Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 50 (10.12.1909)
- Date
- 1909-12-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Er hinterließ zwei Söhne: der jüngere, Antioches Epiphanes, war als Geisel nach Rom geliefert worden, der ältere, Seleukos V., Philopator, folgte 187 v. Chr. dem Vater auf den Thron. Unter dem Erbe, welches. Seleukos von seinem Vater übernahm, befand sieh vor allem auch noch die große Zahlungsverpflichtung gegenüber den Römern, Um ihr nachzukommen, trieb Seleukos Geld auf, wie und wo er nur konnte, so auch auf Kosten der Juden. Es war die Schuld der jüdischen Assimilanten jener Zeit, den König auf die reichen Schätze des Tempels zu Jerusalem aufmerksam gemacht zu haben. Die Assimilanten, die seit jeher auf den Schein sehr viel zu geben pflegten und ein Paradejudenturn förderten, damit es den Leuten imponiere, hatten immer sehr viel mit dem Tempel zu tun und sorgten dafür, das Priestertum unter ihren Einfluß zu stellen. Ein Tempelwächter namens Simon, welcher in Streit mit dem Hohenpriester Onias III. geraten war, verriet dem König die ergiebige Goldqueile. Seleukos schickte schleunigst den Feldherrn Heliodoros, welcher den Tempel plünderte und dabei die Gefühle des jüdischen Volkes aufs tiefste verletzte. Die Wut des Volkes hat sich mit der Zeit verdichtet zu der Erzählung jenes wunderbaren göttlichen Strafgerichts über Heliodoros, welches wir im zweiten Buch der Makkabäer, Kapitel 3, aufgezeichnet finden. Palästina bot das Bild einerseits so anhaltender, unermüdlicher und unerbitterlicher Grausamkeit des Tyrannen, anderseits so unbegrenzter Aufopferung des Volkes und so zäher Ausdauer, wie sie nirgend und niemals in der Geschichte eines gleichen haben. Die Geschichte des jüdischen Martyriums umfaßte schon damals viele Geschlechter und eine Unzahl Opfer. Blutige Szenen spielten sich auf allen Gebieten des Landes ab. Das Makkabäerbuch enthält nur einige kleine Züge dieses ungeheuren Bildes, einige vereinzelte Vorgänge aus der Zeit der Antioch'schen Verfolgung. Im Jahre 175 kam Seleukos IV. durch die Hand eipes Mörders um. Der Feldherr Heliodoros machte sich Hoffnung, selbst die Herrschaft erringen zu können, wurde aber daran gehindert durch den legitimen Thronfolger Antioches IV. Epiphanes. Dieser nämlich war aus der Geiselstellung in Rom befreit worden durch Austausch gegen seinen Neffen Demetrios, den Sohn des Königs Seleukos IV., und hielt sich zu dieser Zeit in Athen auf. Vom Tode des Bruders hörend, kam er jetzt nach Asien und bestieg den Thron. Dieser Antioches („ha- Rascha" — „der Bösewicht") ist für das jüdische Volk höchst verhängnisvoll geworden, denn er führte den Auseinandersetzungsprozeß zwischen den beiden Kulturrichtungen zu einer akuten Schärfe. Der Zusammenstoß ließ sich nicht länger aufhalten. Epiphanes war ein Mann voll seltsamer Widersprüche in seinem Charakter. Der berühmte griechische Geschichtsschreiber Poljbios schildert diesen Charakter sehr eindringlich; er erzählt, wie der König in den Werkstätten der Gold- und Silberschmiede herumzulaufen pflegte und durch sein Geschwätz über deren Arbeit sich den Anstrich eines Sachverständigen zu geben suchte, wie er ebenso mit den niedersten Schichten seines Volkes wie auch mit Fremden vertraulichen Verkehr pflog, wie er, wenn die öffentlichen Bäder am dichtesten besetzt waren, selbst dorthin baden ging, als Geschenk kostbare Salben über den Kopf eines soeben neu erworbenen Freundes ausschütten ließ und sich am Ausglitschen der hinzulaufenden andern Badegäste auf dem schlüpfrig gewordenen Fußboden erfreute, wie er an Schmausereien üppiger Jünglinge teilnahm, nachdem er sich in festlichem Zuge mit. Flötenspielern, Fackelträgern usw. an den Ort des Festes begeben hatte usw. Zuweilen lief er in der Toga auf das Forum und ahmte den in Rom beobachteten Stimmenbettel nach; aber ebenso saß er ernst zu Gericht und betätigte einen löblichen Eifer, strenge Gerechtigkeit zu üben. Man kann das Benehmen des Antioches etwa bezeichnen als eine gewisse romantische Flegelhaftigkeit. Zu deren Erzeugung mag seine römische Erziehung viel beigetragen haben; dort hatte er republikanische Neigungen bis zur Pöbelhaftigkeit eingesogen, und doch lauerte auch in ihm jederzeit der grausame Despot. Polybios sagt, man habe nie recht gewußt, ob man ihn für einen einfachen und schlichten Mann oder für einen Wahnsinnigen halten solle. Jedenfalls erglühte Antioches von einer enthusiastischen Begeisterung für alles Griechische: er wollte nicht nur selbst als Grieche leben, sondern auch alle andern griechisch leben machen. Folgerichtig waren ihm die Juden mit ihrer so stark abgesonderten Lebens- und Denkweise gründlich zuwider. Von der innern Macht des Judentums als Kulturgröße hatte er keine Ahnung. Die jüdischen Assimilanten hatten ebenfalls sehr wenig Sinn für das Wesen ihrer Nationalität. Alles Fremde schien ihnen herrlich und verlockend; alles Eigene abgeschmackt und veraltet. Natürlich konnten sie nur, da sie Antioches nahe standen, ihn in seiner Überzeugung bestärken. Neben seiner Überzeugung war das entscheidende Moment bei ihm, daß er alle Zeit recht viel Geld nötig hatte, und deshalb konnte man mit Geld viel bei ihm ausrichten. Darauf hatte auch Jason, der Bruder des Hohenpriesters Onias, als er selbst nach der Hohenpriesterwürde strebte, gebaut. Das war einer der jüdischen Griechlinge. Er baute ein Gymnasium in Jerusalem, am Fuße der Burg, und dem Volke war es ein arger Skandal, daß die priesterliche Jugend sich dort nackt sehen ließ. Bald aber fand Jason einen neuen Nebenbuhler in Menelaos, dem Bruder jenes Tempelwächters Simon, der den jerusalemitischen Schatz verraten. Dieser bot dem König noch mehr Geld und brachte es dadurch richtig zur Ernennung zum Hohenpriester. Er trieb es noch wüster als Jason mit der Hellenesierung Judäas. Das nationale Judentum lag ganz darnieder. Große Kämpfe hatte die jüdische Nation vor Jahrhunderten gegen die Assyrier und Babylonier ausgefochten, und nach dem Siege dieser letztern, nach der Zerstörung des ersten Tempels, schien es, als ob das jüdische Volk gänzlich unterjocht wäre. Aber der vornehmste Teil des Volkes, trotzdem jede Hoffnung früher schon aufgegeben war („Abdah tikwatenu"), kehrte doch nach Palästina zurück, und trotz der vielen Regierungen und Völker, denen unser Volk mehr oder weniger unterworfen ward, konnte auf die Dauer dem jüdischen Volke nicht fremder Einfluß aufgedrückt werden. Wenn auch Herrscher fremder Stämme die Geschicke des jüdischen Volkes lenkten, das Volk blieb sich doch treu und verstand es, seine Freiheit unter mannigfachen Wechselfällen zu behaupten undfortzubilden. Die Freiheit des jüdischen Volkes ruhte hauptsächlich in der Thora. Das war das Volksrecht.*) Es Nicht wie Schürer (Gesch. d. j. Volkes, Bd. I S. 186) behauptet: Kultusgesetz.