Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 51 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316402--52631-3346339- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
dessen Worten . im Kreise anerkannter Forscher gelauscht wurde, er mühte sich unablässig, junge Kräfte zum Werke heranzuziehen, suchte in ihnen eine Pflanzstätte für seine Ideale, für die er nur so kurze Zeit arbeiten durfte. Fast scheint es heute, eine Ahnung seines frühen Endes habe ihn das gelehrt. Denn kaum wurde ihm der Name eines jungen strebenden Juden genannt, so drängte er darauf, mit ihm bekannt zu werden. Und wer ihm zugeführt wurde, der war bald im Banne dieses Mannes, dessen selbstsichere Ruhe und liebevolles Verstehen dem jungen Großstadtjuden so wohl tat. Und er, dem es nicht gegeben war, durch die Macht des Wortes die Menge zu beeinflussen, hat so seinem jüdischen Programm Fortdauer gesichert. Ein tückisches Leiden hat dem Leben des Einunddreißigjährigen ein jähes Ende gesetzt, gerade als die Verwertung seiner technischen Arbeiten seine materielle Zukunft nach langem zähem Ringen sicherzustellen schien, mitten aus seinem jüdischen Wirken, aus den Vorbereitungen für unser Verbandsschauturnen,. die er mit gewohntem Eifer leitete. Mit Arndt sind Hoffnungen und Pläne zu Grabe getragen; was er geschaffen, wird bleiben. Denn seine Ideen werden in seinen Jüngern fortwirken, und sein Tod wird den Lebenden Mahnung und Ansporn sein, in seinem Geiste se'n Werk fortzusetzen. Frankfurt a. M. Wiederum hat die Frankfurter Zionistische Ortsgruppe mit ihrer diesjährigen Makkabäerfeier einen vollen Erfolg zu verzeichnen. In dem großen Saale des Kaufmännischen Vereins hatten sich 900 bis 1000 Personen in festlicher Stimmung zusammengefunden. In großen Zügen schilderte der Festredner, Herr York-Steiner, das Erwachen des bewußten Judentums in Herzl, die Planmäßigkeit seiner Arbeit, das große Endziel, das ihm vorschwebte, überall die Parallelen zu den Tagen der Makkabäer ziehend. Der Redner besprach die einzelnen Institute, die der Zionismus heute schon geschaffen, und schloß mit dem begeistert aufgenommenen Schwur, treu auszuharren in der Arbeit für sein Volk. Mit der Moaus-zur- Melodie, von einem Quartett gespielt, hatte die Rede begonnen, in Hatikwah klang sie aus. Umrahmt war die Rede von einer Fülle künstlerischer Darbietungen, bei denen besonders auf die jüdischen Nuancen geachtet wurde. Den Schluß bildete, nachdem das Quartett noch Händeis Largo und das Kol Nidre vorgetragen hatte, das Festspiel „Am Wege". In knapper Form zeigt es den Weg aus der großen Vergangenheit über die traurige Gegenwart in die schöne Zukunft. Unter der Regie von Fräulein Alice Carsch wurde flott gespielt, und als zum Schluße ein gut gestelltes lebendes Bild „Jüdische Ackerbauer bei der Feldarbeit in Palästina" unter den Klängen der Hatikwah sichtbar wurde, kannte der Beifall des Publikums keine Grenzen. Nächst den Mitwirkenden gebührt für den glänzenden Verlauf dem Arrangeur des Abends, unserm Vorstandsmitglied Herrn Abraham Lewisohn unser aller Dank. Slawonien Brod a. S. (Makkabäerfeier). Am 7. Dezember a. c. veranstaltete der hiesige rührige zionistische Verein „Jehuda Halevy" eine Makkabäerfeier, die glänzend verlief. Nach einem gelungenen Prolog von Herrn Max Lederer, hielt das A. C.-Mitglied Herr Dr. Hugo Spitzer aus Osijek die Festrede, die stürmischen Applaus hervorrief und mit großem Seifall aufgenommen wurde. Die Musikvorträge von Frau-Hermine Schapira (Klavier) und Herrn Jakob Kohn (Violine), wie auch die zionistische Hymne, Welche vom Publikum stehend angehört und mitgesungen wurde, boten einen seltenen Genuß. Für den Nationalfonds kamen 50 Kronen ein. Eine animierte Gesellschaft unterhielt sich beim Tanze bis zu den Morgenstunden. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Die griechische Gruppe uhd die neue Partei Zweifellos haben die Griechen in der Türkei die weitaus selbstbewußteste und bestorganisierte nationale Vertretung in der Kammer. Kaum, daß sich irgendeinmal einer der Ihren von seiner Gruppe absondert; und wenn das geschieht, so meist in radikal-nationaler Richtung, kaum je in der der muselmanischen Majorität. Sie können darum wirklich sagen, was die Juden beispielsweise von sich schlechterdings nicht behaupten können: daß ihr nationaler Wille und das nationale Interesse tatsächlich in ihrer Parlamentsvertretung adäquaten Ausdruck finden. Diese griechisch-nationale Gruppe, bestehend aus 23 Abgeordneten, hat nun dieser Tage ihr festumrissenes politisches Programm aufgestellt, das darum besonders wichtig ist, weil es zum Grundstock des Programms der neuen Partei werden wird, die bald berufen sein wird, eine große Rolle im Staatsleben zu spielen, und von der man vielleicht berechtigt ist, zu sagen, daß sie die Prinzipien der künftigen Gestaltung des ottomanischen Staats im wesentlichen vorwegnimmt. Der Grundriß des griechischen Programms ist der folgende: Das konstitutionelle Regime soll gekräftigt, die konstitutionellen Freiheiten aller Ottomanen zu getreuester und aufrichtigster Anwendung gebracht werden; die Integrität des Reichs ist zu verteidigen, die Idee der politischen Einigung aller Staatsnationen auszubreiten und zu vertiefen. Zu den auswärtigen Staaten sollen aufrichtige Freundschaftsbeziehungen gesucht und insbesondere eine engere Annäherung der Staaten der Balkanhalbinsel auf Grund der Nachbarschaft und der Gemeinsamkeit der Interessen angebahnt werden. Ferner wird die Freiheit der religiösen, sozialen und intellektuellen Entwicklung der Individuen verlangt, auf den Grundlagen der Sondertraditionen jeder Nationalität, und daher die Unverletzlichkeit des Status quo in den jeder Nationalität eigenen nationalen, sozialen, religiösen und Erziehungsinstitutionen. Im ganzen zerfällt das Programm in neunzehn Kapitel, die die Wahlordnung, den öffentlichen Unterricht, das Gerichtswesen, die Verwaltung, den Sicherheitsdienst, die Steuern, die ökonomische Entwicklung des Landes, die Streitkräfte zu Lande und zu Wasser und die Rekrutierung behandeln. Auf dem Gebiet des öffentlichen Unterrichts im besonder« wird erstrebt: die gleichmäßige politische Erziehung aller Ottomanen und dieZulassung der Schüler der staatlich anerkannten Kommunal- und Privatschulen zu, den höhern Staatsanstalten und zu den öffentlichen Ämtern nach Feststellung ihrer Kenntnis der Staatssprache. Speziell wird man Gewicht darauf legen, daß die kommunalen Mittelschulen und höhern Anstalten in ihrem statu quo ante sich erhalten und entwickeln unter der Oberaufsicht des Staates, und mit obligatorischem Unterricht der offiziellen Sprache. Auf dem Gebiet der Staatsverwaltung wird die möglichst weitgehende Reform erstrebt werden in der Richtung, daß die Zentralverwaltung direkter und prompter den regionalen Bedürfnissen Rechnung trägt, ferner die Unterdrückung der Wilajets und die Dezentralisation der Lokal Verwaltung. Die Verantwortlichkeit der einzelnen Minister und Verwaltungsbeamten ist genau festzulegen. Für die Rekrutierung wird verlangt: das System des Regionaldienstes, d. h. Ableistung des Dienstes im Heimatsbezirk der Rekruten; Einschränkung der Dienstzeit auf zwei Jahre; Möglichkeit der Erfüllung der religiösen Pflichten für die Soldaten durch passende Reformen im Kasernierungswesen. ---- Dieses bedeutungsvolle Programm ist von der griechischen Gruppe der sich bildenden „gemäßigt liberalen Partei" unterbreitet worden, um als Basis für die Verhandlungen über den definitiven Eintritt der Gruppe in die Partei zu dienen. Wie der „Osmanische Lloyd" nun meldet, ist im wesentlichen die Einmütigkeit bereits erzielt. Und zwar sei ein Pakt geschlossen worden auf folgender radikaler Basis. Die „gemäßigt liberale Partei" verlangt: Gleichheit aller Nationalitäten, Dezentralisation der Verwaltung, Proportion eile Vertretung der Nationalitäten in den Staatsämtern und der Legislative, Regionaldienst der Rekruten, Seßhaftmachung der Nomaden, Abschaffung des Zehnten, Erhaltung der nationalen Muttersprachen in Schule und Gericht. Wenn diese Grundformel maßgebend bleibt, so gehen wir einem äußerst scharfen Parteikampf entgegen. Der gefährlichste Punkt wird zweifellos der vierte sein, in dem die Türken unter keinen Umständen werden nachgeben wollen, da seine Durchführung nicht nur ihre Majorisierung bedeutet, sondern auch den Auseinanderfall des Staates zur Folge haben könnte. Ein Vergleich der Einigungsbasis mit dem Programm der Griechen zeigt auf den ersten Blick, daß nicht diese, sondern die Araber der Hauptbestandteil der neuen Partei, im Grunde genommen deren radikalste Vertreter sein werden. Die Demokratische Partei Auch diese Partei ist der Konsolidierung nahe und hat ebenfalls die Hauptpunkte ihres Programms publiziert. Diese werden sein: Schutz der arbeitenden Klasse, Herabsetzung der diese drückenden Steuern und Erhöhung der Steuern für die besitzende Klasse, Freiheit des Individuums, der Organisationen^ Versammlungen