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Die Welt · 1909-12-03 · 49 (3.12.1909) · page 16

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
49 (3.12.1909)
Date
1909-12-03
Page
– (sequence 16)
Language
German
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1088 DIE3ÄKELT; No. 49 'iM'.Jj l}n N Kir Mann des Handels. Der erste ist Erfinder ökonomischer Ideen, der wirtschaftliche Pionier, der zweite der „spekulative Kalkulator, — spekulativ, weil er aus der Marktlage jederzeit auf den'gegebenen Fall zu schließen vermag, Kalkulator, weil er mit Sicherheit den Geldeswert eines Geschäfts sofort berechnet. Aber der Kapitalist muß freilich auch Verhandler sein, aus den Menschen herausholen können, was im Augenblick möglich ist; er muß deshalb suggestiv wirken können und es muß ihm im Blut liegen, was etwa in dem alten nordischen Heldenepos des X. Jahrhunderts zu lesen ist: „Es wird Schneewetter kommen, sagten die Finnen, denn sie hatten Schneeschuhe zu verkaufen." Wie verhält sich der jüdische Volkscharakter zu jenen kapitalistischen Anforderungen? Bei aller Schwierigkeit, das Wesen eines Volkes wissenschaftlich zu umgrenzen, läßt sich hier im allgemeinen folgendes sagen: Der tiefste Grundzug des Judentums ist ein starker Teleologismus; die Welt wird als eine Summe von Zwecken aufgefaßt, und man hat es in der Hand, sich dieser Zweckordnung anzupassen und so sein Leben wohl einzurichten. Jüdische Religion, Poesie und Philosophie gipfeln in dieser Anschauung. Spinozas tiefste Überzeugung lautet: „Aller Tugend Fundament ist der Nutzen". Der Jude ist weniger verträumt als der Germane und Slawe, rationeller und oft nüchterner, auch leichter geneigt, die eigene Person hinter die Sache zu stellen, sich selbst auszuschalten. Die Wichtigkeit dieser letzten Eigenschaft für geschäftliche Erfolge liegt auf der Hand. An positiven Werten sind zu nennen: starke Energie und Vitalität, eine Rastlosigkeit, die allerdings oft zur Unrast führt. Im allgemeinen wird beim Juden das Manuelle vom Geistigen überragt; unbedingt sind bei ihm im Durchschnitt mehr Urteilskraft und geistige Beweglichkeit als bei andern Nationen vorhanden. Alle diese Eigenschaften, die die Juden zu so tüchtigen Rechtsanwälten, Journalisten, Schauspielern und Ärzten befähigen, machen sie auch zu Männern des Wirtschaftslebens. Professor Sombart fand für seine anregenden, im eleganten Plauderstil vorgetragenen Ausführungen den lebhaftesten Beifall seiner Zuhörer. Österreich (Von unserm Berichterstatter) R. v. Taussig gestorben Theodor R. v. T.aussig, der allmächtige Gouverneur der Bodenkreditanstalt, ist gestorben. Er war mehr als ein Bankdirektor. Taussig war Vorbild und Beispiel, Gegenstand des Stolzes und des stummen Neides für den größten Teil des jüdischen Bürgertums, der israelitischen Geldbourgeoisie Wiens. Ein Selfmademan, ist er von bescheidenen Anfängen zu einem Fürsten im Reiche des Kapitals emporgewachsen. Taussig war zweifelsohne ein Finanzgenie, alle Geheimnisse des Geldverkehrs und des Kreditwesens waren ihm offenbar, er beherrschte dieses Gebiet souverän. Er repräsentierte ein System und eine neue Ära der kapitalistischen Entfaltung Österreichs: — der engen Verknüpfung des unpersönlichen Kapitals, der Banken und Aktiengesellschaften mit der Industrie. Eine ganze Reihe von großen Verkehrsunternehmungen, Eisenbahnen und industriellen Betrieben wurden von Aktiengesell-. Schäften übernommen, deren Schöpfer R. v. Taussig gewesen ist, sie wurden „vertaussigt",* bevor sie verstaatlicht wurden. Er gebot über zwei wichtige Verkehrsadern des Reiches — die Staatseisenbahn und die Nordwestbahn —, er finanziere die Steyrsche Waffenfabrik, eine Rohölunternehmung, eine Jutespinnerei, ein großes Textilwerk, eine Schiffahrtsgesellschaft und viele andere Großbetriebe. So wurde Theodor v. Taussig zu einer überragenden Gestalt in der Wiener Finanzwelt. Es wird ihm freilich vorgeworfen, daß er bloß Bankdirektor und Finanzmann war, der Großunternehmungen finanzieren konnte, sie aber zu organisieren und zu modernisieren nicht vermochte. Er war nicht schöpferisch auf dem Gebiete der Industrie. Das Kennzeichen seiner Persönlichkeit, von seinen Charaktereigenschaften abgesehen, war Entschlossenheit, Tatkraft und Rücksichtslosigkeit. Er verfolgte starr und unbeugsam das einmal ins Auge gefaßte Ziel ohne Schwanken und ohne Sentimentalität. Eine seiner persönlichen Lebensaufgaben war es, Gouverneur der Stätte seines Aufstieges — der Bodenkreditanstalt — zu werden. Vor einem Jahre wurde dies Ziel seines Ehrgeizes erreicht. Ein tragischer Zufall wollte, daß dieser Triumph die Ursache seines Todes geworden ist. Als rücksichtsloser Finanzmann blieb Taussig auch den winzigen Regungen des jüdischen Solidaritätsgefühls fern, die noch Assimilanten bewegen. 'Die markanteste und häßlichste Tat seines Lebens, die sogar auf den Widerspruch des jüdischen assimilierten Geldbürgertums gestoßen, war die Förderung der russischen Anleihe nach den blutigen Oktoberpogromen. Ein Sturm der Entrüstung erhob sich damals und zwang R. v. Taussig, sein Mandat als Mitglied des Wiener Kultusvorstandes niederzulegen. Nur die Wiener Kultusgemeinde schreckte vor der Allianz mit der Pogromregierung nicht zurück, sie verfolgte Taussig Monate hindurch mit demütigen Bitten um gnädige Rückkehr. Sie ist ihrer Gesinnung treu geblieben und hat den verstorbenen Bankgouverneur in einem Ehrengrab bestatten lassen. Es ist keine dankbare Aufgabe, einen Toten zu tadeln, die Verirrungen seines Lebens bloßzulegen. Es muß aber gesagt werden, daß die jüdische Bevölkerung Wiens ihrem Kultusvorstand niemals die Ermächtigung erteilt, R. v. Taussig zu ehren. Er war ein genialer Finanzmann, der über ein Heer von Beamten und Lohnsklaven gebieten durfte. Ist das ein Grund, um von der jüdischen Gemeinde, der größten Westeuropas, ausgezeichnet zu werden? Theodor v. Taussig hat sich um die Leiden und Freuden des jüdischen Volkes nicht gekümmert, wollte sich nicht kümmern. Nicht einmal die blutige Oktoberwoche, noch das Stöhnen und die Qualen eines Millionen-Volkes vermochten ihn zu rühren. Um welcher Verdienste willen leistet ihm die angebliche Repräsentantin der Wiener Judenschaft diese Ehrenbezeigungen? Deutschnationale Roheiten Während der Rektorsinauguration an der Technischen Hochschule in Wien kam es in der Aula der Technik zu Prügeleien seitens der deutschnationalen Studenten. Um Reibereien zwischen den Klerikalen und sozusagen „freiheitlichen" Studentenverbindungen zu verhindern, untersagte der Rektor, Prof. Leo Baudixs, die Auffahrt der Chargierten. Die Deutschnationalen demonstrierten während des feierlichen Inaugurationsaktes gegen diese Verfügung und sangen natürlich die „Wacht am Rhein". Als die zufällig anwesenden wenigen jüdischen Studenten sich weigerten, „entblößten Hauptes" das Gebrüll anzuhören, wurden sie nach bewährter Methode — hundert gegen einen! — geprügelt. Die jüdischnationalen Verbindungen „Ivria", „Kadimah", „Makkabäa" und „Unitas" entsandten eine Deputation zum Rektor, die über die Gewalttätigkeiten der Deutschnationalen Beschwerde führte und Genugtuung verlangte. Der Rektor teilte der Abordnung mit, daß sich das Professorenkollegium mit diesen Vorgängen bereits befaßt und eine Kundgebung beschlossen hat. In dieser am schwarzen Brett erschienenen Verlautbarung wird denjenigen Studenten, die mit Hintansetzung alier gesellschaftlichen Gepflogenheiten die feierliche Rektorsinauguration störten und sich auf akademischem Boden Roheiten zuschulden kommen ließen, und damit die akademische Freiheit mißbraucht und verletzt hatten, die Mißbilligung ausgesprochen und eine scharfe Rüge erteilt. Die Deputation gab ihrer Befriedigung über diesen Beschluß des Professorenkollegiums Ausdruck und dankte dem Rektor für die wohlwollende Prüfung der Beschwerden der jüdischen Studentenschaft. Die Poale Zion und der Kongreß In einer gut besuchten Wahlversammlung der Wiener Poale Zion-Organisation sprach Herr Kaplansky über die Stellung der sozialistischen Kongreßfraktion zu den Problemen des Hamburger Zionistenkongresses. Redner führte beiläufig folgendes aus: In der Programmfrage sollten sich die Poale Zion reserviert verhalten. Das Baseler Programm war nie das Programm der sozialistischen Zionisten, es war und ist nur eine Losung, die allgemein bleiben muß, sollen sich Vertreter der verschiedensten Parteien zu ihr bekennen. Das wichtigste Problem des Zionismus ist das der Siedelungsmethode. Der Zionismus soll nach einem Herzlwort eine gewaltige „Arbeitsgelegenheit" sein, er muß das ihm anvertraute Volksvermögen in erster Linie dazu verwenden, um den besitzlosen Einwanderern die Anpassung an die Existenzbedingungen im Judenlande zu ermöglichen. Es ist ein Lebensinteresse für den Zionismus, die Interessen der proletarischen Immigranten wahrzunehmen, denn ein Palästina, in dem nur die herrschenden Klassen jüdisch sind, bedeutet keine Lösung der Judenfrage. Die geplante Agrarbank wird für den einwandernden Mittelstand von Nutzen sein. Für besitzlose jüdische Immigranten, die Bauern werden wollen, jedoch keinen Kredit besitzen, ist sie ziemlich wertlos. Die Poale Zion werden der Gründung der Agrarbank keinen Widerstand entgegensetzen, nur darf der Nationalfonds für Kreditzwecke nicht verwendet werden. Der Jüdische Nationalfonds muß ein Volksschatz bleiben, dazu bestimmt, Besitz- und Kreditlosen Volksdomänen in Pacht zu überlassen. Der Boden des Nationalfonds muß stets Volks- und Kollektiveigentum bleiben. Schon dies allein führt zu kollektiven Bewirtschaftungsmethoden. Die Notwendigkeit der genossenschaftlichen Kolonisation ergibt sich aber nicht auf

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