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Die Welt · 1909-12-10 · 50 (10.12.1909) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
50 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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der durch nationalen Stolz begeisterten Phantasie!..."' Die Erzählung, die mich in der Kindheit so erschüttert, rührt mich jetzt nicht. „Aber, selbst wenn diese Legende historisch wahr ist, warum sollte dann Chanah in meinem Interesse einen größern Platz einnehmen als Arnold Winkelried, Huss, Savonarola, — die großen Kämpfer des Gedankens, der Idee? Vielleicht deshalb, weil sie demselben Volke angehört, wie ich? Das ist kein Grund. — Wir entstammen alle demselben Volke, dem Protoplasma!..." — „Als die Reihe an den jüngsten kam," — fährt der Vater fort, — „da wollte Antiochus, gerührt von der Schönheit und Unschuld des sechzehnjährigen Kindes, ihn schonen... Er warf einen goldnen Ring zu den Füßen des Götzenbildes nieder und befahl dem Knaben, nur den Ring aufzuheben, dann wolle er ihm das Leben schenken. Aber der jugendliche Märtyrer, der jugendliche Held, weigerte sich, auch nur diese Forderung zu erfüllen. Da befahl der ergrimmte Antiochus, ihn zu töten,.. Chanah, die den Tod ihrer Söhne überlebt hatte, stieg auf das Dach des Hauses, und indem sie sich hinunterstürzte, fand sie den Tod.. In den Augen meiner Mutter stehen große, helle Tränen. Der Vater ist still geworden und hat den Kopf gesenkt... — „Ein unnützes, zweckloses Opfer", — denke ich bei mir... Ein jeder dieser sieben Märtyrer hat den Entwicklungsgang der allgemeinen Menschenliebe aufgehalten ... Und auch jenes Lichtlein, das jetzt dort an dem Türpfosten verglimmt, — es erleuchtet nicht, sondern verdunkelt der Menschheit ihren Weg. Das ist eine Flamme, ein Leuchtturm, der rückwärts führt, in das Dunkel der historischen Abgeschiedenheit, in die Schrecken des dumpfigen, dunkeln Ghettos!... Nein, ich kann nicht dorthin folgen. Ins Freie, ins Freie*! In die Luft, an das Licht müssen die Juden, zu einem neuen Leben!... An das allgemeine Werk der Menschheit, an das Werk der Zukunft und nicht der Vergangenheit!... Die letzten Worte spreche ich laut. Der Vater sieht mich erstaunt und traurig an und sagt: — „Du bist ein Kind, Naum! Wenn du deinen Irrtum einsehen willst, werde ich gern mit dir reden ... Aber nachher, wenn sie (er zeigte auf die Kinder) schlafen werden... Jetzt laß ihnen ihre Freude: sie haben noch 'nicht gelernt, nach Büchern und fremden Rezepten zu philosophieren ..." Ich bin still und warte auf die Unterredung mit dem Vater. O, ich werde kämpfen, mit Wärme werde ich für meine Überzeugungen kämpfen ... Die Erzählung ist zu Ende. — Das erste Lichtlein ist im Erlöschen. Der schwarze Fleck an dem Türpfosten bleibt als Erinnerungszeichen des ersten Makkabäerlichtes zurück. Jetzt betrachte ich diesen Fleck, aber nicht mehr mit kindlicher Liebe und voll Bedauern über das schnell zu Ende gebrannte Lichtlein, dieser Fleck ist für mich ein düsteres Symbol 'unserer orthodoxen Erstarrung, er ist mir ein dunkler Fleck auf dem Wege zum Lichte!... Das, was vor zweitausend Jahren ein Licht des Lebens war, ist jetzt eine Begräbnisfackel!... Und es erfüllt mich mit Trauer und mit Schmerz, „die Verirrung meines Volkes zu sehen..." Naive Jugend, die mit den Augen der Bücherweisheit das Leben betrachtet. Ideale, blinde Don Quixote gleichende Jugend, die sich begeistert, für das Feuerwerk der „Ideen" entflammt und gleichzeitig kalt an dem Scheiterhaufen des Lebens vorübergeht. ..! Armes, verstoßenes Chanukah, das seinen Zauber für das jugendliche, „die ganze Menschheit umfassende" Herz verloren hat! Arme kleine Wachsflamme: eine mächtige Leuchte für die alte Zeit, die sich schon überlebt hat, und ein wertloses, traditionelles Lichtlein für die ungestüme Jugend!... Wieder vergehen Jahre. Aber nicht schnell wie Träume schwinden sie dahin... Schwer, langsam, wie Tropfen des Arbeitsschweißes rollen sie eines nach dem andern in die Ewigkeit ... O, wie viele neue Gedanken und Gefühle hat mir ein jedes von ihnen gebracht. Ich habe eine Zeit des Kämpfens durchlebt, des Zusammenbruchs der alten Hoffnungen, den Untergang der Götter — und auf dem Schutthaufen einen neuen Gott, — den Gott des lebendigen Lebens, des lebendigen Leidens, des Blutes und der Tränen, des lebendigen Hilfeschreis!... Quaivolle, fürchterliche Jahre! Ich habe tief in das „konservative Ghetto" meines Volkes hineingeblickt ... O vertrauensselige, im Banne der Bücherweisheit stehende Jugend! Was ist mit dir geschehen? Was hast du in diesem Ghetto erblickt, zuerst mit Schrecken, dann mit Staunen, und dann mit Ehrfurcht? ... Welche nationale Kraft! Welche Seelenreinheit!' Welche Erhabenheit des Gedankens! Welche sittliche Höhe! Welche tiefe Erkenntnis Gottes, des Gottes der Brüderlichkeit, der Liebe, der Wahrheit, zu dem du gebetet, indem du ihn überall gesucht, nur nicht hier, wo er schon seit Jahrtausenden lebt!. . . Und hier hast du ihn erblickt... Du hast ihn gesehen, erkannt durch hundertjährige Leiden, erkauft durch tausendjährige Opfer, umspült von einem Meer von Tränen und Blut. Und als du ihn erblickt, bist du hingerissen, überwältigt und bezaubert von seiner Größe, von seiner unvergleichlichen Klarheit, — bist du hier bei den Deinigen geblieben, um zu deinem Gotte zu beten, der da ist der Gott der ganzen Menschheit! . .. Es ist wieder ein Novemberabend. Wieder ist es dunkel, schmutzig, traurig, ach, so traurig in unserm ärmlichen Städtchen. .. Wieder ist es der Abend des ersten Makkabäerlichtes. . . Ich bin dreißig Jahre alt. .. Mit seltsamer Spannung erwarte ich den Beginn der Zeremonie . . . Mein alter Vater trifft tief und ungewöhnlich erregt seine Anstalten zur Feier ... Meine Mutter, meine Schwestern und Brüder, — alle haben sich an diesem Abende hier versammelt, und alle warten ungeduldig auf die Feier. Der alte Vater nimmt die Kerzen , . . Wie in den alten, vergangenen Tagen: der Kindheit drängen wir uns alle um denselben Türpfosten. Mit zitternder Hand befestigt der Vater das Lichtlein an dem Türposten. „Gesegnet seist du, unser Gott, König des Weltalls, der du uns befohlen, die Chanukahlichte anzuzünden!" Seine Stimme zittert vor Erregung, das Lichtlein beginnt zu brennen ... Ich betrachte es, ohne den Blick abzuwenden, ich betrachte es voll Liebe, voll Ehrfurcht und voll Staunen! Kleine, dünne Wachskerze! Welchen ungeheuren Weg in das Dunkel der tausendjährigen Geschichte erleuchtest du dem Märtyrervolke! . :. . Und einen eben so weiten ungeheuren Weg in die Zukunft erleuchtest du, den Weg der Hoffnungen, der nationalen Wiedergeburt. Kleine, schmächtige Wachskerze! Ein Riesendenkmal der Vergangenheit und ein nie verlöschender Leuchtturm der Zukunft! . . . Kleine, schmächtige Wachskerze! Große Leuchte der Makkabäer! Zwei Jahrtausende brennen, leuchten in deinem matten Feuerschein; darin glänzen die hellen Schatten der großen Kämpfer für die nationale Freiheit, der großen Geisteshelden, der großen Lehrer der Menschheit! Juda! Eleazar! Chanah! Die jugendlichen Märtyrer! O, sei gesegnet, kleine Wachskerze, die du dem Volke die Macht des Geistes und des Gedankens, den Durst nach Freiheit und Leben in unvergänglicher Kraft erhalten hast! Sei gesegnet, kleines Flämmchen, das das durch Jahrtausende von Qualen Haß und Verfolgungen erstarrte arme, jüdische Herz erwärmt! „Diese Lichte zünden wir an zum Andenken an die wunderbaren Sieger, diese Lichte sind heilig," . . . höre ich die Stimme des Vaters. Aber was ist das? In den Augen meines Vaters stehen Tränen? Was ist das? Meine Mutter, die Schwestern und die Brüder, — sogar die Brüder — weinen? . . . Ach, ich weiß, weshalb sie weinen! . . . Die Zeremonie ist zu Ende. ... Schweigsam, in gedrückter Stimmung, treten wir zurück an den Tisch . . . Wir schwiegen . . . Wir spielen nicht „Dreidl" . .. Der Vater erzählt uns nicht von den Makkabäern! Wir kennen alle diese Geschichte ... Ich denke nicht daran, daß Chanah und ihre sieben Söhne eine Legende sind. Ich weiß jetzt, daß das Leben während dieser zweien Jahrtausende jüdischer Qualen viele solcher heroischen Frauen und jugendlichen Märtyrer hervorgebracht hat.. Ich weiß, daß Chanukah ein Symbol ist, ein lebendiges Symbol des lebendigen unmenschlichen Kampfes der göttlichen Ideen mit der menschlichen Bosheit! O, wie verstehe ich dich, kleines, großes Volk! Meine Angehörigen sitzen traurig und schweigsam am Tische. „Ich brauche euch nichts von den Makkabäern zu erzählen," — sagt der Vater. . . „Sie sind euch wohl bekannt.. . Und nicht nur aus der Geschichte, sondern" — und hier versagt ihm die Stimme — „sondern auch aus dem Leben, aus unsern Tagen . . . Ihr habt selbst die Makkabäer gesehen .. . Möge Naum euch noch einmal davon erzählen : er weiß mehr als wir..." Ein Zittern läuft durch unsere Glieder. . . Wir verstehen, was der Vater meint. Und icq beginne zu erzählen. Ich erzähle ihnen, was wir durchgemacht haben. Ich erzählt ihnen von dem wilden Haufen, der die Häuser niederreißt, du Männer, Frauen, Kinder totschlägt. ., Ich erzähle ihnen von der Opfern, — den Märtyrern, von den Makkabäern, die für ihre Brüdei gefallen sind. Und während ich spreche, — rinnen große heiße Tränen aus den Augen meiner Angehörigen . . . Und nun gehen diese Tränen in Schluchzen über!. . . Und das Lichtlein, das erste Lichtlein, das erste Makkabäer licht scheint heller aufzuflackern! .. .

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