Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-12-10 · 50 (10.12.1909) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
50 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316401--52605-3346312
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 50 DIE ELT 1105 Das erste Lichtlein brennt schon. ... Ich betrachte es den ganzen Abend. ... Es brennt sanft, langsam. ... Es bereitet mir einen unsagbaren Genuß, — sein freundliches, liebes Flämmchen zu betrachten. . . . Aber es ist mir tief schmerzlich, daß es so schnell aosgeht. . . . Und es tut mir leid, daß nicht alle Lichtlein auf einmal brennen. . . . Und wenn das Lichtchen zu Ende gebrannt und an dem Türpfosten eine verkohlte Stelle zurückgeblieben sein wird, — dann werde ich noch lange voll Liebe und Wehmut vor diesem schwarzen Flecken stehen, — diesen Überresten des Makkabäerlichtes, das so freundlich gebrannt hat und dann erloschen ist. Und die kleine schmächtige Kerze scheint es zu fühlen, daß sie so geliebt wird, und brennt freundlich und heiter und will nicht schnell verbrennen..,. Mein Vater erzählt mit leiser Stimme. Die Mutter, die Brüder, die kleinen Schwestern und ich lauschen mit weitgeöffneten Augen gierig der großartigen Erzählung von dem großen Kampfe. — Hinter dem Fenster heult der Wind. ... Im Winkel zirpt eine Grille. ... Im Zimmer ist es still, — und gleichmäßig tönt die Stimme des Vaters. . . . Chanah und ihre sieben Söhne, — die acht Märtyrer, — erschüttern uns tief. In den Augen der Mutter stehen Tränen. . . . Meine kleinen Schwestern weinen. Auch ich möchte in Schluchzen ausbrechen, aber ich bin ein „Mann", und ich schäme mich. Meine ältern Brüder sind ergriffen. Die Stimme meines Vaters zittert vor Erregung. Es ist uns schwer ums Herz. Aber die Erzählung schreitet fort. . . . Wir hören von den Siegen der Makkabäer, von dem Triumph des Volkes, dem Untergang der Feinde, — und unsere Seele beginnt zu frohlocken. Wir triumphieren. . . . Die Erzählung ist zu Ende. . . . Das Lichtlein glimmt nur noch . . . Noch einen letzten Blick auf die erste Kerze. ... Sie ist erloschen, — und mit ihr auch unsere Stimmung. . . . Alle auf einmal machen wir uns an die „Dreidl". . . . Und morgen wird man wieder — und dann schon zwei Kerzen anzünden. . . . Und noch eine ganze Woche werden wir unsere Freude haben. . . . Und welche Wonne steht uns an dem Abende bevor, an dem sie alle acht brennen werden. Und mit welcher schwermutsvollen Liebe werde ich noch lange nach Chanukah die acht dunkeln Flecken an dem Türpfosten betrachten» . . . Liebe, traute Kindheit! Glückliche Zeit des unmittelbaren üenießens ohne Nachdenken, ohne Analysieren, ohne Theorien! . . . Freudenreiche, gesegnete Chanukahzeit! Die Jahre laufen und schwinden dahin wie Träume. . . . Die Kindheit ist entschwunden. . . . Wieder ist es Chanukah. . . . Es ist derselbe garstige Novemberabend. — Dasselbe Dunkel und derselbe Schmutz in unserm elenden Städtchen. Wieder wird das erste Lichtlein angezündet! . . . Ich bin zwanzig Jahre alt. Ich bin ein Student. . . . Schon lange habe ich Chanukah nicht im Familienkreise verlebt. Heute werde ich die Eindrücke meiner Kinderjahre erneuern können. Ich erwarte die Zeremonie. . . . Aber wo ist die. frühere Ungeduld geblieben? Wo die brennende verzehrende Süße der Hrwartung? Sie sind dahin. . . . Wie in alten Tagen setzt der Vater nach dem Abendgebet die Müt^e auf, und die Familie versammelt sich um denselben Türpfosten. . . . Träge, ohne das freudige, kindliche Bewußtsein meiner Anteilnahme an der weihevollen Handlung, streife ich meine Studentenmütze auf den Kopf und habe nicht mehr das Verlangen, iier Zeremonie ganz in der Nähe zuzuschauen. Der Vater spricht laut die Wortes des Gebetes. Auch die Angesichter der Frauen sind von dem mir vertrauten alten andächtigen Ausdruck verklärt. Ich blicke auf sie, auf den Vater, uf die ganze Familiengruppe, die sich urn den kleinen leuchtenden 5unkt geschart hat, und es wird mir so warm ums Herz. . . . ' ber es ist nicht das Gebet, nicht der Feiertag, nicht die nationale egeisterung, was meiner Seele so wohl tut. . . . Diese kleine Kerze, dieses Gebet, Chanukah. Das ist jetzt für ich nur eine Tradition, die wiedererstandene Kindheit; nur eine ebe Familientradition, nur ein „Familienfest", nur ein neues Glied, Sas mich — durch die Kindheitserinnerungen — enger mit den Meinigen verbindet. ^Aber Chanukah, Chanukah in seiner ganzen Reinheit, Chanukah, das das kindliche Gemüt und die kindliche Seele so ergriffen und ganz ausgefüllt hat, — ist verschwunden. Mir ist der Kopf voll von Theorien, Problemen, Fragen . — philosophischer, sozialer, ethischer Natur. ... In meinen Gedanken und Gefühlen streiten schon lange unversönliche Feinde: die „Nationalität" und die „Menschheit". . . . Die Wissenschaft hat, unerbittlich und schonungslos, wie ein furchtloser Chirurg, aus meiner Seele die Auswüchse der religiösen Verehrung, des ausschließlichen nationalen Hinstrebens nach dem Alten ausgemerzt. ... Sie will nicht Vergangenheit, sie sucht die Zukunft. Und die Zukunft der Menschheit ist nicht die Nation. Und Chanukah . . . Chanukah ist eine der zähesten Krallen der national-konservativen Weltanschauung! Chanukah ist ein Schritt nach rückwärts, etwas Reaktionäres, eine Gegenrevolution der Menschheit! So sagten mir die Professoren, so sprachen die Kameraden, so sprachen die Bücher... Langsam, mühsam flackert das Lichtlein auf... Es brennt. .. Eine kleine, blasse Flamme lodert empor... Ich betrachte es liebevoll, als ein Denkmal meiner lieben Kind-* heit, und feindselig, als ein Denkmal der nicht sterben wollenden engherzigen alten Zeit... Und als von den Lippen aller ein inniges „Omein" ertönt, — bringe ich aus Gewohnheit und aus Rücksicht für die Gefühle der Meinigen mühsam, kaum hörbar „Amen" hervor. Und als der Vater wiederum den atemlos lauschenden Versammelten die Geschichte von den Makkabäern erzählt, lese ich an demselben Tisch ein Buch über den ökonomischen Materialismus. Und nicht ein einziges Mal hebe ich den Kopf nach dem Türpfosten, nicht ein einziges Mal schaue ich mich nach dem freundlichen, mir einst so teuren ersten Makkabäerlichtlein um... Was bedeutet es jetzt für mich, für mich, — der ich den Gott der „Menschheit" bekenne, für mich, ein Glied der großen Menschheitsfamilie? Die tote Fackel in der Hand der Freiheitsstatue in New York sagt meinem von dem allgemeinen Menschheitsideal erfüllten Herzen mehr als dieses lebendige Flämmchen der Geschichte meines Volkes... Leise tönt die Erzählung meines Vaters ... Aufmerksam und voll Spannung hören meine Mutter, die Schwestern, die kleinern Brüder zu... — „Warum hört Naum nicht zu?" fragt verwundert meine zehnjährige Schwester. Zum erstenmal teile ich nicht die Stimmung meiner Angehörigen ... Und sie hat das bemerkt. Das Kind war das erste, das laut auf diesen Mißklang hinwies. .. — „Ich weiß das alles schon," antwortete ich, — verlegen über den Vorwurf des Kindes. Mein Vater blickt mich an. Ein kaum merkliches, trauriges und dabei auch etwas spöttisches Lächeln spielt um seine Lippen. Und ich lese in seinem Blick: — „Du glaubst also wirklich alles zu wissen?" Aus Rücksicht für die allgemeine Stimmung schiebe ich das Buch beiseite und gebe mir den Anschein, als ob ich zuhöre... Die gleichmäßig tönende Stimme des Vaters, die Stille, die Grille hinter dem Ofen, die regnerische Nacht hinter dem Fenster, die versammelte Familie, das ganze mich in diesem Augenblick umgebende Milieu und das flackernde Flämmchen des Chanukahlichtleins, — das alles bewegt mir auf einmal mächtig die Seele, beschwört auf einmal in meiner Erinnerung eine Reihe ebensolcher Nächte herauf, der lieben, warmen, trauten Chanukahnächte, der unwiederbringlichen, anspruchslos glücklichen Kinderzeit. Und ich bin traurig, und es ist mir schmerzlich, tief schmerzlich, daß diese Chanukahnacht in meiner Seele nicht mehr einen so tiefen, hellen und freudigen Widerhall finden kann wie einst, — und daß diese Chanukahnacht und meine Angehörigen mir keine Antwort geben können auf die Fragen, Gedanken und Gefühle, die mich beherrschen ... Ein Zwiespalt..., ich fühle diesen Zwiespalt, diese Wand, welche die jugendliche Denkungsart zwischen der Gegenwart und dem Alten, zwischen meiner Welt und der meiner Angehörigen errichtet hat... Sie, diese Wand, hat um nichts die 'Wärme unserer verwandschaftlichen Gefühle vermindert, aber sie hat die geistige Gemeinschaft zerstört, die uns verbunden... — „Und man brachte zu Antiochus Chanah und ihre sieben Söhne," — höre ich die Stimme des Vaters. — „Es waren ihrer sieben herrliche Jünglinge, voller Lebenskraft, der Stolz und das Glück ihrer Mutter Chanah. AirJochus befahl ihnen, ein Götzenbild anzubeten... Die Kinder weigerten sich alle der Keine nach mit Entschiedenheit. Die Mutter, die sie leidenschaftlich liebte, fachte selbst ihren Mut an, sie begeisterte sie zum Tode für den Glauben, zum Gott wohlgefälligen Opfer... Sechs ihrer Söhne waren einer nach dem andern entseelt unter dem Messer des Henkers niedergestürzt, da sie sich geweigert hatten, Jehova zu verraten, und sie waren den Martern mit Hohn und dem Tode mit Freude entgegengetreten ..." Den Lippen meiner Mutter entringt sich ein schmerzlicher Seufzer. Meine kleinen Schwestern heften unbeweglich ihre von Mitleid übergehenden Augen auf den Vater... Die Stimme des Erzählers ist von tiefem Schmerz durch zittert. „Chanah... Die sieben Märtyrer... Eine Legende", siebe ich das Heldengedicht der Makkabäer durch das Sieb des Skeptizismus... — „Eine hübsche Legende, eine der zahlreichen Schöpfungen U t t # ^1 J ih t * m

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.