Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 50 (10.12.1909)
- Date
- 1909-12-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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i V 1110 DIEOTELT: iMo. 50 w fe'T . 1- 'l'^M:'"" <0^rf [.Ks ix \* IV lU;^ M '"'l^itifrf'' f :f'Mr. € p.,f>;v:v' Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Die hohe Politik Die schwebenden Fragen sind noch nicht zur Erledigung gekommen. Die Lynchaffäre ist nicht von der Stelle gerückt; die Interpellation ist hinausgeschoben, die Haltung der Kammer also noch nicht bekannt. Von einem Kabinettsturze wird mit weniger Gewißheit gesprochen, was wohl auf die Tatsache zurückzuführen ist, daß gerade der hervorragendste Minister der Komiteepartei, Dschawid Bej, derjenige Minister ist, der sich am meisten England gegenüber engagiert hat. Gleichwohl spricht die Presse wenn nicht von einem Kabinettsturze, so doch von der Demission zweier Minister. Jedenfalls muß man auf Überraschungen gefaßt sein. Währenddessen scheint die Erfahrung in dieser Affäre die Volksvertretung zu einer prinzipiellen Lösung der Frage der Konzessionserteilungen überhaupt zu bestimmen. So hat der Senat bereits einstimmig eine Resolution beschlossen, derzufolge alle wichtigen Konzessionen und alle Monopole, besonders auf Verkehrswege, nur noch durch Beschlußfassung des Parlaments erteilt werden sollen. Ein entsprechendes Gesetz wird wohl nicht auf sich warten lassen. Die Antwort der Mächte auf die Kretanote der ottomanischen Regierung ist noch nicht eingetroffen. Es scheint jetzt, daß auf der Insel selbst die Position der Türkei eine stärkere wird; denn es hat sich dort eine neue, wie es heißt, starke christliche Partei gebildet, die gegen die Annexion der Insel an Griechenland auftritt, das Heil derselben vielmehr in der versprochenen Autonomie unter Oberhoheit des Sultans erblickt. Die neue Kammerpartei Wie der „Osmanische Lloyd" erfährt, wird die neue Partei sich aus den arabischen Abgeordneten, den griechischen und einer Gruppe anderer zusammensetzen, die aus Angehörigen der verschiedenen Nationalitäten besteht. Die Programme dieser drei Gruppen zeigen nur geringe Abweichungen voneinander, so daß eine Übereinstimmung leicht erzielt werden dürfte. Ismael Kemal Bej, der Führer der Albanesen, der seit den Apriiereignissen außer Landes gewesen war, ist wieder in die Hauptstadt zurückgekehrt. Man wird also auch über die Haltung der Albanesen der neuen Partei gegenüber bald im klaren sein. Der Geist, der in dieser Gruppierung herrschend ist, kann wohl kaum treffender wiedergegeben werden, als durch folgende Worte aus einem offenen Briefe, den dieser Tage ein angesehener Grieche an den „Jeune Türe" gesandt hat: „Ist es tatsächlich erstaunlich, wenn die Nationalitäten, ihre Individualität bedroht sehend, wachsam werden und ihre eigene Existenz verteidigen? Was hat die herrschende Partei getan, um das erschütterte Vertrauen zu befestigen? Die Steuern werden von allen Mohammedanern und Nichtmohammedanern gleicherweise aufgebracht; trotzdem sind die Ämter und ihre Bezüge einziges Vorrecht der erstem. In 31 Wilajets, den 98 Mutessarifliks, den 547 Kaimakamliks und ich weiß nicht wieviel Mudisliks, welches ist da der Anteil der Nichtmohammedaner an den führenden Posten im Verhältnis zu ihrer Bevölkerung? Unter den mehr als 100 Schülern, die augenblicklich auf Staatskosten in Europa studieren, ausgehalten durch die von allen gleicherweise bezahlten Steuern, wieviel Nichtmuselmanen gibt es da?" „Damit die Türkei auf solider Grundlage regeneriert werde, muß man ernstlich die Mithilfe aller Nationalitäten in Anspruch nehmen, ich betone: das ist ein sine qua non. Die Türkei erneuert durch sich selbst, d. h. durch die Mitwirkung aller sie zusammensetzenden Elemente, — das ist die endgültige Lösung der ganzen großen orientalischen Frage, der Quelle so vieler Übel und Leiden. Die Türkei, so geeinigt durch unlösliche Bande nationaler Solidarität, wird eine Großmacht ersten Ranges werden, ein in seinen Grundfesten unerschütterlicher Fels." „Man darf sich nicht in wahrhaft unrealisierbaren Illusionen wiegen. Der Araber, der Grieche, der Albanese, der Kurde, der Armenier, der Bulgare, der Jude müssen den Platz einnehmen, der ihm an der administrativen Tafel gebührt. Wenn die Völker überzeugt sein werden, daß sie unter dem Banner des.Vaterlandes, ohne jeden andern Unterschied als den der Befähigung, Ämter und Würden, Gerechtigkeit und Gleichheit haben werden, dann wird sie ihr eigenes Interesse dazu treiben, ihr Blut zu seiner Verteidigung zu vergießen." Hoffentlich wird die neue Partei, wenn sie sich theoretisch wirklich von solchen Ideen leiten läßt, nicht den alten „Ahrar" gleich in der politischen Praxis Sünden begehen, die sie den Reaktionären nahebringen. Aber die Heißsporne dürften durch die Erfahrung des vergangenen Jahres genug gewitzigt sein, um gegen solche Versuchungen gefeit zu bleiben. Der öffentliche Unterricht in der Türkei Das Budget des öffentlichen Unterrichts für das laufende Jahr, wie für das kommende, beträgt zwölf Millionen Mark. Der Oberrat für den öffentlichen Unterricht hat jedoch beschlossen, die Regierung um einen Ergänzungskredit von zehn Millionen Mark anzugehen, der für die projektierten Reformen nötig sein wird. Diese werden nach den Beschlüssen des Oberrates folgende Gebiete umfassen: I. Schulgebäude Es wird ein Universitätsgebäude errichtet werden, dessen Kosten sich nach den bereits festgestellten Plänen auf eine Million Mark belaufen werden. Es wird drei große Säle enthalten, deren einer 600 und deren beide andern je 300 Studenten fassen wird, und außerdem 16 Auditoriumsräume, ein Observatorium, ein chemisches Laboratorium und ein physikalisches Kabinett. Es werden ferner vie'r Sekundärschulen errichtet werden, zwei davon in der Hauptstadt und zwei in der Provinz. Die Pläne liegen bereits vor. In den 68000 Dörfern des Reichs werden Primärschulen von 2—4 Klassen errichtet werden, je nach der Bedeutung der Ortschaft; die vierklassigen Schulen sollen zwölftausend und die zweiklassigen viertausend Marks kosten. Auch hierfür sind die Pläne schon angefertigt. Schließlich wird die Anzahl der Lehrerseminarien von 20 auf 30 erhöht werden. II. Schulinspektion Der Minister hat dreißig Schulinspektoren ernannt, die sich demnächst ans Werk machen werden, um die bereits bestehenden Schulen zu inspizieren, sich zu vergewissern, ob sie den unumgänglichen pädagogischen wie hygienischen Bedürfnissen entsprechen und ob das Regierungsprogramm in ihnen gewissenhaft beobachtet wird. III. Privatschulen Diese Inspektoren werden außerdem die Priva> und Kongregationsschulen zu inspizieren haben, um zu sehen, ob sie den Anforderungen des Gesetzes entsprechen, das der Kammer zur Ratifizierung bereits zugegangen ist. Dieses Gesetz besagt, daß die Privat- und Kongregationsschulen im Vollbesitze ihrer Freiheit für den Religionsunterricht bleiben werden, aber gehalten sein werden, allgemeine und ottomanische Geschichte zu unterrichten. Den Gesuchen zur Neugründung von Privatschulen wird jede Erleichterung zugebilligt werden; diese werden sogar ein Recht auf Staatssubvention besitzen. IV. Bibliotheken Im Ministerium für öffentlichen Unterricht ist ein Sonderbureau für das Bibliothekswesen eingerichtet worden. Dieses hat bereits damit begonnen, die 60 Bibliotheken zu reorganisieren, die sich in der Hauptstadt befinden und deren mehrere vielleicht seit einem Jahrhundert niemals mehr geöffnet wurden. Sie enthalten zusammen 150000 Bücher und Manuskripte, davon viele alte und äußerst wertvolle. Die Kataloge sind bereits angelegt und werden demnächst im Buchhandel erscheinen. Die Bibliothekskommission hat beschlossen, in jeder höhern Schule eine moderne Bibliothek anzulegen; die Universitätsbibliothek ist bereits in der Bildung begriffen. Die Nationalbibliothek der Bayazidmoschee wird in eine öffentliche Bibliothek verwandelt werden. Sie wird wenigstens 30 000 Bände in den Weltsprachen enthalten. Unabhängig von dieser wird eine andere geschaffen werden, 4ie die alten Werke und Handschriften einschließen wird, die sich in den Moscheen und dem Palais von Top-Kapu befinden. Die Bücher, die sich im Yildispalast befanden, hat der Unterrichtsminister selbst eingezogen und wird sie in einer eigenen Yildisbibliothek vereinigen. Juden gegen Juden Während alle Nationalitäten des Reiches ihre Kräfte sammeln, um sich auf konstitutionellem Wege zur Geltung zu bringen, wüten die ottomanischen Juden andauernd gegen sich selber. Der „Tiempo", das offiziöse Organ des Großrabbinats, fährt weiter fort, alles zu besudeln, was nationalen Ideengehalt besitzt oder mit dem Zionismus in Verbindung steht. Jetzt hat er mit Wonne einen Artikel von Guralik aus dem Haschiloach ausgegraben. Das stärkste aber hat er wieder in einer Tatsachenfälschung geleistet. Vergangene Woche wußte die jüdische Presse zu melden, daß auf dem Großrabbinat eine außerordentliche Sitzung des Mischlisch dschtsmani stattfinden werde, zu dem auch die jüdischen Deputierten