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Die Welt · 1909-12-17 · 51 (17.12.1909) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
51 (17.12.1909)
Date
1909-12-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Die Vereinigung der jüdischen intellektuellen Jugend Von Dr. J. Nacht I Vor einigen Monaten (16. August) fand in Focsani die Konferenz der Vereinigung der jüdischen intellektuellen Jugend statt. Die Anzahl der Delegierten war nicht sehr groß, nichtdestoweniger oder vielleicht deshalb verrichteten die Wenigen, die an den zwei Tage dauernden Beratungen teilnahmen, ein gut Stück ehrlicher Arbeit, die der weitern Öffentlichkeit bekannt zu werden veidient. Wir übergehen den theoretischen Teil wie die interessanten Referate über die Kultur- und Palästinafrage und kommen gleich auf die praktischen Leistungen zurück. Der auf der letzten Galatzer Zionistenkonferenz vom Akademiker Ben-Jehuda (Berlin) und Schreiber dieser Zeilen angeregte Gedanke zur Gründung einer Vereinigung junger Studierender wird jetzt in die Tat umgesetzt. Es werden Statuten ausgearbeitet, ein Komitee, in welches ausgezeichnete Kenner unserer Literatur hineinkommen, wird gewählt, die Vereinigung tritt ins Leben, sie istfcan_der_Arbeit.; F (Tendenz und Zwecke, a) Die Vereinigung bezweckt die Verbreitung der jüdischen Kultur unter den rumänischen Juden. Hb) Zur Erreichung dieses Zweckes sollen Übersetzungen aus den ausgewählten Schriften jüdischer Schriftsteller veröffentlicht werden. c) Diese Übersetzungen bilden eine Broschüren-Bibliothek unter dem Namen „Hatikvah". d) Übersetzungen aus der hebräischen Literatur werden bevorzugt. e) Die Vereinigung steht auf jüdisch-nationalem Boden. Schon diese wenigen Artikel geben Aufschluß über Ziele und Wege der Vereinigung, doch dürfte eine nähere Aufklärung nicht überrlüssig sein. Derjenige, der die Verhältnisse in Rumänien kennt, wird zugeben müssen, daß hier sehr wenig für die Erziehung unserer Jugend in jüdischem Sinne geschieht. Und trotz alledem, wie nötig ist dies. Fast sämtliche Schüler, die aufs Gymnasium oder die Handelsschule kommen, bringen nichts von jüdischem Wissen mit als das, was sie auf der jüdischen Volksschule (aus vier Elementarklassen bestehend) erhalten. Das ist alles, was sie für ihre fernere Zukunft mitnehmen. Und wie wenig ist dies! Kann ja der Schüler beim Verlassen der jüdischen Schule (wenige Ausnahmen abgerechnet) kaum richtig im Siddur lesen, und den „KaddiscrT — das Endziel des hebräischen Unterrichts — nur mit Mühe hersagen. Nun erst, wo der Schüler in die öffentliche Schule kommt und der jüdischen Schule für immer den Rücken wendet? Er verlernt nach einigen Jahren das bißchen hebräisch Lesen, der hebräische Buchstabe wird ihm fremd, geschweige das Verständnis der hebräischen Sprache. Schuld an all diesem ist freilich die geringschätzige Meinung, die man in Assimilantenkreisen vom jüdischen Wissen, besonders der hebräischen Sprache hat. Schuld an all diesem ist die empörende Tatsache, daß in jüdische Schulkomitees Leute hineingewählt werden, die weder jüdisches Wissen noch jüdisches Fühlen in ihr Amt mitbringen; schuld an all diesem sind unsere Gemeinden, die an ihrer Spitze Leute haben, für die das ganze jüdische Gemeindewesen nichts mehr wie ein Spielball ist, eine Laune, eine Humanitätsduselei. Daher jene Verständnislosigkeit allem Jüdischen gegenüber, jenes leichtsinnige Sich-Hinwegsetzen über allen Ernst unseres religiösen Lebens, jene Unklarheit, Inkonsequenz, Zerrissenheit und Widersprüche, die allem Tun der jüdischen Gemeindestube das Gepräge geben. Dieser Zustand hat in erster Linie, — vom Rabbinat und anderen wichtigen Institutionen zu schweigen, — den Zusammenbruch der jüdischen Erziehung herbeigeführt. Allerdings wird man dabei die politische Ausnahmestellung, in der. sich die rumänischen Juden befinden, nicht vergessen dürfen. Überden rumänischen Juden hängt bekanntlich der Himmel nicht voller Geigen. Gesetzliche Beschränkung aller Art erschweren und hemmen jeden Aufschwung unseres geistigen Lebens. Die Nichtanerkennung unserer Gemeinden nehmen all unsern Institutionen jedes Prestige und mithin die Möglichkeit einer gesunden Organisation. Doch ich halte es für verfehlt, alles Heil nur von außen zu erwarten. Ja, mir scheint, wir müssen uns zunächst innerlich organisieren, den richtigen Mann an seinen richtigen Platz weisen, jüdisch durch und durch gesinnte Männer an die Spitze unserer Institutionen stellen. Das wird bei den Ausnahmegesetzen, denen wir, wie vorhin erwähnt, unterworfen sind, schwer halten. Doch müssen wir keine Anstrengung sparen, um diese Arbeit zu leisten. Können wir uns selbst nicht helfen, andere werden es noch viel weniger. Doch ist es nicht unsere Absicht, auf die Ursachen dieses jammervollen Erziehungssystems näher einzugehen. Wir wollen auch nicht die Hoffnung aufgeben, daß es einmal anders wird; glauben vielmehr fest und unerschütterlich daran, daß ein lebendiger jüdischer Geist in die toten morschen Gebeine eingehen wird. Bis dahin dürfte aber noch manches Jahr ins Land gehen, was soll unterdessen geschehen, um wenigstens teilweise diesem Übel zu steuern? Die Antwort auf diese Frage kann meines Erachtens nur dahin lauten: Für die rumänisch sprechende Jugend, — und das ist der größte Teil unserer Jugend beiderlei Geschlechts, — muß eine nationale Literatur in rumänischer Sprache geschaffen werden. In hebräischer Sprache können^ wir leider unserer Jugend nichts bieten. Wir können ihr nur Übersetzungen geben: Das kann und muß aber gleich geschehen, wenn uns die Jugend erhalten werden soll. Der Augenblick ist günstig, vergessen wir ihn nicht. Um mich deutlicher zu erklären. Man braucht kein ausgesprochener Zionist zu sein, — ich kann mir allerdings einen guten Juden ohne nationale Gesinnung nicht recht vorstellen, — um die Tatsache einzugestehen, daß alles jüdische Leben, das sich in letzter Zeit auch hier zu regen begann, dem Zionismus zu verdanken ist. Der Zionismus hat auch die jüdische Jugend in Rumänien wachgerüttelt, sie will nunmehr ihr Volk, sein Schrifttum kennen lernen. Für diese Jugend muß eine nationale Literatur in rumänischer Sprache angefertigt werden. Dieser Aufgabe unterzieht sich die Vereinigung der studierenden Jugend. Sie beschränkt sich, wie eingangs unseres Artikels erwähnt, auf Übersetzungen und bevorzugt solche aus der neuhebräischen Literatur. Hiermit wird ein doppelter Zweck verfolgt. Erstens sollen die Übersetzungen dazu dienen, den Leser zu einem bessern jüdisch-literarischen Geschmack zu erziehen, was im Hinblick auf die ärmliche jüdischrrumänische Originalliteratur sehr notwendigist. Zweitens soll die Bevorzugung der hebräischen Schriften dazu beitragen, unsere Jugend mit allen wichtigsten Erscheinungen der neuhebräischen Literatur bekannt zu machen. Die Übersetzung ist freilich nur Mittel zum Zweck. Jüdische Wissenschaft und Literatur sollten nur in hebräischer Sprache geschrieben werden. Der Geist unseres Schrifttums kann nur in unserer nationalen Sprache erfaßt und erhalten werden. Nur in hebräischer Sprache kann unser Schrifttum sich behaupten, in fremdem Idiom führt es nur ein kurzlebiges Dasein. Beweis: Die jüdisch-alexandrinische Literatur im Altertum, die jüdisch-arabische im Mittelalter. Was nicht aus jenen Schriften ins Hebräische zurückübersetzt worden ist, fiel der Vergessenheit anheim oder schläft den Todesschlaf unter dem Staub der Bibliotheken. Das sagt aber nicht, daß wir unsere Literatur in keiner andern Sprache schreiben dürfen, wenn die Notwendigkeit dazu drängt. Diese Notwendigkeit ist in Rumänien vorhanden. Siehe unsere Jugend! Diese zu retten, muß erste Pflicht eines jeden guten Juden sein. Das kann eine nationale Literatur in rumänischer Sprache teilweise tun. Wer aus zionistischen Gründen dagegen ist, versteht unsere Sache nicht gut. Soll die jüdischnatonale Literatur in rumänischer Sprache keine Berechtigung haben, dann dürfte sie ebensowenig in andern fremden Sprachen zulässig sein, was bekanntlich bis jetzt nicht der Fall ist. Es ist gewiß traurig, ja tragisch, daß jüdische nationale Literatur in fremder Sprache geschrieben werden muß. Ist aber das jüdische Leben im Goluth keine Tragik? Solange wir im Goluth sind, wird man solche und ähnliche Anforderungen nicht leichter Hand von sich weisen dürfen. Am allerwenigsten darf dies der einsichtige Zionist tun, der,doch wissen sollte, daß jüdisch-nationale Erziehung mit Rücksicht auf die Ortsverhältnisse, — denn nur so kann Erziehung fruchten, — Hauptbedingung unserer Sache ist. In ernsten zionistischen Kreisen wird diesem Bedürfnis, Schaffung einer jüdischen nationalen Literatur in der Landessprache, Rechnung getragen. Sogar in Rußland, wo das jüdische Geistesleben in jeder Beziehung unvergleichlich höher steht als bei uns, wird im Hinblick auf die nur russisch sprechende jüdische Jugend für Jie Schaffung einer nationalen Literatur in russischer Sprache agitiert. „Es muß", sagt einer unserer besten Zionisten und hebräischen Schriftsteller, „gerettet werden, was zu retten möglich ist. Und viel kann gerettet werden durch Schaffung einer nationalen Literatur in russischer Sprache. Die in dieser Literatur erzogenen Juden sind gewiß nicht mit denen zu vergleichen, die das Judentum aus erster Quelle kennen. Aber immerhin werden sie Juden bleiben. Vielleicht kann sogar aus ihrer Mitte ein Philo (der ebenfalls nur griechisch verstand) oder ein Herzl hervorgehen." Von diesem Standpunkte geht die „Vereinigung" der jüdischen Studierenden in Rumänien aus. Für die Jugend und all diejenigen, die kein Hebräisch verstehen, — leider gibt es deren sehr viele, — soll eine nationale Literatur in rumänischer Sprache geschafft werden. „Retten wir, was zu retten möglich ist." Das ist das Losungswort der Vereinigung.

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