Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 50 (10.12.1909)
- Date
- 1909-12-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 50 - — — -Di E ij eine Einladung erhalten hätten. Diese Nachricht' war geeignet, einiges Aufsehen zu erregen, da es das erstemal war, daß eine derartige gemeinschaftliche Tagung der Gemeinde- und Parlamentsnotabein vor sich ging. Die Tagesordnung war geheimgehalten, nur so viel war bekannt gegeben, daß es sich um etliche wichtige, das Judentum betreffende Fragen handeln würde. Nach den Ereignissen der letzten Wochen durfte man mit einigem Recht annehmen, daß über Zionismus verhandelt werden würde; freilich ließ sich absolut nicht vermuten, in welchem Sinne. Senor David Fresco, der in der jüdischen Journalistik der Hauptstadt nur noch unter der Karrikaturbezeichnung „je sais tout" figuriert, war natürlich der einzige, der bald und gründlich über das Ergebnis der Sitzung Bescheid wußte. Und zwar verkündete er den erstaunten Lesern, auf der besagten Sitzung sei der Zionismus der Gegenstand, der Besprechungen gewesen. Man hätte sich einmütig gegen ihn ausgesprochen und festgestellt, daß die ottomanische Judenheit nichts mit ihm gemein habe. Die drei anwesenden Deputierten Faraggi, Sassoon und Mazliach Effendi (Carasso war nicht zugegen) hätten sich ohne jeden Vorbehalt dieser Meinung angeschlossen. Diese Mitteilungen waren höchst überraschender Natur, namentlich soweit sie den Deputierten Mazliach betrafen, dessen zionistische Gesinnung uns seit lange bekannt und bezeugt ist. Gleichwohl war es schwer, Zweifel in den Inhalt der Nachricht zu setzen, da man sich nicht gut vorstellen konnte, daß ein Blatt es wagen würde, eine Lüge zu servieren, die schon am folgenden Tage aufgedeckt werden könnte. Außerdem hat der „Tiempo" sich immer den Anschein zu geben verstanden, als ob er. vom Großrabbinat offiziös informiert und inspiriert werde. Auf alle Fälle haben wir es für angezeigt gehalten, uns zu Mazliach Effendi zu begeben und die Wahrheit festzustellen. Der Abgeordnete hat uns nun ermächtigt, in seinem Namen zu erklären, daß die Meldung des „Tiempo" der Wahrheit durchaus widerspreche. Die Sitzung auf dem Großrabbinat sei nur zu dem Zweck einberufen worden, die Mittel zu suchen, wie der gehässig-persönlichen Polemik der jüdischen Blätter untereinander Grenzen zu setzen seien, da sie geeignet sei, die Interessen und das Prestige der jüdischen Nation schwer zu schädigen. Der Zionismus habe weder auf der Tagesordnung der Sitzung gestanden, noch sei er zur Besprechung gelangt. Die Deputierten hätten sich infolgedessen weder für noch gegen den Zionismus geäußert. Von anderer Seite wäre die Behandlung der Frage des roten Zettels zwar angeregt, aber von den Delegierten wegen mangelnder Kompetenz, da es sich um ausländische Juden handle (?), abgelehnt worden. Nun hätte er, Mazftach, bei dieser Gelegenheit erklärt, daß er unter allen Umständen gegen jede die jüdische Einwanderung treffende Einschränkung auftreten werde. Diese von den jüdischen Blättern Konstantinopels wiedergegebene Erklärung beweist, daß der „Tiempo" wirklich das Wunder vollbracht hat, auch diesmal zu lügen und zu entstellen. Im übrigen enthält die „Aurore" folgende treffende Bemerkung zu der Angelegenheit: „Wir konnten erfahren, daß bei dieser Zusammenkunft von der jüngsten Kampagne der Presse für oder gegen den Zionismus die Rede war und daß beschlossen wurde, ihr ein Ziel zu setzen." „Es sei uns verstattet, zu bemerken, daß man sich ein wenig zu spät darauf besonnen hat. So lange der „Tiempo" Ströme von Beschimpfungen über die Zionisten ausgoß, hat man keinen Finger gerührt um diesem Skandal ein Ende zu bereiten. Erst als man sah, daß der „Tiempo" und sein Leiter in Lächerlichkeit und Schande untersanken, begann man zu bemerken, daß die Polemik schädlich sei." Wenn wir noch ein Wort zu dem Ergebnis der fabulösen Sitzung hinzuzufügen haben, so ist es dies, daß eine Einwifkung auf die jüdische Presse der Hauptstadt noch keineswegs stattgefunden oder doch nicht das geringste Resultat erzielt hat, — wie die letzten Heldentaten des „Tiempo" und nicht zu allerletzt seine Berichterstattung über eben die Sitzung zur Genüge beweisen. Die jüdischen Soldaten Der Großrabbiner hat von Seiten der Regierung wieder eine Niederlage erfahren. Er hatte die Forderung gestellt, daß denjenigen der jüdischen Rekruten, die an den Speisegesetzen festzuhalten wünschten, ^von der Militärverwaltung die Möglichkeit hierzu geschaffen werde. Wie nun die Blätter mitzuteilen wissen, hat der Ministerrat beschlossen, die Forderung des Großrabbinats so gut wie die des griechischen Patriarchen auf eigne nichtmuselmanische Regimenter strikte abzulehnen. Als Begründung der Zurückweisung wird angegeben, daß kein Land der Welt existiere, das den religiösen Sonderwünschen der Juden in der Armee so weit nachgekommen wäre. Nicht ohne pikantes Interesse ist es, daß auch in dieser Frage EEL7 HU der „Tiempo" seinen bewußten Tendenzen treublieb, indem er, der Regierung gleich, sich gegen diese „übertriebene" Forderung der geistlichen Behörde der Juden aussprach. Schwierigkeiten bei der Rekrutierung der Nicht» mohammedaner Es begreift sich, daß eine Wirtschaft wie das alte Regime in der Türkei keine besondere Sorgfalt auf die Anlegung der Matrikel- Register verwendet hat. Diese Unordnung rächt sieht jetzt schwer bei der Rekrutierung. Den amtlichen Registern zufolge kommt es in sehr häufigen Fällen dazu, daß auf Grund falscher Daten Knaben von 13—15 Jahren oder Männer von mehr als 26 Jahren zur Gestellung zitiert werden. Für die ersteren ist in den meisten Fällen die Auflärung über ihr Alter leicht gegeben; schlimmer aber steht es oft mit den Männern, die in Wahrheit das Pflichtalter bereits überschritten haben und nicht selten Familienväter in festen Berufen sind. Sie suchen die Daten ihrer religiösen Matrikel, die die Geistlichen und Rabbiner führen, zur Geltung zu bringen. Aber die Rekrutierungskommissionen weigern sich, sie anzuerkennen, und setzen die Betroffenen zum Dienste an. In Salonik ist es über diesen Schwierigkeiten zu heftigen Differenzen gekommen. Die Geistlichen und Rabbiner, die zu den Aushebungsformalitäten zugezogen worden waren, haben begonnen, sich ostentativ von der Teilnahme an der Aushebung fernzuhalten, wodurch wiederum die ganze Prozedur ins Stocken geriet, und haben sich außerdem mit energischen Beschwerden an das Kriegsministerium und das Großwesirat gewandt. Dieses entschiedene Auftreten wird sicherlich von Erfolg sein. Da Salonik eine jüdische Stadt zu nennen ist, haben die Juden das erste Interesse an der Regelung der Angelegenheit. In Konstantinopel, in den jüdischen Vorstädten, spielen sich dieselben Vorgänge ab. Hier leider ist keinerlei Aktion zugunsten der Benachteiligten festzustellen. Es herrscht infolge dessen Mißstimmung unter den Juden gegen das Großrabbinat, das nichts tut, um, wie in Salonik, die Sache einer günstigeren Wendung zuzuführen. Die jüdische Aushebung und der antisemitische „Tasvir in Efkiar" Das Organ des berüchtigten Ebbuzzia Tewfik schreibt: „Unsere jüdischen Mitbürger in Adrianopel haben viel guten Willen bei der Einschreibung in den Fahnendienst bewiesen. Während sich jährlich kaum 20 bis 25 Mohammedaner als Freiwillige eintragen, hat die Zahl der jüdischen Freiwilligen bereits die Hundert überschritten." Nun aber kommt der Pferdefuß! „Man kann", fährt das Blatt fort, „die Ursache dieses Eifers in der Tatsache finden, daß den Freiwilligen mehr Rücksichten und Vorrechte zuteil werden. Das scheint man bei der Einreihung in Rechnung zu setzen. Die Juden tragen sich als Infanteristen ein und bleiben in Adrianopel, während sie bei der Ziehung durchs Los nach Kirdja-Ali, nach Mustapha- Pascha oder nach Kirk-Kilisse verstreut werden würden, wo sie lernen müßten Rosse besteigen und Salven abschießen." Man sieht, die brave Zeitung hat von keiner europäisch-antisemitischen Kollegin mehr etwas zu lernen. Tod des Konstantinopeler Rosch Bet—din Rabbi NissimHamon, der altehrwürdige greise Rosch Bet—din zu Balat, ist vergangene Woche aus dem Leben geschieden und unter großer Beteiligung der Bevölkerung zu Grabe getragen worden. Die Grabrede hielt der Direktor des Rabbinerseminars und hervorragende Orientalist Rabbi Abraham Danon. Er stellte mit großer Schärfe und Begeisterung das alte Ideal des wahrhaft religiösen Volksführers, dessen Typ das Verschiedene gewesen, dem Bilde des neuen, weder für Religion noch Nation wirklich fühlenden modernen Großnotabein gegenüber. Der verstorbene Rosch Bet—din war zur Zeit der Großrabbinerwahl die Seele des Widerstandes gegen Ha'im Nahum gewesen. Eine jüdische Volksbank in Smyrna Wie in Salonik ist jüngst auch in Smyrna eine jüdische Volksbank ins Leben gerufen worden, die den Zweck haben soll, den Kleinhandel den Fängen des Wuchers zu entreißen. Das Kapital der Bank wird 400 000 Mark betragen, verteilt auf 20 000 Aktien. Sie wird ihre Operationen beginnen, so bald ein Viertel des Kapitals eingezahlt sein wird. Die Konstantinopeler Leihkasse Die jüdische Leihkasse, deren Gründung anläßlich des großen Haskiöer Brandes vor nunmehr bald zwei Jahren von den Vertretern