Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 50 (10.12.1909)
- Date
- 1909-12-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 50 —--—^ — D1E3 war keine Religion im landläufigen Sinne dieses Wortes; es war eine Verfassung für das öffentliche, für das Familien- und das Privatleben. Als Fremde zur Herrschaft gelangt waren, da erhielt diese Verfassung einen gewaltigen Stoß, und es ist in der Geschichte der Freiheit kein anderes Beispiel vorhanden wie dieses, daß ein unterjochtes Volk, trotz der ärgsten Bedrückung, sich dennoch seine geheiligten Rechte nicht nur zu erhalten, sondern diese sogar im alten Geiste fortzubilden verstanden und mit der größten Eifersucht und Zähigkeit dem Einflüsse des Siegers fortgesetzten Widerstand geleistet hat, um schließlich in seinem Lande und nach seiner Thora, die auch seine Verfassung enthielt, frei zu leben. Dieses Volk hatte keine Leibeigenschaft oder Hörigkeit, es hatte niemals bevorzugte Klassen. Das Volkstum an und für sich adelte schon; jeder Jude war dem andern gleich. Die Familienreinheit war das höchste Ideal des Lebens. Die soziale Gesetzgebung w^r so gerecht und bis zu einem so hohen Grade von der Nächstenliebe durchdrungen, wie ihn die Kultur der Neuzeit bei weitem noch nicht erreicht hat, geschweige denn die alte Kultur der Griechen und der Römer, von denen erstere in der Kunst und letztere in den Legionen die höchste Begabung ans Licht gefördert hatten. Das sind zwei große Gebiete, auf denen die Juden sehr wenig galten, sehr viel von obigen beiden Völkern lernen konnten und auch gelernt hätten, würde nicht die Epoche Alexanders des Großen, die Epoche der gegenseitigen Belehrung von der traurigen Epoche des Epiphanes, d. h. von der Assimilation, der Vernichtung, dem Überhandnehmen fremder Sitte abgelöst worden sein. Das Traurige kam aber, Recht und Gerechtigkeit wichen dem allgemeinen Mißtrauen und der Furcht. Niemals hat Unrecht und Knechtschaft so unverschämt und grausam gewaltet wie damals. Und da begann es sich mächtig im Lande zu regen. Epiphanes' grauenhafte Gewaltherrschaft hat die Geister entzündet. Das alte Hebräerblut kochte auf im unbändigen Freiheitsdrange. Und da erschien ein einfacher Mann aus dem Volke, ein Vertreter jenes Standes, dessen Spitzen der Assimilation und dem Verrat verfallen waren, nämlich des Priesterstandes, der alte Matathiah, als strafender Rachegeist und zertrümmerte mit Gewalt die Ketten der Knechtschaft! „Er rief aus: Wehe mir! Warum ward ich geboren, um das Verderben der heiligen Stadt zu sehen? Das Heiligtum ist in den Händen der Fremden und von ihnen entweiht und ausgeraubt; Greise und Jünglinge sind durchs Schwert getötet; unser Volk ist zum Sklaven erniedrigt — wozu sollen wir noch leben?" — Alles, wovon das Herz des Greises schmerzlich überfüllt war — heiße Liebe, tiefer Gram, Ingrimm wider sich selbst, übergewaltiges Selbstbewußtsein —- alles raffte er in diesem Titanenruf zusammen. Aber über den Fluten seiner Leidenschaft schwebte der Geist, wachend, ordnend, das Unbändige bändigend. Seine heldenmütigen Söhne mit Juda an der Spitze stritten mit einem so hohen Sinn, und mit so edlem Opfermut für Volksrechte und nationale Unabhängigkeit, daß das Blatt der makkabäischen Kämpfe eines der ruhmreichsten nicht nur in der Geschichte unseres Volkes, sondern auch in der Geschichte der ganzen Menschheit bleibt. Auf dem Wege, welchen die Menschheit zu den heutigen Fortschritten. der Freiheit genommen, hat das jüdische Volk unzweifelhaft schöne Denkmäler hinterlassen. Die gELT —= iioi meisten freiheitlichen Errungenschaften aber besaß die erste Epoche der Makkabäer. Deshalb feiern wirChanukka mit einer so hohen Begeisterung. Wir begreifen nicht, wie jüdische Assimilanten dies Fest feiern können. Sie müßten es eigentlich in Fasten- und Trauertage umwandeln. Weil dies nicht gut möglich ist, bemühen sie sich, diesem Feste eine ganz andere Bedeutung zu geben, seinen natürlichen Charakter zu verwischen und seinen Sinn zu verallgemeinern. Für uns Nationaljuden ist Chanukka das Nationalfest, nicht in kriegerischer, sondern in friedlicher Bedeutung. Es ist der Einweihung des Tempels gewidmet, aber nicht des Tempels der Jason und der Menelaos, sondern des Tempels der jüdischen Nation mit ihren hebräischen Liedern und Gebeten und ihren national-historischen Erinnerungen. Auch das heutige Chanukka gehör! nicht in die Tempel der modernen Jason und Menelaos, sondern in die jüdischen Synagogen, in die jüdischen Häuser und in die jüdischen — Herzen. Man nehme doch unsere Makkabäer nicht etwa für „allegorische" Figuren, man versuche nicht zu „deuten". Alles Unausgesprochene, ja Unaussprechliche, das in der Seele und um die Seele weht, hat in ihnen Antlitz und Gestalt und damit freie selbständige Bewegung gewonnen, die allen begrifflichen Auslegungen Hohn spricht. Die Makkabäerepoche war ein Aufwärts, eine Jugend, ein Aufschwung der Kraft über die irdischen Niederungen, mit dem Auge gegen die Sonne gerichtet. Das war das denkbar Kühnste und Beflügeiste-in der jüdischen Geschichte und das bleibt für ewige Zeiten ein Vorbild für alle Wahrhaft-Selbstlosen, Glaubensvoll-Schwärmerischen, oder auch Irdisch-Tapfern, die unsere Scharen zum Siege führen können auf der Arena des Kampfes oder auf dem Arbeitsfelde des Friedens — die Makkabäer! N. S. Vorschläge für jüdische Bauten in Palästina In Nummer 6 der „Welt" vom 7. Februar 1908 habe ich auf die Notwendigkeit der Pflege eines nationalen Kunstgewerbes im Leben unserer Ansiedler in Palästina hingewiesen, insbesondere auf die Notwendigkeit, den Baustil der Häuser ästhetisch und praktisch den Besonderheiten des Orients anzupassen. Einige künstlerisch empfindende Gesinnungsgenossen nahmen sich warm des Vorschlags an, und so sah sich die deutsche Palästinakommission zu dem Versuch veranlaßt, Entwürfe von Musterhäusern zeichnen zu lassen. Bevor wir auf das Ergebnis näher eingehen, kurz einiges über die Gründe unseres Unternehmens. Rein äußerlich drängt sich dem Besucher Palästinas die Betrachtung auf, daß die Bauweise unserer Dörfer und der von Juden bewohnten Stadthäuser mit der ihrer arabischen Nachbarn scharf kontrastiert. Der Araber baut weiße, kastenartige Häuser mit flachen Kuppeln und kleinen Fenstern. Wie der Bewohner aller südlichen Länder, in denen das Leben sich größtenteils unter freiem Himmel, auf der Straße abspielt, wird er bei der Anlage seiner Wohnungen überhaupt nicht von Rücksichten auf die Behaglichkeit geleitet. Er will vielmehr Sicherung vor dem Eindringen Unberufener, Fernhaltung der Sonnenstrahlen und Kühle im Innern erzielen. Diese Zwecke sucht er