Die Ansprache erweckte großen Beifall und Begeisterung. In einer Zeit, wo die großen Mächte der Erde wieder beginnen, der Türkei Schwierigkeiten und Unfreundlichkeiten zu bereiten, ist eine solche Kundgebung der wahren Freunde des Reiches von tiefer und rührender Bedeutung. Von der Bagdadlinie Auf Grund wiederholter Eingaben der Bewohner des Vilajets Aleppo und der fortgesetzten Bemühungen ihrer Deputierten ist das Projekt einer Änderung des Tracenplanes für die Fortführung der Bagdadbahn in ernste Erwägung ge/.ogen worden. Die Bahn soll, anstatt vom Euphrat in nördlicher Richtung Tele Habesch, Islahye, Bagtsche und Osmanie zu berühren, nach Südwesten abschwenken und direkt auf Aleppo losgehen, von da aus an die Meeresküste nach Beifan und nach Alexandrette hinauf und weiter der Küste entlang über Payas nach Azigli führen, von wo aus sie mit Westkurs Adana erreicht. Wenn diese neue Trace zustande kommt, was höchst wahrscheinlich ist, so wird die Bedeutung von Aleppo außerordentlich steigen, ganz besonders aber die von Alexandrette. Hier wird ein Hafen ersten Ranges entstehen, von dem aus die wirklich kürzeste Verbindung nach Indien gezogen sein wird. Widerstand gegen das Projekt übt nur noch der Kriegsminister, der die Küstenstrecke für allzu gefährdet hält; aber es scheint, daß über seinen Widerspruch hinweggegangen werden wird. Für den Weiterbau der Bagdadlinie ist die neue Baugesellschaft dieser Tage in Zürich begründet worden. Das Judentum in der Provinz Über die Zustände in Monastir geht der „Aurore" folgende pessimistische Darstellung zu: „Es ist warhaft äußerst peinlich, nicht anders die Feder ergreifen zu können, als nur um zu kritisieren. Aber die Gemeinde, die unglückselige Gemeinde unserer Stadt ist in einem Zustande, daß es unmöglich ist, länger unempfindlich dagegen zu bleiben. Unsere „Leitenden" finden keine Minute, um sich mit den Gemeindeangelegenheiten zu beschäftigen, in einem Sinne, der praktische Resultate zeitigen und uns in den Augen der andern heben könnte. Schon betrachten uns diese als quantite" n£gligeable und übergehen uns bei wichtigen Anlässen, wo alle andern Elemente Berücksichtigung finden und gefeiert werden. „So ereignete sich letzthin folgender Vorfall. Samstag wurde der kaiserliche Firman über die Rekrutierung unter großer Feierlichkeit verlesen. Patriotische Reden wurden gehalten, in denen nichts fehlte, nur die Juden. Man sagte: Türken, Araber, Kurden, Albanesen, Armenier, Griechen, Bulgaren, Serben, Rumänen und Montenegriner im Reiche — alle sind gute Ottomanen. Und die Juden? Nur diese zählten unter den ottomanischen Völkern der Redner nicht. Eine Stimme gegen diese Zurücksetzung hat sich nicht erhoben. Das ist aber nicht alles. Unsere Schulen sind stets im Defizit. Nicht zum mindesten durch die Schuld unserer „Führer" selbst, die die eigenen Kinder in die Kongreganistenschulen schicken. An der Alliancschule ist der hebräische Unterricht, für den man zwei Lehrer versprochen hatte, einem einzigen anvertraut, der nach einstimmigem Urteil seiner Aufgabe nicht entfernt gewachsen ist. Die „Ohebet Melachah" hat aus Mangel an Mitteln die Pforten ihrer Werkstatt schließen müssen, wodurch ihre fünfzig Schutzbefohlenen wer weiß welchem Schicksale preisgegeben wurden. Unerfüllte Pflichten, ungehaltene Versprechungen, taube Ohren allen Reklamationen gegenüber — so ist die Situation in Monastir. Der Korrespondent apelliert zum Schlüsse an den Konstantinopeler Großrabbiner.* Die Juden von Mitrowitza, Prischtina und Jenibasor beklagen sich in einem offenen Briefe, den sie der „Nation" in Salonik zukommen lassen, über die Ungerechtigkeit, die ihnen dadurch geschieht, daß die öf entlichen Märkte an ihren Plätzen auf den Sabbat verlegt wurden. Sie haben sich dieserhalb an den Großrabbiner JakowMeTr von Salonik gewandt, der ihre Beschwerden an Rabbi, Nahum weiterleitete. Man hofft von dessen Intervention ein gleich günstiges Resultat wie für Demotica seinerzeit Der alte und der neue Geist in der Allianc Berechtigtes Aufsehen erregten die jüngst erfolgien Publikationen in der „Aur~re" und „Judiu", die alte Reden der Gründer der Alliance Isra6lite universelle, Cremieux's und Nelter's wieder der Vergessenheit entrissen haben. Diese Reden sind so voll nationalen Gefühls und von Ziomliebe, daß man glauben könnte, einen Teilnehmer der Kattowitzer Konferenz oder einen unserer Kongresse sprechen zu hören. Hätte Netter heute wie damals es gewagt, von einer „Penetration pacifique" der Juden in Palästina zu sprechen, er wäre sicherlich von den großen Herren seiner eigenen Organisation gesteinigt, zum mindesten von ihrem bekannten Wortführer in Konstantinopel schändlicher Verräterei angeklagt und mit Kot beworfen worden. Aber die Allianc wird ihre Größten aus ihren Reihen nicht streichen wollen und, ihre Worte nicht verstecken können. Es ist gut, daß der jüdischen Welt einmal gezeigt wird, wie der Geist der Allianc in ihren Anfängen wirklich war, national und zionsfreundlich und wie er im Laufe der Jahre geworden, ist — bis zu dem heutigen Niveau hinunter. Die o'toman'tschen Juden insbesondere, denen sich die Allianc gern als unfehlbar präsentieren möchte, werden um eine Erkenntnis reicher. Die Alliance IsraeJite gegen Netter und Cremieux, ein schönes Schauspiel! Dokumentendiebstahl Wie bekannt, ist die von der Ica berufene Kommission zur Erforschung Mesopotamiens dieser Tage aus der Hauptstadt abgereist. Während sie in Srnyrha Halt machten, gelang es einem Individium, in ihre Kabine auf dem Schiffe „Romania" einzudringen und sich eines Koffers mit Dokumenten zu bemächtigen. Die gestohlenen Dokumente sollen zwar keinerlei vertraulichen Charakter haben, aber doch für die Zwecke der Kommission einen schwer empfindlichen Verlust bedeuten. Aus dem jüdischen Schulwesen Das Schulkomitee des Großrabbinats macht die Beendigung der Reparaturarbeiten in der jüdischen Gemeindeschule zu Haskiöi (Schulel Muarif) bekannt. Die Anstalt wird künftig dreihundert Knaben im Alter von fünf bis zu zehn Jahren Raum geben können. Waisen und Kinder von solchen Eltern, die Gemeindeuntersiützung erhalten, werden umsonst aufgenommen werden. Das Programm der Schule umfaßt'. Hebräisch nach moderner Methode (iwrit b'iwrit), Tefiilot, Perascha, Haftora, jüdische Ge-