Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 51 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1126 DIES^KELT No: Sl zu streiten. Bei der Verschiedenheit des politischen Standpunktes war es nicht immer möglich, seine konservativen Ansichten zu billigen. Aber stets mußten seine Begabung und seine Leistungen bereitwillige Anerkennung finden. Zum letztenmal sah ich ihn vor vier Jahren in Petersburg, von seinen Verwandten umgeben. Er war der letzte hebräisch lesende und nationale Jude seines Geschlechts. Er sagte mir oft, er fühle sich manchen seiner Verwandten gar nicht — verwandt. Und ich glaubte es ihm. Die Tragödie der Väter und der Söhne! Das gehört zu den allgemeinen Zeiterscheinungen. Im großen und ganzen hat der Verstorben» in Glück und Ehren ein hohes Alter erreicht. Anerkennend und dankend steht das Judentum vor diesem Toten, der ihm ein unvergeßlicher Verteidiger und Mäcen gewesen ist. N. S. Von Jüdischer Kunst *> Mit berechtigtem Stolz, mit einem Gefühl innerer Befriedigung, ja, mit einem Mienenausdruck langersehnten Triumphes nennen wir den Namen Joseph Israels; denn er ist unser, ein treuer Sohn unseres viel gehaßten und verfolgten Stammes, des träumenden^ sehnenden, hoffenden, messiasbereiten Ghettos geistig Kind. Ist er doch auf den Ruhmesgipfel reinen, hohen Künstlertums gestiegen; er lebt schafft und sinnt in jenem Traumland, das so viele mit der Seele Sehnsucht suchen. In dem Groninger Juden sieht die ganze Kulturwelt den greisen Senior der modernen holländischen Malerschulen. Dürfen wir als Juden nicht mit Genugtuung auf Israels als einen Meister der Palette verweisen, wenn man uns den Vorwurf macht, wir seien unserer Natur gemäß kunstfeindlich, denn das jüdische Religionsgesetz verbiete ausdrücklich eine Produktion auf dem Gebiete der Malerei und der Plastik; in unsern Adern rolle ein Blut, das unsere' Denkkraft nur zu überhitzter Logik, nur zum talmudischen Disput anrege; unsere Phantasie sei wild und entartet, einer zarten Blüte am Baume der sanft träumenden Kunst nicht fähig? Darum pocht das Herz eines für seinen Stamm begeisterten Juden freudig erregt, wenn man den wohl klingenden Namen Joseph Israels nennt. So spinnt und wirkt sich um die schlichte Person des vielgeliebten Meisters ein feines Gewebe liebevoller Helden Verehrung, undgernebetonen wir eben in Israels den Juden. Anders, wenn der Kunsthistoriker von ihm spricht, Wer die Geschichte der Malerei der letzten fünfzig Jahre schreiben wollte, müßte in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen die Person und das Wirken Joseph Israels' stellen. Er war der erste, der mit sicherer Hand den Impressionismus von Sieg zu Sieg führte. Und ruht ' nicht unsere ganze Technik der Palette auf jenem Bestreben, nicht mehr zu zeichnen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes zu malen, nicht mehr Konturen-, sondern Farbenkunst zu bieten, Farbe neben Farbe, Eindruck neben Eindruck zu setzen. Erst durch diese Art der Komposition, die wir impressionistisch nennen, wurde es möglich, Personen und Dinge in einem Fluidum von Licht und Luft schwelgend zu sehen, zu erfassen und wiederzugeben. Gerade jene wirkliche Kunst des Farbeneindrucks fand in Israels, dem Meister der Palette und nicht des Stiftes, ihren Vollender und begeisterten Verkünder. Jedes Bild von ihm, dem holländischen Millet, war ein neuer Tr.umph der modernen Kunst, die er von der leichtern Behandlung der belichteten Landschaft zur schwierigem Konzeption des stimmungsvollen Interieurs führte. So betont man in Israels entweder den Juden, die berühmte Persönlichkeit oder den Künstler, den Verkünder des Impressionismus, — der jüdische Künstler wurde nie oder sehr selten in den Kreis sinngemäßer Betrachtungen gezogen. Und doch kann nur als solcher Israels ganz verstanden werden. Deshalb ist die Frage berechtigt: Wie spiegelt sich in der künstlerischen Produktion in jedem Bilde des Meisters subjektive Eigenart? Denn das ist gerade das Wesen des Gentes, daß bei alter »Abhängigkeit von den Strömungen der Zeit und.des künstlerischen Geschmackes in jeder Tat, in jedem seiner unsterblichen Werke eine rein individuelle Eigenart und besondere Anschauung der Welt sich widerspiegelt: Dieser rein persönliche Einschlag ist es, der dem genialen Kuristwerk den Stempel der Klassizität, des Unvergänglichen, des im Wechsel der Zeiten ewig Dauernden auf die Stirne drückt. Diesen Widerschein und diesen Niederschlag der Persönlichkeit des Künstlers, soweit sie auf der Basis seiner jüdischen Abstammung beruhen, klarzulegen, mit Schlagschatten zu beleuchten, zu zeigen, daß Israels ein spezifisch jüdischer Maler sei, jst die dankenswerte Aufgabe, die sich Eisler mit seinem Buche: „Über jüdische Kunst" gestellt hat. Und hochinteressant ist der Weg, auf dem uns der Verfasser zum Ziele führt. Denn selbst in Kreisen, die sonst für nationales Judentum schwärmen, begegnet man der irrigen Ansicht, daß unser Volk zu jeder andern Kulturaufgabe prädestiniert sei, nur nicht zur ausgeprägten Entwicklung einer künstlerischen Eigenart. Man bedenkt dabei nicht, daß mit der Leugnung einer jüdischen Kunst dem nationalen Judentum selbst der Todesstoß versetzt wird. Denn Dei aller Hochachtung vor dem philosophischen Denkenj das sogar poetisch verklärt sein kann, bei vollwertigster Einschätzunggroßer ethischer Ziele, — ein Volk, dessen nationales Leben sich nicht auch in seiner Phantasietätigkeit zu erkennen gibt, ist kein Volk. So ist es dankenswert, wenn Eisler uns zeigt, daß es eine auf der sozialen Seele basierende, spezifisch jüdische Kunst gibt. Das wichtigste und unserm Erachten nach interessanteste Kapitel in dem Buche ist jener Abschnitt, der von fremder Kunst spricht. Wie klar wird uns aus demselben, daß kein anderer als nur wir es vermögen, den Urquell unserer Poesie, die Bibel, künstlerisch auszumünzen. Ein Beispiel für viele: Auch Michelangelo meißelte einen Moses, auch Rembrandt zauberte den Tafelzerschmetterer auf die Leinwand. — Ist es aber der Moses der Bibel, ist es der Jude Moses? Nur einer, der die Ghettomauern kennt, versteht den Judenzorn des nichtverstandenen Führers, nur ein Jude begreift die Bitterkeit der Danaidenarbeit, das Edle gesät zu haben und Haß und Verachtung zu ernten. So sucht der Verfasser mit großer Kenntnis und mit noch größerer Begeisterung (ihm steht eine hinreißende Sprachgewandtheit zu Gebote) darzulegen, daß eben die fremde Kunst in der Geistesatmosphäre fremder Anschauungen und fremden Fühlens keimt und blüht. Und nun von unserer Kunst, von Joseph Israels. Er malt keinen Moses, keine Salome und keinen Judas. Selten beschäftigten ihn auch stofflich jüdische Vorwürfe. Seine Menschen sind meistens Holländer, seine Landschaften das Meer mit seinen dichten, dumpfen Nebeln, mit seiner drückenden, scfiweren Atmosphäre; das Interieur entnimmt er gern den untersten Kreisen, wie er überhaupt mit Vorliebe in den Niederungen der Gesellschaft bleibt. Das Armeleutebild ist sein eigenstes Stoffgebiet. Und doch, auf dem -Grunde seiner Bilder liegt ein Etwas, das wir weder mit technischen Erörterungen noch mit dem Begriffe „holländisches M lieu" erklären können. Es ist wie der azurblaue Himmel unseres Landes, der sich weithin über das Meer wölbt und den träumenden Geistesblick in die unbekannte Ferne der Sehnsucht schweifen läßt. Dieses Unergründliche, Unerforschliche, Träumerische, dieses tief Melancholische in Israels' Bildern, — das ist die Judenkunst. Dankbar sind wir dem Verfasser für seine biographischen Ausführungen, dankbar für seine sinnige Einleitung über Kunstwerk und Seele; am dankbarsten sind wir ihm dafür, daß er es uns zum sichern Bewußtsein brachte, daß wir eine in unserer nationalen Psyche wurzelnde Kunst besitzen, die uns nach des Alltags Mühen und Sorgen emporführen kann in das Traumreich der Phantasie. In den berückenden Stunden der Einsamkeit und des Verlassenseins, in den bezaubernden Nächten, in denen wir den Liebesschauer der Kunst über uns ergehen lassen, brauchen wir nicht mehr, Bettlern gleich, die kärglichen Brosamen unter fremdem Tische aufzulesen; wir können aus dem nie versiegenden Born der Judenkunst schlürfen und uns laben. - o o o o o C Hl o o o o o o o J AUS DER BEWEGUNG Sitzung des Engern Aktionskomitees Am Sonntag den 12. d. M. fand in Köln im Zionistischen Centraibureau eine Sitzung des Engern Aktionskomitees statt. Anwesend waren die Herren: David Wolffsohn, *) Max Eisler: Von jüdischer Kunst (Joseph Israels), Jüdischer Verlag, Köln und Leipzig 1910. 1 o o o o o o < I 3M o o o o o o o , Präsident, J. H. Kann, Haag, N. Sokolow, Köln, sowie die Herren Berger und» Hoofien als Protokollführer. Bei einem Teil der Beratungen war auch Herr Dr. Bodenheimer anwesend. Die Verhandlungen betrafen eine Reihe von Fragen und befaßten sich hauptsächlich mit den Gegenständen des Kongresses.