Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 50 (10.12.1909)
- Date
- 1909-12-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 50 DIE ELT 1109 Es gibt kein gesundes jüdisches Volkstum, keine wurzelfeste jüdische Siedelung, keine jüdische Vollkultur ohne natürliche, auf dem festen Grunde eines Bauernstandes ruhende Gliederung des VolksTcorpers. Mit der Landentwicklungsgesellschaft (The Palestine Land Development Co.) hat die zionistische Partei die Fortführung der jüdischen Kolonisation Palästinas nach modernen und erprobten Methoden unternommen. Sie hat im vorigen Jahre das dem Nationalfonds gehörige Land „Kinereth" am Tiberiassee gepachtet, seither die nötigen Bewässerungsarbeiten durchgeführt, Wirtschaftsgebäude errichtet und mit zuletzt 50 Arbeitern den Betrieb besorgt. Die erste Ernte ist gut ausgefallen; die Bewirtschaftung hat den Wert des Bodens, der durch viele Jahre brachgelegen v/ar, bedeutend erhöht, die Arbeiter haben die Landwirtschaft erlernt und sich einiges erspart. Dank dessen hat sich ein Teil zu einer Siedlungsgenossenschaft vereinigt, um ein Nachbargrundstück äls Pächter zu bewirtschaften, einige Arbeiter sind von der ICA mit Land versehen worden, der Rest will vorläufig im Verein mit neueintretenden Genossen noch in Kinereth tätig sein, um sich fortzubilden. Nach bloß einjähriger Arbeit hat so die PLDC bewiesen, daß sie ihrer Aufgabe gewachsen ist. Soll aber das Arbeitsfeld, wie es nottut, stets weiter gedehnt werden, dann gilt es, frisches Kapital zuzuführen. Hierzu kann und soll jeder auch nur einigermaßen begüterte Jude beitragen, denn die PLDC ist eine volkstümliche Gesellschaft, deren Aktien zu einem Pfund* d. i. K 24.25 das Stück, käuflich sind. Und wo der einzelne zu schwach ist, soll er dazu beitragen, daß ein Verein oder eine Gruppe Aktionär wird. Solch ein Kauf bedeutet gewiß keinen Wohltätigkeitsakt, sondern eine Kapitalsanlage. Denn das Land der PLDC steigt ja mit seiner Bewirtschaftung und der allgemeinen Hebung Palästinas beständig im Werte, und auch das Inventar wird stets im besten Zustand erhalten, so daß nach den ersten Jahren der nötigen Investierung die Aktien reichliche Dividende tragen werden. Die Zionisten Österreichs, die ihren Opfersinn für den N.-F. in stetigem Aufwärts so rühmlich bekunden, blieben bisher mit ihrer Leistung für die PLDC hinter andern Landsmannschaften weit zurück. Es fehlte eben die rechte Organisation; nun haben wir uns der Sache angenommen im Bewußtsein, daß der N.-F. zur Bewirtschaftung seiner sonst brachliegenden Ländereien die PLDC dringend braucht, weshalb er ihr ja auch als Großaktionär beitrat. So richten wir denn an euch, Zionisten Österreichs, den dringenden Appell, das Versäumte nachzuholen und euch am zionistischen Kolonisationswerk durch Kauf von PLDC- Aktien rege zu beteiligen. Das nahe Chanukafest gibt uns Anlaß und Muße zur Werbearbeit durch Aufklärung von Mann zu Mann und durch Verbreitung beiliegender Expos6s, von denen wir auf Verlangen nachliefern. Als Inkassostellen gelten überall die N.-F.-Komrnissäre, die wöchentlich unter genauer Angabe der Adressen der neugewonnenen Aktionäre direkt mit uns verrechnen wollen, damit der Ausweis in der „Jüdischen Zeitung" und die Ausfertigung der Aktien prompt erfolge. Auf denn zur Arbeit, damit ihre ersten Früchte schon dem Kongreß vorliegen! Für die Landessammelstelle Österreichs des Jüdischen Nationalfonds: Wien, IX., Türkenstraße 9 Postsparkassenkonto 100.208. Wien.. Der theologische Verein der Hörer an der israelitischtheologischen Lehranstalt in Wien veranstaltet wie alljährlich auch in diesem Jahre eine Chanukkafeier, welche Dienstag den 14. Dezember (2. Tebeth) im Festsaale des Hotel Zentral, II, Taborstr. 8, stattfindet. Ihre gefl, Mitwirkung haben zugesagt die Herren: Dr. Leo Ascher, Komponist; Oberkantor Mathias Mätyäs; Josef Zimbler, Konzertmeister; Viktor Franz, Mitglied der Neuen Wiener Bühne, und andere hervorragende Kunstkräfte. Beginn präzise 8 Uhr abends. Gäste herzlich willkommen. Galizien Storozynetz. Samstag den 27. v. M. veranstaltete der hiesige Verein Poale Zion einen Vortragsabend, welcher sehr gut besucht war. Das Thema lautete: „Jakob Gordin und das Jüdische Drama". Referent war Gesinnungsgenosse B. Locker, st. phil. (Czernowitz). Nach einer eingehenden Einleitung über das „Entstehungswesen" des jüdischen Dramas Und dessen Schöpfer A. Goldfaden, würdigte Redner an der Hand mehrerer Zitate aus seinen berühmtesten Werken die Verdienste Gordins um die „Reform" des „jüdischen Dramas" und bezeichnete ihn als den eigentlichen „Wegweiser", ohne den man sich keinen Pinski, Asch usw. denken kann. Der fast 112stündige, sehr durchdachte Vortrag wurde vom Publikum sehr beifällig aufgenommen. Es wäre wünschenswert, mehrere solcher Vorträge über „jüdische Literatur" im Laufe des Winters zu veranstalten. Der Verein gedenkt auch gegen Ende Dezember „Mirele Ephros" (von Gordin) aufzuführen. Ungarn (Von unserm Berichterstatter) Die Wahlen der Delegierten zum Kongresse hat der zionistischen Arbeit hierorts neues Leben eingehaucht. Die Wahlresultate wurden in diesen Spalten bereits veröffentlicht, nur das Ergebnis zweier Wahlen steht noch zurzeit aus, und zwar das des Nordwestungarischen (Eperjes) und Pozsonyer Bezirkes, wo Neu- bzw. Stichwahlen vorzunehmen sind. Im allgemeinen zeigt sich hierzulande in gesinnungsgenössischen Kreisen ein bisher ungewohntes Interesse für den Kongreß. Außer den Delegierten werden viele Gäste aus Ungarn am Kongresse teilnehmen. Auch das zu Ehren des Kongresses in Hamburg stattfindende Schauturnen wird vom hiesigen zionistischen Turnverein beschickt werden. In die hauptstädtische zionistische Tätigkeit hat jetzt eine hierorts ganz neue Agitationsart Eingang gefunden, es ist dies die Veranstaltung von öffentlichen Diskussionsabenden, zu welchen hervorragende Gegner herangezogen werden. Die erste dieser Veranstaltungen fand in der Regie des zionistischen Mädchenvereines „Deborah" am 17. November im Zionistenheim statt, bei welcher Dr. Josef Schönfeld, Redakteur des „Magyarorszägi Cionista Szervezet" das einleitende Referat hielt. Nach ihm ergriff Dr. Samuel Fenyes, der berühmte Dramatiker und Soziologe, das Wort, um in einer formvollendeten Rede gegen den Zionismus zu plädieren. Seiner Auffassung nach gäbe es weder eine jüdische Konfession, noch eine jüdische Rasse. Das Judentum sei auch kein Volk, sondern eine „geistige Gemeinschaft", die der übrigen Menschheit gegenüber die Verpflichtung habe, für den freien Gedanken einzustehen und gegen das Dogma zu kämpfen. In der Form nach wundervollen Bildern schilderte er die Leidensgeschichte der Juden, und gelangte zur Schlußfolgerung, daß das Judentum eine Mission zu erfüllen und daher für alle Zeiten in der Zerstreuung zu leben habe. Diese rabbinischen Phrasen, die sich im Munde eines radikalen Freidenkers und Sozialisten höchst kraß ausnahmen, haben von zionistischer Seite eine entsprechende Entgegnung erhalten. Es entspann sich eine heftige Debatte, an welcher sich — außer den obengenannten Herren — die Gg. Samuel Bettel - heim (Pozsony), Dr. Osztern und Ing. Moses Bettelheim beteiligten. Unter dem Eindrucke der in der Debatte angeführten Argumente erklärte Dr. Fenyes, daß er, im Falle ihm auf Grund geographischer und biologischer Daten nachgewiesen wird, daß Palästina kolonisierbar sei, dem Zionismus beitreten werde. Der zweite Diskussionsabend wird von der „Makkabäa" und Judäa" am 4. Dezember veranstaltet. Aus diesem Anlasse werden Dr. Eugen Sipos über „Palästinas geographische, wirtschaftliche und kulturelle Lage", und Ing. Armin Beregi über „Palästinische Kolonisation" sprechen. Die Budapester Agitationsarbeit obliegt dem Budapester zionistischen Distriktskomitee, dessen Neuwahl am 28. November stattgefunden hat. Zum Präsidenten wurde gewählt Oberingenieur Max Strasser, zu Vizepräsidenten: Adv. Dr. Leop. Osztern und Ing. A. Beregi. Das D.-K. veranstaltet im Namen sämtlicher hauptstädtischer zionistischen Vereine am 11. Dezember im Prunksaale der Pester Lloyd-Gesellschaft eine großangelegte Makkabäerfeier. Der allgemeine Aufschwung hat auch die hiesige Misrachi- Vereinigung mit sich gerissen und aus ihrem Schlummer erweckt. Am 21. November hat sie eine öffentliche Sitzung veranstaltet, an welcher die konservative Bevölkerung in großer Zahl teilnahm. Die Versammlung wurde von Gg. Redakteur Leopold Lebowitsch eröffnet. Nach ihm sprach Herr Jakob Joel Braun (Basel) über die jetzige Situation der orthodoxen Kreise. Er ging von der Tatsache aus, daß das moderne Leben die Ausübung der jüdischen Gesetze immer mehr und mehr erschwert und demzufolge der Abfall stets größer wird. Die einzige Lösung bietet der Zionismus, welcher den thoratreuen Juden die Möglichkeit geben will, sich nach ihrer Eigenart ausleben zu können. Nach ihm sprach Gg. David Lemberger (Antwerpen), der die Verheerungen, welche die Assimilation selbst in den Orthodoxesten anrichtet, schilderte. Er geißelte das Verhalten derjenigen Orthodoxie, welche ihrldeal nur im Koscher- Fleisch-Genießen sieht. Nachdem noch der Vorsitzende auf einige Bemerkungen des Herrn Braun erwidert hatte, die gegen die nichtmisrachistischen Zionisten gerichtet waren, wurde die Sitzung geschlossen. Die Vorträge haben auf die Anwesenden einen sehr guten Eindruck gemacht. L. B. ':, 'W* H <i . H I i, \ 'i r4l <1;i 1 * u m 4<$l h'Ü'i fiiii