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Die Welt · 1909-12-03 · 49 (3.12.1909) · page 17

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
49 (3.12.1909)
Date
1909-12-03
Page
– (sequence 17)
Language
German
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No. 49 - - * D1E3 deduktivem, sondern auf induktivem Wege. Redner kennzeichnet das Wesen der jüdischen Landarbeiterfrage in Palästina. Die wenigen jüdischen Arbeiter, die sich der Landwirtschaft zugewendet haben, ergreifen allmählich die Flucht. Sie können sich nicht anpassen. Der Referent weist auf mehrere Gründe hin: niedrige Löhne infolge der fellachischen Konkurrenz, Saisoncharakter der Arbeit, daher Qualen der Arbeitslosigkeit, die psychologische Unmöglichkeit, ein Leben lang auf fremdem Boden zu arbeiten, schließlich die Unmöglichkeit, eine Familie zu begründen und zu erhalten. Nur die genossenschaftliche Kolonisationsmethode beseitigt diese Schwierigkeiten. Sie löst das Problem der Erziehung zur Landwirtschaft und der Kreditfähigkeit von Besitzlosen. Die Poale Zion werden den Kampf um die Genossenschaft rastlos fortsetzen und die Entscheidung des IX. Zionistenkongresses anrufen. Die Feststellung der Unabänderlichkeit der Zwecke des Nationalfonds, die Schaffung eines Agrarkreditinstituts und die Verwirklichung des genossenschaftlichen Siedelungsgedankens bezeichnet Redner als den Arbeitsplan des Kongresses. Die Schaffung eines neuen Organisationstatuts betrachtet Redner als überflüssig. Es genügen einige notwendige Ergänzungen. Die Abänderung des Föderationsprinzips ist unannehmbar und un- . diskutabel für die Paole Zion-Partei! Die Ausführungen des Herrn Kaplansky wurden sehr beifällig aufgenommen. Vom Lemberger Qemeinderat Die Subventionierung einer jüdischen Organisation durch einen polnischen Gemeinderat ist eine seltene Erscheinung. Polnische Gemeinderäte, insbesondere wenn sie Nationaldemokraten und Allpolen sind, sind Billigkeitserwägungen unzugänglich. Die Juden Lembergs, deren Steuergelder zur Unterstützung polnischer Vereine und katholischer Gründungen verwendet werden, müssen um die Subvention für eine jüdische Anstalt betteln, um schließlich — abgewiesen zu werden. Vor nicht vielen Jahren gelang es, den Gemeinderat der Stadt Lemberg zu bewegen, dem Verein zur Unterstützung jüdischer Rigorosanten, also einer rein humanitären Korporation, eine Subvention zu gewähren. Doch das war den Nationaldemokraten ein zu großes Zugeständnis. Der Vereinsausschuß wurde des Zionismus verdächtig erklärt, eine wüste Hetze setzte ein. Vor mehreren Wochen war die Galerie des Gemeinderats der Schauplatz großer Tumulte nationaldemokratischer Studenten, die ihre Kollegialität den jüdischen Kandidaten gegenüber bekundeten, indem sie die Gemeinderäte durch ihr Geschrei einschüchtern und die Verleihung der Subvention vereiteln wollten. Das ist auch gelungen. Trotz der Versicherungen des Vizebürgermeisters Dr. Aschkenaze, daß der Verein „vaterländisch" gesinnt ist, trotz seines warmen Appells an den Patriotismus der Nationsgenossen wurde die Subvention entzogen. Die Polen sind nun im Besitze eines vorzüglichen Mittels, jüdische Vereine zurückzusetzen: man wittert Zionismus überall und — schließt den Steuersack für alle jüdischen Anstalten. Rußland (Von unserm Berichterstatter) Die Judenfrage in der Duma Der Dumadeputierte von Anrep, ein radikaler Oktobrist, hat in einer Unterredung mit einem Korrespondenten erklärt, daß sich die Oktobristen bemühen werden, die Judenfrage in der nächsten Dumasession nicht zu berühren, da dieses Thema eine gespannte Stimmung hervorrufe und die Duma in ihrer Arbeit hemme. Doch wird die Duma genötigt sein, die Judenfrage in zwei Fällen zu behandeln: 1. Wenn der Kontingent der Rekruten in Betracht gezogen wird, und 2. wenn man die Anfrage der Rechten betreffs des Zirkulars Stolypins über das jüdische Wohnrecht diskutieren wird. Was den jüdischen Militärdienst anlangt, so beabsichtigen die Rechten, ein Projekt vorzuschlagen, wonach man die Juden vom Militärdienst befreien und sie anstatt dessen mit einer Geldsteuer belasten soll. Von Anrep meint, daß zwar die radikalen Oktobristen dagegen protestieren werden, doch werde die Dumamehrheit dieses Projekt unterstützen. Die amerikanischen Juden in Rußland Die Unterhandlungen betreffs der Zulassung derjenigen Juden nach Rußland, die Bürger von Vereinigten Staaten sind, welche die Regierung der Vereinigten Staaten schon seit einigen Jahren mit der russischen Regierung führt, sind unlängst zugunsten der amerikanischen Juden beendigt worden. Wie bekannt, hat die Regierung der Vereinigten Staaten erklärt, daß dort alle Bürger gleich sind, ohne Unterschied von Religion und Nationalität, und daß sie nicht dulden könne, daß man ihre Bürger in Rußland beschränkt. [ELT — 1'08<) Die russische Regierung hat darauf geantwortet, daß sie den amerikanischen Juden nicht erlauben wird, nach Rußland zu kommen und überall zu wohnen, da sich unter ihnen viele gewesene russische Untertanen befinden und daß die russischen Juden, die als russische Untertanen außerhalb des Ansiedlungsrayons nicht wohnen können, nach einem dreijährigen Aufenthalt in Amerika sich als amerikanische Bürger um dieses Recht bewerben würden. Diese Unterhandlungen haben mit der Erklärung der russischen Regierung geschlossen, daß sie darauf eingeht, die amerikanischen Juden nach Rußland einzulassen, doch unter der Bedingung, daß jeder amerikanische Jude, der nach Rußland fahren will, einen Beweis erbringt, daß er kein jüdischer Emigrant ist oder daß er aus Rußland als ein Kind von 13 Jahren emigrierte. Außerdem soll er eine Deklaration unterschreiben, daß er sich nach Rußland in Geschäftsangelegenheiten nur auf eine bestimmte Frist begibt. Eine neue Dumafraktion Zu den wichtigsten Ereignissen des politischen Lebens Rußlands gehört zweifellos die Entstehung einerneuen mächtigen Dumafraktion in den letzten Tagen, welche teils aus frühern Mitgliedern des „Verbandes des russischen Volkes" und teils aus den extremen Rechten der Oktobristen zusammengesetzt ist. Diese Fraktion zählt 93 Stimmen und ist nach den Oktobristen die mächtigste Partei in der Duma. In ihrem Programm formulierte die Partei außerordentlich klar ihr Verhältnis zur Judenfrage. Es lautet: „Nichtzulassung der Gleichberechtigung der Juden." Diese Losung, listig verschwiegen vom Zentrum und in einer marktschreierischen Weise gepredigt von der extremen Linken, wird gegenwärtig zu einer soliden Grundlage des „rationellen" Antisemitismus der neuen Gruppe. In der Judenfrage kann die Fraktion ständig auf die Unterstützung der 51 Deputierten der extremen Rechten und der Mehrheit des Zentrums rechnen.' Auf diese Weise und angesichts einer solchen Formierung der antisemitischen Elemente läßt sich von irgendwelcher Unterstützung seitens der Duma in der Judenfrage nicht träumen. Solange die Angriffe gegen Juden von Purischkewitsch, Markow usw., d. h. von unzurechnungsfähigen Personen geleitet wurden, konnte man sich täuschen, daß ihre Ausschreitungen die antisemitische Bewegung nur diskreditieren und durch ihre Lächerlichkeit zur besten Waffe in den Händen der Verteidiger der Judensache werden können. Gegenwärtig aber betritt der Antisemitismus der Duma den gefährlichsten, den konstitutionell-parlamentarischen Weg. Nicht so laut und übertrieben wird er um so gefährlicher und schwieriger zu bekämpfen sein. So haben wir frische Beweise der antijüdischen Politik in der eben angefangenen Dumasession. Die Kommission über den Staatsschutz behandelte die Frage der Zulassung der Juden zu der militär-medizinischen Akademie. Mit überwiegender Stimmenmehrheit wurde der Antrag der Nichtzulassung angenommen. Für diesen Antrag stimmten auch die Oktobristen. Die Prozentnorm für jüdische Rechtsanwälte Infolge der sich immer mehrenden Zahl der jüdischen Rechtsanwälte beschloß der Justizminister eine ständige Prozentnorm einzuführen: 35 ° u in den Grenzen des Ansiedelungsrayons und 20% außerhalb seiner Grenzen. Auf welche Weise bekommen Juden Wohnrecht in Rußland Es ist eine Tatsache und keine Anekdote. Eine Jüdin, die sich zur Kur in der Krim aufhielt, erhielt vom berühmten General Dumbadze den Befehl zum sofortigen Verlassen des Kurortes, da sie kein Wohnrecht besaß. Die arme Frau wandte sich telegraphisch an den kadettischen Deputierten Maklakow mit der Bitte um Intervention. Maklakow erzählte diese Angelegenheit halb im Scherz Purischkewitsch und bat ihn, den General Dumbadze zu ersuchen, diesen Befehl zu widerrufen. Zwischen den beiden Freunden, den erbittertsten Judenfeinden, wurden Telegramme gewechselt. Dumbadze war gerührt, und die kranke Jüdin erhielt „zum Scherz" das Wohnrecht. Eine neue Beschränkung Eine neue Beschränkung betrifft hauptsächlich die jüdische Jugend, welche infolge der Prozentnorm in Rußland genötigt ist, an den ausländischen Universitäten zu studieren. Bis jetzt existierte ein Gesetz, nach welchem ein jeder, welcher' das Gymnasium in Rußland und die Universität im Ausland absolviert hat, das Recht hatte, an den russischen Universitäten die Staatsprüfung abzulegen, worauf er den Titel eines Arztes, Rechts-

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