Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 51 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Ihr Programm; ist bescheiden. Es beschränkt sich auf einen Punkt: Schaffung einer nationalen Übersetzungsliteratur in rumänischer Sprache. Vielleicht liegt aber in dieser Beschränkung die Bürgschaft des Gelingens. Was große Kulturprogramme in Rumänien ausgerichtet, wissen wir zu gut: nichts und wiederum nichts. Die Vereinigung zieht es ,vör, nach dem Goetheschen Worte zu verfahren: „Besser wenig und viel, als viel und wenig." Im allgemeinen hat der Zionismus in Rumänien wenig Gegner. Und trotz alledem verfügen wir über sehr wenig zionistische Kräfte. Warum? Weil unsere Zionisten keine Zionisten sind. Sie kennen nicht den Geist unserer Bewegung, die treibenden Elemente unseres Ideals, unsere Literatur, unser Schrifttum. Die „Vereinigung" könnte manches Gute nach dieser Richtung hin tun. Nur müßte man ihr das nötige Verständnis und Wohlwollen entgegenbringen. Die Zionisten müßten den Anfang machen. Sie würden dadurch unsere Sache um ein gut Stück weiterbringen. Kein geringes Verdienst dies. o r, O1^ O ('□□□□□ □ o o IV-o x FEUILLETON □ □□□□□ j) o -JJ o Aus meinem Notizbuch Erinnerungen an J. S. Polakow Das Ableben Jakob Polakows bedeutet das Ausscheiden eines der hervorragendsten Vertreter des russischen Judentums. Durch eigene Energie und Zähigkeit hatte sich der Verstorbene emporgerungen zu hoher und wohlverdienter Geltung, besonders in Regierungskreisen und in der Haute Finance. Der Lauterkeit seines Charakters und einer seltenen vornehmen Liebenswürdigkeit verdankte es der Verstorbene, daß seiner Person das uneingeschränkteste Vertrauen und die vollen Sympathien von allen Bevölkerungskreisen und von allen Parteien entgegengebracht wurden. Dies ist um so bemerkenswerter, als er zeitlebens ein eifriger Jude war und lange Zeit hindurch als der Führer und Protektor der Juden seiner Gegend bezeichnet werden mußte. Er hatte berechtigterweise von der Bedeutung seiner Stellung die höchste Auffassung. Persönlich war er ein leuchtendes Beispiel rastlosen Fleißes und treuer Pflichterfüllung. Das gab seiner sozialen Stellung eine so sichere Grundlage; seine reiche Erfahrung und seine ausgleichende Tätigkeit in allen schwierigen Lagen sind fast unersetzlich. Er war nicht bloß ein kenntnisreicher, sondern auch ein liebenswürdiger Mensch, der auch seinen politischen Gegnern Gerechtigkeit widerfahren ließ und unter der Hand viel Gutes tat. Das Urteil über den Politiker Polakow wird sehr verschieden ausfallen, je nach dem politischen Standpunkt, den der Beurteilende einnimmt. Aber jedenfalls hat der Verstorbene in der zeitgenössischen Geschichte des russischen Judentums einen Ehrenplatz erworben. Er hat ein reiches Leben gelebt, voll von Kämpfen, aber auch voll von Erfolgen. Zur Zeit des Aufschwungs des russischen Verkehrswesens und der russischen Industrie war der Verstorbene neben seinen Brüdern Samuel und Lazar ein Bahnbrecher, ein Gründer und Unternehmer ersten Ranges. Seine Tätigkeit war nicht so grandios wie die Samuels, aber sie war ruhiger und konzentrierter. Samuel war viel bedeutender. Er ist nicht nur als Politiker und Ökonom ein moderner Geist und ein weitsichtiger Kopf gewesen, er hat auch einen idealen Zug und Charakter besessen. Mit ihm ist seinerzeit der wackerste Kämpfer für die Gleichberechtigung in Rußland dahingegangen, zugleich ein Mann des allergrößten Einflusses in der Residenz des Nordens. Aber noch größer war der Einfluß, den Jakob im Süden besaß. Es wird genügen, auf ein einziges Detail hinzuweisen. Der Verstorbene war im Laufe vieler, vieler Jahre Präsident einer russischen Gesellschaft des Roten Kreuzes in Taganrog. Ein Jude als Präsident einer russischen Gesellschaft des Roten Kreuzes, ein Jude, der den jüdischen Charakter bei jeder Gelegenheit aufs schärfste betonte,— das ist tatsächlich eine ganz eigenartige Erscheinung. Solche Erscheinungen sind nur in Rußland möglich, im Lande der großen Möglichkeiten und — Unmöglichkeiten. Diese Anomalien und Ausnahmen sind nur durch das allgemeine Gefühlsleben, durch den Mangel steifer Folgerichtigkeit und strenger Disziplin des slawischen Wesens erklärlich. Von Samuel Polakow war oft die Rede, und ieh habe oft in bessern russischen Kreisen gehört: Welch ein herrlicher Minister könnte dieser sein! Samuel war Autodidakt, hatte nie eine Schule außer dem „Cheder" besucht und hatte sich durch Selbstunterricht, durch vieles Reisen, durch fleißiges Lesen und durch seinen Umgang mit Gelehrten zu einer so hohen, vielseitigen und gediegenen Bildung emporgeschwungen, daß er mit den tüchtigsten Staatsmännern und Rednern Rußlands wetteifern konnte. Von Hause aus verstand er etwas Hebräisch, wie es jeder Durchschnittsjude in Rußland versteht, aber viel verstand er nicht davon. Seine Kenntnis des Judentums war oberflächlich und mangelhaft, Er wußte das und holte sich oft Informationen von jüdischen Gelehrten in Petersburg. Jehuda Löb Gordon und Hirsch Rabinowitsch waren seine Gewährsmänner. Eines Tages, als ich bei ihm in Petersburg war, sagte er mir: Der Gordon ist mir zu sehr Dichter; er informiert mich nicht ganz genau. Ich erwiderte ihm: Aber Sie sind auch ein großer Dichter! Um aus einem kleinen Juden in Orscha ein Eisenbahnkönig Rußlands zu werden, mußten Sie auch sehr viel Phantasie haben! Er lächelte und sagte: Ja, aber jetzt möchte ich schon gründlich und ohne jede Phantasie unterrichtet sein. Er zog es deshalb vor, sich über jüdische Angelegenheiten von dem scharfsinnigen und überaus klugen „Hirschel" unterrichten zu lassen. „Hirschel" war von diesem Schüler ganz entzückt. Er rühmte mir oft das außergewöhnliche Auffassungsvermögen Samuels. Aber trotz aller Erfolge, trotz des Millionenreichtums und der hohen Titel waren die letzten Lebensjahre Samuels von Trübsal verdunkelt. Er hatte sich in eine assimilatorische Richtung verrannt, konnte nicht zurück, bestrebte sich ernstlich, für die russischen Juden etwas Großes zu schaffen, vergeudete seine Kraft in unpraktischen Plänen und starb gebrochenen Herzens. Jakob war eine viel ruhigere Natur. Sein jüdisches Wesen war friedlicher und der Schauplatz seiner Tätigkeit im Süden Rußlands war viel kleiner. Er hat sich auf dem Gebiet des Bankwesens als klarer und tatkräftiger Anreger und Förderer gezeigt, vor allem als zielbewußter Financier. Und es war nicht seine Schuld, sondern die Schuld der Verhältnisse, daß infolge eines allgemeinen großen Krachs das Gebäude, das er mit so großer Mühe aufgerichtet hat, zusammengestürzt war. Er hatte die Millionen wieder verloren, aber er blieb der jüdische „grand seigneur". Die Zahl der Hilfesuchenden aus allen Berufsständen, die sich in schwerer Not an ihn wandten und wohl nie ohne Rat und Tat sein Haus verließen, war ungemein groß. Und er war der alte jüdische „Maskil" geblieben. Es machte mir oft Spaß, als die Leute in der Expedition der „Hazefira" so stolz darauf waren, dieses Blatt mit einer Adresse „Sr. Exzellenz" jeden Tag versenden zu dürfen. Unter den 14—15 000 Abonnenten dieses hebräischen Blattes war das ein seltener Titel. Exzellenzen sind unter den Juden überhaupt sehr dünn gesät, unter den fussischen Juden - waren es zwei oder drei. Er war schon lange Wirklicher Staatsrat, also Exzellenz, und wurde in den letzten Jahren, schon nach seinem finanziellen Sturz, Geheimer wirklicher Staatsrat. Das ist der höchste Rang, den ein Jude je in Rußland erschwungen hat. Seit Jahr und Tag verkehrte ich mit diesem trefflichen Mann so oft während der Ferien in Südfrankreich, wo er sich jedes Jahr aufhielt. Es war ein Genuß, mit ihm zu plaudern, auch mit ihm 2